Andacht

Von Gott gepackt und doch gesegnet

Jakob begegnet Gott in der Nacht am Fluss Jabbok – eine Begegnung mit Folgen.

Seit Jahren ist Jakob auf der Flucht. Zuerst vor dem Zorn seines Bruders Esau. Jahre später flieht er wieder. Diesmal vor Laban, seinem Schwiegervater. Nun ist Jakob fast wieder zu Hause. Esau, sein Bruder, kommt ihm entgegen. Mit 400 Männern. Und Jakob hat Angst. Er sucht nach Möglichkeiten, seinen Bruder zu besänftigen. Jetzt ist es Nacht. Gerade hat Jakob seine Familie über den Fluss gebracht. Den Jabbok. Allein bleibt er zurück. Da geschieht es. „Plötzlich stellte sich ihm ein Mann entgegen und kämpfte mit ihm bis zum Morgengrauen“ (1. Mose 32,25).

Mich fasziniert diese Begegnung. Was für eine Erfahrung, die der Mann hier macht. Oder sage ich besser, machen musste? Ich war auf einer Skifreizeit. Da schauten wir auch einen neu gedrehten Film über das Leben von Abraham, Isaak und Jakob. Und schon damals war diese Szene für mich absolut faszinierend. Ich saß noch nachts allein im Gemeinschaftsraum und schaute mir diesen Kampf an. Den Kampf zwischen Gott und Jakob. Immer wieder. Den Gott wollte ich auch kennenlernen. Immer besser. Den Gott, der alles vorbereitet hatte, um Jakob jetzt hier alleine zu begegnen. Und ihn in einen Ringkampf zu verwickeln. Es ist die Nacht vor der gefürchteten Begegnung mit Esau. Jakob hat Angst. Immer wieder hat er sich in seinem Leben mit Täuschungen, Tricks und Lügen durchgeschlagen. Das hat ihm auch viel Ärger und Not eingebracht. Aber Gott stand ihm dennoch zur Seite. Er begleitete und segnete Jakob.

Ein Fremder greift an – mitten in der Nacht

Doch in dieser Nacht tritt Gott ihm plötzlich entgegen. Und ringt mit Jakob. Der weiß anfangs gar nicht, wer ihn da plötzlich packt. Es ist dunkel. Und für Jakob ist das zunächst erst einmal ein fremder Mann, der ihn überfällt. Jakob hat auch gar keine Zeit zu überlegen. Jetzt muss er alle seine Kräfte aufzubieten, um von dem Unbekannten nicht besiegt zu werden. Er weiß ja nicht, worum es geht, und muss mit dem Schlimmsten rechnen. Doch was geschieht hier eigentlich? Warum ringt Gott selbst mit Jakob? Das Wort „ringen“ ist in der hebräischen Sprache mit dem Wort „Staub“ verwandt. Gott macht sich staubig. Merkwürdig. Jakob hat Angst. Und Gott verwickelt ihn in einen handfesten Ringkampf? Das habe ich noch in keiner Seelsorgefortbildung so gehört. So stelle ich mir Gott gewöhnlich auch nicht vor. Können Sie sich z. B. Jesus in einer Rangelei mit Petrus vorstellen? Immerhin. Beide waren Handwerker. Die wussten wohl auch ihre Körperkraft einzusetzen. Was mich fast noch mehr verwundert. Es heißt hier, Gott war Jakob nicht überlegen. Ich verstehe das so. Als meine beiden älteren Kinder noch kleiner waren, schoben wir immer mal wieder den Wohnzimmerzimmertisch zur Seite. So konnten wir auf dem großen Teppich ein bisschen ringen. Meine Tochter sagte dann oft. „Gell Papa. Du kämpfst jetzt nicht voll. Sondern so, dass ich gewinne.“ Daran erinnert mich der Ringkampf zwischen Gott und Jakob. Gott fordert Jakob zwar alles ab, aber so, dass der am Ende als „Gewinner“ dastehen kann. Gottes eigentliche Überlegenheit zeigt sich auch. Als Jakob in dieser Nacht nicht aufgibt und Gott standhält, berührt er Jakob an der Hüfte. Und das genügt schon, um sie zu verrenken.

Wenn Gott sich mir in den Weg stellt …

Vielleicht beginnt Jakob jetzt zu ahnen, mit wem er es zu tun hat. Denn sein „Gegner“ nutzt den Vorteil nicht aus. Jakob, der sonst immer geflohen war, wenn es zu Auseinandersetzungen kam, kann jetzt nicht mehr weglaufen. Aber er lässt auch nicht los. Er hält Gott fest. „Lass mich los“, sagte Gott, „der Morgen dämmert schon!" Aber Jakob erwiderte: "Ich lasse dich nicht eher los, bis du mich gesegnet hast!" (V 27) Jakob - sein ganzes Leben hat er immer gekämpft, um nicht zu kurz zu kommen. Sein Name „Jakob“ heißt Fersenhalter. Bei der Geburt hielt er seinen Zwillingsbruder an der Ferse fest. Schon da wollte er nicht zurückstehen. Und immer wieder versucht er, seinem älteren Bruder gegenüber nicht zu kurz zu kommen. Bis er ihn schließlich um den Segen des Erstgeborenen betrügt. Ich kann Jakob gut verstehen. Auch ich habe einen älteren Bruder. Es ist nicht immer leicht, der „Kleine“ zu sein. Und ältere Brüder können ihre Überlegenheit auch weidlich ausnutzen.

… dann doch, um mich zu segnen

Aber nun wird Jakob klar, was er wirklich braucht. Gottes Segen. Gottes Zuspruch. Er muss nicht mit allen Tricks kämpfen, damit er nicht kurz kommt. Er muss sich auch nicht den Segen des Erstgeborenen stehlen. Was er braucht, bekommt er hier. Vom lebendigen Gott. Der ihn in dieser Nacht gestellt hat. Um ihm das klar zu machen. An Gottes Zuwendung und Begleitung allein liegt es, ob Jakobs Leben gelingt. Mehr braucht er nicht. Aber auch nicht weniger. Und Gott segnet ihn (V. 32). Die Hände, die ihn zuvor fest gepackt hatten, berühren in jetzt, um ihn zu segnen. Wie gut. Der starke Vater aus dem Himmel segnet ihn. Das tut mir auch gut. Dieser Gott ist auch für mich wichtig. Blaise Pascal – der französiche Mathematiker und Philosoph - hat es einmal so geschrieben: „Nicht der Philosophen Gott, sondern der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.“

Noch etwas berührt mich hier sehr. „Die Sonne ging gerade auf, als Jakob weiterzog. Er hinkte, weil seine Hüfte ausgerenkt war“ (V. 33, Hfa). Von Gott gesegnet sein heißt nicht unbedingt, dass man ohne Blessuren davon kommt. Jakob hinkt. Bei jedem Schritt weiß er: „Gott ist stärker als ich. Und doch hat er mir heute Nacht einen „Sieg“ geschenkt. Er will mein Bestes. Was ich brauche, das ist sein Segen. Und den hat Gott mir gegeben.“ Auch hinkend, verletzt, gehandicapt können wir von Gott Gesegnete sein.


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