Andacht Lesezeit: ~ 5 min

Pilatus

Im Zweifel gegen den Angeklagten.


Der Karrierist

Er hatte eine beeindruckende Karriere hinter sich. War in der römischen Verwaltung aufgestiegen und seit einigen Jahren sogar Präfekt von Judäa, Samaria und Idumäa geworden. Ja, es war zwar ein heißes Pflaster gewesen, das man unter seine Aufsicht gestellt hatte, eine Unruheregion, aber er hatte die Herausforderung angenommen und seinen Job gut gemacht. Seit mehreren Jahren herrschte er, Statthalter Pontius Pilatus, über diesen besonderen Winkel des Römischen Reichs und setzte mit eiserner Faust die Pax Romana, den römischen Frieden, durch. Dazu gehörte auch, dass Pilatus Verbrecher und Aufständische gleichermaßen verfolgte.


Jetzt stand ein Wanderprediger vor ihm. In aller Frühe war er herbeigeschleppt worden von den religiösen Würdenträgern Jerusalems. Er, Pilatus, sollte ein Urteil fällen. Die Priester und jüdischen Gelehrten forderten von ihm die Maximalstrafe für diesen Mann: Das Todesurteil, zu vollstrecken am Kreuz. Aber war ein solch hartes Urteil in diesem Fall gerechtfertigt? Pilatus hegte Zweifel.

Wir wissen es nicht genau, aber es könnte durchaus sein, dass Pilatus von Jesus aus Nazareth schon einmal gehört hatte. Sollte das tatsächlich der Fall gewesen sein, waren es keine Nachrichten, die einen römischen Kommandanten wie ihn hätten beunruhigen können: Fromme Predigten über das Reich Gottes und jede Menge Berichte über Heilungswunder. Mehr gab es nicht zu vermelden.

Jetzt stand er von ihm, dieser Jesus von Nazareth. Völlig übernächtigt und ziemlich mitgenommen von den Verhören, die er bereits hatte ertragen müssen.
 

Eine schlaue Idee

Als Pilatus erfuhr, dass der Häftling aus Galiläa stammte, hatte er einen genialen Einfall. Wie wäre es, wenn er Jesus dem zuständigen Fürsten jener Gegend, Herodes Antipas, schicken würde. So könnte er ein paar Fliegen mit einer Klappe erschlagen: Politisch Schönwetter mit einem einflussreichen Herrscher machen und zugleich die Verantwortung für diesen »Fall« wegschieben. Gedacht, getan: Pilatus ließ Jesus zu Herodes abführen.

Der erste Teil seines Plans ging auf. Herodes war hoch erfreut, diesen Jesus aus Nazareth endlich einmal zu Gesicht zu bekommen. Immerhin hatte er schon viel von ihm gehört. Leider ging der zweite Teil von Pilatus‘ Plan nicht auf, denn Herodes konnte Jesus nichts Verwertbares entlocken. Und so stand Jesus bald wieder vor dem Statthalter.

Zu allem Überfluss redete seine Frau ihm ins Gewissen. Claudia Procula, wie sie in späteren literarischen Quellen genannt wird, hatte schlecht geträumt. Irgendwie hatte Jesus darin eine Rolle gespielt und jetzt war sie in großer Sorge, dass ihr Ehegatte einen Fehler begehen und diesen gerechten Mann zum Tode verurteilen könnte.
 

Das zweite Ass

Was tun, dachte sich Pilatus. Jesus noch einmal verhören? Ihm irgendwie ein Geständnis abpressen? Pilatus kam nicht weiter. Im Gegenteil. Seine Zweifel an der Stichhaltigkeit der Indizien wuchsen. Außerdem betrafen die Vorwürfe religiöse Themen und mit der Religion der Juden war er, Pilatus, nicht sonderlich gut vertraut.

Aber Pilatus wäre nicht Pilatus gewesen, hätte er nicht ein zweites Ass im Ärmel: Er würde die religiösen Honoratioren und die sie begleitende Schar vor die Wahl stellen. Er würde sich großzügig zeigen und einen Häftling freilassen. Entweder den gewalttätigen Freiheitskämpfer Barabbas oder den Wanderprediger Jesus.

