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© Umit Bulut / unsplash.com

22.05.2021 / Andacht / Lesezeit: ~ 5 min

Autor: Hanna Willhelm

Leben in der Zwischenzeit

Warum Christsein immer mit Warten zu tun hat – aber nie mit Untätigkeit.


Können Sie warten? Auf ein Paket, eine Antwort bei WhatsApp oder auf einen Arzttermin? Wir leben in einer Zeit, in der vieles schnell geht und planbar ist – selbst das Warten. Bei einer Bestellung informiert mich eine E-Mail oder eine App, wo sich die Ware gerade befindet und wann genau sie bei mir eintreffen wird. In den Wartschleifen mancher Telefonzentralen wird mir gesagt, wie viele Anrufer noch vor mir dran sind und wie lange die geschätzte Wartezeit ist. Ein Warten mit Ansage also.

Etwas anderes ist es, wenn ich auf etwas warten muss, bei dem ich nicht genau weiß, wann es eintritt. Auf die Geburt eines Kindes beispielsweise, auf die erhoffte Zusage für eine Bewerbung oder – ganz aktuell – auf einen Corona-Impftermin. In solchen Fällen bleibt dem Wartenden nichts anders übrig als die Kliniktasche gepackt zu halten oder immer wieder einen Blick in den (elektronischen) Briefkasten zu werfen. Und dann heißt es warten. Tag für Tag neu.
 

Wann ist es endlich soweit?

Die Freunde von Jesus erlebten zwischen Himmelfahrt und Pfingsten ebenfalls einen solchen Wartezustand. Jesus hatte ihnen bei seiner Verabschiedung versprochen, dass er ihnen den Heiligen Geist schicken würde. Wann genau das sein würde, wussten die Jünger nicht. Sie hatten lediglich die Angabe, dass es „in einigen Tagen“ soweit sein würde. Auf ihre Frage, wann Israel wieder ein freies Volk sein würde, hatte Jesus seinen Nachfolgern sogar überhaupt keine Antwort gegeben. Stattdessen sagte er ihnen: „Es steht euch nicht zu, Zeitspannen und Zeitpunkte zu kennen, die der Vater festgelegt hat und über die er allein entscheidet“ (Apostelgeschichte 1,7).

Mit anderen Worten: „Der genaue Zeitpunkt meiner Wiederkunft geht Euch nichts an. Ihr müsst einfach warten, bis es soweit ist.“ Da Jesus bis heute nicht wiedergekehrt ist, gilt diese Aussage auch für Christen im 21. Jahrhundert. Das ist ungefähr so, wie wenn ein Kindergartenkind, das nach der verbleibenden Zeit bis zu seinem Geburtstag fragt, zu hören bekommt: „Lass Dich überraschen! Du wirst schon sehen, wann es soweit ist.“

Für das Kind, das sehnlichst auf seine Geburtstagsgeschenke wartet, ist das eine unbefriedigende Antwort. Auch die Jünger waren mit der Antwort von Jesus wahrscheinlich nicht zufrieden. Ein bisschen mehr hätte er ihnen doch verraten können, nachdem sie schon so viel mit ihm durchgemacht hatten, oder?
 

Keine Mutmaßungen anstellen

Warum lässt Jesus seine Freunde damals wie heute im Dunkeln tappen? Ich denke, es hat zum einen damit zu tun, dass wir als Menschen Mühe damit haben, Gottes Zeitplan und sein Handeln in der Geschichte zu verstehen. Uns geht es in dieser Beziehung nicht anders als dem kleinen Kind, das noch kein Gefühl für Zeitabläufe hat und ständig „heute“, „morgen“ oder „gestern“ miteinander verwechselt. Selbst wenn die Eltern dem vor Ungeduld zappelnden Knirps genau sagen würden, wie lange es noch bis zu seinem Geburtstag dauert – er könnte die Zeitangaben nicht einordnen. Einem Kleinkind fehlt das abstrakte Denkvermögen und das Zeitgefühl, das dafür nötig wäre.

