Andacht

Vom Glück, frei zu sein

Sola gratia: Zeuge der Gnade Gottes werden.

„Biographie eines Befreiten“. Diesen Untertitel hat Joachim Köhler im vergangenen Jahr seiner Luther-Biografie gegeben. Zu Recht, wie ich finde. Martin Luther war in der Tat ein Mann, der viel Befreiung erlebt hat. Vor allem aber von der angstvollen Frage, wie er einen gnädigen Gott bekommen könne. Es war ein Blitzeinschlag in nächster Nähe während eines schweren Gewitters, der den jungen Martin Luther nahe Stotternheim aus der Bahn warf. Schlussendlich, nach manchem Umweg, ergriff er die ausgestreckte Hand Jesu Christi und wurde ein eifriger Zeuge der Gnade Gottes.

Im Hamsterrad der Heiligkeit

Die eigene Nichtigkeit vor Augen, an sich selbst verzweifelnd, gefangen im Hamsterrad der Heiligkeit, schreibt Luther später: „Ich hatte vierzehn Schutzheilige und an jedem Tag rief ich sie zweimal an.“  An anderer Stelle bekennt der Reformator, er habe: „…viel gefastet, viel gebetet, ein härenes Hemd getragen, in wollenen Kleidern gelegen, ein hartes, strenges Leben geführt.“ Das war frommer Leistungsdruck, zu dem Martin Luther auch allen Anlass hatte, denn von Kindheit an war ihm Jesus Christus als unerbittlicher, gestrenger Weltenrichter vor Augen gemalt worden: „Ich wurde von Kindheit auf so gewöhnt, dass ich erblassen und erschrecken musste, wenn ich den Namen Christus nennen hörte, denn ich war nicht anders unterrichtet, als dass ich ihn für einen gestrengen und zornigen Richter hielt.“

Später charakterisiert Martin Luther seine Beziehung zu Jesus Christus folgendermaßen: Je „…mehr ich lief und begehrte, zu Christus zu kommen, je weiter wich er von mir.“ Er glaubte an einen schrecklich zornigen Gott, der in erhabener Reinheit vom Himmelsthron auf ihn herabsah. Angesichts dieser göttlichen Vollkommenheit war er, Luther, sich seiner abstoßenden Unreinheit nur allzu sehr bewusst. Was musste geschehen, damit Martin Luther zur reformatorischen Erkenntnis der Gnade gelangen konnte?

Ein Helfer in der Not

Luthers Beichtvater Johann von Staupitz wies ihm die Richtung. Sein offenes Ohr für den geängstigten Mönch und sein seelsorgerlicher Rat, der Gnade Gottes zu vertrauen, bereiteten die große theologische Wiederentdeckung vor: die Rechtfertigung des Christen. Im Gartenturm des Wittenberger Klosters bereitete Martin Luther seine Vorlesung über den Römerbrief vor, als es wieder einmal »einschlug«. Dieses Mal war es allerdings kein Gewitterblitz, sondern eher ein Geistesblitz. In der Beschäftigung mit dem Römerbrief erkannte Luther: Der Gerechte lebt aus dem Glauben. Gott spricht in seiner unendlich großen Gnade den Sünder frei, der sich Christus anvertraut.

Gnade bewirkt Lebensveränderung

Ich bin gerechtfertigt weil Gottes Gnade an mir wirkt. Der Gerechtigkeit Gottes ist Genüge getan durch den stellvertretenden Opfertod Jesu Christi. – Diese Worte sind für mich Selbstverständlichkeiten. Sie gehören zum Kern meines Glaubens. Für Martin Luther, der zum ersten Mal in der Tiefe zu erfassen begann, was sie bedeuteten, stellten sie alles auf den Kopf.

Jahrhunderte später ging es einem anderen Mann ähnlich. Der ehemalige Kapitän eines Sklavenschiffs, John Newton, fasste sein Staunen über die unermessliche Gnade Gottes zusammen in dem Lied „Amazing Grace“. Er, der jahrelang herz- und gewissenlos aus Menschenhandel Profit geschlagen hatte, erlebte, wie ihm vergeben wurde und er einen Neuanfang mit Jesus Christus machen durfte. Über Generationen hinweg eroberte „Amazing Grace“ die Herzen vielleicht auch deshalb, weil John Newton in unnachahmlich schlichter und doch tiefer Weise seine Dankbarkeit über die Gnade zum Ausdruck brachte. Was hat es mit der Gnade auf sich, dass sie so weitreichende Veränderungen im Leben von Menschen bewirken kann?

Ein freier Mann: Gnade im Alltag

Dazu ein kleines Alltagserlebnis aus dem vorletzten Jahr: Ich war mit einem Mietwagen geschäftlich in Nordamerika unterwegs. Während ich gemütlich durch einen Vorort rollte, blitzte hinter mir plötzlich Blaulicht auf. Ein streng dreinblickender Polizist erklärte mir, dass ich in einer 25er Zone mit 35 Meilen pro Stunde deutlich zu schnell gewesen sei. Wirklich? Das war mir gar nicht aufgefallen. O weh! Ich sah ein ordentliches Bußgeld auf mich zukommen. Die Höhe der zu erwartenden Strafe wuchs mit jeder Minute, die der Officer brauchte, um meine Personalien aufzunehmen. Ich fühlte mich hilflos. Ausgeliefert. Dann aber kam das Unerwartete: Der Polizist ermahnte mich streng und beließ es dabei. Ich brauchte kein Bußgeld zu zahlen. Ich konnte fahren, war ein freier Mann. Natürlich ist diese Geschichte eine Bagatelle im Vergleich zu dem, worum es Martin Luther und John Newton ging.

Mein größtes Glück

Ein ehemaliger Kollege, der von meiner Geschichte hörte, meinte: „Und jetzt stell dir mal vor, der Polizist hätte gesagt: ‚Sie sind schuldig. Die Strafe muss bezahlt werden. Ich übernehme das Bußgeld für Sie.‘ Den Polizisten möchte ich erleben!“ Aber ist es nicht genau das, worum es bei der Entdeckung der Gnade geht? Der gerechte Gott hat in seiner unergründlichen Liebe zu mir durch Jesus Christus meine Schuld beglichen. Durch Jesu Kreuzestod wurde Gottes Gerechtigkeit Genüge getan. Ich kann nichts dazu beitragen, außer in Demut und mit dankbarem Herzen Gottes Heil annehmen. Als mich der Polizist fahren ließ, machte sich Dankbarkeit in mir breit. „Glück gehabt!“, schoss es mir durch den Kopf, denn ich wusste: Das hätte ganz anders ausgehen können.

„Glück gehabt!“ Kann man das sagen, wenn es um Gnade geht? Mir kommt ein altes geistliches Lied in den Sinn. Es beginnt mit den Worten: „Welch‘ Glück ist’s erlöst zu sein, Herr, durch dein Blut.“ Im Chorus heißt es weiter: „O preist seiner Liebe Macht! Preist seiner Liebe Macht, preist seiner Liebe Macht, die uns erlöst!“ Ja, in diesem Sinne ist Gnade mein ganz großes Glück!  


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Kommentare

Von Johann J. am .

Kurz und prägend! Danke!

Von Albert H. am .

Einfach und doch treffend-anschaulich Luthers Entdeckung beschrieben.


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