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Voll ins Schwarze getroffen

Warum das Spiel nicht aus sein muss, wenn jemand meinen Bogen überspannt hat.


Vor kurzem habe ich länger mit meinem achtjährigen Neffen gespielt. Er hat mir stolz gezeigt, was er im Bogenschießen draufhat. Wie ein kleiner Revolverheld hat der die Pfeile ganz cool aus seinem Seitenköcher gezogen, sie angesetzt, mit professioneller Miene sein Ziel ins Visier genommen und dann abgefeuert. Mit erstaunlich hoher Trefferquote.

Das ging eine ganze Weile so, begleitet von meinem anerkennenden Klatschen. Dann kam der Moment, den ich gefürchtet hatte: Ich war an der Reihe! Meine Chancen, auch nur annähernd so gut abzuschneiden wie Zacharias, schätzte ich gegen Null ein. Obwohl ich mich wirklich bemühte, es gut hinzubekommen, gingen meine Pfeile daneben. Alle!

Für meinen Neffen wurde ich zu einer echten Geduldsprobe. An seinen aufmunternden Zuspruch „Tanti, du schaffst das!“ schien er selbst immer weniger zu glauben. Irgendwann hatte aber auch ich wortwörtlich den Bogen raus.
 

Empfindlich getroffen

In vielen Lebensbereichen ist es deutlich leichter, Pfeile abzuschießen und bei einem Menschen damit ins Schwarze zu treffen. Dazu braucht es nicht mal viel Konzentration. Es geht ganz von selbst. Etwas piekt mich an – und zack, ist der Pfeil auch schon abgeschossen. Ein scheinbar unbedachter Satz, ein Blick, ein Wort. Auch Schweigen und Rückzug können sich wie ein Pfeil in mein Inneres bohren.

Ich verletze und ich werde verletzt. Inwieweit diese Pfeile mein aktuelles Leben bestimmen, kann ich aktiv beeinflussen.

 

Ich denke an ein junges Mädchen, von dem in 2. Könige 5 die Rede ist. Diesem Mädchen ist übel mitgespielt worden. Sie wird aus ihrer Heimat verschleppt und als Haussklavin für die Ehefrau des Mannes eingesetzt, der für diese Verschleppung mitverantwortlich ist.

Sie hat also immer wieder Berührungspunkte mit dem Menschen, der ihr das alles angetan hat. Das ist nicht gerade wenig: Von den Eltern getrennt. Weg von ihren Geschwistern, wenn sie welche hatte. Weg von allem bisher Vertrauten in eine ungewisse Zukunft. Und zwar völlig unfreiwillig.
 

Fähig, differenziert zu sehen

Sie bekommt mit, dass dieser Mann, Naaman, unheilbar krank ist. „Geschieht dir recht, du mieser Kerl. Ich wüsste, wo du Hilfe bekommst, aber dir verrate ich es ganz bestimmt nicht.“ Das fällt mir spontan dazu ein und noch mehr, aber ich mache besser einen Gedankenstopp.

Wie hat das Mädchen reagiert? Sie zeigt eine Perspektive zur Heilung für den Mann auf, durch den ihr noch junges Leben komplett aus den Fugen geraten ist. Ich finde das bemerkenswert.

Offensichtlich hat das Mädchen ein tragfähiges inneres Fundament. Es ist an den schwierigen Umständen nicht zerbrochen und wurde auch nicht krank daran. Und vor allem: Es muss sich offensichtlich nicht rächen, sondern kann mehr denken als „Was der mir alles angetan hat!“ 

Ihr ist es möglich, nicht oder vielleicht nicht mehr nur negativ von Naaman zu denken. Sie kann in ihm mehr sehen als den, der sie um vieles beraubt hat. Sie sieht, was er auch ist: Ein Aussätziger. Ein Mensch, der krank ist und Hilfe braucht. Sie kann Erbarmen mit ihm haben.
 

Selbstbestimmt leben

Wie ist sie zu dieser Haltung gekommen? Vermutlich ist sie einen Weg der inneren Heilung gegangen. Denn trotz vieler Verletzungen ist es ihr möglich, die Situation aktiv und vor allem, wie ich finde, sehr konstruktiv mitzugestalten. Mit weittragenden Konsequenzen.

Und viele Aussätzige waren zur Zeit des Propheten Elisa in Israel, und keiner von ihnen wurde gereinigt als nur Naaman, der Syrer (Lukas 4,27).

 

Würde es diese Aussage in der Bibel geben, wenn das Mädchen ausschließlich in seinen schlechten Erfahrungen steckengeblieben wäre und davon motiviert gehandelt hätte? Vielleicht nicht. Mein persönlicher Umgang mit meinen Verletzungen macht also einen Unterschied in dieser Welt.
 

Sich entfalten (lassen)

Vielleicht wird Ihnen beim Lesen ein „Pfeil“ bewusst, der Sie getroffen hat. In diesem Fall mache ich Ihnen Mut, nicht einfach zur Tagesordnung überzugehen. Lassen Sie nicht zu, dass er destruktiv wirkt und blockiert, was Gott in Ihrem und dem Leben anderer Menschen entfalten will. Sie haben die Möglichkeit, Gott diesen Pfeil zu bringen, nach seiner Sicht darauf zu fragen und ihn um Heilung zu bitten.

Aus eigener Erfahrung weiß ich: Das macht frei. Immer. Denn da, wo ich heil und frei von etwas werde, werde ich immer auch frei für etwas. Davon können neben mir auch andere Menschen profitieren. Auch wenn ich das vielleicht gar nicht immer mitbekomme.

 



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Kommentare

Von Walter H. am .

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