Andacht

Zweite Chancen

Warum ich mich von Gottes Vergebung anstecken lassen möchte. Eine Andacht

Haben Sie auch den Film „Der Prediger“ gesehen oder sein Buch gelesen? Falls nicht, hier seine Geschichte in Kurzfassung: Der Prediger erlebt als Kind Gewalt, Gleichgültigkeit und Kälte durch seine Eltern. Als sein Vater schließlich dafür sorgt, dass seine Verlobte ihn nicht heiratet, platzt dem Prediger der Kragen: Er beginnt alle zu hassen – seinen Vater, seine Mutter, Gott. Er will sich rächen. Er will töten. Schließlich schubst er seine zweite Verlobte kurz nach der Heirat von einer Klippe. Der Prediger landet im Knast, erlebt Gott und wird Jahre nach seiner Freilassung Pfarrer. Seine Identität hält er trotzdem geheim.

Gibt es einen gesellschaftlichen Neuanfang?

Der letzte Punkt hat mich länger nicht losgelassen. Als ich die Geschichte des Predigers gelesen habe, war ich begeistert davon, wie Gott diesen hasserfüllten Menschen verändert. Wie er ihm eine Perspektive schenkt. Wie er ihm hilft, einen Neuanfang zu wagen. Warum stellt sich der Prediger nicht vor alle Kameras in Deutschland und sagt: „Ja, ich habe meine damalige Frau getötet. Ich bereue, was ich getan habe, kann es aber nicht ungeschehen machen. Trotzdem liebt Gott mich und hat etwas mit mir vor.“ Das wäre doch genial, oder?

„Wenn rauskommt, wer ich bin, ist meine Familie erledigt“, schreibt der Prediger. Und ich merke, dass ich mit meinem Kopf in einer göttlichen Welt gesteckt habe. Deswegen frage ich mich: Wie schwer ist bei uns eigentlich ein gesellschaftlicher Neuanfang? Gott empfängt uns mit offenen Armen, wenn wir uns von unserer Vergangenheit abwenden möchten. Er vergibt, zeigt neue Wege auf und schmiedet große Pläne mit uns. Wie aber gehen Menschen mit demjenigen um, der erst Mist baut und später bereut?

Gottes Liebe soll auf mich abfärben

Ich freue mich immer wieder darüber, dass Gott mir eine neue Chance gibt, wenn ich etwas verbockt habe. Ich nehme gerne für mich in Anspruch, dass Jesus für all meinen Bockmist gezahlt hat. Und ich weiß auch, dass Jesus für den ganzen Bockmist aller anderen Menschen auch gezahlt hat. Aber gestehe ich es ihnen zu? Manchmal. So wie bei dem Prediger, dessen Geschichte mich gefesselt und begeistert hat. Aber er ist schließlich weit weg – und hat nicht meine Schwester, Tochter oder Freundin auf dem Gewissen.

Trotzdem wünsche ich mir, dass ich lerne, zu vergeben und Menschen einen Neuanfang zuzugestehen. Ich wünsche mir, dass ich Menschen nicht in den Schubladen der Vergangenheit festhalte. Im Grunde wünsche ich mir, dass Gottes Liebe und seine Vergebung auf mich abfärben. Dann kann ich gar nicht anders, als mich über die zweiten Chancen zu freuen – für mich und für alle anderen.   


Kommentare

Von Heiko am .

Danke für den herausfordernden, aber von ehrlicher Betroffenheit geprägten Impuls. Ich will auch neu lernen und mich ermutigen lassen anderen eine zweite auch immer wieder nochmalige Chance zu geben.

Von Sibyll am .

Das wünsche ich mir auch. Es gibt einen Menschen, der mich zutiefst verletzt und in meinen Grundfesten erschüttert hat. Gott sei Dank, hat das Böse, dass sie in Besitz genommen hat nicht gesiegt. Mit lieben Menschen habe ich gegen ihn angebetet und Gott hat Auswege geschaffen. Auch ich glaubte vergeben zu können, aber ich spüre, dass ich nicht mehr vertrauen kann. Was kann ich tun? Wie schaffe ich es, ehrlich darum zu bitten, daß Alte loszulassen und Vertrauen zu finden.?


Ihr Kommentar

Die E-Mail wird nicht veröffentlicht.
Alle Kommentare werden redaktionell geprüft. Wir behalten uns das Kürzen von Kommentaren vor. Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.