Andacht

Das Geheimnis wahrer Stärke

Warum es gar nicht so schlimm ist, schwach zu sein. Eine Andacht.

Noch glauben meine Kinder, dass Ihr Papa unglaublich stark ist. Und, nun ja, das bin ich ja auch – ein bisschen zumindest. Wenn einer das Marmeladenglas aufkriegt, dann ja wohl ich. Ob ich es will oder nicht: Ich bin für meine Kinder ein Vorbild. Und sie trauen mir eine Menge zu.

Manchmal finde ich diesen Gedanken wirklich beängstigend. Ein Lied der Gruppe „Ich + Ich“ beschreibt ganz gut, wie es mir dann geht:

„Du glaubst, ich bin stark und ich kenn den Weg. Du bildest dir ein, ich weiß, wie alles geht.  Du denkst, ich hab alles im Griff und kontrollier, was geschieht. Aber ich steh nur hier oben und sing mein Lied.“  (aus: Ich + Ich: Stark)  

 

 

Da steht man im Rampenlicht und stellt spätestens hinter der Bühne fest: So stark, wie andere denken, bin ich überhaupt nicht.

Neulich erfuhren unsere Nachbarn von einem Streit, den ich mit meiner Frau hatte. Sie waren überrascht, eigentlich sogar ein wenig schockiert. Für sie waren wir immer das „heilige“ Ehepaar, ein Vorbild. So schnell fallen Denkmäler von ihrem Sockel.

Würde und Demut

„Der Herr ist meine Stärke und mein Lobgesang und ist mein Heil“, lese ich im Monatsspruch (2. Mose 15,2). Der Herr ist meine Stärke – das ist schon eine interessante Formulierung. Man stelle sich einmal vor, ein Arbeitssuchender schriebe in seine Bewerbung nicht etwa „Meine Stärken sind Flexibilität, Teamfähigkeit und schnelles Denken“ sondern: „Meine Stärke ist Gott“.

Der Vers stammt ebenfalls aus einem Lied. Mose und die Israeliten singen es, nachdem Gott sie aus Ägypten befreit hat. Dort waren sie alles andere als stark, sondern unterdrückt, entrechtet und versklavt. Gott war ihre Rettung. Ihm haben sie ihre Freiheit zu verdanken. Er ist stark und kennt den Weg. Nun steht hier aber nicht „Der Herr ist stark“, sondern „Der Herr ist meine Stärke.“ Indem die Israeliten Gott folgen, wird seine Stärke also zu ihrer Stärke. Sie sind an seine Kraftquelle angeschlossen. Das verleiht ihnen Würde. Und gleichzeitig haben sie allen Grund demütig zu sein, weil sie wissen, dass Gott selbst der Grund ihrer Stärke ist. Dieser Zweiklang von Würde und Demut ist vielleicht das Geheimnis wahrer Stärke. Ich kann und ich bin etwas. Aber was ich kann und bin, ist Gnade.

In uns schlummern Superkräfte

Und was ist mit meiner Schwachheit, meinem Versagen? Ist es schlimm, dass es in meiner Ehe auch mal kracht und dass ich gar nicht so stark bin, wie meine Kinder denken? Nein, denn das Ende meiner Möglichkeiten, gibt Gott die Möglichkeit, seine Stärke zu zeigen. Diese Erfahrung hat schon der Apostel Paulus gemacht. Er schreibt: „Gott hat zu mir gesagt: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2. Korinther 12,9).

Kann ich andere Menschen so lieben, wie ich es sollte? Nein, aber Gott kann es und ich durch ihn. Kann ich den Tod besiegen? Nein, aber Gott kann es und ich mit ihm. Die Liste ließe sich noch beliebig verlängern. In uns schlummern echte Superkräfte, wenn wir Gott in uns wirken lassen.

Das möchte ich meinen Kindern mit auf ihren Lebensweg geben. Und das dürfen auch meine Nachbarn gerne wissen: Gott ist meine Stärke. Ihn möchte ich loben und ihm will ich Lieder singen – auch wenn Singen nicht wirklich meine Stärke ist.


Kommentare

Von Jan am .

Gut geschrieben, danke schön!


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