Interview

Mit Kippa zu Jesus beten

Jüdischer und christlicher Glaube schließen sich nicht aus – behauptet Anatoli Uschomirski.

Im gestrigen Interview berichtete der messianische Jude Anatoli Uschomirski davon, wie er die Rolle der messianischen Juden versteht. Er ist überzeugt: Christen können viel vom Judentum lernen. Wir haben nachgefragt, an welchen Stellen das konkret der Fall ist. Außerdem wollten wir wissen: Worin genau unterscheidet sich die Glaubenspraxis von messianischen Juden und Christen? Anatoli Uschomirski steht Rede und Antwort.

ERF Online: Wie erkannten Sie, dass Jesus der erwartete Messias ist?

Anatoli Uschomirski: Ich bin nicht als messianischer Jude geboren worden, sondern in einer säkularen Gesellschaft aufgewachsen. 99 Prozent der Juden aus der ehemaligen Sowjetunion sind atheistisch geprägt, denn die Kommunisten wollten alle Religionen und Glaubensbewegungen unterdrücken. Ich wusste zwar, dass ich Jude bin, aber mir fehlten die Bibelkenntnis und der Glaube an Gott. Ich habe erst mit 33 Jahren erfahren, dass Jesus der jüdische Messias ist. Dadurch kamen meine Frau und ich zum Glauben. Das war für uns einerseits der Beginn eines ganz neuen Lebens, andererseits begann ein Prozess, in dem wir durch Jesus unsere jüdischen Wurzeln mehr und mehr kennenlernten. Wir haben vorher kaum das Judentum praktiziert ‒ heute ist das ganz anders. Unsere jüdische Identität haben wir erst durch Jesus gewonnen.

Anatoli Uschomirski zu Gast in der Fernsehsendung erstaunlich. (Bild: ERF Medien)

ERF Online: Bei welchen Bibelstellen aus der Thora und dem Neuen Testament haben Sie gemerkt: „Dieser Jesus ist der, auf den die Juden gewartet haben“?

Anatoli Uschomirski: Zum Beispiel bei Jesaja 53. Als ich diese Stelle gelesen habe, fiel mir sofort wieder ein, was ich schon im Matthäus-Evangelium gelesen hatte. Das Matthäus-Evangelium ist ja speziell von Juden für Juden geschrieben worden. Die Rabbiner erzählen uns, das Neue Testament sei kein jüdisches Schriftstück, sondern ein antisemitisches Buch und dass Juden es nicht lesen dürfen. Umso größer war meine Überraschung, als ich mit dem Matthäus-Evangelium anfing. Ich las in Matthäus 1,1: „Dies ist das Buch von der Geschichte Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams“ und habe mich gefragt: „Moment mal, alle drei sind Juden ‒ was machen sie in diesem antisemitischen Buch?“ Das hat mich neugierig gemacht und ich habe weitergelesen. Je mehr ich im Matthäus-Evangelium gelesen habe, desto mehr habe ich verstanden, dass es ein durchaus jüdisches Buch ist.

„Ich verrate mein Volk nicht, wenn ich Jesus als Messias annehme“

ERF Online: Sie bezeichnen sich nicht als Christ, sondern als messianischer Jude. Was bedeutet es für Sie, dass Jesus der Messias ist?

Anatoli Uschomirski: Für uns Juden bedeutet schon Umkehr etwas anderes: Denn wir kehren uns nicht von einem anderen Glauben ab und Gott zu, sondern wir kehren zurück zu unserem Gott und unserem Messias. Der Messias ist ein jüdisches Konzept. Der lateinische Begriff Messias kommt vom hebräischen Begriff „Maschiach“ und heißt „Gesalbter“. Im alten Israel wurden die Könige und Priester für ihren Dienst gesalbt. Die Vorstellung des Gesalbten ist ein jüdisches Konzept. Deswegen war es für Paulus so schwierig, dieses Konzept den Heiden zu erklären. Die Juden haben seit Jahrhunderten auf den Messias gewartet. Das heißt: Meine Annahme von Jesus ist die Erfüllung der Erwartungen meines Volkes. Für Christen ist es etwas ganz Anderes. Das erklärt Paulus auch im Epheser- und Römerbrief.

Eine sehr wichtige Erkenntnis war für mich allerdings, dass ich mein jüdisches Volk nicht verrate, wenn ich Jesus als den Messias annehme. Denn mit dem dritten Jahrhundert nach Christus hat sich die Kirche von ihren jüdischen Wurzeln losgesagt. In den siebzehn Jahrhunderten danach gab es in der Geschichte zwar immer wieder Juden, die zum Glauben an Jesus kamen. Allerdings durften sie nicht als Juden leben. Sie mussten sich von allem Jüdischen lossagen: Sie durften sich nicht mit der jüdischen Geschichte auseinandersetzen oder ihre jüdischen Bräuchen weiter praktizieren. Erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts gibt es die messianische Bewegung, in der Juden bezeugen: „Wir können an Jesus glauben und Juden bleiben.“ Das ist eine geniale Sache.

