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Transparenz im Rampenlicht

Das Leben in der Öffentlichkeit als Führungskraft oder Künstler bringt zwangsläufig die Frage mit sich, wie viel man vor anderen von sich selbst preisgibt, preisgeben kann und auch preisgeben muss. - Ein Beitrag von Albert Frey über das Authentisch Sein als Künstler.

Das Leben in der Öffentlichkeit als Führungskraft oder Künstler bringt zwangsläufig die Frage mit sich, wie viel man vor anderen von sich selbst preisgibt, preisgeben kann und auch preisgeben muss.

In der letzten Zeit wird viel über Authentizität gesprochen. Denn: Eine Übereinstimmung zwischen Außen- und Innenwelt, Ehrlichkeit und Transparenz sind geradezu die Grundbedingungen dafür, dass Menschen uns folgen, sich von uns führen lassen. Darin liegt ein Schlüssel zu echter Autorität. Die Menschen haben die Nase voll von aufgesetzter Stärke, vertuschten Problemen, durchschaubarer Schönfärberei.

Der Versuch von Personen der Öffentlichkeit, sich größer, schöner und besser darzustellen, als sie tatsächlich sind, bewirkt genau das Gegenteil. Selbst wenn die Täuschung auf den ersten Blick nicht zu durchschauen ist, führt sie doch langfristig immer zu einem Verlust an Autorität.

Es ist erstaunlich, dass wir trotzdem so stark den Drang in uns spüren, eine Wand von falscher Sicherheit um uns aufzubauen. Wir zeigen nur unsere angenehmen Seiten und lassen niemanden zu nahe an uns heran, damit die unangenehmen Seiten verborgen bleiben.

So kommt es, dass viele Führungspersönlichkeiten und Künstler zwei Gesichter haben: das strahlende, starke im Rampenlicht und das unsichere, schwache im Privatleben. Wenn wir nicht von Anfang an offen und humorvoll mit unseren Schwächen und Problemen umgehen, wird es immer schwieriger, sie zuzugeben. Wenn schließlich eine private oder betriebliche Katastrophe eintritt, ist die Versuchung groß, sie zu vertuschen – mit verheerenden Auswirkungen. Schon mancher Leiter hat sich ein Doppelleben aufgebaut, das schließlich nicht nur sein Lebenswerk, sondern auch seine Selbstachtung zerstört hat.

Flucht nach vorne

Im Kern stoßen wir auf die Frage nach unserer Identität: Wer oder was gibt uns Sicherheit, definiert unseren Wert? Man könnte meinen, dass Führungspersönlichkeiten und Künstler eine überdurchschnittliche Selbstsicherheit haben, weil sie sich trauen, vor anderen zu stehen. Aber oft ist es auch ein Mangel in uns, der uns dazu treibt, die Öffentlichkeit zu suchen – in gewisser Weise eine Flucht nach vorne.

Wir sehnen uns nach Anerkennung und merken, dass wir begabt genug sind, sie uns von anderen Menschen zu holen. Das perfektionieren wir über Jahre, ohne zu merken, dass wir zunehmend Schlagseite bekommen. Die Bestätigung von außen durch unser Tun wächst immer mehr, während die Bestätigung von innen durch unser Sein ausbleibt. Der innere Halt wird durch die engsten Familienbeziehungen und die Beziehung zu Gott aufgebaut. Was wir aber schon in unserer Kindheit nicht erfahren haben, vermeiden wir nun weiter durch unsere Fähigkeit, andere zu beeindrucken – solange sie uns nicht zu nahe kommen.

Oft bricht diese falsche Sicherheit in der Mitte des Lebens auseinander, wenn unsere Kraft nicht mehr reicht, das anstrengende Leben aus unserer Arbeit heraus aufrechtzuerhalten, wenn Beziehungen auseinander gehen, wenn wir anfangen uns selbst zu durchschauen. Das ist bitter und traurig, aber oft der einzige Weg, wie wir zu echter Stärke kommen können. Gott lässt diese Krisen zu und benützt sie, um unser Leben auf eine tragfähige Grundlage zu stellen.

