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Musik zur Ehre Gottes

Wie können wir generationsübergreifend Gott loben?


Der Lobpreisleiter ist einflussreicher als der Pastor der Gemeinde – nur eine These oder doch Realität? In der Empirica-Jugendstudie aus dem Jahr 2018 von Prof. Dr. Tobias Faix und Prof. Dr. Tobias Künkler gaben 63,7% der befragten Jugendlichen an, dass „Lobpreismusik / Worship“ ihren Glauben stärke, damit wäre das der Top-Glaubensstärker der Jugendlichen. Karsten Hüttmann und Chris Pahl, die sich mit den Ergebnissen der Studie intensiv auseinandersetzen, formulieren daraufhin 10 Thesen für die Jugendarbeit von heute. Eine davon war, dass Gemeinden Lobpreis mehr Raum einräumen sollten.
 

Mehr Raum für Lobpreis

Es mag einem passen oder nicht, aber in Fragen des Musikgeschmacks ist die junge Generation wählerischer und eindeutiger, als die Generationen zuvor. Die Schnittmenge des gemeinsamen Liedguts in der Gemeinde wird immer kleiner. Die Qualität der Musik spielt gleichzeitig eine wichtigere Rolle als früher. Das hat auch damit zu tun, dass der Lobpreis nicht mehr nur „musikalische Umrahmung“ der Predigt ist, sondern als eigenes Element mindestens gleichwertig neben der Wortverkündigung steht.

Für Gemeinden bedeutet dies, die Liturgie stärker daran anzupassen und entsprechend Raum dafür zu schaffen – was für die meisten Jugendveranstaltungen schon selbstverständlich ist. Lobpreislieder sollen nicht einfach nur musikalisch begleiten, sondern stehen stärker für sich. Das bedingt eine wachsende „Professionalisierung“ der Musik und ganz neue Anforderungen an „Kirchenmusiker“, egal ob im kirchlichen oder freikirchlichen Bereich.“1

Daraus ergeben sich einige Fragen: Wie können wir in unseren Gemeinden generationsübergreifend mit der Musik Gott anbeten? Und wie schaffen wir es, dass jeder Gottesdienstbesucher erlebt, worum es geht, wenn wir Lieder singen? Dafür möchte ich in Anlehnung an Gedanken von Daniel Dangendorf einige Prinzipien vorstellen.2
 

Musik als Kommunikation

In vielen Gemeinden steht die Verkündigung des Evangeliums durch verbale Kommunikation im Vordergrund. Und das ist auch gut, denn nonverbale oder musikalische Kommunikation hat nie die sachliche Präzision einer verbalen Aussage. Doch sogar bei der Predigt gilt: „Der Ton macht die Musik“. Kein Pastor käme auf die Idee, seine Predigt so monoton wie möglich zu halten, indem er seine Stimme weder senkt noch hebt und auf jeglichen Rhythmus verzichtet.

Der Ton des Gesagten ist ein mitentscheidendes Kriterium, ob ankommt was ausgesagt werden will. Erst der Ton sorgt dafür, dass die Botschaft lebendig und einprägsam ist. Wieviel mehr gilt das für die Musik? Da Kommunikation so unglaublich komplex ist, kann ein theologisch tiefgehendes Lied vielleicht sogar durch eine dürftige musikalische Umsetzung seine Botschaft „verlieren“.
 

Eine reine Frage der Qualität?

Ich folge der Auffassung von Timothy Keller: Je größer eine Gemeinde ist, desto mehr Planung muss in Veranstaltungen investiert werden. Die Erwartungshaltung an höhere Qualität steigt mit der Größe der Gemeinde. Veranstaltungen können nicht einfach so zusammengeschustert werden, denn auch die ästhetische Messlatte wird höher gesteckt, je größer eine Gemeinde ist. Timothy Keller schreibt:

In kleineren Gemeinden basiert das Erleben der Anbetung vor allem auf den horizontalen Beziehungen unter denjenigen, die teilnehmen. Musikalische Darbietungen von ungeübten und nicht besonders talentierten Sängern werden nichtsdestotrotz geschätzt, weil „wir sie alle kennen“ und sie Mitglieder der Gemeinschaft sind.3 – Timothy Keller

 

Auch spielt die Qualität in „geschlossenen Kreisen“ eine nicht so große Rolle wie in evangelistisch offenen Kreisen. Das ist besonders bei Gemeinde-Neugründungen zu berücksichtigen. Gravierende musikalische Mängel sind unter Freunden akzeptabel, für Gäste, die in keiner Beziehung zu den Musikern stehen, allerdings maximal tolerierbar. Gekünstelte Professionalität ist aber ebenso falsch wie chronisch gewollte Unprofessionalität. Der Gottesdienst ist kein Konzert und muss nicht unbedingt dem kulturellen Angebot Konkurrenz machen.

