Andacht

Das Gift der Enttäuschung

Was wir von den Emmausjüngern und ihrer Begegnung mit Jesus lernen können.

Im Leben jedes Menschen gibt es Momente der Enttäuschung. Häufig sind es Dinge wie diese: eine vermeintliche Freundschaft bedeutet meinem Gegenüber weniger als mir; die erste Beziehung, die in die Brüche gegangen ist; die Note meiner Uni-Abschlussarbeit, in die ich viel Zeit und Energie gesteckt habe. Es gibt unzählige Beispiele.

In den letzten Monaten habe ich aber festgestellt, dass ich auch von Gott enttäuscht bin. Ich habe in meinen gut 20 Jahren als Christ viele tolle und emotionale Erfahrungen gemacht. Aber seit einiger Zeit habe ich das Gefühl, dass Gott schweigt und mir fern ist. Phasen der Stille kenne ich – ebenso den christlichen Begriff der „Wüstenzeit“. Ich kann damit umgehen, wenn mal ein paar Wochen Funkstille herrscht. Aber über Monate hinweg zehrt das an den Kräften. Enttäuschung macht sich breit. Hinzu gesellen sich Zweifel und Frust – es wird zum Teufelskreis. Gott schweigt, ich schleudere ihm meine Traurigkeit entgegen – aber es bleibt still. Und die Enttäuschung wächst.

Die Bibel berichtet uns von Menschen, denen es genauso ergangen ist. Ein eindrückliches Beispiel sind für mich die Jünger auf dem Weg nach Emmaus (vgl. Lukas 24, 13-34). Sie haben mit Jesus großartige Dinge erlebt. Sie waren überzeugt: „Er ist der Retter Israels. Er wird die Römer vertreiben, mit ihm wird alles besser.“ Noch als er am Kreuz hing, waren sie sicher: Jesus steigt herab und triumphiert. Doch alles kam anders. Jesus starb, die Römer blieben. Völlig enttäuscht und desillusioniert ziehen sie von dannen. Auf dem Weg nach Emmaus sprechen sie über ihre Enttäuschung – und plötzlich gesellt sich ein Mann zu ihnen.

Es ist der auferstandene Jesus. Aber die Jünger sind so enttäuscht und deprimiert, dass sie ihn gar nicht erkennen. So wirkt sich das Gift der Enttäuschung aus. Auch mir ist es so ergangen. In meiner Enttäuschung über die „Beziehungskrise“ habe ich ihn kaum noch erkannt. Ich habe auch weiterhin jeden Morgen in der Bibel gelesen und gebetet. Aber begegnet ist mir Jesus dort nicht mehr. Ich habe mich resigniert zurückgezogen. Ich war auf meinem ganz eigenen Weg nach Emmaus.

Jesus ist da – selbst, wenn ich davon nichts mitbekomme

Und was macht Jesus? Er kommt mit den Jüngern ins Gespräch, stellt ihnen Fragen – und hört ihnen zu. Die Jünger erzählen begierig, was passiert ist. Jesus hört genau hin und stellt fest: „Was seid ihr doch für unverständige Leute! Es fällt euch so schwer zu glauben, was die Propheten in der Schrift gesagt haben.“ (Lukas 24,25) Also erklärt er ihnen, was die Bibel tatsächlich sagt. Ich ziehe daraus für mich folgende Erkenntnis: In Zeiten des Zweifels ist es wichtig, an den Zusagen und Versprechen der Bibel festzuhalten. Dieses Wissen schenkt uns die richtige Perspektive.

Aber das allein reicht nicht. Ich habe ja regelmäßig in der Bibel gelesen und auch die Jünger erkennen Jesus nicht sofort. Erst, als er mit ihnen gemeinsam zu Abend isst, erkennen sie ihn. Das erinnert sie an das Abendmahl – den Moment der innigsten Gemeinschaft. In dem Moment wird den Jüngern klar: Jesus ist auferstanden. Er lebt. Und er lebt auch heute noch. Ich vertraue fest darauf: So wie er sich damals den Jüngern deswegen offenbart hat, wird er sich auch mir wieder zeigen. Und zwar in genau der Art und Weise, die ich verstehe und brauche. Bis dahin gehe ich meinen Weg weiter und halte die Augen offen.

Was mich an dieser Geschichte tröstet: Jesus war fast während der gesamten Reise bei den Jüngern, auch wenn sie das nicht gemerkt haben. Das macht mir Hoffnung.  Selbst, wenn im Moment nicht alles perfekt ist: Es wird gut werden. Wie geht es weiter? Ich weiß es nicht. Ich stecke noch drin in dieser Phase. Aber ich lasse Jesus nicht los. Die Jünger haben sich übrigens nach dieser Begegnung wieder zurück auf den Weg nach Jerusalem gemacht. Ihre Enttäuschung ist der Leidenschaft für Jesus gewichen. Warum sollte das bei mir anders sein?


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Kommentare

Von Mark am .

Danke Jesus! Das kommt bei mir genau in der richtigen Zeit. Wie sehr wir doch noch fleischlich sind und eigentlich durch Dank und Lob bekennen sollten, wie wundervoll er ist und was er schon alles für uns getan hat, ist der wahre Weg eines Jüngers. Danke hierfür.

Von Petra am .

auch ich fühle mich im Augenblick Allein ..und sehr enttäuscht und traurig ...auch wenn ich Jesus grade jetzt nicht spühre ..Ich brauche jesus nicht los zu lassen ...Ich weiß das Jesus mich nicht los lässt ...Ich kann nicht tiefer fallen ..bis in seiner Hand ...denn er liebt mich ...und ich liebe Jesus Christus ...Amen

Von Ruth am .

Diese Andacht war mir heute morgen wie eine Umarmung des Himmels. Auch ich fühl mich wie eine einsame Wüstenwanderin - aber ER ist da, auch wenn ihn grad nicht seh. Ein Himmelsgeschenk, daß ich mit diesen Gedanken in den Tag starten darf. Danke

Von Petra G. am .

Diese Andacht hat mich jetzt tief angesprochen. Ich erlebe auch eine recht schwierige Phase auch geistlich und ich bin sehr in Gefahr zu resignieren... Vielen Dank also ist noch Hoffnung für mich.

Von Ruth am .

Danke für diese Andacht. Sie spricht genau hinein in meine Situation. Ich musste gerade an Jesus Ausspruch denken: "Ihr Kleingläubigen, warum habt ihr gezweifelt". Ich weiß es doch, dass alle Dinge uns zum Besten dienen und unser HERR damiteinen ganz bestimmten Plan verfolgt. Amen

Von Renate am .

Genau das ist der richtige Weg: einfach dran bleiben und fest an Jesu Zusagen klammern: "Ich bin jeden Tag bei euch, bis zum Ende der Zeit." (Mt. 28,20 nach NeÜ bibel.heute) Oft sind derartige Durststrecken Prüfungen für uns, wo wir erkennen, wie es um unseren Glauben bestellt ist. Ich denke, diese Erfahrung muss jeder Gläubige machen, und wünsche Ihnen Gottes Segen in dieser Situation.


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