Erfahrungsbericht

5 Dinge, die ich im Kloster gelernt habe

ERF Pop Moderatorin Mirjam Langenbach berichtet über ihre Zeit im Kloster.

Ganz ehrlich? Ich wäre alleine nicht auf die Idee gekommen, ein Wochenende alleine in einem Kloster zu verbringen. Dafür bin ich nicht der Typ. Da musste mich ERF Pop schon hinschicken. Die Aufgaben waren, herauszufinden, ob es sich in einem Kloster womöglich schneller ruhig werden lässt, und nachzuspüren, ob Gott hier Besonderes redet. Nun gut, man muss ja neugierig bleiben in meinem Job – und tatsächlich, ich habe was gelernt…
Hier sind fünf Dinge, die ich während meiner Auszeit im Kloster gelernt habe:

1. Ein Ohrwurm kann ein Gebet sein.

Zu meiner ersten Gebetszeit am Freitagabend drangen ungewohnte Töne ans Musikerinnen-Ohr: Die Zisterzienser in der Abtei Marienstatt pflegen den Gregorianischen Gesang. Auf Latein, genau wie alle anderen Elemente ihrer Stundengebete. Rezitative (vorgetragen auf einem gleichbleibenden Ton), Hymnen, Psalmen mit einigen wenigen Tönen, alles in gewisser Art und Weise gesungen. Ich kenne jede Menge Lieder, aber diese natürlich nicht. Andererseits kann ich die Argumentation der Mönche sehr gut nachvollziehen; sie erklären:

„Worte der Gesänge sind Worte Gottes. Wenn Menschen sie singen, dann ist das keine künstliche Ästhetisierung. Auch keine intellektuelle, emotional schonende, distanzierte Beschäftigung mit einem frommen Sinngehalt. Es ist vielmehr der Versuch, das Wort Gottes im Menschen zum Klingen zu bringen. Gregorianischer Choral ist nicht ‚musica‘, sondern ‚cantus‘.“

Das habe ich mir zu eigen gemacht. „Gute, wertvolle Lieder kennst du doch wohl auch jede Menge!“, hab ich zu mir gesagt. Und als der erste Ohrwurm mich früh am Samstagmorgen ereilte (Mariah Careys ‚All I want for Christmas is you‘), habe ich mich daran erinnert, dass ich ja beten wollte. Also flugs die innere Endlosschleife auf ein Loblied eingestellt! Das erste, das mir in den Sinn kam, war Michael W. Smiths „Alleluia“. Es hat funktioniert! Mein Ohrwurm betete den ganzen Morgen, dass Gott der allmächtige Herrscher ist, dass er heilig ist und dass das Lamm würdig ist. Amen! Zu Mittag hin habe ich die Ohrwurm-CD gewechselt und ein schweigendes Loblied angestimmt (Danny Pletts „Wiesen und Berge“). Und zur Wanderung am Nachmittag ein flottes Tempo für „Wie du warst vor aller Zeit, so bleibst du in Ewigkeit“.

Vielleicht ist es etwas hoch gegriffen und meine selbst erzeugten Ohrwürmer sind geistlich gar nicht so gehaltvoll wie ich denke. Aber der Apostel Paulus fordert die Christen auf, ohne Unterlass zu beten (1. Thessalonicher 5,17). In Zusammenarbeit mit den Lobliedern in Endlosschleife habe ich eine von vielen Ideen davon bekommen, wie man dieser Aufforderung nachkommen könnte. Darauf ein kräftiges „I’m no longer a slave to fear – I am a child of God!“

2. Beten in Arbeitsteilung.

Überhaupt – „Betet ohne Unterlass“ – wie wörtlich kann man das nehmen? Die Männer im Kloster nehmen es sehr wörtlich! Seit der Klostergründung im Jahr 1212 sind Mönche in Marienstatt. Es gab einige wenige Unterbrechungen der ‚Gebets- und Arbeitskette‘, wie sie es nennen. Aber im Grunde findet hier seit 800 Jahren viermal am Tag um dieselbe Zeit öffentliches Gebet statt. Viermal an jedem einzelnen Tag; das sind 292.000 Tage, 1.168.000 Stunden, immer derselbe Ablauf: „Jahrhunderte alte gregorianische Weise – im Rhythmus der Tage und Wochen, im Festkreis des Kirchenjahres“; so das Selbstverständnis der Mönche. 800 Jahre! Ein Glaube aus uralten Zeiten und damit uralter Glaube? Definitiv nicht!

