Ich bekomme, was ich will!

Tamar, so berichtet das Alte Testament in einer etwas pikanten Geschichte, gebrauchte eine Maske, um das zu bekommen, was ihr ihrer Meinung nach zustand.

Tamar

Die Mittagshitze steht flimmernd über dem Dorf. Erschöpft streicht sich Tamar eine feuchte Strähne aus der Stirn. Die schwarzen Kleider machen die Hitze auch nicht gerade erträglicher.

Seit so vielen Jahren ist Tamar jetzt schon Witwe. Zwei Männer hat sie überlebt. Brüder waren es. Er und Onan, die Söhne Judas. Aber bald ist die Zeit des Wartens vorbei, denn Tamar ist Judas jüngstem Sohn Schela versprochen. In Israel ist es Gesetz, dass ein Mann die Witwe seines Bruders heiratet. Das erste Kind, das aus dieser Verbindung hervorgeht, gilt als Nachkomme des verstorbenen Bruders und trägt dessen Namen. Aber als Onan starb, war Schela noch nicht alt genug, um zu heiraten. Damals war sie froh darüber, denn sie hätte sich nicht vorstellen können, so bald wieder eine neue Beziehung einzugehen. Aber jetzt ist sie bereit, zumal sie als Witwe im Hause ihres Vaters keinen leichten Stand hat. Und ohne Kinder ist sie noch weniger wert.

Tamar seufzt. Sie hätte so gern ein Kind gehabt. Aber ihr erster Mann, Er, starb schon kurz nach der Hochzeit. Er war ungehorsam gegen Gott, dem HERRN. Seine bösen Taten waren so offensichtlich, dass er deswegen sterben musste. Und Onan? Sie hätte diesen Mann lieben können, aber er wollte für seinen Bruder kein Kind zeugen. Jedesmal, wenn sie miteinander schliefen, brach Onan vorher ab und spritzte seinen Samen auf den Boden. Tamar schämt sich immer noch, wenn sie daran denkt. Was musste er sie verachtet haben! Als Onan jedoch wiederholt seiner Pflicht nicht nachkam, machte Gott kurzen Prozess und ließ auch ihn sterben. Aber jetzt hat Tamar das Alleinsein satt und wartet sehnsüchtig auf den Tag, an dem Juda sie mit seinem Sohn verheiratet. Lange wird es wohl nicht mehr dauern.

Oh nein, ihr Vater bekommt Besuch. Seufzend macht sie sich auf, um den Gast zu bewirten. "Hallo Tamar", sagt dieser, als sie ins Haus tritt, "hast du schon gehört? Juda ist auf dem Weg nach Timna, um die Schafe zu scheren." Tamar bleibt stocksteif stehen. Das kann nur eins bedeuten: Juda denkt nicht im Traum daran, ihr seinen Sohn zu geben, so wie er es zugesagt hat. Sie ist verzweifelt. Sollte sie wirklich den Rest ihres Lebens als Witwe verbringen? Doch dann kommt ihr eine Idee ...

Juda

Müde stützt Juda sich auf seinen Hirtenstock. Es ist heiß und der Weg nach Timna ist lang. Auch die Schafe sind erschöpft. Er beobachtet die Herde. Stolz bleibt sein Blick an seinem Sohn Schela hängen. Eigentlich müsste er ihn nach dem Gesetz mit seiner Schwiegertochter Tamar verheiraten. Juda schnaubt. Pustekuchen! Nichts dergleichen würde er tun. Schließlich hatte sie schon zwei seiner Söhne auf dem Gewissen. Eher würde er Schela mit der Tochter seines Nachbarn verheiraten. Die hatte wenigstens noch eine ordentliche Mitgift!

