Lesezeit: ~ 2 min

Wut - Sport statt Mord?

„Wohin mit der Wut im Bauch?“ lautet der Titel eines Buches. Als ich es entdeckte wurde mir bewusst, wie wichtig es ist, einen Platz für die eigene Wut gefunden zu haben. - Elke Allaert über ein weggetanztes Gefühl.

„Nun mal nicht übertreiben! Wenn es soweit gekommen ist, dass man beschlossen hat, einen Mitmenschen gründlich und möglichst deutlich die Meinung fühlen lassen, kann man sich ja schlecht die Jacke ausziehen und mal schnell zehn Liegestütze machen!“

Zugegeben, das würde zwar die momentane Hochvoltage aus der Luft nehmen, denn der vermeintliche Gegner würde sich wahrscheinlich schieflachen, aber man selbst stünde ziemlich lächerlich da.

Nun ist es aber eine unumstößliche Tatsache: Im Laufe der Lebensjahre macht ein Mensch einmal oder öfter die Erfahrung, dass es Situationen gibt, in denen man leider nicht so darf, wie man gerne würde. In den meisten Fällen muss man einstecken und schlucken nach dem Motto: „Lerne schweigen, ohne zu platzen“.

„Wohin mit der Wut im Bauch?“ lautet der Titel eines Buches. Als ich es entdeckte wurde mir bewusst, wie wichtig es ist, einen Platz für die eigene Wut gefunden zu haben.

Aus meinem behüteten Umfeld voller freundlicher Leute musste ich in ein mir feindlich gesonnenes Land ziehen. Fremde Stadt, fremde Leute, fremde Sprache, fremde Kultur, fremde Gewohnheiten. Ohne Arbeitsstelle, weit weg von Freunden, Gemeinde und Familie. Mieses Wetter und eine feucht-kalte Wohnung. Und ein Kontostand, der so schnell abnahm, wie ich es mir auf der Waage immer wünsche.

Behörden, wo man ohne Rücksicht auf meine Sprachbemühungen beharrlich Dialekt sprach um dann, als mir die Verzweiflung schon die Tränen in die Augen trieb, plötzlich sichtlich genüsslich auf deutsch weiter verhandelte.

Nachbarinnen, die einander schlecht machten, anstatt zusammen zu halten, so dass die eine Beruhigungsmittel nehmen musste, die andere wieder umzog, obwohl sie die Sprache beherrschte und ich selbst schließlich die Rollläden nicht mehr hochzog, morgens wieder ins Bett kroch und abends den Alkoholkonsum steigerte um müde genug zu werden.

Dann noch jene Begegnung auf dem einsamen Feldweg und der Polizist, der meine Anzeige grinsend mit einem dummen Spruch zur Kenntnis nahm. Hätte mein weiser Mann mir sofort übersetzt, was er gesagt hatte, ich hätte einem Kieferchirurgen mit Sicherheit das Geschäft seines Lebens beschert!

Wohin aber mit dieser bebenden Wut? Wohin mit der Machtlosigkeit, der boshaften Willkür dieser Menschen wehrlos ausgeliefert zu sein?

Gott war immer dabei, hat das alles zugelassen und mich doch vor dem Schlimmsten bewahrt. Heute bekenne ich dankbar, dass Gott mir drei wertvolle Jahre geschenkt hat.

Als wir wieder nach Deutschland ziehen durften, habe ich bis zum Grenzübergang Freudentränen geheult. Dann hat Gott mir eine Arbeitsstelle, eine Gemeinde und eine Tanzschule gezeigt. Die Arbeit hat geholfen, unser Konto wieder zum Leben zu erwecken, die Gemeinde unser „Konservenfutter“ aus Predigtkassetten mit frischen Vitaminen angereichert und die Tanzschule hat meine wunde Seele geheilt.

Die Verbindung von Musik, Rhythmus, buntem Licht und den passenden harmonischen Bewegungen hat ein Wunder getan. Was keine Predigt konnte, hat die Tanzmusik geschafft: Ich habe buchstäblich meine Wut weggetanzt. Die temperamentvolle Samba, der fröhliche Jive, der ausgelassene Rock ’n’ Roll, der schwingende Walzer, der schnelle Disko Fox haben den Zorn in Energie umgesetzt. Eines Tages war ich so weit, in einer zärtlichen Rumba meine Dankbarkeit meinem Herrn und Heiland auszudrücken.

Liebeslieder können auch an Gott gerichtet sein.

Dem, der Musik, Gesang, Gelenke und Muskeln geschaffen hat, Dem Sei die Ehre!

Ihr Kommentar

Die E-Mail wird nicht veröffentlicht.
Alle Kommentare werden redaktionell geprüft. Wir behalten uns das Kürzen von Kommentaren vor. Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.