Ganz normale Menschen

Meine Frau Andrea und ich haben erlebt, dass ein offener Umgang mit den Brüchen in unserer Lebensgeschichte und unseren (noch nicht überwundenen!) Schwächen, Fragen und Zweifeln von unserem Publikum dankbar aufgenommen wird und nicht zum Verlust unserer Autorität führt. Die Menschen sind fast immer erleichtert, wenn sich einer „da vorne“ als ganz normaler Mensch aus Fleisch und Blut mit Stärken und Schwächen zu erkennen gibt. Das gibt ihnen Trost, das Gefühl des Verstandenwerdens und führt auch bei ihnen zur Ehrlichkeit mit sich selbst.

In den letzen Jahren ist diese Ehrlichkeit auch immer wieder zum Thema unserer Lieder und Ansagen bei Konzerten geworden. In den E-Mails und Briefen, die wir bekommen, klingt oft die Erleichterung darüber an: „Ihr öffnet mir einen Weg, ehrlich mit mir selbst und Gott zu sein“.

Das scheint alles andere als selbstverständlich zu sein. In vielen christlichen Gruppen herrscht ein enormer Druck, nur das Positive zu zeigen und das Negative unter den Teppich zu kehren. In unserem Dienst haben wir manchmal das Gefühl, wir müssen falsche Bilder bewusst zerstören: zum einen ein idealisiertes Bild von uns als Vorzeigechristen, das sich durch die Erwartungen an uns und durch die Medien aufgebaut hat; zum anderen aber auch die Vorstellung, dass der Glaube an Gott von einem Erfolg zum nächsten führt. Und wenn sich dieser ständig wachsen¬de Erfolg nicht einstellt, dann muss es ja wohl an meinem mangelnden Glauben liegen, was ich natürlich verbergen will – ein Teufelskreis.

Ist es nicht in der Geschäftswelt ähnlich? Wir haben solche Angst davor, schlechte Nachrichten zu hören und weiterzugeben. Vielleicht scheint uns das geradezu widersprüchlich zu unserem Glauben an die „Gute Nachricht“. Aber die Bibel ist schonungslos offen, die Probleme werden beim Namen genannt. Erst dann können wir alle – Leiter und Mitarbeiter – unter dem Licht göttlicher Wahrheit und Gnade die Probleme angehen und lösen. Als „Eingeweihte“ solidarisieren sich die Menschen mit der Leitung und ziehen am selben Strang. Wenn sie die Probleme hinter vorgehaltener Hand auf den Korridoren erfahren, gehen sie in Opposition.

Ich bin der ich bin
Ich hab es allen recht gemacht
Und mit den andern mitgelacht
Mir dabei soviel vorgemacht
Wer bin ich wirklich?
Ich hab schon so oft ja gesagt
Und keinen Widerspruch gewagt
Nur stumm in mich hineingeklagt
Wer bin ich wirklich?
Es ist Zeit, auf mich mich zu hörn
Diese Masken zu zerstörn,
das Spiel aufzuhörn
Ich bin der ich bin, das muss genügen
Nicht mehr und nicht weniger
ich brauch keine Lügen
Es macht keinen Sinn,
mich selbst zu betrügen
Ich bin der ich bin
Ich hab schon so viel zugedeckt
Aus falsch verstandenem Respekt
Dabei mein wahres Ich versteckt
Wer bin ich wirklich?
Ich hab Gefühle oft verneint
So viele Tränen nicht geweint
Und was ich sagte nicht gemeint
Wer bin ich wirklich?
Gott, du kennst mich so viel besser
Als ich selbst mich kennen kann
Jeder Zufall, jeder Unfall
hat noch Sinn in deinem Plan
Hilf mir, das zu investieren,
was du mir gegeben hast
Und die Grenzen anzunehmen
Die du meinem Leben gabst

