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© Marten Bjork / unsplash.com

15.05.2021 / Andacht / Lesezeit: ~ 14 min

Autor: Steffen Brack

Wenn die Freude auf der Strecke bleibt (2)

Du bist mehr wert als deine Leistung.

 

 

„Ich muss es mir verdienen, dass andere mich mögen. Dass sie mich akzeptieren und annehmen. Und bei Gott ist es wohl genauso.“ Für alle, die so oder ähnlich von sich denken, hat Jesus gute Nachrichten. Denn Gott sieht das ganz anders.

Und deshalb erzählt Jesus die Geschichte von dem älteren Bruder des „verlorenen Sohns“ (Lukas 15,25-32). Lesen Sie hier die Fortsetzung des ersten Teils dieses Artikels.
 

Der Leistungsdruck macht zornig, eifersüchtig und verbittert

„Ich muss es mir erarbeiten, dass andere mich akzeptieren“ – aus dieser inneren Überzeugung folgt ganz unweigerlich ein ungeheurer Leistungsdruck. Und der macht Menschen oft zornig, neidisch und verbittert. Jesus fährt fort mit seiner Geschichte: „Der ältere Sohn wurde zornig und wollte nicht ins Haus gehen.“ (Lukas 15,28).

Ich muss sagen: den älteren Sohn verstehe ich nur zu gut. Ich an seiner Stelle wäre auch zornig gewesen. Sein jüngerer Bruder ist vor Jahren einfach losgezogen. Hat ihn allein mit dem Vater zurückgelassen. Und hat dazu auch noch ein Drittel des Firmenkapitals aus dem landwirtschaftlichen Familienbetrieb abgezogen. In der Regel erbte damals nämlich das erste Kind zwei Anteile des Nachlasses, die jüngeren je einen Anteil. Der jüngere Bruder hat also nicht nur ein paar hundert Euro durchgebracht. Sondern vermutlich mehre hunderttausend. Denn so wie Jesus die Verhältnisse in der Geschichte beschreibt, ist das Gut der Familie schon eher groß. Das zeigt sich z.B. daran, dass es dort mehrere Angestellte gibt.

Und weiter mit Vers 29: So viele Jahre habe ich für dich gearbeitet – habe ich dir gedient. Alles habe ich getan, was du von mir verlangt hast. Aber nie hast du mir auch nur eine junge Ziege gegeben, damit ich mit meinen Freunden fröhlich sein und feiern konnte.“

Der anhaltende Leistungsdruck hat es dem älteren Sohn unmöglich gemacht, sich zu freuen. Fällt Ihnen das hier auf? Er hätte ja gerne mit seinen Freunden auch mal gefeiert und sich daran gefreut. Aber dazu kam es nicht. Der Sohn glaubt zwar, das liegt an seinem Vater. Daran, dass der ihm keine Ziege gegönnt hätte, um eine fröhliche Grillfete zu feiern. Aber da irrt er sich. Der ältere Sohn hätte sich nämlich jederzeit nehmen können, was ihm gefällt. Der Vater formuliert das etwas später in der Geschichte so: „Alles, was ich habe, gehört auch dir.“ So in Vers 31.

Aber das erkennt der ältere Sohn gar nicht. Und deshalb steht er jetzt zornig und wütend vor dem Haus. Und er macht seiner ganzen Enttäuschung und all seiner Verbitterung Luft. Was der ältere Sohn dabei tut, ist offensichtlich ganz typisch für uns Menschen. Wir suchen nämlich allzu oft schnell nach jemandem, der schuld ist an unserer eigenen Misere. Das war schon bei dem ersten Menschen so. Der hieß Adam. Und als Gott ihn fragte, ob Adam das einzige Gebot übertreten hat, das es am Anfang gab, da sucht Adam sofort nach einem Schuldigen für sein eigenes Verhalten. Und er hat sogar gleich zwei parat: „Die Frau, die du mir gegeben hast, die ist schuld daran!“