Leider ging die Rechnung nicht auf. Die von den frommen Anführern inzwischen aufgestachelten Menschen verlangten für Pilatus überraschend nach der Freilassung von Barabbas und bestand auf der Hinrichtung des Wanderpredigers.
 

In die Enge getrieben

Wie konnte das sein? Pilatus verstand nicht, was vor sich ging. Lukas berichtet, dass Pilatus – inzwischen von der Unschuld Jesu überzeugt – dreimal nachfragte: „Was für ein Verbrechen hat er denn begangen? Ich finde nichts, worauf die Todesstrafe steht! Ich werde ihn also auspeitschen lassen. Dann soll er frei sein“, Lukas 23,22.

Und wieder nahm die Verhandlung eine unerwartete Wendung. Dem Augenzeugen Johannes zufolge versuchte Pilatus noch einmal, Jesus freizulassen. Aber die fanatisierte Menge schrie: »Wenn du den laufen lässt, bist du kein Freund des Kaisers; denn wer sich selbst zum König macht, lehnt sich gegen den Kaiser auf«, Johannes 19,12.

Mit einem Mal ging es für Pilatus ans Eingemachte. Unverhohlen drohte man ihm: Wähle zwischen deiner Karriere und dem Leben dieses Wanderpredigers.

Auf den Punkt gebracht, wurde mit einem Mal alles ganz einfach. Pilatus zögerte nicht lange, setzte sich über seine berechtigten Zweifel hinweg und fällte ein Unrechtsurteil. Als symbolisches Zeichen seiner Unschuld wusch er sich öffentlich die Hände mit Wasser.
 

Der Fall kommt nicht zur Ruhe

Der Rest ist Geschichte. Jesus wurde vor den Toren Jerusalems an ein römisches Kreuz genagelt und starb dort einen qualvollen Tod. Das war das Ende der Geschichte von Pilatus und Jesus, könnte man meinen. Aber nein, der Gekreuzigte sollte Pilatus fortan auf einer überraschenden Weise zusetzen:

  • Schon am dritten Tag nach der Hinrichtung verbreitete sich die Kunde, dass dieser Jesus von den Toten auferstanden sein sollte. Dieses Gerücht hielt sich hartnäckig und entfaltete großen Einfluss. Bis heute folgen Menschen dem Ruf des auferstandenen Jesus.
  • Manchen Traditionen folgend wurde auch Claudia Procula, die Frau von Pontius Pilatus, eine  heimliche Jüngerinnen von Jesus. Bis heute wird sie beispielsweise in der griechisch-orthodoxen Kirche als Heilige verehrt.
     

Was ich von Pilatus lerne

Die Geschichte von Pilatus fordert mich heraus. Er hat seine Zweifel beiseitegeschoben und sich festgelegt. Wider besseres Wissen hat Pilatus eine Fehlentscheidung getroffen. Das kann man Opportunismus nennen oder als Angst bezeichnen. In jedem Fall hat Pilatus sich dem Druck der Straße gebeugt.

Andere würden Pilatus applaudieren. Es als kluges politisches Handeln angesichts einer hochbrisanten Situation feiern, die jeden Moment hätte außer Kontrolle geraten können. Trotzdem bleibt ein schaler Geschmack übrig.

Aber auch das ist wahr: 

Gott nutze die Fehlentscheidung des römischen Statthalters, um seine guten Pläne mit den Menschen voranzutreiben. Damit nimmt Pilatus eine wichtige Rolle ein in der Heilsgeschichte Gottes.

 

Und das macht mir Mut, denn auch ich habe öfter, als mir lieb gewesen ist, mein Fähnlein nach dem Wind gerichtet. Ich habe wissentlich schlechte Entscheidungen getroffen, weil ich Sorge um mich selber gehabt hatte, anstatt das zu tun, was richtig ist. Wie gut, dass Gott auf meinen krummen Linien seine Geschichte zu schreiben vermag!


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