Andacht Lesezeit: ~ 5 min

Raus aus Enge, rein ins Leben

Wie schreiendes Unrecht zum Heil eines Menschen führen kann.

 

 

„Schlaf mal eine Nacht drüber.“ Diesen Rat geben Menschen sich selbst und anderen häufig, wenn es um wichtige Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen geht. Unser Gehirn sortiert im Schlaf die Eindrücke und Erlebnisse des Tages und unser Unterbewusstsein kann Wichtiges von Unwichtigem trennen.
 

Munkeln im Dunkeln

Manche Menschen wählen aber auch ganz bewusst die Dunkelheit der Nacht, weil sie nicht gesehen werden wollen bei dem, was sie tun. So wie bei der Gefangennahme von Jesus und dem anschließenden Verhör vor dem hohen jüdischen Rat (nachzulesen in Markus 15,1-15). In einer Nacht- und Nebelaktion haben die Ältesten und Schriftgelehrten den Herrn der Welt festgesetzt.

Ihr Todesurteil über ihn haben sie längst gefällt. Jetzt brauchen sie nur noch einen Vorwand, um ihn zu töten. Je schneller sie Jesus den Prozess machen, desto besser. Wie schon zuvor im Garten Gethsemane ist Jesus auch jetzt allein und ganz ohne Rückendeckung. Niemand verteidigt ihn. Niemand. 
 

Einen Sündenbock  gefunden!

Wie reagiert Jesus auf ihre harten Anschuldigungen? Er lässt sich davon nicht provozieren oder einschüchtern. Und Pilatus? Der will sich ein Bild von Jesus machen. Durch gezielte Fragen versucht er wiederholt, mit Jesus ins Gespräch zu kommen. Er bietet ihm die Möglichkeit, sich zu verteidigen. Jesus nimmt das Angebot aber nicht an. Er bestätigt nur die Aussagen von Pilatus, er verteidigt sich aber nicht. Erklärt nicht, was er wann und wo getan oder gesagt hat und wer in seinen Augen die wahren Schuldigen sind.

Das Schweigen von Jesus scheint deutlicher zu sprechen, als es irgendein hervorgebrachtes Argument könnte. Pilatus kann sich nur noch wundern und durchschaut schnell die Motivation des hohen Rates. Weil er erkennt, dass Jesus unschuldig ist, bekommt Pilatus zunehmend ein Problem. Warum? Weil er eine Entscheidung treffen muss.
 

Im inneren Zwiespalt

Von welchem Wert lässt Pilatus sich dabei steuern? Einer ist sicher seine Karriere. Erklärt er Jesus für unschuldig, käme das einem politischen Hochverrat gegenüber dem römischen Kaiser gleich. Damit würde er vermutlich das Ende seiner Karriere einläuten. Ein weiterer Wert, der durch seine Frage an das Volk deutlich wird, ist, dass er den Erwartungen der Menschen entsprechen will. Ihr Wohlwollen nicht riskieren will.

Erklärt er Jesus wider besseren Wissens für schuldig, macht er selbst sich schuldig. Mit dieser Verantwortung scheint er auch nicht leben zu wollen. Und so versucht er, der Entscheidung aus dem Weg zu gehen, in dem er sie anderen überlässt. Dafür habe ich ihn innerlich als Feigling verurteilt. Aber Halt!
 

Die eigene Haut retten 

Je stärker ich mich mit dem Bibeltext konfrontiert habe, desto mehr habe ich mich selbst als Feigling entlarvt. Anderen zu gefallen und niemandem aufs Füßchen zu treten, bestimmt auch immer wieder mal mein Handeln. Ich erinnere mich an Situationen, in denen ich, wie Pilatus, keine klare Stellung bezogen habe, wo eine Situation es erfordert hätte. Das hat mich aber nicht von meiner eigenen Verantwortung entbunden, wie mir inzwischen bewusst ist.

Denn auch wenn ich mich nicht entscheide, treffe ich eine Entscheidung. Umso dankbarer bin ich, dass Gott auch mit Feiglingen wie mir Heilsgeschichte schreibt. So wie mit Pilatus.

 

Klug eingefädelt

Um den Konflikt zu seinen Gunsten zu lösen, geht Pilatus sehr geschickt vor. Er lässt das Volk zwischen Jesus und dem gefährlichsten Verbrecher entscheiden, der gerade in seiner Provinz einsitzt. Statt Barabbas hätte er ja auch einen anderen Gefangenen vorschlagen können, zum Beispiel einen der beiden, die am Ende gemeinsam mit Jesus gekreuzigt wurden.