Bei dem Gedanken an Frauen regt sich auch bei Juda etwas. Er grinst. Anscheinend ist er doch noch kein alter Mann! Sie sind in der Nähe der Stadt Enajim. Er beschließt, hier das Nachtlager aufzuschlagen. Dann macht er sich auf den Weg in die Stadt. Am Tor sieht er sie schon sitzen. Eine Prostituierte, verschleiert bis auf die Augen. Als ob ihr das was nützt! Juda ist sich sicher: Anhand ihres Körpers würde er eine Frau immer wiedererkennen. Er spricht sie an und als Preis für die Nacht handeln sie einen Ziegenbock von seiner Herde aus. Als Pfand lässt er ihr sein Siegel, seine Schnur und seinen Stab. Juda ist zufrieden. Diese Nacht wird er wieder seine Männlichkeit unter Beweis stellen.

Tamar

Geschafft! Zufrieden nimmt Tamar den Schleier ab. Sie hasst es, sich zu verstecken, aber die Maske hat ihren Zweck erfüllt: Juda hat sie nicht erkannt. Wie ein Geier hatte er sich auf ihren Körper gestürzt, immer und immer wieder. Wenn alles nach Wunsch gelaufen ist, dann ist sie schwanger. Zwar nicht von Schela, aber von dessen Vater. Wenn ihr Schwiegervater ihr das Recht auf eine Ehe mit seinem jüngsten Sohn verweigert, dann muss sie sich halt holen, was ihr zusteht! Nun würde ihr erster Mann doch noch einen Nachkommen haben, wenn auch anders, als alle Beteiligten sich das vorgestellt haben. Tamar lacht auf. Die Zeit bis zur Geburt des Kindes würde hart werden, man wird sie gewiss der Hurerei bezichtigen. Aber sie hat Judas Pfand. Damit kann sie beweisen, dass die Gerechtigkeit auf ihrer Seite ist.

Tamar gebrauchte eine Maske, um das zu bekommen, was ihr ihrer Meinung nach zustand. Erst verweigerte ihr Onan die ehelichen Rechte, dann verweigerte Juda ihr die Schwagerehe und damit die Hochzeit mit seinem dritten Sohn Schela. Daher meinte sie, die Dinge selbst in die Hand nehmen zu müssen. Sie verführte ihren ahnungslosen Schwiegervater in betrügerischer Absicht. Als Juda von ihrer Schwangerschaft erfuhr, wollte er sie als Strafe für ihr moralisches Fehlverhalten verbrennen lassen. Durch das Pfand jedoch konnte Tamar beweisen, dass Juda der Vater war und ihn als Heuchler hinstellen. Juda erkannte seine Schuld vor Gott und stand Tamar das Recht zu, die Mutter seiner Kinder zu sein.

Durch ihre Maske hatte Tamar erreicht, was sie wollte: ihr Recht und Nachkommen. Mehr noch, der Name ihres Sohnes Perez ist im Stammbaum Jesu verzeichnet (Matthäus 1,3). Juda war ungehorsam gegen Gott, als er ihr die Schwagerehe verweigerte, und hätte Tamar nicht nachgeholfen, wäre die Linie Jesu vermutlich unterbrochen worden. Gott hatte beschlossen, dass der Messias aus dem Stamm Judas kommen sollte (1.Mose 49,10) und Juda hätte es fast vermasselt. 

Trotzdem ist Tamars Vorgehensweise keine Rechtfertigung für Betrug. Obwohl sie aus Verzweiflung handelte, war ihr Handeln falsch. Sie fragte nicht nach Gott und tat ihren eigenen Willen. Ihre Motive waren egoistisch und ihr Plan daher eigentlich zum Scheitern verurteilt. Dass Gott diesen betrügerischen Plan trotzdem zum Guten wendete, lag an dieser besonderen Situation, die sich nicht auf das heutige Leben übertragen lässt. Im Gegenteil, die Bibel verurteilt Hurerei und Betrug (1. Korinther 6,9-10). Auch wenn Tamar trotz ihrer moralischen Verfehlungen von Gott gesegnet wurde, heiligt der Zweck nicht die Mittel.

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