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© Vicky Hladynets / unsplash.com

14.05.2021 / Andacht / Lesezeit: ~ 10 min

Autor: Steffen Brack

Wenn die Freude auf der Strecke bleibt (1)

Erfahren, dass Gott mich tatsächlich lieb hat.

 

 

„Mir war nicht wirklich klar, was ich in Wahrheit bin. Ich fühlte mich vor allem als Angestellter, als Arbeitnehmer – und Gott war mein Chef“ – so der Theologe und ERF Redakteur Steffen Brack über seine Lebens- und Arbeitskrise. Geholfen hat ihm eine Geschichte von Jesus.
 

Drei Mal totale Freude

Ich war ein junger Pastor. Und ich wollte über drei Geschichten predigen, die Jesus erzählt hat. Geschichten, mit denen er Wahrheiten über Gott veranschaulicht. Und zwar dadurch, dass er sie mit ganz alltäglichen Erlebnissen vergleicht. Ich hatte mir die drei Geschichten ausgesucht, die alle direkt hintereinander aufgeschrieben sind. Und zwar im Bericht des Arztes Lukas über Jesus, im Kapitel 15. Diese Geschichten haben alle etwas gemeinsam. In jeder von ihnen geht etwas verloren: ein Schaf, Geld, ein Kind. Und als das verlorene wiedergefunden wird – da ist die Freude riesig. Und Jesus will damit deutlich machen: „Genauso freut sich Gott im Himmel über einen Menschen, der zu Gott umkehrt …“ (Lukas 15,11).

Soweit ich das heute noch in Erinnerung habe, lief am Anfang alles gut. Bis ich zur dritten Geschichte kam. Die, in der ein erwachsenes Kind seinen Vater verlässt, zuvor aber noch das Erbe kassiert (Lukas 15,11-24). Und mit vollen Taschen sucht er – es ist ein Sohn – dann das Weite. Viele von Ihnen werden die Geschichte kennen: unter der Überschrift „Das Gleichnis vom verlorenen Sohn“.

Der Sohn wirft mit seinem Vermögen nur so um sich, bis er schließlich nichts mehr hat. Und völlig verarmt landet er beim Schweinehüten. Und nicht einmal das Futter der Schweine kann er sich leisten. Und in dieser Not geht ihm auf, wie gut es selbst die Aushilfskräfte bei seinem Vater haben. Und so macht er sich auf Weg – zurück nach Hause. Seine Stellung als Sohn des Hauses hat er natürlich verspielt. Davon ist er überzeugt. Und deshalb hofft er darauf, dass er zuhause vielleicht als Hilfsarbeiter angestellt wird.

Aber da hat er sich gründlich getäuscht. Denn sein Vater sieht ihn schon von weitem kommen. Und voller Mitgefühl und Freude läuft er seinem jüngeren Sohn entgegen, fällt ihm um den Hals und küsst ihn. Die Idee des Heimkehrers, jetzt nicht als Sohn, sondern als Aushilfe bei seinem Vater anzuheuern – das kommt für den Vater überhaupt nicht in Frage. Noch nicht einmal eine Sekunde lang. Er nimmt seinen verloren geglaubten Sohn mit offenen Armen in Empfang. Und er setzt ihn wieder ein – als seinen rechtmäßigen Sohn. Mit allem, was dazu gehört. Und dann wird gefeiert. Denn der Vater freut sich natürlich total, dass er seinen Sohn wieder hat.

Aber die dritte Erzählung ist an dieser Stelle noch nicht zu Ende. Denn der Vater hat noch einen zweiten Sohn. Den älteren der beiden. Und um den geht es nun bis zum Ende der drei Geschichten, die Jesus erzählt. Und genau an dieser Stelle fingen meine Schwierigkeiten an. Über den älteren Sohn heißt es nun: Der ältere Sohn war noch auf dem Feld. Als er zurückkam und sich dem Haus näherte, hörte er das Singen und Tanzen. Er rief einen der Diener herbei und fragte ihn, was denn da los sei. Der sagte: ›Dein Bruder ist zurückgekommen und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn gesund wiederhat. (Lukas 15,25-27).

 

„Wenn die Freude auf der Strecke bleibt“ –  ich meine, das beschreibt die Situation des älteren Sohnes ziemlich treffend.
 