Wenn Jesus mit der Zeitangabe im Blick auf seine Wiederkunft keine Angabe macht, hat das möglicherweise also damit zu tun, dass wir ihn sowieso nicht verstehen würden – oder schlimmer noch, dass uns seine Angaben zu falschen Rückschlüssen verleiten könnten.

 

Darin liegt meiner Überzeugung nach der zweite Grund, warum Gott uns keinen Fahrplan für seine Geschichte mit dieser Welt verrät. Christen haben sich in der Kirchengeschichte oft genug dazu verleiten lassen, den genauen Zeitpunkt für Jesu‘ Wiederkunft berechnen zu wollen. Zum Teil mit katastrophalen Folgen für sich selbst, aber auch für die Glaubwürdigkeit ihrer Botschaft. Das will Jesus verhindern.

Deswegen fordert er seine Nachfolger zur Zurückhaltung und Bescheidenheit auf, was den Blick in die Zukunft angeht. Das war für die Christen im ersten Jahrhundert herausfordernd, und im Blick auf die zunehmende Digitalisierung, Globalisierung oder andere politische und gesellschaftliche Entwicklungen ist es auch heute eine Herausforderung.
 

Sich auf den Auftrag konzentrieren

Allerdings gibt Jesus seinen Jüngern einen klaren Auftrag für die Wartezeit. Sobald der Heilige Geist gekommen ist, sollen sie nicht mehr einfach passiv warten, Däumchen drehen und die Hände in den Schoß legen. Stattdessen haben sie ab diesem Zeitpunkt einen großen und bedeutenden Auftrag: „Wenn der Heilige Geist auf euch herabkommt, werdet ihr mit seiner Kraft ausgerüstet werden, und das wird euch dazu befähigen, meine Zeugen zu sein – in Jerusalem, in ganz Judäa und Samarien und überall sonst auf der Welt, selbst in den entferntesten Gegenden der Erde“ (Apostelgeschichte 1,8).

An Pfingsten – also zehn Tage nach diesem letzten Gespräch mit Jesus – hat sich diese Voraussetzung erfüllt: Die Jünger haben den Heiligen Geist bekommen. Die Zeit unmittelbar danach muss für die Freunde von Jesus überwältigend gewesen sein. Allein an Pfingsten haben sich 3.000 Personen dafür entschieden, ihrer Botschaft zu glauben und selbst Christen zu werden.

Von diesem Tag an breitete sich der christliche Glaube tatsächlich unaufhörlich weiter aus. Nicht immer so spektakulär wie am Anfang und bei weitem nicht immer so problemlos und ohne Widerstand. Aber aufzuhalten war der neue Glaube nicht mehr, dafür sorgte die Kraft des Heiligen Geistes. Diese wirkt bis heute in jedem Menschen, der sich für ein Leben als Christ entscheidet.
 

Aus der Kraft des Geistes leben

Genau wie die ersten Nachfolger Jesu vor 2.000 Jahren sind auch Christen heute dazu aufgefordert, die Zeit bis zu seiner Wiederkunft zu nutzen, um ihren Glauben an Jesus Christus zu bezeugen. Wie das konkret aussehen kann, beschreibt Pastor Markus Aust so:

Wann immer es also bei uns dran ist, von Jesus Christus zu reden, wo immer wir gefordert sind, in seinem Sinne zu handeln, wollen wir leise oder laut um die Kraft des Heiligen Geistes bitten. Die Kraft zur Verkündigung und geistlichen Begleitung, die Kraft für die oft mühsame Nächstenliebe und für die Ausübung der Geistesgaben kommt nicht aus uns, sondern wächst aus dem Gebet und der Bereitschaft, sie zu empfangen.

 


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 Hanna Willhelm

Hanna Willhelm

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