Andacht

Schweigen oder nörgeln?

Warum wir nicht aufhören sollten, zu bitten, selbst wenn Gott nicht sofort antwortet.

Kennen Sie das? Sie rufen mit einem wichtigen Anliegen bei einer Servicehotline an und mehrere Minuten lang heißt es nur „Sie werden mit dem nächsten freien Gesprächspartner verbunden.“ Solche Anrufe sind für meine Geduld immer eine Herausforderung. Schnell werde ich ungeduldig, lege frustriert und genervt auf und schimpfe im Stillen über den schlechten Service.

Eine ähnliche Erfahrung mache ich derzeit mit Gott. Ich habe als Kind in der Sonntagschule gelernt: „Gott ist immer da. Ich kann mit meinen Bitten immer zu ihm kommen.“ Und das stimmt auch, aber als Erwachsene wurde dieses Wissen um die Erkenntnis erweitert: „Auch wenn ich Gott meine Anliegen jederzeit nennen kann, ich kann nicht bestimmen, wann er mir antwortet.“ Und tja, gerade lässt er sich damit mal wieder Zeit. Abend für Abend habe ich ihm mein Anliegen vor die Füße gelegt mit der Frage, wie er die Sache sieht; was er sich für mein Leben vorstellt. Aber nun – Monate später – habe ich immer noch keine klare Antwort erhalten und ich frage mich langsam, was ich hier tue.

Muss ich nörgeln, um meinen Willen zu bekommen?

Wozu soll ich Gott noch weiter sagen, was mich bewegt? Er kennt doch mein Herz. Er wusste um mein Anliegen, noch bevor ich es das erste Mal aussprach. Ich muss ihn doch nicht weiter daran erinnern, schließlich ist er allwissend. Was soll es also helfen, ihn weiter mit meinen Bitten zu nerven? Wenn er mir antworten will, wird er das tun, ob ich noch weiter dafür bete oder nicht.

Aber Gott scheint das anders zu sehen. In Lukas 18,1-8 ermuntert Jesus mit einem Gleichnis seine Jünger zu unablässigem Gebet. Das Gleichnis dreht sich um eine Witwe, die Tag für Tag zu einem Richter geht und ihn bittet, ihr Gerechtigkeit zu verschaffen. Sehr lange erhört der Richter sie nicht, dann aber fühlt er sich so von der Witwe genervt, dass er sie erhört, um seine Ruhe zu haben. Jesus sagt zu seinen Jüngern: „Sollte da Gott nicht erst recht dafür sorgen, dass seine Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm rufen, zu ihrem Recht kommen? Und wird er sie etwa warten lassen?“ (Lukas 18,7)

Moment mal, denke ich hier: „Kann ich Gott etwa wie einen Menschen durch ständiges Bitten und Betteln manipulieren?“ Schließlich ist Gott nicht mein Ehepartner, den ich durch ständiges Nörgeln vielleicht soweit erziehen kann, dass er nach dem Klogang den Klodeckel zuklappt. Außerdem – will ich, dass Gott mich erhört, nur weil ich herumjammere?

Gott meint es gut, auch wenn ich warten muss

Eigentlich nicht, aber so ist das meiner Ansicht nach auch nicht gemeint. Jesus wollte mit diesem Beispiel etwas anderes deutlich machen und zwar folgendes: 1. Gott ist kein unnachgiebiger Richter, den nicht interessiert, wie es uns Menschen geht. Deswegen möchte er uns geben, worum wir ihn bitten. 2. Gott kann man nicht nerven. Gott wird es nicht leid, wenn ich ihn um eine bestimmte Sache wieder und wieder bitte. Nein, er wünscht sich sogar, dass ich mit meinen Anliegen zu ihm komme statt resigniert zu schweigen.

Doch wie beeinflusst diese Erkenntnis mein Leben – meine jetzige Situation? Eine Antwort auf mein Anliegen habe ich ja immer noch nicht. Aber wozu mir dieser Bibeltext Mut macht, ist weiter zu beten. Nicht resigniert zu schweigen, nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern Gott weiter zu bestürmen mit dem Wissen: „Er liebt mich.“ Und mit der Erinnerung daran, wie oft er mich schon erhört hat.


Kommentare

Von Heike am .

Danke für diesen schönen Artikel!
Nachdem ich den letzten Absatz gelesen habe, frage ich mich, ob ich in diesen "Langstrecken-Gebetsphasen" (weiterbeten in dem Wissen: "Er liebt mich") am intensivsten mitbekomme, wie sehr Gott mich liebt?
Ich erlebe auch gerade so eine Zeit, die sich im Grunde schon über Jahre hinzieht. Allmählich habe ich den Eindruck, dass Gott gerade durch diese Wartezeit meine volle Aufmerksamkeit hat und mir auf diese Weise am eindrücklichsten klar machen kann, wie sehr er mich liebt, und wie unerschütterlich seine Liebe alle schweren Zeiten übersteht.

Von Jan am .

Hallo, das ist eine schöne Ausarbeitung.
Hier noch ein paar Gedanken dazu.
Gott kann auch die eigenen Pläne durchkreuzen. Beispiel Paulus in Apg. 16, Vers 6 und 7. Seine Reiseabsichten wurden ihm von hl. Geist verwehrt.
Dafür bekam er eine Einladung in eine andere Richtung (Mazedonien). Apg. 16, Vers 9.
So kann das auch bei uns sein. Gott kann mir Bitten für die eigenen Gemeinde verschließen, aber in der anderen Gemeinde neue Chancen anbieten.
Paulus war offen für neues und hat dadurch das Evangelium weit verbreitet.


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