Text und Musik: Albert Frey
© 2002 Gerth Medien Musikverlag, Asslar

Die Grenzen der Transparenz

Aber Andrea und ich stoßen auch an Grenzen der öffentlichen Transparenz. Immer wieder stellen wir uns die Frage, wie viel wir aus unserem Leben erzählen sollen, zum Beispiel von meiner gescheiterten ersten Ehe oder von der dramatischen Lebensgeschichte meiner Frau bevor sie Jesus ihr Leben anvertraut hatte. Zu viel am falschen Ort zur falschen Zeit würde den beteiligten Personen dieser Geschichten nicht gerecht werden und auch uns selbst schutzlos den Gedanken, Meinungen und Urteilen anderer preisgeben. Es gibt auch so etwas, wie das Hausieren mit privaten Dingen. Und es ist nicht immer einfach, von der Bühne aus diese Grenze zu erspüren.

Darüber hinaus können viele Menschen mit solch einer Ehrlichkeit nicht gut umgehen. Sie werden enttäuscht und verunsichert, vor allem dann, wenn sie ihre Sicherheit bisher auf der Illusion einer vollkommenen, „starken“ Leiterfigur gebaut haben. Das Idol fällt vom Sockel, und das ist gut und notwendig. Diese Verunsicherung kann aber auch so stark sein, dass der zuerst Übergroße nun klein gemacht werden muss. Da greift ein Mechanismus, den man im Umgang mit Prominenten in den Boulevard-Medien täglich beobachten kann. Um ihre eigene Schwäche nicht spüren zu müssen, erheben sich manche Menschen dann über den oder die da vorne.

Die fromme Variante dieser Überhebung bekommen wir manchmal zu hören: „Ich werde für dich beten, Gott wird auch dich noch befreien“. Die weniger fromme ist schlicht Sensationslust, üble Nachrede. Die bekommen wir normalerweise nicht zu hören. Wer weiß, was hinter unserem Rücken über uns geredet wird? Wir müssen uns selbst und einander schützen. Vor allem aber muss Gott uns schützen, und darum bitten wir ihn immer wieder ganz bewusst.

Albert Frey

Jahrgang 1964, ist bekannt als Songwriter, Lobpreisleiter und Musikproduzent. Seine Lieder, CDs, Seminare und Konzerte prägen eine neue deutschsprachige Lobpreiskultur in vielen Gruppen und Gemeinden. Dabei geht es ihm um die ehrliche Begegnung mit Gott, um Anbetung „Im Geist und in der Wahrheit“. In seiner einladenden und verbindenden Art finden sich viele Menschen aus ganz unterschiedlichen geistlichen Prägungen wieder. Seit Februar 2001 ist er mit der Sängerin Andrea Adams-Frey verheiratet. Als Team ergänzen sie sich auch in ihren musikalischen und geistlichen Begabungen

([email protected]).
Wir können nicht kontrollieren, was mit unseren öffentlichen Äußerungen geschieht. Um der Menschen willen, die Wahrhaftigkeit so dringend brauchen, wollen wir uns aber einem gewissen Risiko aussetzen und Gott überlassen, dass er uns verteidigt. Er spricht uns gerecht aus seiner Gnade. Auf die Urteile der Menschen können wir nicht bauen – ob sie uns hochjubeln oder niedermachen.

So gibt es also eine zweifache Botschaft. Einerseits: Sei ehrlich und transparent! Andererseits: Erspüre und bewahre deine Grenzen! Viele Menschen in Leitungspositionen müssen vor allem das erste hören, manche aber auch das zweite. Es hängt viel davon ab, ob wir uns selbst wirklich kennen und realistisch einschätzen können, damit wir hier die Botschaft hören, die uns auf einen gesunden Weg bringt und nicht unsere Schlagseite vergrößert. Die Ehrlichkeit fängt mit mir selbst und Gott an.

Quelle: Christen in der Wirtschaft, 4 / 2005, www.ciw.de.
Mit freundlicher Genehmigung.

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