Andacht

Der defekte Heiligenschein

Warum wir trotz Macken gelassen sein dürfen.

Neulich fand ich bei mir vor der Tür eine Postkarte: „Bei deinem Heiligenschein blinkt schon wieder das Inspektionslämpchen“.  

Auf der Rückseite stand nur mein Name. Ich musste schmunzeln. Zumindest im ersten Moment. Nach einer Weile begann ich zu überlegen. War die Karte trotz des flotten Spruchs und des freundlichen Designs vielleicht gar nicht humorvoll gemeint? Bin ich jemandem auf die Füße getreten? Jemandem, der weiß, dass ich Christin bin, und der mich buchstäblich für scheinheilig hält?


Wer auch immer mir die Karte vor die Tür gelegt hat, wollte mir etwas damit mitteilen. Ob die Karte ganz ernst gemeint war oder nicht – sicherheitshalber nehme ich mir vor, an mir zu arbeiten.  Wenige Stunden später läuft mir eine Bekannte über den Weg. Sie jammert. Von ihren Beziehungsproblemen und dem Ärger mit ihren Eltern. Ich versuche, einen Blick auf meine Uhr zu werfen. Der Tag war lang und die Kälte beißt. Schließlich gelingt es mir, das Gespräch zu beenden. „Ja, ich melde mich – am Wochenende vielleicht?“ und mache mich zügig auf den Weg. Da fällt mir die Karte wieder ein. Ich wollte mich doch anstrengen. Und jetzt das.

Reparatur vom Chef

Als ich wieder zu Hause bin, fällt mein Blick auf eine andere kleine Karte, die bei uns am Spiegel klebt. „Du bist heilig“ steht darauf. Ja, was denn nun? Urteile ich anhand meines Verhaltens in den letzten Stunden, trifft das ganz und gar nicht zu. Ich sehe genauer hin. Auf der Karte steht auch ein Vers aus der Bibel: „Der Gott des Friedens heilige euch durch und durch“ (1. Thess. 5,23). Hier finde ich eine andere Perspektive auf mein Leben. Gottes Botschaft lautet nicht: „Reparier endlich mal dein Lämpchen!“. In dem Vers steht: Gott heiligt mich. Er macht mein Problem mit dem Heiligenschein zur Chefsache.

Das ist auch gut so. Denn das Inspektionslämpchen meines Heiligenscheins blinkt ständig. Ich genüge Gottes Anspruch nicht. Selbst an Tagen, die nach außen hin vielleicht heilig scheinen, gehen mir unheilige Gedanken durch den Kopf. Und wenn ich auf mein Leben schaue, ist über die Jahre hinweg kein wesentlicher moralischer Fortschritt zu verzeichnen. Immer wieder sind es die gleichen Bereiche, bei denen es hakt.

Keine Statue

Aus eigener Kraft bin und werde ich nicht heilig. Stattdessen schenkt Gott mir in Jesus Christus  Heiligkeit, einen strahlenden Heiligenschein (Vgl. 1. Kor 1,2). Jesus lebte das perfekte und heilige Leben, das ich nicht leben kann. Auf seine Heiligkeit, nicht auf meine, vertraue ich. Ich muss mich nicht bemühen, heilig zu scheinen. Durch Gottes Handeln an mir bin ich heilig. Und darüber hinaus wirkt Gott in mir und durch mich. Ich bin nicht dazu berufen, wie eine Heiligenstatue tatenlos herumzustehen. Gott wirkt in mir, darum kann ich ein Leben zu seiner Ehre führen. Tatkräftig – weil Gott seine Geschöpfe in Christus zu einem Leben voller guten Taten geschaffen hat (Eph. 2,10). Gelassen – weil Gott sich um die Heiligung seiner Geschöpfe kümmert. Immer weiter, durch und durch.


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Kommentare

Von Hagen H. am .

Manchmal denke ich dass wir Christen an zu empfindliches Gewissen haben. Aber Gott denkt darüber vielleicht ganz anders. Ihm will ich recht geben. Denn er macht uns ja gerecht und heilig.

Von Miriam am .

Gute Frage! Wir haben uns verabredet und dann länger unterhalten.

Von Anne am .

Und... was ist dann aus dem Treffen mit der Bekannten geworden?

Von Elvira K. am .


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