Andacht Lesezeit: ~ 5 min

Los – gelassen!

Was du liebst, lass frei!

 

 

Wie ich mich freute! Endlich ein eigenes Fahrrad! Und dann  - nur wenige Wochen später – hörte ich dieses krachende Geräusch!  Da lag es in zwei Teilen - mein geliebtes dunkelrotes Rad. Es hatte den Härtetest meines jüngeren Bruders nicht bestanden. Der hatte sich mein Rad einfach geschnappt und war damit die fünf Treppenstufen neben unserer Haustür runtergefahren. Das Rad war in der Mitte durchgebrochen und nicht mehr zu gebrauchen. Kaum, dass ich es geschenkt bekommen hatte, musste ich mein Rad auch schon wieder loslassen. Zumindest für einige Zeit, bis es wieder repariert war.

Bei Hanna geht es um mehr. Sie muss bald ihren Sohn Samuel loslassen. Das Kind, auf das sie so lange gewartet hatte. Den Sohn, mit dessen Geburt sich in ihrem Leben so vieles zum Positiven verändert hatte: Keine Kränkungen mehr von Peninna wegen ihrer Kinderlosigkeit. Und endlich Ansehen in einer Gesellschaft, die den Wert einer Frau u.a. von der Zahl ihrer Kinder abhängig machte.
  

Geschenkte Zeit nutzen

Ich kann mir gut vorstellen, wie sehr Hanna dieses Baby genossen hat. Es zu stillen, es zu wickeln, mit ihm zu kuscheln. Irgendwie hart, die Vorstellung, das Kind wieder abzugeben - wie ich finde.

Hanna bestimmt den Zeitpunkt selbst, wann sie Samuel zu Eli bringt. Dafür hat sie offensichtlich einen Spielraum von mehreren Jahren. Was für eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Gott und Hanna! Er macht ihr keinen Druck, sondern schenkt ihr die Zeit mit Samuel, die sie für angebracht hält. 

Ich glaube, Hanna ist sich des Einflusses bewusst, den sie als Mutter auf die Entwicklung von Samuel nehmen kann. Und welche wichtige Rolle Elkana als Vater hat. Welches Vertrauen auch zwischen Elkana und Hanna! Auch er respektiert Hannas Entscheidung und drängt sie nicht, mitzukommen. So wächst Samuel in seinen ersten Lebensjahren in seiner Familie auf.  

In der Familie erfährt und trainiert ein Kind das Zusammenleben, gelebte Gemeinschaft und Anteilnahme. Auch Liebe und den Umgang mit Konflikten u.v.m. Es lernt dadurch, sich erfolgreich in die Gesellschaft zu integrieren, ein Teil von ihr zu werden und Verantwortung darin zu übernehmen. Gott weiß also, wie Hanna und Elkana Samuel prägen werden. Die Persönlichkeit des Mannes, mit dem er später im Volk Israel, politisch gesehen, eine neue Ära einleiten wird.  

Samuel erlebt, wie seine Eltern Gott in Liebe, Ehrfurcht und Vertrauen begegnen und seine Gebote ernst nehmen. Welche Werte sie leben. Und wie in jeder anderen Familie, ist auch in Samuels Familie nicht alles eitel Sonnenschein. Im Zusammenleben mit seinen Halbgeschwistern gibt es sicher den einen oder anderen Streit. Es gibt Spannungen und Neid untereinander. Auch das erlebt Samuel. Also die Welt im Kleinen.
 

Auf freien Fuß setzen

Dann kommt der Tag, an dem sich die ganze Familie gemeinsam auf den Weg nach Silo macht. Hanna und Elkana in dem vollen Bewusstsein, dass sie ohne Samuel nach Hause zurückkehren werden. Und Samuel in dem Wissen, ab jetzt  in der Obhut von Eli Gott zu dienen. Weit weg von seinen Eltern und seiner Familie. Wie sie sich auf dem Weg von Rama nach Silo gefühlt haben?

Dort angekommen, übergibt Hanna ihren Sohn Samuel an den Priester Eli. Dann beten sie und ihre Familie Gott an. Wow! Was motiviert sie denn jetzt zur Anbetung? Hanna hat sich doch gerade erst von ihrem Kind verabschiedet. Klar, sie wusste von Anfang an, dass dieser Tag kommen würde. Dieses Wissen macht den Abschied deshalb aber nicht unbedingt einfacher. Wie nur schafft sie es, gerade jetzt anzubeten?

Hanna’s Herz ist offensichtlich frei für Gottes Ziele und sein Wirken. Sie hat etwas Wesentliches begriffen: Dass Samuel nicht ihr Besitz ist, sondern eine Leihgabe Gottes. Sie weiß um die besondere Berufung, die Gott für ihren Sohn hat. Dabei glaubt Hanna, dass Gott seine Hand über Samuel halten und ihn schützen wird. Für ihn sorgen und ihm helfen wird, gut in diese neue Situation hineinzufinden. Und auch ihr, Hanna, helfen wird.
 

Eigene Ansprüche hinterfragen

Wie viele Ziele und Wünsche haben Eltern für ihre Kinder! Dass sie einmal einen guten finanziellen und sozialen Status erreichen. Dass sie Karriere machen. In der Gesellschaft angesehen sind. Auch angesehen in der christlichen Gemeinde. Dass sie ihnen Enkelkinder schenken oder sie im Alter pflegen. Diese Wünsche sind menschlich und gut nachvollziehbar. Und lassen sich auf alle Beziehungen zu Menschen übertragen, die wir lieben, die uns wichtig sind und auf deren Nähe wir nicht verzichten wollen. Was wünsche ich mir von und für diese Personen? Welcher Maßstab liegt meinen Erwartungen zu Grunde? Und wie wichtig ist für mich dabei die Frage nach dem Ziel Gottes mit ihrem Leben?  

Aus Gottes Sicht habe ich keinen Anspruch auf die Menschen, die ich liebe. Auch nicht auf Besitz. Oder auf Erfolg. Was ich aber absolut beanspruchen darf, ist, dass Gott mich sieht und mich mit meinen Bedürfnissen ernst nimmt. Ich kann meine Erwartungen an Menschen oder für sie nur in dem Maß loslassen, in dem ich mich selbst an Gott loslasse. Auch auf die Gefahr hin, dass manches sich so ganz anders entwickelt, als ich es vielleicht geplant habe.

Hanna war sich des Gottes, dem sie die Ehre geben wollte, so sicher, dass sie loslassen konnte. Den Menschen, den sie liebte. Und ihn dem Plan Gottes unterordnen konnte. Was hat ihr dabei geholfen?
 

Im Vertrauen auf Gott loslassen

Ich glaube, es war u.a. die Erfahrung, dass Gott einige Jahre vorher ihre tiefe Traurigkeit gesehen hat, die Bitterkeit in ihrer Seele wahrgenommen und darauf reagiert hat. Das gab ihr die Gewissheit, dass Gott es gut mit ihr meint und ihr nichts vorenthält, was sie wirklich für ihr Leben braucht. Dieses Vertrauen hat sich gelohnt.

Gott schenkte Hanna und Elkana weitere drei Söhne und zwei Töchter. Und Samuel kehrte später, als er viel im Land unterwegs war, nach seinen Reisen immer wieder zurück nach Rama. Dorthin, wo Hanna lebte, seine Mutter! Ein Verlauf, der, wie ich finde, Mut macht, Gott zu vertrauen! Bei ihm komme ich nicht zu kurz!


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