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Die Anti-Helden der Bibel

Abraham, Mose und David sind nicht perfekt. Deshalb können wir umso mehr von ihnen lernen.


Ich habe schon immer Geschichten geliebt und als Kind aus christlichem Elternhaus habe ich natürlich auch die Geschichten meiner Kinderbibel verschlungen. Spannend fand ich Dabei besonders die abgedrehten Stories und manches, was ich da las, keineswegs komisch oder befremdlich gefunden. Vor allem aber habe ich nicht hinterfragt, wie mir die „biblischen Helden“ präsentiert wurden, zum Beispiel im Kindergottesdienst. Für mich als Kind war klar: Die Personen der Bibel gehen ihren Weg mit Gott und sind daher Vorbilder. Ihre Schattenseiten wurden zwar nicht verschwiegen, aber kamen deutlich seltener vor.

Dabei – so wurde mir erst im Erwachsenenalter klar – können wir von den Schattenseiten der biblischen Helden viel mehr lernen als von ihren Erfolgen. Die Menschen der Bibel sind nämlich keineswegs übermenschliche Glaubensvorbilder, sondern haben ihre Kanten und Ecken, ihre Fehler und Schwächen. Um wirklich von ihnen zu lernen, lohnt es sich, sie zu entzaubern und sie von ihrem Podest zu heben. Drei Beispiele habe ich dafür ausgesucht.

Wir können von den Schattenseiten der biblischen Helden viel mehr lernen als von ihren Erfolgen.

 

Der „gehorsame“ Abraham

Abraham ist das Vorbild schlechthin in puncto Gottvertrauen, Gehorsam und Durchhaltevermögen. Er ist der erste Glaubensvater, der Gründer Israels, schlichtweg ein absoluter Held. Aber Moment mal, stützt die Bibel diese These überhaupt?

Ja, Abraham war sehr mutig. Er verließ seine Familie und zog über 1.500 Kilometer weit weg. Das war nach damaligen Verhältnissen kein 2-Tages-Trip mit dem Auto, sondern eine lange beschwerliche Reise. Aber Abraham war nicht in allen Situationen ein Glaubensheld. Er ist noch nicht lange in Kanaan und was geschieht? Er muss wegen einer Hungersnot in Ägypten Schutz suchen. Und was tut Abraham dort als Erstes? Er stiftet seine Frau Sara zum Erzählen von Halbwahrheiten an (vgl. 1. Mose 12,11-14). Abraham hat nämlich Angst, dass ihn die Ägypter wegen seiner schönen Frau umbringen, also erzählt er, sie sei seine Schwester. Dies ist keine Lüge, denn tatsächlich ist Sara seine Halbschwester. Aber es ist eben nur die halbe Wahrheit.

So kommt es, wie es kommen musste: Ausgerechnet der Pharao selbst verguckt sich in Abrahams Frau und holt sie in sein Haus. Auch jetzt tut Abraham noch nichts. Doch statt dass Gott Abraham wegen seiner Lüge straft, weist er den Pharao darauf hin, was hier gespielt wird. Dieser gibt Abraham nicht nur umgehend seine Frau zurück, sondern sorgt auch noch dafür, dass es den beiden an nichts mangelt (vgl. 1. Mose 12,18-20).

Zeichnet sich Abraham an dieser Stelle als besonders gehorsam aus? Sicherlich nicht. Vielmehr versucht der Glaubensheld Abraham hier mit Halbwahrheiten und Lügen einem Problem aus dem Weg zu gehen, ohne auf Gott zu vertrauen. Und das geht gehörig schief. Wer hier allerdings treu ist, das ist Gott. Diese Treue Gottes zieht sich durch die ganze Geschichte Abrahams. Denn Abraham wiederholt seinen Fehler später sogar noch mal (vgl. 1. Mose 20,1-18) und selbst hier verliert Gott nicht die Geduld. Auch den versprochenen Nachkommen Isaak schenkt Gott Abraham und Sara und auch das, obwohl die beiden es auch hier nicht lassen können, der Verheißung Gottes selbst nachzuhelfen (vgl. 1. Mose 16,1-16).