Mein persönlicher Wunsch ist, dass wir die Frage der Musik in unseren Gemeinden nicht in erster Linie zur Geschmacksfrage machen. Es geht über Qualitätsfragen noch hinaus: C.S. Lewis antwortete in einem Buch auf die Frage, ob ein Christ Mitglied einer christlichen Gemeinde werden sollte, wie folgt:

Ich kam mit anderen Leuten zusammen, die ganz andere Ansichten und eine ganz andere Erziehung hatten, und nach und nach begann meine Einbildung einfach abzublättern. Ich merkte, dass der alte Mann mit den ausgetretenen Schuhen in der Kirchenbank gegenüber diese Lieder (und sie waren wirklich nur sechstklassige Musik) mit echter Hingabe und geistlichem Gewinn sang – und dann erkennt man mit einem Mal, dass man es nicht wert ist, seine Schuhe zu putzen. Da vergeht einem die Überheblichkeit, die sich in der Abgeschiedenheit eingenistet hat.4 – C.S. Lewis

 

Mir ist bewusst, dass die musikalischen Möglichkeiten in jeder Gemeinde unterschiedlich sind. Jedoch möchte ich aus meiner Musiker-Perspektive auch betonen, dass es immer wünschenswert ist, unsere Musik so schön wie möglich erklingen zu lassen, da sie zur Ehre Gottes gespielt wird. Es ist die primäre Aufgabe der Musiker in der Gemeinde, den Text des Liedes – und damit die intendierte Botschaft – zunächst zu begreifen und zu verstehen.

In einem zweiten Schritt muss dann überlegt werden: Wie können wir diese Botschaft angemessen musikalisch ausdrücken? Meiner Meinung nach ist es auch von enormer Bedeutung, dass es konstruktive Kritik an der Musik der Gemeinde geben darf, denn diese kann notwendig und heilsam sein. Wir wünschen uns viele gute und immer bessere Lieder, mit denen wir gemeinsam Gott loben können. Konstruktive Kritik sollte dabei stets die Einheit der Gemeinde suchen und nicht spalten.
 

Die Vielfalt musikalischer Zugänge

So unterschiedlich Menschen sind, so verschieden sind auch ihre Zugänge zur Musik. Jeder hört Musik auf seine oder ihre Art und Weise. Der praktische Theologe Peter Bubmann etwa unterscheidet folgende Hörertypen5:

  1. Der Texthörer achtet aus Prinzip ausschließlich auf den Text. Die Musik empfindet er als überflüssig und störend.
  2. Der Experte erkennt vor allem die zugrundeliegenden musikalischen Strukturen und ist in der Lage, beim Zuhören diese Strukturen zu erfassen. Auf diese Weise hören meist ausgebildete Musiker.
  3. Der gute Zuhörer erkennt musikalische Strukturen teilweise und ist in der Lage, für sich eine Bewertung vorzunehmen. Er ist ein mündiger Zuhörer.
  4. Dem emotionalen Hörer geht es weniger um die Musik als solche, sondern um den emotionalen Effekt der Musik. Er bevorzugt meditative Musik.
  5. Als Gegenteil zum emotionalen Hörer gibt es den Ressentiment-Hörer, der die emotionale Ebene verdrängt. Er verachtet die Kommerzialisierung der Musik.
  6. Der Fan hingegen verehrt die Musiker. Er identifiziert sich mit seinen Idolen, eifert ihnen nach und feiert sie.
  7. Und dann gibt es eine sehr große Gruppe, die Musik zur Unterhaltung hört. Ein Mensch dieses Typus hört Musik entweder um der Stille zu entkommen oder auch, um gewisse Gedanken zu verdrängen.
  8. Der Motoriker möchte sich beim Erklingen der Musik direkt bewegen, tanzen oder klatschen.
     