Laut Adam ist also die Frau schuld an seinem Fehlverhalten. Und als wäre das nicht genug, ist auch ganz schnell noch ein zweiter gefunden, dem er die Schuld in die Schuhe schieben will. Und das ist Gott. Denn so argumentiert Adam: „die Frau, die du – Gott – mir gegeben hast.“ Da ist natürlich Unsinn, wenn ich mich so aus der Affäre ziehen will. Aber der ältere Sohn in der Geschichte von Jesus macht es genauso. Er will Gott die Schuld daran geben, dass er sich nicht freuen konnte: „Aber nie hast du mir auch nur eine junge Ziege gegeben, damit ich mit meinen Freunden fröhlich sein und feiern konnte.“ (Vers 29).

Aber da irrt er sich. Der Vater, der in der Geschichte ja für Gott steht, der gönnt es seinem älteren Sohn sehr wohl, dass er sich freut und fröhlich feiern kann.

Es ist also nicht Gott, der die Freude verhindert. Sondern der gewaltige Leistungsdruck, unter dem der ältere der beiden Söhne steht.

 

Ich kann mit nicht mehr freuen

Ich habe das selbst schon so ähnlich erlebt. Ich war mit dem einen Studium noch nicht ganz fertig, da fing auch schon mein Weiterstudium an. In dieser Übergangszeit hatte ich dazu auch noch geheiratet. Und das hieß also: die Hochzeit vorbereiten. Zwei Umzüge durchziehen. Und zu allem Überfluss hatte ich auch noch eine Teilzeitstelle in einer Buchhandlung angenommen. Kurzum: das war in der Summe einfach viel zu viel auf einmal.

Und als ich dann nach ein paar Monaten endlich mal frei hatte, da bekam ich ein massives Problem: ich konnte den Urlaub nicht genießen. Ich konnte mich nicht freuen an drei Wochen Ferien. Und an der kanarischen Insel, wo ich mit meiner Frau die Zeit verbrachte. Es war Ende Februar. Und da war es selbst auf den Kanaren anfangs stürmisch und regnerisch. Und dann las ich auch noch in der Bibel einen Satz, der ging ungefähr so: „Ich bin Gott der Herr. Und ich mache den Regen.“ Da dachte ich bei mir: Na das hat mir jetzt gerade noch gefehlt.

Aber Gott wollte mich durch jenen Satz ja nicht noch oberdrein verhöhnen. Der Satz steht ja schon seit Jahrtausenden in der Bibel. Und er wurde auch nicht für meine Situation auf einer kanarischen Insel aufgeschrieben. Aber es hat sich für mich so angefühlt, als wollte Gott mir die freie Zeit auf der schönen Insel vermiesen. Aber das war natürlich ein Irrtum. Dass ich mich nicht wirklich freuen konnte über die schöne Zeit, das lag einfach daran, dass ich total überarbeitet war. Und erschöpft. Aber insgeheim habe ich Gott Vorwürfe gemacht.
 

Heftige Gefühle

Zurück zum älteren Sohn in der Geschichte von Jesus. Er ist zornig, enttäuscht, verbittert – und eifersüchtig. Eifersüchtig auf seinen jüngeren Bruder. Übrigens, das sind alles Gefühle, die Jesus hier anspricht. Sie spielen also durchaus eine Rolle in unserem Leben. Auch in unserem Leben mit Gott. Die Eifersucht auf den jüngeren Bruder zeigt sich so: „Aber der da, dein Sohn, hat dein Geld mit Huren durchgebracht; und jetzt kommt er nach Hause, da schlachtest du gleich das Mastkalb für ihn“ (Vers 30).