ERF Online: Für viele Christen sind messianische Juden einfach zum Christentum konvertierte Juden. Sie sehen das anders. Welche Unterschiede gibt es zwischen Christen und messianischen Juden?

Anatoli Uschomirski: Im Christentum wird die Thora als das Alte Testament bezeichnet und man schenkt ihr kaum Achtung. Das ist ein riesiges Missverständnis in der Kirchengeschichte. Für messianische Juden gibt es kein Altes und Neues Testament, die ganze Bibel ist für sie Offenbarung Gottes. Die sehen wir sowohl im Alten als auch im Neuen Testament und sprechen daher vom „Buch der Bündnisse“. Außerdem sehen wir unser jüdisches Erbe als großen Schatz an. Dazu gehören für uns auch jüdische Auslegungsschriften wie der Talmud. Wir haben ganz andere Schlüssel zur Bibelauslegung als Christen.

Ich glaube auch, dass das jüdische Volk eine besondere Berufung hat. Gott sagt seinem Volk in der Bibel: „Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.“ (2. Mose 19,6) Was heißt ein Volk von Priestern? Das beinhaltet zunächst eine stellvertretende Position vor Gott, aber auch eine aufklärende Position. Wenn Jesus in Matthäus 28,19f den Jüngern den Auftrag gibt, zu den Völkern hinzugehen und sie zu lehren, ist das nichts Neues. Denn es ist die ewige Berufung Israels, Licht für die Nationen zu sein.

Die Gebote sind positive Lebensweisung

ERF Online: Für Juden sind die Gebote des Mose sehr wichtig. Christen sagen meist: „Die zehn Gebote haben für mich Gültigkeit, aber die anderen Gebote aus dem Alten Testament nicht.“ Zählen für Sie als messianischer Jude alle Gebote und welche Gültigkeit haben diese Gebote für Sie?

Anatoli Uschomirski: Die Gebote zählen für uns auf jeden Fall, doch nicht alle Gebote haben die gleiche Gültigkeit. Die jüdische Theologie unterscheidet zwischen leichten und schweren Geboten. Allerdings sind für messianische Juden alle Gebote aus der Thora Wort Gottes und somit wichtig. Jetzt gilt es, zwei Dinge zu verstehen: Erstens: Zwei Drittel der 613 Ge- und Verbote der Bibel beziehen sich auf den Tempeldienst. Das heißt: Seit 70 nach Christus der Tempel zerstört wurde, sind diese Gebote nicht mehr erfüllbar. Zweitens gibt es in der Bibel eine Menge Gebote für besondere Personengruppen, etwa nur für Priester, nur für Frauen oder nur für Männer. Nicht alle Gebote sind also für jeden gültig.

Für Christen sind die Gebote seit der Reformation ein Problem. Martin Luther hat viele positive Dinge getan, allerdings hatte er mit dem Gesetz ein theologisches Problem. Er hat das katholische Gesetz zusammen mit dem Gesetz der Bibel über Bord geschmissen. Dadurch hat er eine künstliche Kontroverse zwischen Gesetz und Gnade geschaffen. Die Bibel kennt diese Kontroverse nicht. Als die hebräische Bibel im Jahre 250 vor Christus zum ersten Mal ins Griechische übersetzt wurde, waren viele jüdische Gelehrte damit unglücklich. Der Grund war, dass man im Griechischen kein entsprechendes Wort für Thora fand. So wurde Thora unglücklich mit dem Wort „nomus“ (Gesetz) übersetzt. Gesetz bedeutet aber: „Das muss ich tun“ und „Das beschränkt mich“. Die richtige Übersetzung des Wortes „Thora“ ist aber „Lebensweisung“. Gott gibt als liebender Vater seinen Kindern Weisungen, wie sie leben sollen, damit sie es gut im Leben und eine Verbindung zu Gott haben. Das ist der Sinn der Gebote in der Bibel.

Die Bedeutung des Alten Testaments

ERF Online: Messianische Juden sind durch ihre Tradition oft stärker im jüdischen Denken verwurzelt als Christen. Sind Sie dadurch bessere Christen?

Anatoli Uschomirski: Zunächst sind wir keine „Christen“ und auch nicht besser. Das Neue Testament macht deutlich, dass Christen und Juden sich auf Augenhöhe begegnen können. Paulus spricht im Römerbrief von wilden und natürlichen Ölzweigen (Römer 11,17-24). Ich beobachte, dass die Kenntnis der jüdischen Wurzeln nicht zu Hochmut in den Reihen messianischer Juden führt, sondern ihnen vielmehr ihren Sendungsauftrag bewusst macht. Ich fühle mich persönlich zu meinem Volk, aber auch zu den Christen gesandt und bemühe mich diesen Auftrag zu erfüllen. Ich bin oft unterwegs, um über die Wurzeln des christlichen Glaubens zu lehren. Der Leib Jesu besteht aus einem jüdischen und einem nichtjüdischen Teil, von denen jeder andere Begabungen und eine andere Berufung hat. Es ist eine Kunst, einander in unserer Unterschiedlichkeit anzunehmen und zu akzeptieren. Das müssen wir lernen.