Dieser alte Glaube fühlt sich gestärkt an, durch Abermillionen gläubiger Herzen und Gebete, die in den Jahrhunderten mit Gott gesprochen haben. Die Wurzeln dieses Glaubens werden tiefer. Die Mönche halten hier etwas aufrecht, das meine zeitliche Vorstellungskraft sprengt. Und ich bewundere sie dafür.

Ja, für diese Art des Betens, nach diesen festen Regeln, muss man sich zurückziehen; muss man sich dem Rhythmus dieser Welt entziehen, wenigstens ein bisschen; muss man für sich sein und sich um wenig Anderes kümmern. Aber sind nicht auch im Himmel Engel extra für das Lob Gottes zuständig (Offenbarung 5,11+12)? Wurde nicht mit den Leviten ein ganzer Stamm des Volkes Israel damit beauftragt (5. Mose 18,1-8)?

Die Mönche in Marienstatt stellen durch ihre festen Gebetszeiten ein ‚Gebet ohne Unterlass‘ her, das ein Fundament sein kann für die unzählbaren Gebete, die zu Unzeiten an Gottes Herz kommen. Diese sind vielleicht nur kurz, nur nebenbei, einmal und nie wieder oder stammelnd ausgesprochen. Vielleicht nur halb im Vertrauen ausgesprochen, oder ganz spontan und flüchtig glücklich.

„Das Gebet verändert Gott nicht, aber es verändert denjenigen, der betet.“
(Søren Kierkegaard)

Gott will alle diese Gebete haben, das weiß ich sicher. Und ich kann mir gut vorstellen, dass aus ihnen allen das eine Gebet ohne Unterlass wird. Mein persönliches Gespräch mit Gott – möglicherweise nur mein kurzer Gedanke an ihn oder meine Worte, die alle in seine Richtung heraussprudeln, ohne dass er antworten kann – ist vor allem wichtig für mich. Alle Gebete von allen aus allen Zeiten werden gemeinsam womöglich zu dem einen Gebet, das seiner wenigstens ansatzweise würdig ist.

3. Annehmen und Loslassen.

Ora et Labora. Bete und Arbeite. Die Mönche in Marienstatt tun das in ständigem Wechsel. Obwohl also dermaßen viel gebetet wird und man der Welt um sich herum die Zeit dafür klaut, wird hier auch nicht zu knapp gearbeitet.

Oder gerade deswegen? Sei’s drum, das wahre Leben geht auch an Zisterziensermönchen nicht vorüber. Das habe ich im Gespräch mit Pater Dominikus gemerkt, der als Geschäftsführer der Vermögensverwaltungsgesellschaft Abtei Marienstatt mbH im Januar an den Jahresabschlüssen sitzt, wie jeder andere Geschäftsführer auch. Und nicht nur für die eine GmbH, sondern gleich für mehrere, so dass er summa summarum Arbeitgeber für etwa 150 Menschen in der Region ist. Sehr irdische Angelegenheit! 

Ebenso wie seine Herztransplantation. Neben mir saß also ein Mann am Frühstückstisch, der einen erfolgreichen Kampf ums Leben ausgefochten hat. Und er sagte zu mir: „Wenn du da liegst, angekettet an den Schlauch vom Herzkatheter wie ein Hund in der Hundehütte, und es geht 178 Tage lang nur noch um Leben oder Tod, dann merkst du: Es gibt eigentlich nur zwei Vokabeln zu lernen. Annehmen und loslassen.“

Darum geht’s? So Simpel? Ich finde, Pater Dominikus hat in so vielerlei Hinsicht Recht! Annehmen und Loslassen, diese Vokabeln rattern seit meinem Klosteraufenthalt öfter mal durch mein Hirn. Wie man es dreht und wendet, es geht im Leben tatsächlich um Annehmen und Loslassen. Ein Beispiel:

Jakob sagt „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!“ (1. Mose 32,27). Er kämpft mit Gott, die ganze Nacht, und er lässt nicht los. Er kann erst loslassen, wenn Gott ihn segnet; wenn er sicher weiß: Gott ist bei mir, mit mir, in mir. Ohne Segen bin ich verloren, getrieben, allein, überfordert, ohne Zukunft. Ich kann Gott erst in Ruhe lassen, wenn ich mir seines Segens sicher bin.