Arbeit ist sein Leben – und für Freude gar kein Platz

Das allererste, was Jesus über den älteren Sohn des Vaters erzählt ist dies: „Der ältere Sohn war noch auf dem Feld. Als er zurückkam und sich dem Haus näherte, hörte er das Singen und Tanzen. Er rief einen der Diener herbei und fragte ihn, was denn da los sei“ (Verse 25-26).

Vor 2.000 Jahren, als Jesus diese Geschichte erzählt, da hatte das Feld eine ganz andere Bedeutung als für die meisten von uns heute. Wenn da einer auf dem Feld ist, wie der ältere Bruder, dann macht er dort keinen Spaziergang. Er ist auch nicht zum Joggen unterwegs, um etwas für seine Work-Life-Balance zu tun. Nein. Das Feld, das ist damals der Arbeitsplatz. Eine Arbeit, die oft hart und kräftezehrend gewesen ist. Aber dort wurde der Lebensunterhalt erwirtschaftet.

Der gute Mann ist also auf dem Heimweg von seiner täglichen Arbeit. Und das ist ein wichtiger Punkt. Und es ist das allererste, das Jesus uns über den älteren Bruder mitteilt. Während die anderen fröhlich feiern, hat er noch gearbeitet. Die Party ist ja schließlich schon in vollem Gang, als er jetzt nach Hause kommt. Ganz offensichtlich spielt das Arbeiten in seinem Leben eine sehr wichtige Rolle.

Und Jesus bekräftigt diesen ersten Hinweis im weiteren Verlauf der Geschichte. Denn im Gespräch mit dem Vater, das wenig später folgt, sagt der ältere Sohn: So viele Jahre habe ich für dich gearbeitet – habe ich dir gedient. Alles habe ich getan, was du von mir verlangt hast. Aber nie hast du mir auch nur eine junge Ziege gegeben, damit ich mit meinen Freunden fröhlich sein und feiern konnte“ (Vers 29).

Und das sind die ersten Worte, die in der Geschichte direkt aus dem Mund des älteren Sohns zu hören sind. Und ich meine, das ist kein Zufall. Aus meiner Sicht skizziert Jesus hier – mit wenigen Worten – eine ganz wesentliche und ganz grundlegende Einstellung des älteren Bruders. Er kommt vom Feld – also von der Arbeit. Er betont gegenüber seinem Vater: „So viele Jahre habe ich für dich gearbeitet – habe ich dir gedient.“ Und: „Ich habe nie deine Anweisungen übertreten. Ich habe alles getan, was du von mir verlangt hast.“ (Vers 29).

Das charakterisiert einen Menschen, der sich sehr darum bemüht, seinen Vater zufrieden zu stellen. Oder ich sage es mal etwas direkter. Ein Mensch, der darum kämpft, dass sein Vater ihn akzeptiert. Ihn annimmt. Und um das zu erreichen, arbeitet er viel. Sehr viel. Und vermutlich zu viel. Und deshalb überschreibe ich den ersten Punkt dieser Geschichte so: Arbeit war sein Leben – und für Freude ist gar kein Platz.

Jemand hat einmal gesagt: Dieser Spruch – Arbeit war sein Leben – das sollte doch eigentlich nicht das Leben eines Menschen kennzeichnen. Das beschreibt doch viel eher das Leben eines Ackergauls. Und ich meine, wer gut mit Tieren umgeht, der gönnt auch ihnen die nötigen Ruhepausen.

Zwei von meinen Kindern lieben Witze. Besonders als sie noch kleiner waren, kamen sie fast jeden Tag mit einem neuen Witz um die Ecke. Den folgenden habe ich von meiner jüngsten Tochter: 

Unterhalten sich zwei Pferde auf einem Bauernhof. Das erste beschwert sich und sagt: „Ich finde das total unfair von dem Bauern. Immer müssen wir die schwerste Arbeit auf dem Hof erledigen. Wenn der Esel z.B. wieder einmal so blöd war und den Wagen in den tiefen Morast manövriert hat – und er dann total feststeckt: Wer muss dann die Karre aus dem Dreck ziehen? Wir natürlich.“ Darauf das andere Pferd: „Na dann schreib‘ doch an die Europäische Tierschutzkommission in Brüssel.“ „Bist du wahnsinnig!“, antwortet das erste. „Wenn der Bauer mitbekommt, dass ich lesen und schreiben kann, dann darf ich seinen Bürokram auch noch machen.“