Aber das scheint ihm nicht sicher genug. Er muss ihnen den kriminellsten anbieten. Den werden sie doch sicher auf keinen Fall haben wollen, sondern sich für Jesus entscheiden. Alleine schon wegen all dem Guten, das er vielen Menschen getan hat. Dann könnte er Jesus freilassen, ohne sein Gesicht zu verlieren.
 

Über die eigenen Füße gestolpert

Leider geht die Rechnung von Pilatus aber nicht auf. Dafür umso mehr die Strategie der Ältesten und Schriftgelehrten. Ihnen war es gelungen, eine große Menschenmenge aufzuwiegeln. Der Same der Hetze, den sie über einen langen Zeitraum ganz gezielt gesät hatten, war auf fruchtbaren Boden gefallen. Er geht jetzt in ihrer von Hass erfüllten Forderung auf.

Pilatus versucht ein letztes Mal, das Ruder der Verurteilung zum Tod herumzureißen. Doch er scheitert. Und zwar an sich selbst. Weil er weiterhin nicht bereit ist, nach dem zu handeln, was er erkannt hat und dafür Verantwortung zu übernehmen. 

 

Einer muss dran glauben

Während es für Jesus immer enger wird, öffnet sich für Barabbas die Tür zum Leben weiter. Ob er aus seiner Todeszelle heraus hören konnte, was draußen vor sich ging? Sollte er die Frage von Pilatus an das Volk mitbekommen haben, konnte er sich ausrechnen, auf wen die Wahl fallen würde. Wenn er von Jesus und seinen Taten gehört hatte – was gut sein konnte –, hatte er als Todeskandidat keine Chance. Die Frage, was Jesus Böses getan hat, bleibt unbeantwortet. Stattdessen schreit die Meute einfach noch mehr. Ihre Wut und ihr Hass machen sie unzugänglich für Recht und Unrecht. Pilatus knickt ein.    

Was wohl Barabbas gedacht hat, als die Türen seiner Zelle geöffnet wurden und er frei kam? Wenn er sich auch nur annähernd seiner Schuld bewusst war, musste er zu dem Schluss kommen, dass sein Freispruch ein einziger Irrtum war. Oder doch nicht?
 

Ein selbstbestimmter Tod

Nein, dieses schreiende Unrecht, das Jesus geschah, war kein Irrtum. Klar ist: Der Schauprozess musste genauso ausgehen. Aber die Verurteilung geschah nicht, weil Jesus sich nicht verteidigte. Auch nicht, weil ihm die Macht gefehlt hätte, sich zu befreien. Mit einem einzigen Fingerschnips hätte er alle, die an diesem unfairen Prozess beteiligt waren, der Lächerlichkeit Preis geben können. Aber er tut es nicht. Jesus starb völlig selbstbestimmt und aus freiem Willen. Er wurde zum Tode verurteilt, weil er sich schon vor ewigen Zeiten ganz bewusst für diesen Tod entschieden hatte. Und zwar kompromisslos. Seine Entscheidung war motiviert von Liebe. Für Barabbas. Für mich. Für Sie.

Die Verurteilung geschah nicht, weil Jesus sich nicht verteidigte. [...] Jesus starb völlig selbstbestimmt und aus freiem Willen. Er wurde zum Tode verurteilt, weil er sich schon vor ewigen Zeiten ganz bewusst für diesen Tod entschieden hatte. Und zwar kompromisslos.

 

Jetzt bin ich gefragt!

Seitdem steht jeder Mensch, auch nach mehr als zweitausend Jahren, vor der Entscheidung, wie er auf diese Liebe von Jesus reagieren will. Pilatus wollte vom Volk wissen, was er mit Jesus tun soll. Die Antwort der Menschen damals ist bekannt. Wenn es um Jesus geht, können aber nicht andere für mich entscheiden. Ich muss meinen eigenen Standpunkt finden und dann persönlich Stellung beziehen.

Für mich ist Jesus der Sohn Gottes, der Gottes Urteil über mich „Sie ist des Todes schuldig“ auf sich abwälzen ließ. Zu welchem Schluss kommen Sie?



Ihr Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.
Alle Kommentare werden redaktionell geprüft. Wir behalten uns das Kürzen von Kommentaren vor. Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.

Das könnte Sie auch interessieren