Interview

Aus der Vegangenheit lernen (1)

Warum ein Jahresrückblick wichtig für die Zukunft ist

Am Ende des Jahres nehmen sich viele Menschen die Zeit auf das vergangene Jahr zurückzuschauen. Doch was sollte man bei einem solchen Jahresrückblick bedenken? Die Psychiaterin und Psychotherapeutin Andrea Schwalb gibt Tipps, wie man einen Jahresrückblick so gestaltet, dass man daraus etwas für das kommende Jahr lernt.

ERF Online: Wieso sind Jahresrückblicke oder persönliche Rückschauen Ihrer Ansicht nach wichtig?

Andrea Schwalb: Manche Dinge kann man nur im Rückblick verstehen und einordnen. Man erlebt sie in der Gegenwart und muss sie in der Gegenwart gestalten. Doch einordnen, welche Bedeutung sie für mein Leben haben, kann ich oft nur im Rückblick.

ERF Online: Manche Menschen sagen: Ich schaue lieber nach vorne als zurück. Was würden Sie darauf entgegnen?

Andrea Schwalb: Es gibt ein Zitat, das mir gut gefällt: „Wer die Vergangenheit nicht versteht, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen.“ Ich glaube, dass wir den Rückblick und das Verstehen der Vergangenheit brauchen, um daraus zu lernen, unser Handeln in der Zukunft zu verändern. Außerdem schätzen und wertschätzen wir manche Dinge erst im Rückblick, wenn sie eingebunden sind in einen Teil unserer Geschichte. Denn in dem Moment, in dem ich lebe, kann ich den gesamten Teil der Geschichte noch nicht erkennen.

Unbewusste Handlungsmotive verstehen

ERF Online: Wie kann ich eine gute Grundlage für einen Jahresrückblick schaffen?

Andrea Schwalb: Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, mit welcher Grundhaltung ich mir die Dinge ansehe. Ich kann wählen, welchen Blick ich darauf werfen will. Ich kann ein Glas Wasser als halbvoll oder halbleer bezeichnen. Am Wasserstand im Glas verändert sich nichts, aber die Blickrichtung, mit der ich draufschaue, ist eine andere. Ich halte bei einem solchen Rückblick auch Dankbarkeit für sehr wichtig. Denn ich habe ja auch Dinge geschenkt bekommen: Dass ich gesund bin, ist nicht mein Verdienst. Auch dass ich in einem Land wie Deutschland lebe, wo kein Krieg herrscht, ist nicht mein Verdienst. Es gibt viele Dinge, die ich nicht selbst bewirkt habe. Deswegen hilft Dankbarkeit. Denn dann sind wir uns darüber klar, dass nicht alles in unserer Hand liegt und dass wir auch gar nicht alles selbst leisten können.

ERF Online: Wenn ich nun schon im Vorhinein eines solchen Rückblicks weiß, dass ich meine Vorsätze nicht erreicht habe, und daher Angst davor habe. Was raten Sie mir?

Andrea Schwalb: Ich würde mir Hilfe beim Rückblick holen: Gute Freunde, einen Gesprächspartner, der mich versteht; oder sogar einen Seelsorger. Denn nur über das gemeinsame Gespräch kann ich herausfinden, was ich mir selbst vorgestellt und vorgenommen habe und wie es in meiner Umwelt angekommen ist. Oft ist es auch so, dass man selbst eine Veränderung noch gar nicht merkt, aber Außenstehende bereits sehen können, dass etwas passiert ist. Außerdem hat jeder von uns Motive, die unser Handeln bestimmen, die uns selbst verborgen bleiben. Doch andere, die uns gut kennen, können sie bemerken. Wir nennen das ein Erkenntnisfenster, das mir selbst nicht zugänglich ist, aber das andere von außen sehen können. Um diesen Teil von mir zu verstehen, brauche ich ein Gegenüber, das mir das spiegelt.

ERF Online: Warum sollte ich diesen Schritt überhaupt gehen, wenn ich Angst davor habe?

Andrea Schwalb: Die Frage ist, ob ich etwas verändern möchte. Denn dieser Teil in mir bestimmt entscheidend, was ich tue. Das ist das, was man allgemein als das Unbewusste bezeichnet. Diese Gedanken und Empfindungen sind unserem Verstand nicht in erster Linie zugänglich. Aber sie sind oft die Hauptmotivatoren für unser Verhalten.

