Andacht zum Monatsspruch

Ein offenes Ohr für Zweifler

Wie wir einander in Zweifeln ermutigen können. Andacht zum Monatsspruch November.

Letztens hat mir mein Schwiegervater von einer interessanten Begebenheit erzählt. Draußen vor der Kellertür hatte sich eine Maus im gefliesten Bereich verirrt. Für das kleine Tier war das eine tödliche Falle, aus der es sich aus eigener Kraft nicht befreien konnte. Was tun? Mein Schwiegervater hatte Erbarmen, beugte sich und ließ die verängstigte Maus auf seine Hand krabbeln. Dann stieg er die Treppen hoch in den Garten und schenkte der Maus die Freiheit. Aber, anstatt davonzurennen, tippelte die Maus an seinem Arm hoch, schaute meinem Schwiegervater kurz in die Augen bevor sie sich drehte, um das Weite zu suchen. Für mich war klar, so kann Erbarmen aussehen.

Der Apostel Judas empfiehlt in seinem Brief: „Erbarmt euch derer, die zweifeln.“ (Judas 22)

Der Autor dieses Bibeltextes hat also Menschen im Blick, die mit Zweifeln kämpfen. Also Leute, die sich nicht sicher sind: Reichen meine Kräfte? Werde ich mit meinem Vorhaben scheitern? Was ist, wenn ich es nicht schaffe? Habe ich das mit dem Glauben richtig verstanden? Kann ich mich auf die Worte der Bibel verlassen?

Eine gute und eine schlechte Nachricht

Doch Zweifel sind nicht nur schlecht. Es gibt, was sie angeht, eine gute und eine schlechte Nachricht.

Die schlechte Nachricht: Zweifel verunsichern. Sie haben das Potential, uns aus der Bahn zu werfen. Manche Zweifel lähmen regelrecht, weil sie Lebenskraft förmlich absaugen.

Die gute Nachricht: Jeder Mensch zweifelt. Zweifel gehören zu uns. Ein wacher, kritischer Geist ist wichtig, wenn es darum geht, gute Entscheidungen zu treffen. Wenn wir zweifeln,  lassen wir uns nicht alles aufbinden – und das ist gut so! Eine gesunde Portion Skepsis kann vor manchem Fehler bewahren.

Was gegen den Zweifel hilft:

Wer zweifelt, braucht in der Regel Hilfe, ein offenes Ohr, eine Ermutigung, eine neue Perspektive. Judas fordert dazu auf, unserem Gegenüber wohlwollend und mit Verständnis zu begegnen. Er verwendet dabei einen kraftvollen Begriff, der heute aus der Mode gekommen ist: Erbarmen.

In einem alten Kirchenlied heißt es: „Mir ist Erbarmung widerfahren, Erbarmung, deren ich nicht wert.“ Mit anderen Worten: Jesus hat sich aufgemacht, hat sich mir zugewendet und mir tatkräftig in meiner Not geholfen. Genau darum geht es. Ums Handeln ¿ auch bei mir.

Das Erlebte teilen

Aber im Wort Erbarmen schwingt noch eine weitere Bedeutung. Wenn ich mich über jemanden oder eine Situation erbarme, dann tue ich das aus freien Stücken ohne etwas dafür zu erwarten. Ich tue es, weil ich mitfühle. Erbarmen ist nichts anderes als praktizierte Nächstenliebe ¿ etwas, das spontan aus dem Herz kommt.

Das eben zitierte Lied gibt mir den entscheidenden Impuls. Mir ist Erbarmung widerfahren. Ich habe von der Liebe anderer profitiert. Jetzt ist es an mir, andere großzügig an dem teilhaben zu lassen, was mir geschenkt wurde: selbstlose Nächstenliebe.


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