ERF Online: Für Sie als Jude war das Lesen des Neuen Testaments ein Aha-Erlebnis. Welche Aha-Erlebnisse könnten Christen machen, wenn Sie sich stärker mit dem Alten Testament und jüdischen Traditionen beschäftigten?

Anatoli Uschomirski: Es wäre ein riesiges Aha-Erlebnis, wenn Christen überhaupt begännen, das Alte Testament zu lesen. Meiner Erfahrung nach wird das Alte Testament in den heutigen Kirchen und Gemeinden kaum gelesen. Es enthält viele schwierige Stellen. Zeigen Sie mir einen Christen, der eine Morgenandacht über das dritte Buch Mose hält. Das ist ein total unverständliches Buch. Auf der anderen Seite gibt uns dieses Buch eine wunderbare Erklärung über den Messias und weist auf ihn hin.

Prinzipiell gibt es zwei hermeneutische Ansätze. Die Christen leben nach dem hermeneutischen Prinzip: „Wir lesen das Alte Testament durch die Brille des Neuen Testament.“ Ich sage nicht, dass das total falsch ist. Aber viel sinnvoller ist es, das Neue Testament durch die Brille des Alten Testament zu lesen. Das Neue Testament ist eine Erfüllung des Alten Testaments. Zunächst muss man die Verheißungen kennenlernen und dann die Erfüllung.

Aha-Erlebnisse stellen sich ein, wenn wir im Alten Testament das Messianische entdecken ‒ und das Alte Testament ist durchaus messianisch. Das fängt schon beim Segen für Abraham an. Ich würde Christen vorschlagen: Lesen Sie die Bibel vom ersten Buch Mose bis zur Offenbarung nicht als Neues und Altes Testament, sondern als Geschichte der Bündnisse, die Gott mit seinem Volk geschlossen hat. Diese Bundesgeschichte ist das Rückgrat der ganzen Bibel. Aus dieser Perspektive kann man die Bibel mit neuen Augen lesen.

ERF Online: Vielen Dank für das Interview.


Den ersten Teil des Interviews mit Anatoli Uschomirski finden Sie hier.

Auch der Jude Zev Porat hat entdeckt, wie wichtig Jesus für ihn als Jude ist. In unserer Sendung "Mensch Gott" erzählte er seine Geschichte:

 

Den zweiten Teil der Sendung finden Sie hier. Außerdem finden Sie auf Youtube das Interview in der englischen Originalfassung.


Kommentare

Von Anatoli Uschomirski am .

Liebe Libby,
danke für Ihre Frage. ich schätze Galaterbrief, genauso wie die anderen Briefe des Apostel Paulus. Der Jude Paulus hatte eine sehr komplizierte Aufgabe: Den Heiden den jüdische Gott, den jüdischen Messias und dessen Erlösungswerk zu erklären. Das ist ihm einigermaßen gelungen und in Galatien entstanden die ersten Gemeinden. Allerdings gab es in Galatien kaum Juden und daher keine jesusgläubigen Juden, die eine gesunde Lehre weitergeben konnten. Als die "falschen Brüder" aus mehr

Von Die Redaktion am .

Hallo Herr H.,
eine Antwort auf Ihre Frage finden Sie vielleicht im ersten Teil des Interviews mit Herrn Uschomirski.
http://www.erf.de/online/uebersicht/bibel-und-theologie/wir-wollen-bruecken-bauen/6865-542-5108?

Von Libby am .

Wie steht Herr Uschomirski eigentlich zum Galaterbrief? wie ordnet er ihn in die Heilsgeschichte ein?

Von Martin H. am .

Warum tun sich messianische Juden so schwer, sich auch als Christen nennen zu lassen, zumal es in Antiochien so anfing.

Von Lutz D. am .

Danke für das Interview, es hat meinen Horizont wieder ein bisschen erweitert

Von Johanna am .

Einen herzlichen Dank an Herrn Uschomirski!
Es freut mich sehr, dass er und seine Frau durch Jesus ihre jüdischen Wurzeln gefunden haben! Dass die Annahme Jesu für Herrn Uschomirski kein Verrat an seinem Volk, sondern "die Erfüllung der Erwartungen" seines Volkes bedeutet und dass - und wie - er darüber spricht: nämlich in Liebe und Demut, erfüllt mich mit einer großen Hoffnung. Möge diese Stimme auf dem nächsten Kirchentag offiziell hörbar sein, wenn es Gottes Wille ist!
Danke auch für den mehr


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