Andacht Lesezeit: ~ 4 min

Auf unterschiedlicher Wellenlänge

Warum es manchmal nicht reicht, Jesus im Boot zu haben.

 

 

Ich war gerade umgezogen, als meine damals acht-jährige Nichte mich besuchen und das Wochenende mit mir verbringen wollte. Während ich die Tür zu meiner neuen Wohnung öffnete, sagte ich zu ihr: „Ich hoffe, dass du dich hier auch wohlfühlst.“ „Warum denn nicht“, fragte sie ganz erstaunt? „Weil für dich alles noch etwas fremd ist und du die Wohnung noch nicht kennst“, antwortete ich. Woraufhin meine Nichte entgegnete: „Aber Tanti, ich kenne dich doch!“

Das, was sie bisher mit mir erlebt und wie sie mich kennengelernt hatte, prägte unsere Beziehung und das Bild, das sie sich von mir gemacht hatte. Das alles ließ sie sicher auf die neue Umgebung zugehen.

Mit meiner Beziehung zu Jesus verhält es sich ähnlich. Auch sie ist geprägt von dem Bild, das ich mir von ihm gemacht habe. Welches Bild von Jesus hatten die Jünger in der Situation, die im Matthäusevangelium beschrieben wird?
 

Stürmische Zeiten

Sie sind mit Jesus auf dem See Genezareth unterwegs. Viele von ihnen sind Fischer und haben gelernt, ein Boot sicher zu steuern. Auch unter rauen Wetterbedingungen. Das ist gut so, denn dieser aufziehende Sturm hat eine neue Dimension und bringt sie unter einen enormen Druck.  

Unter Druck tue ich automatisch das für mich Naheliegende. Das, was ich immer mache, wenn ich mich z.B. unsicher, bedroht oder verletzt fühle. Unter Druck kommt das zum Vorschein, was ich, bewusst oder unbewusst, gelernt und manchmal jahrzehntelang trainiert habe. Neues Verhalten ist mir in diesem Moment normal nicht möglich.

Auch die Jünger tun das, was sie gut können und womit sie jahrelange Erfahrungen haben. Sie rudern aus Leibeskräften. Bisher sind sie noch mit jeder Wetterlage fertig geworden. Und heute haben sie den Herrn des Universums mit an Bord. Mit ihm im Boot sind sie auf jeden Fall auf der sicheren Seite. Sollte man meinen.
 

Ein schlafendes Crewmitglied

Die Lage spitzt sich zu. Wo ist Jesus? Er bekommt nichts mit von ihren anstrengenden Ruderschlägen. Den nachlassenden Kräften und ihrer wachsenden Angst. Sie kämpfen weiter, verlieren die Kontrolle über das Boot und müssen irgendwann der bitteren Realität ins Auge sehen: Dass sie sterben werden, wenn sich nicht schnellstens etwas ändert. Jetzt endlich wecken sie Jesus und schreien um Hilfe. Erst jetzt. In ihrer Todesangst!

Warum haben sie so lange damit gewartet? Sie wussten doch, was Jesus alles verändern kann und was ihm möglich ist. Sie hatten mit eigenen Augen gesehen, wie er die Schwiegermutter von Petrus und den Diener des Hauptmanns von Kapernaum heilte. Und sie hatten miterlebt, wie ein Aussätziger gesund wurde. Dieses Wissen hatte offensichtlich aber überhaupt keinen positiven Einfluss auf ihre lebensbedrohliche Situation.

Wen sahen die Jünger in Jesus? Ein weiteres Crewmitglied, mit dem nicht zu rechnen war, weil es gerade schlief? Hatten sie erwartet, dass er bei diesem Getöse von selbst wach wird und endlich unaufgefordert eingreift? Hatten sie befürchtet, er könnte ungehalten reagieren, wenn sie ihn weckten? Oder wollten sie ihm nach den anstrengenden Begegnungen mit den vielen Menschen Ruhe gönnen? Hatten sie sich selbst noch nicht genug angestrengt, um das Boot auf Kurs zu halten? Oder waren sie Jesus gar nicht wichtig? Zumindest nicht so wichtig wie die Menschen, die er kurz zuvor geheilt und in die er seine Zeit und Kraft investiert hatte.  

Ich weiß es nicht. Was ich weiß ist, dass Jesus sich von dem Angstschrei der Jünger wecken lässt und ansprechbar für sie ist. Doch direkt nach dem Aufwachen, also während er noch im Boot liegt, konfrontiert Jesus die Jünger als erstes mit ihrem Glauben.

Jesus lässt sich von dem Angstschrei der Jünger wecken und ist ansprechbar für sie.

 

Klärungsbedarf

Ich kann mir vorstellen, dass sie mit allem möglichen gerechnet hatten. Ganz sicher aber nicht mit dieser Frage: „Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam?“ Und schon gar nicht zu diesem Zeitpunkt! Jetzt, wo es doch auf jede Sekunde ankam. In Anbetracht des tödlichen Sturmes setzt Jesus eine, wie ich finde, seltsame Priorität. Umso mehr, als die Jünger sich unter diesen bedrohlichen Bedingungen auf eine solche Frage doch gar nicht einlassen können.   

Wozu stellt Jesus ihnen ausgerechnet jetzt diese Frage? Ich glaube, weil er die Jünger gerade mitten in der Seenot und nur dort am besten für etwas Wesentliches sensibilisieren konnte. Nämlich, dass der Glaube an ihn nicht jenseits ihrer Lebensumstände gelebt werden will, sondern mittendrin in ihren Herausforderungen. In allem, was sie gerade beschäftigt. Also Brutto und ohne Vorbehalt.  
 

Ein wassertauglicher Glaube

Ich kann erleben, wie sich das Leben von anderen Menschen durch seine Kraft zum Positiven verändert. Ich kann, wie die Jünger, mit Jesus unterwegs sein. Ihn, wie in diesem Bibeltext, ganz nah bei mir im Boot haben, ohne dass seine Gegenwart in meinem eigenen Leben innerlich oder äußerlich irgendetwas verändert. Das ist nur dort möglich, wo ich seiner Kraft und göttlichen Autorität persönlich vertraue. Ihm, Jesus, glaube. Und nicht nur an ihn glaube.

Die Frage nach meinem Glauben ist deshalb immer auch eine Frage der Beziehung zwischen Jesus und mir. In dieser Beziehung zu ihm kann ich neue Erfahrungen machen und meine Grenzen erweitern.

 

Deshalb will ich offen bleiben für die Fragen von Jesus. Da, wo ich wieder ein Stück mehr begreife, wer er, Jesus, ist und was er für mich sein will, kann aus laut plötzlich leise werden. Unabhängig von den äußeren Umständen. Stille kann in mein Leben treten. Göttliche Stille, die sich mit meinem Verstand und dem meiner Mitmenschen nicht erklären lässt. So wird mein Glaube, im Bild gesprochen, wassertauglich!


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Kommentare

Von Konrad B. am .

Nicht: "Ich glaube an JESUS!" sondern:
"Ich glaube JESUS!" (im eigenen Herzen!)
Und dann erfahre ich IHN auch.
Ich möchte IHM nachfolgen.
Mit JESUS hab' ich mehr als ich brauche!


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