Interview

Gelebte Willkommenskultur

Was wir von der Bibel über die aktuelle Flüchtlingssituation lernen können

Die Flüchtlingssituation wirft zwei Lager auf. Auf der einen Seite gibt es die hilfsbereiten, ehrenamtlichen Helfer, auf der anderen Seite diejenigen, die die Politik zum Handeln auffordern. Wir haben mit Professor Markus Zehnder, Lehrer für Altes Testament darüber gesprochen, welche Impulse  die Bibel zum Umgang mit Flüchtlingen geben kann.

ERF Medien: 2005 haben Sie eine Habilitationsschrift zum Thema „Umgang mit Fremden in Israel und Assyrien“ veröffentlicht. Wieso beschäftigen Sie sich so intensiv mit dieser Thematik?

Markus Zehnder: Anlass waren zum einen die Beobachtung, dass Migration ein wichtiges Thema ist und zum anderen die Reaktion von kirchlicher und theologischer Seite auf diese Migrationsbewegungen. Mich hat gestört, dass in einer sehr simplen Weise reagiert wurde: Nämlich mit dem einfachen Zitieren ausgewählter einzelner Bibelverse aus dem Alten Testament, die dann eins zu eins auf die Situation heute übertragen wurden – unbeachtet  der unterschiedlichen individuellen Situation. Im zweiten Buch Mose heißt es beispielsweise: „Du sollst den Fremdling nicht bedrücken.“ Das Problem, das sich hier auftut, ist: Was ist mit Fremdling gemeint? Da muss man am Grundtext arbeiten.

ERF Medien: Werfen wir einen Blick ins Alte Testament. Was steht dort zum Thema Fremde?

Markus Zehnder: Biblische Texte, insbesondere im Alten Testament, gehen wesentlich differenzierter mit diesem Thema um, als übliche Stellungnahmen kirchlicher Behörden vermuten lassen. Die Übertragung muss mit größter Vorsicht und unter Rücksichtnahme der historischen Differenzen geschehen.

Die Gesetze des Alten Testaments sind keine Gesetze im Sinne eines deutschen Rechtsbuches, das dann in Gerichts­ver­handlungen verwendet werden könnte. Sie sind Bestandteile von Sammlungen, die wir eher im Sinne einer Verfassung verstehen müssen. Diese Gesetze sollten die Israeliten inspirieren und ihnen Anleitung geben, mit solchen Fragen umzugehen.

Es gibt in den Gesetzestexten nicht den Fremden, sondern verschiedene Gruppen von Fremden. Zum Beispiel den „ger“, der aus dem hebräischen normalerweise mit „Fremdling“ übersetzt wird. Das ist eine ganz bestimmte Art von Fremdling. Einer, der meistens auf Grund einer Notsituation von außen kommt und sich entschließt, dauerhaft unter den Israeliten zu wohnen. Dafür ist er bereit, sich in das Volk einzu­gliedern. Es gibt noch andere Arten von Fremdem, etwa die, die sich nur vorübergehend in Israel niederlassen, um zum Beispiel eine Handelsvertretung aufzumachen und ein paar Jahre Geld zu verdienen.

ERF Medien: Der „ger“ wäre heute ein Asylant. Was sagt die Bibel über die damalige „Asylpolitik“?

Markus Zehnder: Das kann man nicht eins zu eins übertragen, weil es im Alten Israel keine staatliche Behörde gab, bei der Fremde einen Asylantrag einreichen konnten. Das ist ein wichtiger Unterschied. Die Frage nach dem Umgang mit Fremden wird im Alten Testament nämlich auf der Ebene der Individuen geregelt und nicht auf der Ebene staatlicher Bürokratie. Fragen wie: „Wer hat Zugang?“, „Wie geht man mit Fremden um?“ und „Wie können wir sie integrieren?“ werden auf der Ebene der israelitischen Familie oder Großfamilie gelöst und nicht auf der staatlichen, bürokratischen Ebene.

Gleiche Regeln im Alten wie im Neuen Testament?

ERF Medien: Wie sah der individuelle Umgang mit den Fremden aus?

Markus Zehnder: Sie hatten unterschiedliche Rechte und Pflichten, je nach Bereitschaft, sich in Israel zu integrieren. Ganz konkret: Es gab etliche Gesetze, die dafür gesorgt haben, dass der „Ger“ sozial nicht schlecht gestellt wird, sondern überleben kann. Andere Gesetze haben festgelegt, wie sich ein „ger“ im kultischen Bereich, der für das alte Israel sehr wichtig war, verhalten sollte. Hier stellen wir fest, dass vom „ger“ erwartet wurde, ein Mindestmaß an kultischen Regelungen einzuhalten.

Das beinhaltete zum Beispiel, am Schabbat oder Jom Kippur, dem sogenannten Versöhnungstag, nicht zu arbeiten oder keine Opfer an fremde Götter zu bringen. Das sind die gleichen Verbote, die auch für Israeliten galten. Von den positiven Geboten ist der „ger“ weitgehend unberührt. Da entscheidet er selbst. Er kann zum Beispiel entscheiden, ob er für den Gott Israels ein Opfer bringen oder am Passah teilnehmen will. In diesem Fall gelten für ihn die gleichen Regeln wie für die Israeliten. Insbesondere heißt das, dass die männlichen Glieder seiner Familie beschnitten werden müssen, womit dann faktisch ein Übertritt in die israelitische Kultgemeinschaft stattfindet. Generell ist es wichtig, das Alte Testament in seiner Gesamtheit wahrzunehmen und darauf zu verzichten, Einzeltexte in der einen oder anderen Richtung zu zitieren.