Was lerne ich also von Abraham? Ich lerne, dass auch Menschen mit großem Glaubensmut nicht davor gefeit sind, dem Schutz und den Verheißungen Gottes zu misstrauen und selbst nachhelfen zu wollen. Gleichzeitig lerne ich, dass dies auch gar nicht notwendig ist. Wir müssen Gott nicht unter die Arme greifen. Er macht seine Verheißungen auch so wahr. Und er macht sie selbst dann wahr, wenn wir ihm ins Handwerk pfuschen. So treu ist unser Gott. Das zeigt mir die Geschichte Abrahams.

Wir müssen Gott nicht unter die Arme greifen. Er macht seine Verheißungen auch so wahr.

 

Der mundfaule Mose

Auch Mose ist einer der hochbejubelten Helden der Bibel. Schon seine wunderbare Rettung als Baby bezeugt Gottes Macht. Aber ist Mose wirklich so vorbildlich? Keineswegs. Als er sieht, wie schlecht die Juden von den Ägyptern behandelt werden, geht er nicht etwa zu seiner pharaonischen Adoptivfamilie und diskutiert die Sache aus. Nein, Mose wird handgreiflich und tötet einen Ägypter. Daraufhin muss er fliehen und lebt erstmal viele Jahre lang als Schafhirte (vgl. 2. Mose 11-22).

Als Gott ihm dann während seiner Arbeit erscheint, ist Mose alles andere als bereit, Gottes Auftrag zu erfüllen und die Israeliten aus der Knechtschaft der Ägypter zu befreien. Gott muss Mose sehr nachdrücklich bitten, bevor dieser Gottes Auftrag überhaupt erwägt. Nicht weniger als drei Wunder erlebt Mose in dieser Szene. Aber ihm fällt trotzdem nichts Besseres ein als: „Ich bin noch nie ein guter Redner gewesen. […]Zum Reden habe ich einfach kein Talent, die Worte kommen mir nur schwer über die Lippen. […] Ach Herr, sende doch lieber einen anderen.“ (2. Mose 4,10-13).

Ob dies nur eine Ausrede war oder Mose sich wirklich schwer damit tat, vor Leuten zu reden, wird im Bibeltext nicht ganz klar. Aber Gott gibt Mose nicht auf. Er will ihn für diesen Auftrag gewinnen und er stellt ihm mit seinem Bruder Aaron jemanden an die Seite, der Moses Defizit in Sachen Kommunikation ausgleicht.

Auch ich ähnle Mose. Wenn ich eine Anfrage bekomme und dafür meine Komfortzone verlassen muss, sage ich instinktiv erstmal Nein. Wie Mose habe ich Angst, es nicht gut zu machen und mich zu blamieren. Zum Glück fordert Gott uns nicht ständig auf, unsere Komfortzone zu verlassen. Oft gibt er uns bewusst Aufgaben, die unseren natürlichen Fähigkeiten entsprechen. Aber wenn ich Gott wirklich nachfolgen will, bleiben Situationen trotzdem nicht aus, in denen ich meine Komfortzone verlassen muss. Und wie schon mit Mose geht Gott da sehr geduldig mit uns um. Wir dürfen vor ihm unsere Einwände benennen – und wir müssen es nicht allein schaffen.

Gott stellt uns die passenden Unterstützer an die Seite, damit wir seinen Auftrag erfüllen können. Das lerne ich von Mose.

 

Der Ehebrecher David

Auch König David zählt zu den ambivalenten Glaubenshelden, die große Licht-, aber auch große Schattenseiten auszeichnen. Fast jeder kennt die Geschichte, wie der kleine Hirtenjunge David nur mit einer Steinschleuder bewaffnet den Riesen Goliat besiegt und so den Israeliten den Sieg über die Philister ermöglicht (vgl. 1. Samuel 17). Später lebt David jahrelang auf der Flucht und weigert sich trotzdem, seinen Verfolger König Saul zu töten, als er die Gelegenheit dazu bekommt (vgl. 1. Samuel 24). Und zwar nur, weil dieser der gesalbte König Israels ist. Was für ein Vorbild! Was für ein Gottvertrauen! Das geht mir bei diesen Berichten über David durch den Kopf.