 

Der ältere Sohn in der Geschichte ist ein Mensch, der glaubt: ich muss es mir erarbeiten, dass mein Vater mich akzeptiert. Dass er mich liebt. Dass ich wertvoll bin in seinen Augen. Das muss ich mir erarbeiten. Und zwar durch tadellose Leistungen. Und dafür spricht meines Erachtens schließlich noch ein dritter Hinweis. Und der hat mit der Frage zu tun: Wer ist denn mit dem älteren Sohn gemeint?

Mit der Erzählung von dem älteren Bruder schließt Jesus ja diesen Geschichten-Dreierpack ab. Seine drei Geschichten, in denen er davon spricht, wie sehr sich Gott freut, wenn ein Mensch zurückfindet – zurück in eine lebendige Beziehung mit Gott. Und der Ausgangspunkt, warum Jesus diese drei Geschichten überhaupt erzählt, wird am Anfang von Kapitel 15 im Bericht des Lukas genannt. Da heißt es: „Immer wieder kamen viele Zolleinnehmer und andere verrufene Leute zu Jesus, um ihn zu hören. Die Pharisäer und Schriftgelehrten ärgerten sich und schimpften: »Mit welchem Gesindel gibt der sich da ab! Er isst sogar mit ihnen!« Da erzählte Jesus ihnen folgende Geschichte:“ (Verse 1-3).

Im damaligen Judentum gab es verschiedene religiöse Gruppierungen. Und zu den strengsten gehörten die Pharisäer (vgl. Apostelgeschichte 22,3; 26,5). Einige Vertreter dieser strengen jüdischen Gruppe und noch weitere Experten der jüdischen Bibel kommt zu Jesus. Und sie sind empört und beschimpfen ihn. Der Grund: Jesus hat gar kein Problem damit, wenn Menschen zu ihm kommen, die ganz augenscheinlich nicht viel mit Gott am Hut haben. Menschen, die nach den Maßstäben der Schriftgelehrten und Pharisäer „Sünder“ sind.

Nach den Vorstellungen jener Experten sollte sich niemand, der auf Gott hört, mit „Sündern“ abgeben. Und schon gar nicht mit ihnen gemeinsam essen. Denn in orientalischen Kulturen gipfelt die Gastfreundschaft gerade auch in der gemeinschaftlichen Mahlzeit. Wenn Jesus also mit Sündern isst, dann stellt er sich mit ihnen auf eine Stufe. Macht er sich sozusagen selbst zum Sünder.

Aber diese falsche Deutung der biblischen Aussagen widerlegt Jesus. Und zwar mit den drei Geschichten: vom verlorenen Schaf, vom verloren Geldstück und vom verlorenen Sohn – und seinem älteren Bruder. Und gleich zum Abschluss der ersten Geschichte – die vom verlorenen Schaf – gleich hier greift Jesus den Vorwurf der Pharisäer ganz direkt auf: „Ich sage euch: Genauso ist bei Gott im Himmel mehr Freude über einen Sünder, der zu Gott umkehrt, als über neunundneunzig andere, die das nicht nötig haben.“ (Vers 7).

Der Kontakt zu Menschen, die ohne Gott leben – das meint das Wort „Sünder“ eigentlich – dieser Kontakt macht Jesus nicht zum Sünder. Im Gegenteil: Es ist die große Chance für Menschen, die Gott nicht kennen, durch Jesus Gott zu finden – und mit ihm versöhnt zu werden. Ja es ist geradezu der Auftrag Gottes an seinen Sohn Jesus: er soll diejenigen Menschen ganz gezielt suchen, die an Gott vorbeileben. Jesus hat das einmal so ausgedrückt: „Ich bin gekommen, um die verlorenen Menschen zu suchen und zu retten“ (Lukas 19,10).

