Andacht

Die Muschel im Sandhaufen

Die Kunst der ergebnisoffenen Suche.

„Ich hab eins!!“ Der unendlich lange Strand und die Weite des Meeres sind mir plötzlich egal. Wie ein Spot auf der Bühne fokussiert mein Auge die klitzekleine Muschel. Ein Naxos-Auge! Die Legende besagt, dass jeder, der eines dieser seltenen Exemplare findet, einmal auf die wunderschöne griechische Insel zurückkehren wird. Ich bin nicht abergläubisch, aber ich wollte trotzdem unbedingt solch eine Muschel finden. Auf diese Herausforderung hatte mein Sucher-Ehrgeiz nur gewartet. Genau genommen ist es nicht mal eine Muschel, sondern die Verschlussklappe einer Meeres-Schnecke. Der Überrest eines verendeten Weichtieres. Trotzdem empfand ich einen wahren Freuden-Taumel, als ich sie in meinen Händen hielt.

Suchen ist meine große Leidenschaft. Ich meine jetzt nicht die Art von Suche, die ärgerlich ist und aufhält, sondern die, die weiterbringt. Im Gegensatz zu Geldbeutel und Schlüssel kann ich meine Lebensziele nämlich nicht verlegen. Ich suche, habe Ideen, plane und habe viel erreicht. Es mag überheblich klingen, aber ich kann zur Zeit sagen, dass ich sogar mehr erreicht habe, als ich ursprünglich wollte: Ehemann, Kinder, Job, Eigenheim und natürlich das Naxos-Auge. Ein Traum.

Aber ein schlechter für eine passionierte Sucherin wie mich. Denn wonach soll ich noch suchen, wenn ich alles erreicht habe, was ich wollte? Worauf kann ich hin arbeiten? Was könnte ein erstrebenswertes Ziel sein? Fragen rotieren in meinem Hirn und lassen mich zweifeln. Die eine Antwort gibt es wohl nicht. Aber als Lebens-Detektivin lasse ich das natürlich nicht auf mir sitzen.

Auf der Suche nach der Suche

Bisher bin ich noch nicht auf die Insel Naxos zurückgekehrt. Und wenn ich es jemals tue, werde ich nicht mehr nach Naxos-Augen suchen, denn inzwischen besitze ich einen kleinen Gefrierbeutel voll. Einige Jahre später fand ich eine ganze Reihe dieser Exemplare unerwartet am Meer, wiederum auf der Suche nach Strandgut. Auf Korsika. Wenn der Wind in eine bestimmte Richtung bläst, werden auf der französischen Insel Unmengen der Schnecken-Verschlussklappen an Land gespült. Dort heißen sie natürlich nicht Naxos-Augen. Die Korsen nennen sie „Augen der heiligen Lucia“.

Wieder habe ich gesucht. Aber ich wusste nicht, wonach. „Einfach mal gucken, was es hier gibt“, habe ich gedacht. Ich denke, das ist ein Teil der Antwort. Immer habe ich gesucht, um etwas zu erreichen - und bin zu einem Ergebnis gekommen:

Den Sinn des Lebens finde ich so nicht! Ich brauche eine neue Art des Suchens. Ich nenne sie: Die ergebnisoffene Suche. In der Bibel verspricht Jesus: „Wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.“ (Matthäus 7,8) Mit diesem Jesus habe ich mich mit 14 Jahren auf die Suche gemacht. Es wird Zeit, neu mit ihm los zu gehen. Neu zu suchen. „wer da sucht, der findet“. Das glaube ich. Auch wenn ich zur Zeit nicht weiß, wonach ich eigentlich suche. Ich suche weiter, will mehr von Jesus. Ich sage mir, wie damals auf Korsika: „Einfach mal gucken, was sich hier so findet.“ Und ich freue mich schon darauf, bald unerwartet die ein oder andere geistliche Muschel im Sandhaufen zu finden.


Ihr Kommentar

Die E-Mail wird nicht veröffentlicht.
Alle Kommentare werden redaktionell geprüft. Wir behalten uns das Kürzen von Kommentaren vor. Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.