Buchrezension Lesezeit: ~ 4 min

Bei Gott ist Platz für mich

Julius Steinberg erklärt in einem neuen Buch"Wie Gott uns Raum zum Leben schenkt" die befreiende Wirkung der 10 Gebote.


Um Gottes Willen leiden und die eigenen Bedürfnisse zurückstellen – ist das wirklich die Aufgabe eines Christen? Diese ehrliche Frage beantwortet Theologe Julius Steinberg in seinem neusten Buch „Wie Gott uns Raum zum Leben schenkt – Plädoyer für Weite im Glauben“. Steinberg hält es für ein frommes Missverständnis, wenn Christen ihre Bedürfnisse verleugnen. Demgegenüber stellt er die befreiende Erkenntnis: Gott schafft dem Menschen in der Schöpfungsgeschichte bewusst Raum zum Leben. Dabei geben die zehn Gebote uns Menschen Hilfestellung, wie wir mit dem geschenkten Lebensraum gut umgehen können. Anhand dieser beiden wichtigen Passagen der Bibel entfaltet Steinberg ein theologisches Konzept, das helfen soll, den eigenen Lebensraum zu finden und bewahren.
 

Gott schafft Lebensraum

Dass Gott dem Menschen in der Schöpfung Lebensraum erschafft, ist keine neue Vorstellung. Christen sind überzeugt, dass ohne Erschaffung der Erde kein Lebensraum bestände, in dem wir Menschen leben könnten. Soweit schildert Steinberg in „Wie Gott uns Raum zum Leben schenkt“ also erstmal allgemein bekannte Tatsachen. Naturwissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass die Erde exakt die Eigenschaften hat, die menschliches Leben möglich machen. Läge unsere Erde näher an der Sonne, wäre es auf ihr zu heiß für menschliches Leben; läge sie weiter weg von der Sonne, herrschte bei uns ewige Eiszeit.

Weniger bekannt dürfte die Logik der sieben Schöpfungstage sein, die Steinberg in seinem Buch ausbreitet. So gestaltet Gott erst an drei Tagen Lebensräume und an den weiteren drei Schöpfungstagen die dazugehörigen Geschöpfe. Die Schaffung von Licht und Finsternis wird am vierten Tag durch die Schaffung der Gestirne ergänzt. Am zweiten Tag schafft Gott Himmel und Wasser, am fünften Schöpfungstag dazu passend Wassertiere und Vögel. Und die Schaffung von Festland und Pflanzen am dritten Schöpfungstag macht erst die Erschaffung von Landtieren und Menschen möglich.
 

Den eigenen Platz finden

Doch was bedeutet die Schöpfung für mich persönlich? Auch darauf geht Julius Steinberg ein. In der Schöpfung wird allen Lebewesen ein gewisser Lebensraum zugewiesen. Darauf aufbauend leitet Steinberg ab, dass Gott Platz für jeden Menschen schafft. Jeder Mensch soll seinen für ihn passenden Platz finden und einnehmen. Zunächst einmal wird den Menschen mit der Schöpfung eine Aufgabe gegeben: Sie sollen die Schöpfung beherrschen und bewahren. Dies bedeutet, dass der Mensch vor Gott eine Verantwortung für seine Umwelt hat. Aber der Mensch hat nicht nur eine Verantwortung, er hat auch Rechte. Er darf seinen privaten Lebensraum aufbauen.

Anschließend gibt Julius Steinberg hilfreiche Tipps dazu, was es bedeuten kann, den eigenen Lebensraum aufzubauen und zu schützen. Laut Steinberg kann dies für den einen bedeuten, Grenzen zu ziehen. Für einen anderen bedeutet es vielleicht, eine neue Aufgabe wahrzunehmen oder eine Aufgabe abzugeben, die man nur aus Verantwortungsgefühl macht. Vorbildlich empfinde ich, dass Steinberg zwar auch über Äußerlichkeiten wie das Gestalten der eigenen Wohnung spricht, aber immer auch die innere, seelische Komponente mitbedenkt.
 

Die zehn Gebote als Grenzlinie

Die Gebote als Online-Workshop bei mehrglauben.de

Unser kostenloser ERF Workshop zu den zehn Geboten (Bild: das_banni / photocase.de)

Doch wie kann sichergestellt werden, dass wir Menschen uns untereinander nicht den Lebensraum streitig machen? Hier geben die zehn Gebote selbst Antworten. Bevor Julius Steinberg auf die einzelnen Gebote eingeht, weist er darauf hin, welchen Zusammenhang die zehn Gebote zur Schöpfungsgeschichte haben. Danach wendet er sich explizit noch einmal jedem Gebot zu. Dabei macht er überzeugend deutlich, dass die Gebote eben gerade nicht einengen, sondern im Gegenteil Raum schaffen wollen.

In seiner Interpretation der Gebote bleibt Steinberg nie bei dem Gebot an sich stehen, sondern erläutert immer auch, was dieses Gebot auch im übertragenen Sinne bedeutet. So legt er dar, dass das Tötungsverbot nicht allein die Tötung des anderen beinhaltet, sondern auch dort greift, wo wir den Lebensraum eines anderen bewusst einengen, ihn kleinmachen oder unter Druck setzen. Hier weist Steinberg unter anderem darauf hin, dass auch fromme Floskeln unter Druck setzen und Lebensraum kleinmachen können, wenn derjenige, der sie ausspricht, kein wirkliches Interesse am Gegenüber zeigt, sondern ihm nur fromme Antworten an den Kopf schmeißt.

Auch bei den anderen neun Geboten macht Steinberg es sich nicht einfach. Sehr explizit untersucht er, was die Gebote über den Wortsinn hinaus bedeuten könnten. So bezieht er das Ehebruchsverbot auch auf das allgemeine Miteinander in Ehe und Familie und stellt heraus, dass das neunte Gebot nicht allein die Lüge verbietet, sondern sich auch gegen schlechtes Gerede wendet. Dadurch macht Steinberg die alten Gesetze des Mose für heutige Leser greifbarer und verständlicher. Bei mir führte das beim Lesen zu so manchem „Aha-Effekt“, obwohl für mich die zehn Gebote nun wirklich nichts Neues sind.
 

Theologische Inhalte einfach erklärt

Doch nicht allein inhaltlich überzeugt „Wie Gott uns Raum zum Leben schenkt“. Julius Steinberg schafft es durch seine einfache und klare Sprache, theologische Zusammenhänge verständlich zu erläutern. Die vielen Beispiele, praktischen Tipps und eingeflochtenen Erfahrungsberichte machen das Buch zum einen abwechslungsreich und wecken zum anderen Lust, die Lebenstipps des Theologen direkt im Alltag umzusetzen.

Das macht „Wie Gott uns Raum zum Leben schenkt“ zu einem empfehlenswerten Buch, das Glaubensneulingen, aber auch alten Hasen gleichermaßen viel zu bieten hat. Es weitet den Blick, es macht Mut, Grenzen zu setzen, aber ermutigt auch dazu, neue Lebensräume zu erobern. Und es macht unmissverständlich klar: Selbst Gottes Gebote schenken letztlich Freiheit. Was für eine befreiende Nachricht!


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