Andacht Lesezeit: ~ 4 min

(K)ein Bad in der Menge

Eine heilsame Berührung.


Ich erinnere mich noch gut an einen Urlaub, den ich als Kind mit meinen Eltern und Geschwistern in Italien verbrachte. Bis spätabends herrschten hochsommerliche Temperaturen und lockten Tausende Urlauber auf die Straßen und in die Eiscafés. Alle paar hundert Meter hatten sich Straßenkünstler niedergelassen. Und schon nach kurzer Zeit waren sie von größeren Menschentrauben umgeben. Das Leben in der Stadt pulsierte.

Neugierig auf das, was geboten wurde, kämpften wir uns durch die Menschenmengen nach vorne, um einen Blick auf die Band, die Pantomime, den Pflastermaler, Stelzenläufer oder Zauberer zu erheischen.  

 

Einen Fixpunkt haben

Ein ähnliches Gedränge stelle ich mir vor, wenn ich in den Evangelien von einer Volksmenge lese, die sich um Jesus herum sammelte. Was motivierte den Einzelnen, sich unters Volk zu mischen? Sicher waren Hunderte dabei, die einfach nur mitliefen. Weil alle liefen. Andere waren neugierig auf Jesus. Hatten vielleicht schon viel von ihm gehört und wollten im Schutz der Menge beobachten, was er tat. Und dann gab es Menschen, die ganz konkrete Erwartungen an Jesus hatten. Die glaubten, dass eine Begegnung mit ihm ihre aktuelle Situation positiv verändern könnte.
 

Zu kurz gegriffen

So wie die blutflüssige Frau, von der in Markus 5 die Rede ist. Sie hatte von Jesus gehört. Offensichtlich war es etwas, dass sie glauben ließ, durch ihn gesund werden zu können. Und zwar nur dadurch, dass sie die Kleider von Jesus berührte. Zielstrebig kämpft sie sich durch die Menschenmenge durch bis zu Jesus. Mit Erfolg. Bekommt in dem ganzen Gedränge tatsächlich etwas von seiner Kleidung zu fassen. Und dann geschieht das, worauf sie 12 lange Jahre gewartet hat: Die Blutungen hören auf. Endlich! Gesund!

Die Bibel berichtet nichts darüber, was sie als Nächstes plante. Aber mit dem weiteren Verlauf hat sie ganz sicher nicht gerechnet: Dass Jesus in diesem dichten Gedränge etwas bemerkt hat und jetzt auch noch wissen will: „Wer hat mein Gewand angerührt?“ (ELB)

Eine, wie ich finde, seltsame Frage, die Jesus stellt. In dieser Situation! Wozu will Jesus das wissen? Genügt es nicht, es einfach für sich festzustellen? Umso mehr, als er mit Jairus unterwegs ist zu dessen sterbender Tochter. Jetzt zählt doch jede Minute. Doch Jesus hält inne und sieht sich um.  

Was löst seine Frage in der Frau aus? Sie muss sich entscheiden, wie sie jetzt reagieren will. Schweigen und zügig durch die Menge nach Hause gehen. Zufrieden mit dem, was sie von Jesus bekommen und für sich erreicht hat. Das könnte ich gut nachvollziehen. Immerhin war das sehr viel. Oder sich bewusst der Frage von Jesus stellen. Nicht wissend, wohin sie das führen würde. Sie entscheidet sich für Letzteres.

Es berührt mich wieder neu, wie Jesus mit uns Menschen, mit mir umgeht und den Kontakt sucht. Seine Frage und wie er sie formuliert, bewahrt die Frau vor einer Bloßstellung. Er gibt ihr die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, ob und inwieweit sie sich über ihre Berührung hinaus auf Jesus einlassen will. Er erzwingt die Begegnung nicht.
 

Nicht auf Kosten der Wahrheit

In diesem Moment der Konfrontation realisiert die Frau offensichtlich, dass Jesus mehr ist als ihre bisherige Vorstellung von ihm. Und je mehr sie begreift, wer Jesus ist, desto mehr erkennt sie auch die Wahrheit über sich selbst. Wer sie ist.

Die körperlich geheilte Frau begreift, dass auch ihre Beziehung zu Gott, ihr ganzes sündiges Menschsein Heilung braucht. Und dass Jesus in Person dieses Heil ist. Nicht das Drumherum, seine Kleidung, eine Quaste davon oder der Saum. Noch bevor Jesus sie überhaupt persönlich anspricht und weitere Fragen stellen kann,  bricht es nur so aus ihr heraus. Sie spricht aus, was sie erkannt hat. Die ganze Wahrheit, wie die Bibel schreibt.

Weiter berührt mich, dass Jesus ihr den Raum gibt, das alles auszusprechen. Und sich die Zeit nimmt, ihr zuzuhören. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie gut es tun kann, vor einem anderen Menschen auszusprechen, was mir auf der Seele brennt. Was mich vielleicht schon seit langem quält und belastet. Etwas in Worte zu fassen, ist oft ein erster kleiner Schritt in einem längeren Heilungsprozess.    

Damit der Prozess an dieser Stelle aber nicht abbricht, braucht es unbedingt die persönliche Begegnung mit Jesus. In ihr finde ich den nötigen Schutzraum, um seine Berührung zuzulassen. Die Berührung meines Herzens. Also alles, was mich ausmacht. Nur in der direkten Begegnung mit Jesus erlebe ich Heilung meiner Gedanken, meines Willens, meiner Ziele. Meiner Haltung gegenüber Jesus, mir selber und gegenüber meinen Mitmenschen.

Nur in der direkten Begegnung mit Jesus erlebe ich Heilung meiner Gedanken, meines Willens, meiner Ziele. Meiner Haltung gegenüber Jesus, mir selber und gegenüber meinen Mitmenschen.

 

Heil(-ung) im Verzug

Vielleicht kämpfen Sie sich, wie ich, gerade durch eine ähnliche Menschenmenge in Ihrem Innern? Und Sie spüren, dass Sie gemeint sind. Dass etwas in Ihnen Veränderung und Heilung braucht. Vielleicht trauen Sie sich – im Bild des Bibeltextes gesprochen – immer wieder ganz nah ran an Jesus. Sie berühren ihn. Und bekommen dabei auch immer etwas von seinem Gewand zu fassen. Im Gottesdienst, bei einer tiefgründigen Predigt, berührenden Anbetungsliedern oder im Austausch mit anderen Christen. Dann haben Sie einen sehr guten Anfang gemacht. 
 

Ganze Sache mit Jesus machen

Ich habe mich entschieden, es nicht bei dem „geistlichen“ Kleid, der Quaste, dem Saum zu belassen. Den Kontakt zu Jesus nicht auf meine Berührung zu beschränken. Sondern zuzulassen, dass Er mich berührt. Durch seine Person. Mit seiner ganzen Wahrheit. Er will mein Herz heilen. Mein größtes Risiko, das ich damit eingehe, ist, von Jesus zu hören: Geh hin in Frieden. Sei gesund von deiner Plage!
Wie risikofreudig sind Sie? 


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