Es fällt ja gleich auf, dass der ältere nicht sagt: mein Bruder. Sondern: „der da, dein Sohn.“ Er distanziert sich so weit wie möglich von seinem jüngeren Bruder. Ich habe ja schon geschrieben, dass ich den älteren Sohn sehr gut verstehen kann. Auch hier. Aber er distanziert sich jetzt nicht nur von seinem Bruder, sondern damit auch von seinem Vater. Und das ist tragisch. Denn gerade die Anerkennung vom Vater, die Nähe zu ihm, seine Liebe, die hat er ja gesucht – durch seine Leistung, die er tagaus tagein abgeliefert hat. Und am Ende bringt ihn der unaufhörliche Leistungsdruck nur noch weiter weg von seinem Vater. Das ist erschreckend.

In seinen Worten kommt noch einmal der ganze Zorn des älteren Sohnes zu Ausdruck. Und seine Verbitterung. Und sie zeigen, wie tief ihn der überschwängliche Empfang seines Bruders verletzt. Er hat das Gefühl: der andere wird bevorzugt. Und ich werde zurückgesetzt. Und das ist ein furchtbares Gefühl.

Auch wenn ich gleich zeigen will, wie sehr sich der ältere Bruder irrt. Und wie seine heftigen Gefühle vor allem dadurch entstehen, dass er selbst von falschen Annahmen aus geht. Auch wenn ich das gleich deutlich machen werde, will ich an dieser Stelle doch betonen: Jesus hat seine Gründe, warum er die Gefühlsausbrüche des älteren Sohns so anschaulich beschreibt. Immerhin lässt Jesus den älteren sehr drastische Formulierungen verwenden. Etwa: „Aber der da, dein Sohn, hat dein Geld mit Huren durchgebracht!“

In manchen Gottesdiensten dürfte ich vermutlich gar nicht so unverblümt sprechen. Aber ich verstehe Jesus hier so, dass er jedem von uns Mut macht: hab‘ keine Angst und nimm deine Gefühle ganz bewusst wahr. Ich muss sie ja nicht gleich jedem, der daherkommt, vor den Kopf knallen. Aber im Gespräch mit jemandem dem ich vertraue, da ist es total hilfreich, mir alles anzuschauen, was in mir vorgeht. Der ältere Sohn in der Geschichte von Jesus tut das. Und ich meine, das ist ein wichtiger Schritt dahin, den eigenen falschen Annahmen auf die Spur zu kommen. Den Annahmen über den Vater. Und über sich selbst.

Und noch etwas betont Jesus in der Geschichte über den älteren Sohn. Und das ist das alles Entscheidende. Und ich werde jedes Mal nervös, wenn ich an diesen Punkt komme. Denn was Jesus hier über Gott sagt, das ist so großartig, so gut, so genial. Da habe ich immer die Befürchtung, dass ich das gar nicht richtig rüberbringe. Aber ich gebe mein Bestes. Ich will das so überschreiben: Du bist mehr wert als deine Leistung – die ich schätze.
 

Gott macht Party

Da steht er also, der ältere Sohn. Vor dem Haus. Und da drin wird gefeiert. Und das so laut, dass die Musik schon von draußen zu hören ist. Da wurde die Stereoanlage also ganz schön aufgedreht. Weil alle so froh sind, dass der jüngere wieder zu Hause ist (Verse 25 und 32). Bei dem Trubel merkt vermutlich niemand, dass ja noch einer fehlt – bei dieser Freudenparty. Nämlich der zweite Sohn des Hauses – der ältere.

Aber einem entgeht das nicht. Nämlich dem Vater. Der hat es gemerkt, dass sein anderer Sohn jetzt vor der Tür steht. Und dass er nicht hereinkommen will. Dass er ringt mit seinen Gefühlen. Mit seiner Wut, seinem Zorn, mit seiner Eifersucht und damit, dass er bis in sein innerstes hinein heftig erschüttert ist. Und verletzt. Einer merkt das. Der Vater. Und es ist ihm nicht egal. Nein.

Und nun erzählt Jesus von einer ganz tiefen Wahrheit über Gott. Über seinen Vater im Himmel. Denn der Vater in seiner Geschichte ist ja niemand anderes als Gott selbst. Und dann kommt der Punkt, der alles entscheidet. In der Geschichte – und auch in unserem Leben. In Ihrem und in meinem.
 

