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Doppelstaatler

Über das Vorrecht, ein Bürgerrecht in zwei Welten zu besitzen.


Mein Reisepass lügt nicht: Ich bin Deutscher. Was der Pass nicht verrät: Ich bin außerdem auch Christ. Und als Christ bin ich Bürger zweier Welten. Jedenfalls, wenn es nach dem Neuen Testament geht. Jesus hat sich entsprechend geäußert, und von den Aussagen Jesu ausgehend, hat der Apostel Paulus in seinen Briefen entfaltet, was das heißt: Bürger des Reiches Gottes zu sein – und gleichzeitig mit beiden Beinen fest auf dem Erdboden zu stehen. Mitglied eines ganz profanen irdischen Gemeinwesens zu sein, wie es die Bundesrepublik Deutschland ist.

Im Epheserbrief, gerichtet an die Christen in einer quirligen Großstadt im Westen der heutigen Türkei (damals noch direkt an der Küste der Ägäis gelegen), hat Paulus festgestellt: „Ihr seid nicht mehr nur Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen“ (Epheser 2,19). Ein starkes Statement mit weitreichenden Folgen. Im Philipperbrief behauptet Paulus sogar ausdrücklich: „Wir haben Bürgerrecht im Himmel bei Gott“ (Philipper 3.20).

Wie stark das Reich Gottes und die irdische Welt ineinander verschränkt und verwoben sind, darüber sind die Meinungen im Lauf der Kirchengeschichte auseinander gegangen. Zeitweise haben die Kirchen das Reich Gottes vor allem im Jenseits verortet. Zu anderen Zeiten haben Christen versucht, das Reich Gottes regelrecht auf die Erde herabzuzwingen – was zumeist fürchterlich schief ging. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo in der Mitte.

Das Reich Gottes ist sicher auch in Gottes Sphäre, im sprichwörtlichen Himmel also – aber es wirkt sich auch im Hier und jetzt aus, ist auch im Diesseits erfahrbar. Das hat dann auch für die Leute Konsequenzen, die Bürger dieses Reiches sind. Für Gottes Hausgenossen. Für die Jüngerinnen und Jünger von Jesus Christus.

Der Berliner Theologe Dietrich Bonhoeffer hat in einem seiner theologischen Hauptwerke, in der „Ethik“, geschrieben:

Die Welt gehört zu Christus und nur in Christus ist sie, was sie ist. […] Alles wäre verdorben, wollte man Christus für die Kirche aufbewahren, während man der Welt nur irgendein, vielleicht christliches, Gesetz gönnt. […] Es ist uns verboten, zwei Räume, zwei Wirklichkeiten zu behaupten: Es gibt nur diese eine Welt. – Dietrich Bonhoeffer

 

Weltflucht oder Weltverneinung kann nach Bonhoeffers Überzeugung keine Option für die Gläubigen sein. Vielmehr sind die Bürger des Reiches Gottes herausgefordert, sich der Welt zuzuwenden. Übereifer und Zelotismus ist aber auch nicht angebracht.

In einem Vortrag über die Bitte „Dein Reich komme“ im Vaterunser hat Bonhoeffer schon 1932 gesagt:

Weder der glaubt das Reich Gottes, der zu ihm aus der Welt flieht, noch der glaubt es, der es als ein Reich der Welt selbst aufrichten zu sollen meint. […] Wer Gott liebt, liebt ihn als Herrn der Erde, wie sie ist; wer die Erde liebt, liebt sie als Gottes Erde. – Dietrich Bonhoeffer

 

Da konnte er sich vermutlich noch nicht vorstellen, welche Zumutungen das Leben auf der Erde für viele Menschen, auch für ihn, in den folgenden Jahren bereit halten würde. Aber das hat ihn in seiner Haltung nicht beirren können.

Wenn ich Jesus beim Worte nehme, wenn ich Paulus‘ Lesart folge und Bonhoeffers Anwendung ernst nehme, dann bin ich Doppelstaatler und habe als solcher ein Mandat. Eine Aufgabe in dieser Welt, in diesem Land. Ich kann die Probleme dieser Gesellschaft vor Gott bringen – und ich kann mit den Maßstäben des Reiches Gottes im Kopf und im Herzen versuchen, in meine Umgebung hinein zu wirken. Und wenn ich es recht bedenke, dann sollte mir beides eine Ehre sein.


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