ERF Medien: Im Neuen Testament stehen Jesus Christus und die Nächstenliebe im Mittelpunkt. Gibt es da einen Widerspruch zum Alten Testament?

Markus Zehnder: Ja und nein. In gewisser Hinsicht ist die Gemeinde im Neuen Testament die Fortsetzung des alten Israels. Das heißt, die Texte, die wir im Alten Testament haben, sind im Kontext der Kirche anwendbar. Aber nicht im Kontext des Staates. Und selbst in der Anwendung auf die Kirche müssen wir Vorsicht walten lassen, weil die Situation sich verändert hat.

Den Wert der Nächstenliebe gibt es schon im Alten Testament. Wenn Jesus von Nächstenliebe spricht, zitiert er daraus. Neu ist, dass in der Gemeinde jetzt Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft miteinander verbunden sind. Aber das wird nicht als Problem geschildert. Den Israeliten haben sich bei dem Auszug aus Ägypten auch eine große Menge Nichtisraeliten angeschlossen.  Geschichten aus dem Neuen Testament entsprechen also denen des Alten. Die Unterscheidung verschiedener Gruppen von Fremden und die unterschiedliche Behandlung Fremder kann in voller Ausübung der Nächstenliebe geschehen. Denn es handelt sich hierbei um das Ernstnehmen dessen, was von der Schöpfung her vorgegeben ist – nämlich, dass Menschen verschieden sind. Und das ist nach dem biblischen Verständnis gut.

Sache des Staates oder des Einzelnen?

ERF Medien: Wie haben die ersten Christen im Neuen Testament Fremde aufgenommen?

Markus Zehnder: Darüber wissen wir sehr wenig. In den Texten des Neuen Testaments geht es um Gastfreundschaft. Da wird kein Unterschied nach ethnischer Herkunft gemacht. Aber da ist eben die private Ebene gemeint. Das Neue Testament hat keinen Staatsentwurf in dem Sinn, wie wir ihn im Alten Testament vorfinden. Der wird vorausgesetzt und dann punktuell auf die gegenwärtige Situation angewendet.

ERF Medien: Im Neuen Testament spricht der Apostel Paulus von der Obrigkeit, die für Recht und Ordnung sorgt. Also doch eine Staatsgewalt. Ist sie nun zuständig für Flüchtlingsströme und Fremde?

Markus Zehnder: Der Staat hat nach Paulus die Hauptaufgabe, für Ordnung zu sorgen. Heutzutage beobachte ich, dass der Staat gerade hier im Westen an dieser Grundaufgabe in gewissem Maße scheitert, weil er sich zu viele andere Aufgaben aufbürdet. Nach der Bibel wären die Grundaufgaben nämlich die Abwehr des Bösen und damit der Schutz des Lebens. Heute werden das biblische Verständnis und die Realpolitik leider oft vermischt.

ERF Medien: Also wäre die Willkommenskultur mehr auf einer persönlich individuellen Ebene zu leben. Und die Ordnung wäre Aufgabe des Staates?

Markus Zehnder: Im Prinzip ja. Nun ist das Problem, dass wir uns in einer anderen Situation vorfinden und mit dieser Situation umgehen müssen. Heute ist es so, dass die Frage nach dem Umgang mit Fremden – also vor allem die Frage des Asylrechts und der Migration – generell staatlich organisiert ist. Das ist so. Von der Bibel her ist das nicht die günstigste Situation. Deshalb müssen wir als Christen daran arbeiten, dass wir zu dem Modell zurückkommen, das biblisch inspiriert ist und das der Privatperson und der Familie mehr Kompetenzen zuteilt.

ERF Medien: Herr Zehnder, wir danken für dieses Gespräch.


Kommentare

Von Klaus L. am .

Eine sehr schöne differenzierte Darstellung.
Danke!
Es tut gut sich zu mühen, soziale- und ganz weltliche Fragen aus dem Geist der Bibel heraus zu beantworten - auch wenn es nicht immer einfache Antworten gibt. Das hat Markus Zehnter gut hinbekommen wie ich finde.

Von Torsten H. am .

Diese Verunglimpfung durch schwarz-weiß-Malerei schon in der Einleitung. Können Sie sich vorstellen, dass es auch Menschen gibt, die die Politik zum Handeln auffordern und trotzdem hilfsbereit sind. Wenn ich so wie Sie einteilen würde müßte ich sagen, es gibt Leute die denken und auf der anderen Seite solche die nicht denken. Das verkneif ich mir, obwohl es manchmal wirklich so scheint.

Anmerkung der Redaktion:
Hallo Torsten, vielen Dank für deinen berechtigten Einwand. Es war natürlich mehr

Von Ulrich H. am .

Ich finde den Artikel gelungen. Man kann manchen Dinge aber nicht auf die Kürze eines Bildzeitungs - Artikels runterbrechen - manchmal braucht man eben Zeit, um etwas ganz durchzulesen und zu verstehen.

Von Friedrich am .

Sehr ausführlich wer liest schon gerne so viel Bitte nächstes mal schneller auf den Punkt kommen. Aber gut fundiert ich versuche es aufzunehmen. Danke.


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