Aber David hat auch eine Schwäche und diese Schwäche sind Frauen. Schon bevor er König wird, ist er mit mehreren Frauen verheiratet. Als König dann fällt ihm eine wunderschöne Frau auf, die auf dem benachbarten Dach badet. Statt sich einfach nur am Anblick der Schönen zu erfreuen, muss David sie haben. Batseba wird seine Geliebte. Und als die Nachbarin schwanger wird, schreckt der Gottesheld David nicht einmal davor zurück, den Ehemann durch ein Komplott umzubringen (vgl. 2. Samuel 11). Das ist gar nicht mehr vorbildlich, sondern tatsächlich extrem abschreckend!

Doch Gott gibt David nicht auf. Er konfrontiert ihn mit seiner Schuld und David zeigt echte Reue. Natürlich bleibt Davids Handeln nicht ungestraft, aber Gott zieht seinen Segen nicht gänzlich von David ab. Denn dieser erkennt die Falschheit seines Handelns. Diese Geschichte lehrt mich, dass ich auch dann nicht vor Schuld und Sünde gefeit bin, wenn ich Gott treu nachfolge. David hatte eine enge Beziehung zu Gott, trotzdem wird er zum Ehebrecher und Mörder. Deshalb sollte ich nie überheblich denken: „Das könnte mir nie passieren“, sondern vielmehr auf der Hut sein.

Das Leben von David lehrt mich, dass ich auch dann nicht vor Schuld und Sünde gefeit bin, wenn ich Gott treu nachfolge.

 

Vor allem aber lerne ich aus dieser Geschichte, dass Gott auch dann noch etwas mit mir anfangen kann, wenn ich es mal so richtig verbockt hat. Ein Gott, der einem Ehebrecher und Mörder Gnade erweist, zeigt sich auch gnädig gegenüber meinem Fehlverhalten, sollte es auch noch so groß sein. In Jesaja 1,18 verspricht Gott uns: „Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie rot ist wie Purpur, soll sie doch wie Wolle werden.“ Alles, was wir dafür tun müssen, ist, ihn darum bitten und echte Reue zeigen.
 

In guter Gesellschaft

Abraham, Mose und David sind nur drei Beispiele für biblische Helden, die alle keine geistlichen Überflieger waren. Hinzu kommen noch Jakob, der es einfach nicht lassen kann, andere Menschen auszutricksen; und Josef, der sich als Papas Liebling mit seiner ständigen Angeberei so unbeliebt bei seinen Geschwistern macht, dass seine Brüder ihn als Sklave verkaufen. Aber damit längst nicht genug: Bei den Propheten sieht es auch nicht besser aus: Jeremia fühlt sich zu jung, um Gottes Wort zu predigen; Jona läuft vor Gottes Auftrag erstmal weg und Elia hat auf dem Höhepunkt seines prophetischen Handelns eine depressive Phase und möchte am liebsten sterben.

Auch im neuen Testament ändert sich nur wenig. Da ist Petrus, der den Mund immer zu voll nimmt, und Paulus, der die Christen so lange verfolgt, bis Jesus selbst ihm in einer Vision begegnet und ihn erstmal erblinden lässt. Alle diese Figuren taugen nur sehr bedingt als geistliches Vorbild. Aber gerade deshalb können wir von ihnen so viel lernen. Denn sie alle zeigen uns, dass Gott seine Geschichte mit ganz normalen Menschen schreibt. Mit Menschen, die um ihre Schwächen wissen, aber sich trotzdem voll auf ihn einlassen. Was sie zu Helden macht, ist ihre Beziehung zu Gott, nicht ihre eigenen herausragenden Leistungen.

Die Figuren der Bibel zeigen uns, dass Gott seine Geschichte mit ganz normalen Menschen schreibt. Mit Menschen, die um ihre Schwächen wissen, aber sich trotzdem voll auf ihn einlassen.

 

Genauso kann es auch in unserem Leben sein. Gott bietet uns an, mit ihm zu leben, und da sind Schwächen und Fehler zum Glück kein Ausschlusskriterium. Aber trotzdem müssen wir nicht jeden Fehler selbst machen. Daher mein Tipp am Ende: Wenn Sie das nächste Mal eine biblische Geschichte lesen, fragen Sie sich mal ganz bewusst, was Sie aus den Fehlern der biblischen Figur für Ihr Leben lernen können, statt allein auf deren Erfolge zu schielen. Denn ich bin sicher: In diesem Zusammenhang gilt es noch einige Schätze zu heben.


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