Er kommt auf uns zu

Jesus schildert das so: „Der ältere Sohn wurde zornig und wollte nicht ins Haus gehen. Da kam der Vater heraus und redete ihm gut zu“ (Vers 28). Vielleicht merken Sie schon, worauf Jesus hinauswill. Wieder ist es der Vater, der auf den Sohn zugeht. Genau wie bei seinem jüngeren Sohn. Erinnern sie sich noch? Der Vater sah ihn schon von weitem kommen. Und voller Mitgefühl und Freude läuft er seinem jüngeren Sohn entgegen, fällt ihm um den Hals und küsst ihn. Die Idee des Heimkehrers, jetzt nicht als Sohn, sondern als Aushilfe bei seinem Vater anzuheuern – das kommt für den Vater überhaupt nicht in Frage. Noch nicht einmal eine Sekunde lang. Er nimmt sein verloren geglaubtes Kind mit offenen Armen in Empfang. Und er setzt ihn wieder ein als seinen rechtmäßigen Sohn. Mit allem, was dazu gehört.

An dieser Stelle bekommt der aufmerksame Zuhörer vielleicht den Eindruck, Jesus hätte sich vertan. Ein ehrwürdiger älterer Herr, wie der Vater in der Geschichte, der rennt doch nicht. Nicht in einer orientalischen Kultur wie im damaligen Israel. Das ist dort völlig undenkbar. Ein Würdenträger im Alten Orient rennt nicht herum wie Kind. Nein, er schreitet. Aber solche kulturrelevanten Bedenken sind Jesus in diesem Fall völlig egal. Wenn er deutlich machen will, wie sehr Gott jeden Menschen liebt, dann wird das am besten dadurch klar, dass der Vater hier seinem verlorenen Kind entgegenläuft. Auf ihn zu rennt, so schnell er nur kann.

Ob das jetzt schicklich ist oder nicht. Das ist Gott doch total egal. Seine unfassbare Liebe zu Ihnen und zu mir, die tut seiner Würde doch keinen Abbruch. Im Gegenteil. Gottes Liebe zu uns macht ihn doch nur noch ehrwürdiger. Und deshalb rennt der Vater auf seinen jüngeren Sohn zu.
 

Vielleicht das größte Geheimnis

Und jetzt kommt das vielleicht größte Geheimnis dieser Geschichte. Der Vater kommt auch auf seinen älteren Sohn zu. Rennen muss er diesmal nicht – der ältere steht ja schon vor der Haustür. Aber wie bei dem jüngeren ist es der Vater, der auf seinen Sohn zugeht. Und das bedeutet:

Der ältere Bruder wird von seinem Vater genauso wahrgenommen wie der jüngere. Er wird genauso geschätzt. Und genauso sehr geliebt.

 

Dieser tapfere, fleißige und zuverlässige Sohn hat einen ebenso festen Platz im Herzen seines Vaters, wie der jüngere. Und dann kommt wieder eine sehr schöne Szene in der Geschichte. Als der Vater zu seinem zornigen und tief verletzten Sohn kommt, heißt es ja bei Jesus: „Und der Vater redete ihm gut zu.“ Fällt Ihnen das auf? Der Vater schimpft überhaupt nicht. Keine Vorwürfe kommen von ihm. Der Vater sagt nicht: Jetzt reiß dich doch mal zusammen. Was sollen denn die Leute denken, wenn du hier draußen stehst und den Beleidigten spielst. Nein, das kommt alles nicht. Nur gutes Zureden.