Solche theoretischen Hörerklassen helfen uns, wenn sie uns bewusst machen, wie vielfältig musikalische Zugänge sein können. Daniel Dangendorf schreibt: „Wem diese Vielseitigkeit an Zugängen zur Musik bewusst ist, der wird verstehen, warum es immer wieder zu Konflikten über die Musik im Gottesdienst kommt. Die unterschiedliche Hörgewohnheit führt auch zu einer unterschiedlichen Partizipation: der Unmusikalische wird sich wahrscheinlich der Partizipation so weit wie möglich entziehen. Er verzichtet darauf, mitzusingen, weil er niemand mit seinem schiefen Gesang belästigen will.

Den Motoriker hingegen hält es nicht auf seinem Platz, Anbetung im Sitzen ist für ihn schon undenkbar. Der emotionale Hörer wird nicht davor zurückschrecken, sein Gefühl zu äußern, zu weinen oder die Augen zu schließen. Der Texthörer hingegen wird sich der emotionalen Wirkung der Musik eher verschlossen zeigen, ihn stört die ungehemmte Selbstoffenbarung seines emotionalen Sitznachbarn.“
 

Welche Schlüsse lassen sich aus diesen grundlegenden Gedanken ziehen? Fünf Punkte scheinen mir wichtig: 

1 Musik in der Gemeinschaft

In der Gemeinde leben Christen miteinander. Und genau dort, in der Gemeinschaft, nimmt auch die Musik ihren Platz ein. „Musik im Gottesdienst sollte nie der künstlerischen Selbstprofilierung dienen, sondern stets der gemeinsamen Anbetung der ganzen Gemeinde dienen. Gesang ist in der Bibel stets eine gemeinsame Tätigkeit.“ Sowohl im Alten wie auch im Neuen Testament wird Gesang immer wieder betont und findet seinen Platz in der Gemeinde. Denn Musik verbindet, sie dient niemals der Individualisierung der Anbetung.
 

2 Musik als ganzheitliche Erfahrung

Mit Sicherheit spielt ein stückweit auch unsere deutsche Mentalität eine Rolle, „dennoch kann man sich dem Eindruck nicht erwehren, dass man in vielen Gemeinden gelernt hat, seine Emotionen zu verbergen. Trifft man dieselben Leute im Fußballstadion, ist man erstaunt, wie sehr sie sich für etwas begeistern können.“ Wenn wir von Jesus begeistert sind, so sollten wir die Freiheit haben, das nach außen zum Ausdruck zu bringen.

„Wenn unser Glaube eine rein innerliche Kopfsache ist, woran sollen die Menschen um uns herum etwas von unserem Glauben erfahren? […] Die Musik sollte Hilfe geben zu einem ehrlichen Bekenntnis des eigenen Glaubens. Sie sollte nicht Gefühle manipulieren und Ergriffenheit stimulieren, vielmehr sollte sie aus der echten Ergriffenheit des Glaubens heraus diese ganzheitlich zum Ausdruck bringen.“ Durch Musik können Menschen ganzheitlich angesprochen werden, um so auch die Lebendigkeit und Freiheit in Christus hören und spüren zu können.
 

3 Musikalische Vielfalt und Einheit

In aller musikalischen Vielfalt kann es für die Gemeinde hilfreich sein, sich inhaltlich bewusst auszurichten – im Allgemeinen, aber auch individuell für die einzelnen Gottesdienste, denn “…dann fällt es wesentlich leichter, ein Lied, welches einem zunächst stilistisch fremd ist, zu verstehen. Eine solche bewusste inhaltliche Verbindung der Lieder bewahrt vor der Praxis, einen „Quotenchoral“ oder ein „Quotenanbetungslied“ in den Gottesdienstablauf einzustreuen.“
 

4 Musik als Lehre

Der Inhalt der Musik ist von maßgeblicher Bedeutung in der Gemeinde. In Matthäus 5,37 lesen wir: „Euer Ja sei ein Ja und euer Nein ein Nein; jedes weitere Wort ist vom Bösen.“ An dem, was wir singen, wird deutlich, was wir glauben und uns wichtig erscheint. Ist es vielleicht so, dass das, was wir nicht singen, gleichzeitig auch das ist, was wir aus unserem Glauben verdrängen? In gewisser Weise offenbaren unsere Liederbücher unsere Theologie.
 