Nicht zu streng mit sich sein

ERF Online: Wenn ich nun zurückschaue: Was ist ein guter Maßstab dafür, ob ein Jahr gut war?

Andrea Schwalb: Einen allgemein gültigen Maßstab gibt es nicht. Die Frage, die sich für mich stellt, ist eher: Wie bewerte ich die Dinge, die ich erlebt habe? Wie ordne ich sie in den Gesamtzusammenhang meines Lebens ein? Es ist ein Grundbedürfnis des Menschen, dass wir Verbindungen innerhalb unserer eigenen Geschichte herstellen. Das nennen wir Kohärenzgefühl. Auf diesem Hintergrund ist ein Erleben überhaupt nur zu bewerten. Denn es gibt keinen Maßstab, der für alle gültig sein könnte. Wenn jemand mit einer schweren Krankheit kämpfen musste, ist sein Jahr völlig anders verlaufen als das von jemand, der gerade den nächsten Schritt in der Karriereleiter hochgestiegen ist. Aber es gibt nicht nur äußeren Erfolg, sondern auch Bereiche des inneren Wachsens und Verstehens. Da kann es sein, dass der Erfolgreiche nicht unbedingt gewachsen ist, aber jemand, der eine schwere Erkrankung durchgestanden hat, viel über sich selbst, das Leben und den Umgang mit seinen Mitmenschen gelernt hat.

ERF Online: Die Psychotherapeutin Christa Roth-Sackenheim empfiehlt bei Jahresrückblicken, nicht zu streng mit sich selbst zu sein. Was ist Ihre Meinung dazu?

Andrea Schwalb: Mir ist das Wort von Jesus sehr wichtig geworden: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Wir gehen mit uns selbst oft strenger um als mit anderen. Aber wenn ich auf einen längeren Zeitraum zurückschaue, habe ich am Ende eines Weges eine Entwicklung gemacht und schaue mit neuen Fähigkeiten zurück. Da kann schnell das Ergebnis herauskommen: Das und das hätte ich alles anders machen können und müssen. Doch das beurteile ich mit meinen jetzigen Fähigkeiten, nicht mit den Fähigkeiten, die ich damals zur Verfügung hatte. Dadurch bekommen wir immer wieder ein schräges Bild.

Verantwortung für das eigene Verhalten übernehmen

ERF Online: Gleichzeitig besteht ja auch die Gefahr, sich Dinge im Nachhinein schön zu reden. Wo liegt der Unterschied zwischen einer ehrlichen positiven und einer geschönten Bilanz?

Andrea Schwalb: Die Frage ist eigentlich eine andere, nämlich: Bin ich bereit, Verantwortung zu übernehmen für das, was ich getan und gelassen habe? Schön reden heißt: Ich übernehme keine Verantwortung. Dann waren die Umstände oder die anderen schuld. Wenn ich ehrlich Bilanz ziehe, bedeutet das zu sagen: Das habe ich getan und das habe ich nicht getan. Es war vielleicht es nicht gut, aber vielleicht konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht anders handeln. Vielleicht muss ich auch andere um Vergebung bitten, aber ich übernehme die Verantwortung für das, was ich getan habe.

ERF Online: Nun kann es sehr unbefriedigend sein, eine vergangene Zeit nach Leistung zu bewerten. Ist es dann überhaupt sinnvoll, sich im Jahresrückblick über dieses Thema Gedanken zu machen?

Andrea Schwalb: Es kommt darauf an, was man als Leistung definiert. Wenn Leistung bedeutet: „Dieses Ergebnis muss dabei herauskommen“, kann so ein Rückblick problematisch werden. Wenn ich aber nicht nach konkreter Leistung definiere, sondern nach Veränderungen frage, habe ich einen anderen Blick darauf. Dann kann ich auch genauer überlegen, was ich bei mir verändern sollte. Und wenn ich mir diese Frage als Christ stelle, ist eine zentrale Frage dabei: Wieviel Raum lasse ich Gott, in meinem Leben zu wirken? Aber diese Fragen kann ich nur beantworten, wenn ich ehrlich bin und nicht nur nach dem Erreichten schaue, sondern auch danach frage: „Was war meine Haltung dabei?“

ERF Online: Vielen Dank für das Gespräch.


Den zweiten Teil des Interviews finden Sie im Artikel „Aus der Vergangenheit lernen (2)“. Die ganze Sendung „Rückschau – Tür in die Zukunft“ mit Andrea Schwalb können Sie sich hier anhören.


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