Das Wort, das Jesus hier benutzt bedeutet auch ermahnen, aber eben auch bitten, ermutigen, trösten, einladen. Und das ist genau das, was der aufgewühlte Sohn am dringendsten braucht. Jemanden, der ihn tröstet, der seine Gefühle ernst nimmt und ihm ganz neu Mut macht. Und so ist Gott. Er nimmt Ihre Verletzungen und Ihren Ärger ernst. Und er will Ihnen ganz neu Mut machen, ihm zu vertrauen. Und das ganz neu zu erkennen, wie wichtig Sie für ihn sind. Wie sehr er Sie liebt.

Das zeigt der Vater auch mit seinen nächsten Worten, die er seinem älteren Sohn zuspricht. Vers 31: „Mein Kind, du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist auch dein.“ Viele Bibelübersetzungen formen das hier um und dann heißt es da „Mein Sohn“. Das ist sicher nicht falsch. Aber tatsächlich verwendet Jesus hier das Wort „Kind“. Und zwar nicht das übliche Wort für „Kind“, sondern ein besonderes. Es ist der zärtliche Ausdruck, den eine Mutter und ein Vater gebrauchen, wenn sie ihrem Kind sagen wollen: du bist mein Kind, das mir ganz nahe ist und das ich liebe, mit meinem ganzen Herzen.

Vielleicht hatten Sie als Kind ja einen Kosenamen bei Ihren Eltern, den nur sie kannten. So ähnlich ist das wohl hier. Ich bin auch froh, dass Jesus hier dieses zärtliche Wort für Kind benutzt. Damit jeder verstehen kann, wie sehr sie und er geliebt wird von Gott. „Mein Kind“, sagt der Vater zu seinem Sohn vor der Tür. Und damit trifft er haargenau seinen wunden Punkt. Denn dem älteren Sohn ist nicht klar, wer er ist. Er hat ein Identitätsproblem.

Bislang hat er sein Verhältnis zum Vater über seine eigene Leistung definiert. Und daran ist er letztlich gescheitert. Denn dadurch hat er sich ja vielmehr als ein Angestellter verstanden. Und den Vater als seinen Chef. Und hat dabei völlig übersehen, dass er ja eigentlich ein Kind seines Vaters ist. Genauso wie sein jüngerer Bruder. Er hat das aber irgendwie gar nicht für sich in Anspruch genommen. Dass er das Kind seines Vaters ist. Das von ihm geliebt wird. Und zwar ganz unabhängig davon, was es alles leistet.
 

Tatsächlich geliebt

Im Grunde genommen sagt der Vater hier seinem Ältesten: Du bist doch auch mein geliebtes Kind. Du bist doch genauso mein Sohn wie dein Bruder. Es ist großartig, dass Du immer bei mir gewesen bist. Und ich schätze alles sehr, was du hier zuhause geleistet hast in all den Jahren. Das hast Du gut gemacht. Und jetzt komm, mein geliebter Sohn. Stell die Hacke für heute zur Seite. Wir wollen uns jetzt freuen, dass dein Bruder da ist. Zieh deinen Blaumann aus, geh‘ unter die Dusche und zieh deine schönste Festkleidung an. Damit jeder sehen kann, dass Du auch ein Sohn des Hauses bist.

Ich glaube, dass es Menschen gibt, die das auch wieder von Gott hören müssen. Mein geliebtes Kind. Ich habe dich schon immer geliebt. Und das ist heute immer noch so. Ich habe Dich lieb. Und du bist viel mehr wert als deine Leistung, die ich aber auch sehr schätze.

 

Ich hatte schon solche Zeiten. Da war mir nicht wirklich klar, was ich in Wahrheit bin. Da fühlte ich mich vor allem als Angestellter, als Arbeitnehmer – und Gott war mein Chef. Und ich konnte es einfach nicht mehr sehen, dass Gott mich ja eigentlich schon als Kind angenommen hat. Als einen seiner Söhne. Und da hatte ich dann auch das Problem, von dem ich am Anfang gesprochen habe. Das Problem, diese Geschichte von dem älteren Sohn zu verstehen. Ich habe ihn dann in meiner ersten Predigt dazu auch prompt wieder zurück aufs Feld geschickt, damit er noch ein bisschen mehr arbeitet. Damit er sich dadurch vielleicht – irgendwann einmal – auch ein bisschen freuen kann.