5 Einfachheit von Liedern

Die am Anfang genannte These von Hüttmann und Pahl beinhaltet auch den Aspekt, dass zwischen den Generationen heute die Schnittmenge des gemeinsamen Liedguts in Gemeinden immer kleiner wird. Begünstigt wird diese Tatsache nicht nur aufgrund einer zu wählerischen Generation, sondern auch aufgrund vieler moderner Lieder, „die leider nicht gemeindetauglich sind, da sie rhythmisch oder vom Tonumfang her nicht für den gemeinsamen Gesang von musikalischen Laien geeignet sind.“ Wenn es unsere Überzeugung ist, dass der Lobpreis in das gemeinsame Leben der Gemeinde eingebunden ist, dann sollte es unsere Anstrengung sein, dass alle Mitglieder der Gemeinde aktiv daran „teilnehmen“ können.

Jeder, ob jung oder alt, soll mitsingen können. „Die Liedauswahl kann sich jedoch nicht nur an der musikalischen Qualität orientieren. Es muss auch bedacht werden, dass eine Gemeinde Lieder hat, die ihre Geschichte und die persönliche Geschichte von einzelnen Gemeindegliedern stark geprägt haben. Lieder, mit denen sie in jungen Jahren ihrer Christusnachfolge Ausdruck verliehen haben und die darum ihr ganz individuelles und persönliches Glaubensbekenntnis sind.

Es ist schade, wenn solche Lieder ganz unter den Tisch der Zeit gekehrt werden, auch wenn sie qualitative Schwächen haben. Wer gemeindetypische Lieder aus dem Repertoire streicht, nimmt insbesondere älteren Geschwistern ein Stück ihrer geistlichen Identität.“
 

Fazit

Mein Wunsch ist es, dass wir unseren Mitgläubigen mit Liebe und Respekt begegnen. Wir alle sind Teil des Leibes Christi und wenn wir aufeinander hören, können wir ein wunderschöner Lobpreis sein – mit und ohne Musik. Ich schließe mit dem Vers aus Kolosser 3,16: „Lasst die Botschaft von Christus bei euch ihren ganzen Reichtum entfalten. Unterrichtet einander ´in der Lehre Christi` und zeigt einander den rechten Weg; tut es mit der ganzen Weisheit, ´die Gott euch gegeben hat`. Singt Psalmen, Lobgesänge und von Gottes Geist eingegebene Lieder; singt sie dankbar und aus tiefstem Herzen zur Ehre Gottes.“


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Jonas Heidebrecht (Foto: Lisa-Hanlon)
Jonas Heidebrecht (Foto: Lisa-Hanlon)

Zur Person: Jonas Heidebrecht ist Jungedreferent im Jugendwerk der Evangelischen Gesellschaft für Deutschland. Seit seinen Teenagerjahren macht er Musik in verschiedenen Bands, zuletzt von 2009-2014 als Keyboarder bei „Tobias Hundt & Band“.

Dieser Artikel ist ursprünglich erschienen in der Zeitschrift „Licht & Leben“ der Evangelischen Gesellschaft für Deutschland. Wir danken der EGfD für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung!

 


[1] Karsten Hüttmann und Chris Pahl, „GENERATION LOBPREIS“ - Zehn Erkenntnisse aus der neuesten Jugendstudie („DRAN NEXT“, Ausgabe 8/2018).

[2] Eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Thema der passenden Musik für den Gottesdienst findet man in dem Buch von Daniel Dangendorf, Musikethik in der Gemeinde: Biblisch-theologische und kirchengeschichtliche Perspektiven (Bonn: VKW, 2012), aus dem ich im Folgenden immer wieder einzelne Gedanken zu Wort kommen lasse. Nicht näher gekennzeichnete Zitate entstammen dem Schlussfazit dieses Buches (S. 221-246).

[3] Timothy Keller, Führungsprinzipien für die Entwicklung wachsender Gemeinden: Wie sich Strategien durch Wachstum verändern (2006, The Movement Newsletters) übersetzt aus dem Englischen von www.der-leiterblog.de.

[4] C.S. Lewis, Ich erlaube mir zu denken (Gießen: Brunnen, 2005), 103-104.

[5] Peter Bubmann, Urklang der Zukunft (Stuttgart: Quell-Verlag, 1988), 219f.



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