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Bruder Martins gesprengte Fesseln

Eine Hoffnungsbotschaft, die auch fünfhundert Jahre später Menschen zu einem neuen Leben befreit.

 

 

Auf der Uni habe ich „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ gelesen und ein paar andere Schriften von Martin Luther. Ich bin in Erfurt im Lutherkloster gewesen und auf der Wartburg habe ich, wie viele andere, den Raum bewundert, wo er als „Junker Jörg“ in nur wenigen Wochen das Neue Testament verdeutscht hat.

Vielleicht hat er ja dort auch das berühmte Tintenfass nach dem Teufel geworfen, der ihn dabei bedrängt hat. Ich habe mindestens zwei Lutherfilme gesehen und in Wittenberg an der Schlosskirche die berühmte Thesentür bestaunt. Aber ich habe eigentlich nichts gewusst von den Ängsten seiner Kindheit. Schon eher vom lebensgefährlichen Leistungsdruck im Erfurter Kloster durch ein Übermaß an Selbstzüchtigung und Kasteiungen.
 

Mit Rute und Stock erzogen

Hans and Magrethe Luther (Bild: Lucas Cranach the Elder, Public domain, via Wikimedia Commons)
Hans and Magrethe Luther (Bild: Public domain, via Wikimedia Commons)

Um Martin Luthers komplexe Persönlichkeit zu verstehen, muss man aber zurückgehen in die Kindheit. Vater Hans ist Unternehmer im Bergbau und mit einem harten Regime hat er Erfolg im Geschäft. Und so muss er auch seine Söhne erzogen haben. Denn für ihn ist klar, sie sollen das florierende Familienunternehmen weiterführen.

Seine entschlossenen Gesichtszüge kann man erkennen, wenn man die Cranach-Porträts von Luthers Eltern betrachtet. Martin als ältester Sohn muss viel gelitten haben unter den Ansprüchen des strengen Vaters. Sowohl zu Hause als auch in der Schule wird der kleine Martin mit Rute und Stock erzogen.

„Hart gehalten“ ist er worden, sagt er selbst später. Der strenge Vater wird für ihn das Spiegelbild eines noch strengeren Vaters im Himmel. So hat ihn eine ständige Angst gequält, auch vor diesem nicht bestehen zu können. Noch im Alter gibt er zu, dass die seelischen Knoten aus dieser Erziehung „ein Leben lang schwerlich wieder ausgerottet“ werden können (zitiert nach Köhler, S.24).

Der Student Martin Luther taucht später in Erfurt ein in die lebensbejahende Welt des Humanismus. Er liest Bücher seiner eigenen Wahl. In geselliger Runde glänzt er mit philosophischen und humorigen Diskussionsbeiträgen. Die inneren Ängste lassen ihn aber auch in dieser Zeit nicht los.

Ein Blitzeinschlag wirft ihn 1505 während eines Gewitters zu Boden. Martin zittert um sein Leben und seine Seligkeit. Er ruft in die tobenden Naturgewalten hinein zur Schutzpatronin der Bergarbeiter. Dabei fügt er dem Hilfeschrei ein folgenreiches Versprechen hinzu: „Heilige Anna, hilf, ich will Mönch werden.“
 

Leben in frommen Fesseln

Das Leben im Kloster der Augustinereremiten in Erfurt war geprägt von geistlichen Übungen. Wachen, Fasten und Selbstkasteiungen. Szenen, wo ich in den Lutherfilmen weggeguckt habe. Bruder Martins Angst, Gott nicht zu genügen, lässt sich aber so nicht besiegen. All diese Anstrengungen nehmen ihn innerlich gefangen.

In Alpträumen oder nächtlichen Visionen kämpft er mit dem Widersacher Gottes, dem Teufel. Beichtgespräche mit seinem Mentor Johann von Staupitz, dem Generalvikar seines Ordens, bringen dem Geplagten Linderung, aber keine Befreiung. 

Der Mönch Martin durchforscht sein Gewissen und kommt dabei zu deprimierenden Ergebnissen: „Je länger wir uns waschen, desto unreiner werden wir. Und je mehr ich lief und begehrte zu Christus zu kommen, je weiter wich er aber von mir.“ (s.o., S.57).

Schon als Student der Rechtswissenschaften beginnt Martin, in einer Bibel zu lesen; das war damals ein Privileg weniger. Später als Theologieprofessor an der neu gegründeten Universität von Wittenberg ist das Studium dieses Buches erst recht seine Aufgabe. Dabei erlebt Bruder Martin, wie Gott dadurch zu seinem immer noch wunden und angsterfüllten Herzen spricht.