Aber dann haben mir ein paar Menschen sehr geholfen, diese Geschichte von Jesus besser zu verstehen. Und das für mich selbst dann auch wieder anzunehmen. In Gottes Augen bin ich viel mehr wert als meine Leistung. Ich bin eines seiner Kinder, das von Gott total geliebt ist. Und deshalb ist mein Wert als Person völlig unabhängig von dem, was ich leiste. Sondern mein Wert ist allein in Gott begründet. In seiner Liebe, die er für mich hat. Und das hat mir sehr gutgetan. Ich wünsche Ihnen, dass Sie das erfahren können.
 

Eine Eins zu viel

Ein Professor war an seiner Universität dafür bekannt, dass er ganz anders unterrichtete als die meisten seiner Kollegen. Er war davon überzeugt: meine Studenten lernen viel besser, wenn sie ermutigt werden. Und nicht, wenn ich sie noch zusätzlich unter Druck setze. Irgendwie hat das ganz gut funktioniert. Und in seinen Klausuren hatten die Studenten oft gute Noten. Aber eines Tages sah es so aus, als hätte er es nun übertrieben.

Er kommt ins Sekretariat und gibt eine korrigierte Klausur ab. Er hat sich schon verabschiedet und ist schon dabei zu gehen, da ruft die Sekretärin: „Herr Professor, Herr Professor, hier stimmt etwas nicht!“ Überrascht dreht er sich um und fragt: „Ja was ist denn Frau Müller (den wirklichen Namen weiß ich nicht mehr)?“ „Herr Professor, sie haben hier in der Klausur 53 Einsen vergeben.“ Darauf der Professor: „Ja das ist doch sehr schön. Die Studenten haben gut gelernt.“ „Aber es haben doch nur 52 Studenten mitgeschrieben“, sagt die Frau Müller. Dazu der Professor: „Ach so. Aber das ist doch kein Problem. Unsere Universität ist so groß. Da werden sie doch mühelos jemanden finden, der eine Eins gut gebrauchen kann.“

An diesen Professor muss ich denken, wenn ich die Geschichte über den älteren Sohn höre. Denn ich habe den Eindruck, dass es bei Gott ganz ähnlich ist wie bei diesem Professor. So wie bei ihm noch eine Eins übrig war, für jemanden der sie braucht, so ist es wohl auch bei Gott mit seiner Liebe. Da war genug übrig, auch für den älteren Sohn. Und es ist heute sicher immer noch genug von Gottes Liebe da. Für jemanden, der sie gut gebrauchen kann. Vielleicht fällt ihnen ja jemand ein. Und vielleicht sind sie es ja auch selbst.

 


Lesen Sie hier den ersten Teil des Artikels

 Steffen Brack

Steffen Brack

  |  Redakteur und Theologe
Theologe und Redakteur, verheiratet, drei Kinder. Begeistert von Gottes unerschütterlicher Liebe.

Ihr Kommentar

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Kommentare

Steffen Brack, ERF Redaktion /

Sehr gerne. Das freut mich.

Gabi S. /

Ich finde diese Auslegung über die Geschichte mit dem verlorenen Sohn hier sehr gut. Hat mir selbst gut getan. Dankeschön

Magdalena M. /

Vielen Dank für die ausführliche Geschichte und auch das Augenmerk auf den älteren Bruder. In der Tat sind wir sehr auf Leistung programmiert. Wichtig ist eine gute Balance - wir sind Kinder und nicht Ackergäule, die sich schinden müssen bis zum Burn-Out. Viele Menschen können in unserer Gesellschaft gar nichts leisten, sei es dass sie krank, behindert oder einfach alt und gebrechlich sind. Auch diese Menschen haben eine Daseinsberechtigung und müssen hören und erfahren, dass sie wertvoll mehr

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