Ich meine, aus all dem wird klar: Die ersten Leute, für die Jesus seine drei Geschichten vom Verlieren und Finden erzählt – die ersten Hörer, die er damit anspricht, das sind jene Pharisäer und Schriftgelehrten. Die sich darüber aufregen, dass sich Jesus mit Menschen abgibt, die nicht gerade fromm sind. Sie sollen dadurch verstehen, warum Jesus das macht. Und warum genau das der ausdrückliche Auftrag von Gott an ihn ist.

Und beim zweiten Hinsehen wird aus meiner Sicht noch etwas verständlich. So wie Jesus den älteren Bruder schildert, passt das nämlich sehr genau auf die innere Haltung vieler Pharisäer. Der ältere Sohn in der Geschichte ist ja offensichtlich ein Mensch, der glaubt: ich muss es mir erarbeiten, dass mein Vater mich akzeptiert. Dass er mich liebt. Dass ich wertvoll bin in seinen Augen. Das muss ich mir erarbeiten. Und zwar durch tadellose Leistungen. Dieses strikte Leistungsprinzip, nach dem der ältere Sohn in der Geschichte von Jesus handelt – das trifft nämlich die Grundhaltung der Pharisäer sehr genau.

Paulus, der Mann der mit seinen Briefen einen großen Teil des Neuen Testaments verfasst hat, sagt von sich selbst: Als Pharisäer habe ich früher versucht,durch meine eigene Leistung vor Gott zu bestehen. Durch das genaue Befolgen des Gesetzes(Philipper 3,9). Das ist der unerbittliche Grundsatz der damaligen Pharisäer: ihr Verhältnis zu Gott hängt ganz und gar von der eigenen Leistung ab. Und in der Geschichte von Jesus ist es der ältere Sohn, der diesem verhängnisvollen Leistungsprinzip folgt. Deshalb gehe ich davon aus, dass Jesus mit dem älteren der beiden Söhne zunächst einmal die damaligen Pharisäer und Schriftgelehrten gemeint hat.

Doch dem ein oder anderen fällt das vielleicht schon auf: so einem Leistungsprinzip – oder einem ähnlichen – folge ich auch immer wieder. Das heißt dann etwa so: Ich bin akzeptiert, wenn ich etwas leiste. Ich bin wertvoll, wenn ich gute Arbeit abliefere. Ich gehöre dazu, wenn ich anständig bin. Ich werde geliebt, wenn ich mich abmühe. Ich bin angenommen, wenn ich mir nichts zu Schulden kommen lasse. Solche inneren Überzeugungen kennen vermutlich viele Menschen.

In einem Interview neulich fragte der Moderator den Gast: „Sie hatten früher ja auch sehr mit einem ausgeprägten Leistungsprinzip zu kämpfen. Oder?“ Darauf der Gast: „Ja, das stimmt schon. Aber wer hat das nicht, wenn er in Deutschland aufgewachsen ist.“ Deshalb bin ich auch der Meinung, dass Jesus mit dem älteren Sohn zunächst einmal seine ersten Hörer damals gemeint hat: die Pharisäer und Schriftgelehrten. Dass aber danach jeder Mensch sich in dem älteren Sohn wiederfinden kann, der sich darum müht, dass andere ihn annehmen. Und dass er letztlich von ihnen geliebt wird. Und zwar aufgrund der eigenen Leistung. Solche Menschen rackern sich unheimlich ab. Sie mühen sich und schuften, um von anderen anerkannt zu werden. Und sie meinen, bei Gott müssten sie das genauso machen.

Mir geht es oft genug so. Auch wenn ich in den letzten Jahren viel dazu gelernt habe. Wenn Sie auch unter einem solch ungeheuren Leistungsdruck stehen, dann habe ich gute Nachrichten für Sie. Denn Jesus eröffnet Ihnen mit seiner Geschichte von dem älteren Sohn einen Ausweg. Einen Weg heraus aus dieser furchtbaren Lage. Und er zeigt darin, wie Gott – in der Geschichte ist das der Vater – mit Menschen umgeht, die unter diesem immensen Druck leiden.


Der Artikel wird in Teil 2 fortgesetzt.

 Steffen Brack

Steffen Brack

  |  Redakteur und Theologe
Theologe und Redakteur, verheiratet, drei Kinder. Begeistert von Gottes unerschütterlicher Liebe.

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