Oder so herum gesehen: Bin ich in der Lage, die Gegenwart loszulassen und sie dadurch anzunehmen wie sie ist? Kann ich mich von Sorgen, Zwängen, Druck und der Situation, in der ich stecke, frei machen? Mit einem „Was auch immer kommt“ alles Weitere willkommen heißen? Eigentlich gehört mir ja sowieso nichts: Mein Erfolg, die Menschen um mich herum, mein Hab und Gut, meine Gesundheit. Das kann ich in Dankbarkeit von Gott annehmen, wenn ich es vorher losgelassen, also als „nicht (heils-)entscheidend wichtig“ eingestuft habe. Hier kommt das richtige Annehmen ins Spiel. Wenn ich weiß, dass alles Gute unverdient ist, kann ich es würdigen. Geschenke würdigt man. Sie sind wertvoller als was mir ohnehin zusteht – Annehmen erhöht also womöglich die Dankbarkeit… Das könnte ein wahrer Genuss werden: Frei von Dekadenz und Völlerei, stattdessen in Demut, Verantwortung und – wie gesagt – Dankbarkeit.

4. Gott kann Organtransplantation.

Ich habe im Kloster noch ein bisschen länger über den freundlichen Mönch beim Frühstück nachgedacht. Nach seiner Herztransplantation hat er nämlich mit einigen sehr skurrilen Situationen zu kämpfen. Im transplantierten Herzen sind alle Verbindungen – alle Nerven – zwischen Herz und Zentralnervensystem (Gehirn und Rückenmark) ein für alle Mal durchtrennt. Das Herz unterliegt nicht mehr dem Einfluss der Nerven. Damit kann es auch nicht mehr direkt vom Gehirn beeinflusst werden. Wenn Pater Dominikus sich plötzlich schnell bewegt oder mit dem Sport beginnt, muss er auf die Adrenalinausschüttung warten, damit sein Herz mitbekommt, dass es jetzt flotter weitergeht. Ansonsten droht er zu kollabieren, weil der Puls langsamer wird. Das Herz bekommt einfach nicht mit, dass der Rest vom Körper Sauerstoff braucht.

Ein Herz ohne Verbindung „nach oben“. Die Funktion ist zwar gegeben, aber so richtig rund und harmonisch läuft es nicht. Da habe ich an die Jahreslosung gedacht. „Ich gebe euch ein neues Herz“, sagt Gott (Hesekiel 23,26). Quasi eine Organtransplantation, nur genau umgekehrt! Die Menschen haben ihren Draht nach oben, ihre Verbindung zu Gott, verloren. Es funktioniert zwar alles irgendwie, aber längst nicht mehr so harmonisch und selbstverständlich wie es einmal gedacht war. Unser Herz schlägt nur mithilfe einer Menge Zubehör. Dann und wann schüttet Gott Adrenalin aus, damit das Herz überhaupt was kapiert, aber so richtig klar ist es ihm nicht.

Aber Gott wäre nicht Gott, wenn er jetzt nur für Ersatz sorgen würde. Er macht eine umgekehrte Organtransplantation. Er schenkt ein neues Herz, so wie es gedacht war: Mit Verbindung zu ihm. Mit dem neuen Herzen weiß ich wieder, wann es überlastet ist, zum Beispiel von Sünde. Ich merke, wie weit ich gehen kann, ohne dass ich erst zusammenbrechen muss. Ich spüre es wieder klopfen, weil göttliches Leben in mir pulsiert. So geht das bei Gott. Wenn er sagt, er schenkt ein neues Herz, dann meint er damit „neu neu“. Original.

5. Die Zeit ist eine Biskuitrolle.

Ja, man kann schon jede Menge überlegen während eines Klosteraufenthalts! Denn völlig ohne Zerstreuung ist plötzlich so unglaublich viel Zeit da! Dabei hat sich gar nichts geändert; der Tag hat immer noch 24 Stunden. Die Zeit ist irgendwie wie eine Biskuitrolle: Der Teig ist immer derselbe – auf die Füllung kommt es an!

Wirklich wichtig ist also, seine persönliche „Füllung“ zu finden. In einer Welt voller Möglichkeiten schenkt Gott mir diese Freiheit. Ich bin nicht seine Marionette, ich darf wählen; in seinem Rahmen – und der ist weit gesteckt, wie ich finde. Von Kloster bis Abenteuer. Gott ist überall, denn er will ja in meinem Herzen sein (Psalm 139, 23+24).

Ich bin immer noch nicht der Typ fürs Kloster, aber ich bin froh, dass Gott mich wählen lässt, wie meine „Füllung“ aussehen könnte.