„Der Gerechte wird aus dem Glauben leben“, liest er im ersten Kapitel des Römerbriefes. Aufgewühlt von diesem Satz sitzt er in seinem Turmzimmer und ringt mit seinem Herzenswunsch, einen Gott zu bekommen, der ihn annimmt und ihm gnädig ist.

Da erlebt der Lieblingsprofessor vieler Wittenberger Studenten einen weiteren Blitzeinschlag, diesmal innerlich. Jetzt öffnet der Heilige Geist seine Herzensaugen. Martin erkennt: Nicht all die Mühen und Anstrengungen bringen das ersehnte „Ok-Sein vor Gott“, sondern Jesus.

Der Sohn Gottes hat den Weg freigemacht, auch für Menschen wie ihn. Für alle die, die mit Zweifel und Angst ringen und so gerne ihre Ängste tauschen wollen gegen das Wissen, zu Gott zu gehören, ein Kind Gottes zu sein. „Allein durch den Glauben“ – das wird später ein Grundprinzip lutherischer Bibelauslegung.
 

Keine Anfechtung haben ist die größte Anfechtung

Reformationsaltar (Bild: Attributed to Lucas Cranach the Younger, Public domain, via Wikimedia Commons)
Reformationsaltar (Bild: Public domain, via Wikimedia Commons)

Bei meinem Besuch in Wittenberg vor einigen Jahren bin ich besonders lange in der Stadtkirche vor dem sogenannten Reformationsaltar stehengeblieben. Da haben die beiden Cranachs die Kernpunkte der Reformation festgehalten. Das Bild zeigt Martin Luther als Prediger. Mit weit ausgestrecktem Finger deutet er auf den gekreuzigten Jesus zwischen ihm und seiner Gemeinde.

Der aufmerksame Betrachter spürt das Schwingen des Lendenschurzes und ist so mit hineingenommen in eine Bewegung, die Gottes Geist ausgelöst hat durch diesen völlig veränderten Mann.

In diesem Bild ist festgehalten, was die Reformation ausmacht. Christus hat den Weg zwischen Gott und Mensch freigemacht, den Angst und Sünde blockiert haben und den alle eigenen Anstrengungen nicht öffnen konnten. Dieses Altarbild hat mich begeistert. Hier hat Luthers Malerfreund den neuen Martin porträtiert.

Diesen Martin Luther beherrschen nun nicht mehr die Ängste vor Sünde, Tod und Teufel. Die Fesseln sind gesprengt. Als Stadtpfarrer strahlt er innere Sicherheit aus. Er legt seiner Gemeinde ein neues Leben ans Herz. Befreit von Schuld und Sünde, geborgen in dem Wissen, zu Gott zu gehören. Übrigens kann man unter der zuhörenden Gemeinde auch Vater Cranach und Käthe Luther mit Kindern erkennen.

Stand Martin Luther in späteren Jahren wirklich über allen Zweifeln? Nun, in den berühmten Tischreden, die er vor seinen Studenten hielt, ist durchaus die Rede von Schwermut und Anfechtung: „Keine Anfechtung haben ist die größte Anfechtung“, hat er da zugegeben. Er hat gewusst, dass der Widersacher Gottes sich dort meldet, wo Menschen ihm absagen.

Aber der Reformator ist seinen Ängsten nicht mehr ausgeliefert – wie es in dem Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ heißt: Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen.

Der Mann, dessen innere Fesseln gesprengt wurden, hat sich vor dem Kaiser zu seinem Glauben an Jesus bekennen können. Seine Bekenntnisschriften sind wie „warme Semmeln“ verkauft worden. Und Luthers Übersetzung des Neuen Testaments hat die Botschaft von diesen „gesprengten Fesseln“ im ganzen deutschsprachigen Raum verbreitet und bald auch darüber hinaus.

Der einst so von Ängsten geplagte Martin Luther hat eine Hoffnungsbotschaft vermittelt, die auch fünfhundert Jahre später Menschen zu einem neuen Leben befreit.


Literatur

  • Walter Martin Rehahn: 365 Tage Reformation. Menschen, Orte, Ereignisse. Der Jahresbegleiter. Stuttgart, Deutsche Bibelgesellschaft, 2016.
  • Köhler, Joachim: Luther! Biographie eines Befreiten. Leipzig, Evangelische Verlagsanstalt, 2016, ca 400 S., geb.

 



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Kommentare

Von Jörg am .

... ein Reformationstag ohne das Lied: ein feste Burg ist unser Gott - ist für mich wie ein verlorener Tag ...


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