Glaube und Wissenschaft

Sklave des Gehirns

Verfügt der Mensch über einen freien Willen oder nicht? Ein Vortrag

Die meisten Menschen stellen sich irgendwann im Leben die Frage: „Verfüge ich über einen freien Willen oder ist alles vorherbestimmt?“ Die Wissenschaft stellt die gleiche Frage – nur hört sich das in etwa so an: „Sind wir Menschen frei in unseren Entscheidungen oder werden wir von neurologischen Prozessen im Gehirn bestimmt?“ Diese Frage hat auch der systematische Theologe Professor Dr. Wilfried Härle zu beantworten versucht. Und zwar auf einer Tagung des Arbeitskreises „Naturwissenschaft und Glaube“ der evangelisch-methodistischen Kirche.

Lange bevor Neurowissenschaftler die Frage nach dem freien Willen stellten, haben nämlich bereits die bedeutenden Theologen Martin Luther und Erasmus von Rotterdam heiß über diese Frage gestritten. Für Luther gehören die Freiheit und Unfreiheit des Willens untrennbar zusammen. In seinem bekannten Werk „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ vertritt Luther eine Art Doppelthese: Der Christ ist einerseits freier Herr aller Dinge und niemandem untertan durch den Glauben. Andererseits ist er dienstbarer Knecht und jedermann untertan durch die Liebe. Beides sei der Christ gleichzeitig und komplett.

Martin Luther und Erasmus von Rotterdam haben die Frage nach dem freien Willen auf eine zentrale Glaubensfrage zugespitzt: Ist die Errettung des Menschen vorherbestimmt oder kann der Mensch frei entscheiden, ob er zu Gott kommen will? Nachlesen kann man diese Auseinandersetzung in den Schriften „De libero arbitrio“(Über den freien Willen?) von Erasmus von Rotterdam und „De servo arbitrio“ (Über den geknechteten Willen) von Martin Luther. Professor Härle hält eine Aussage von Martin Luther aus dieser Schrift für zentral wichtig. Nämlich, dass der Mensch über seine grundlegenden Gefühle und Affekte nicht bestimmen kann. Diese entstehen durch das, „was uns im Leben begegnet“ und beeinflussen unser Wollen und Tun.

Bestimmen unsere Entscheidungen die Abläufe im Gehirn oder umgekehrt?

Ist Freiheit also nur eine Illusion? Durch die neurologische Forschung erhält die Debatte ganz neue Nahrung. Häufig wird dort die These aufgestellt, dass menschliche Entscheidungen durch das Gehirn vorherbestimmt werden. Das bedeutet, dass manche Entscheidungen im Gehirn schon getroffen sind, bevor die Person sich dessen bewusst wird. Fundament dieser Denkschule sind die Studien von Benjamin Libet.

Kernfrage der Libet-Experiments war, ob unsere bewussten Entscheidungen die Abläufe im Gehirn bestimmen oder ob umgekehrt die Abläufe im Gehirn unser Wollen bestimmen. Schon vor Libet hat der deutsche Neurologe Hans Helmut Kornhuber entdeckt, dass sich knapp eine Sekunde vor einer willentlichen Handlung im Gehirn ein Energiepotential aufbaut, welches die Handlung vorbereitet. Er nannte dies „Bereitschaftspotential“.

In Libets Experiment sahen folgendermaßen aus. Die  Versuchspersonen sollten die Hand heben, sobald in ihnen der entsprechende Drang oder Wunsch entstanden war. Oder anders gesagt: Wenn sie das Gefühl hatten: „Jetzt will oder sollte ich die Hand heben“. Durch eine mitlaufende Uhr konnte man genau zeigen, wann die Hand gehoben wurde. Libets Experiment bewies, dass das Bereitschaftspotential bereits 0,4 Sekunden vor der Entscheidung auftritt.

Libet hielt die Schlussfolgerungen aus seinem Experiment für töricht

Aus diesen Ergebnissen haben viele Forscher gefolgert, dass es keine freie und unabhängige Willensentscheidungen gibt, sondern nur solche, die durch das Hirn vorgegeben sind. Professor Wilfried Härle beschreibt diese These so: „Wir tun nicht, was wir wollen. Sondern wir wollen, was wir tun.“

Gleichzeitig widerspricht er dieser Deutung und behauptet, dass schon aufgrund der konkreten Anweisung (den Arm nach dem Aufkommen des Wunsches zu heben) automatisch irgendwann ein Drang in den Versuchspersonen entsteht. Dieser Wunsch käme aber nicht plötzlich aus dem Nichts auf, sondern entwickle sich mit der Zeit. Er werde sogar durch die Versuchsanordnung ausgelöst, indem der Wunsch, den Arm zu heben, durch die Worte des Versuchsleiters erst angestoßen wird. Härle ist sich daher sicher, dass das Libet-Experiment keine Rückschlüsse auf Willensfreiheit und Vorherbestimmung zulassen. Libet sah das übrigens ganz ähnlich und hielt derartige Schlussfolgerungen sogar für „töricht“.

Entscheidungsfreiheit entsteht nur da, wo man wählen kann

Das Libet Experiment beweist, dass vor einer Entscheidung im Gehirn ein Prozess abläuft. Die Frage ist nur, ob dieser Prozess den Menschen und seine Entscheidung steuert oder ob der Prozess darauf hindeutet, dass gerade eine Entscheidung vorbereitet wird. Professor Härle argumentiert, dass die Entscheidung gefühlsmäßig durch einen Drang „vorbereitet“ wird. Dieser Drang ist aus seiner Sicht ein starker Reiz, auf den man beispielsweise mit Zustimmung oder Ablehnung reagieren kann. Wilfried Härle folgert daraus, dass der Mensch über Entscheidungsfreiheit verfügt. Allerdings sei diese Freiheit eingeschränkt, da der Mensch nicht aus zahllosen Möglichkeiten auswähle, sondern nur aus einer sehr begrenzten Anzahl von Optionen.

Um aber von einer Entscheidungsfreiheit zu sprechen, muss man entweder aus verschiedenen Möglichkeiten wählen oder bei einer Sache zwischen einem „Ja“ oder „Nein“ auswählen können. Professor Härle ist zudem der Meinung, dass bedingungslose Freiheit keinen Sinn ergibt. Kein Mensch kann aus allen möglichen Entscheidungen auswählen. Immer stellt sich der betroffenen Person nur eine gewisse Auswahl an Möglichkeiten. Daraus leitet er eine bedingte Handlungsfreiheit ab. Er verdeutlicht dies an einem Beispiel. Bedingte Handlungsfreiheit heißt für ihn, auf einen Drang in einem Zeitraum von 0,2 bis 0,3 Sekunden mit „Nein“ reagieren zu können.

Die Theologie kennt mehr Freiheit als die Neurologie

Ausgehend davon stellt sich für den Theologen Härle die weiterführende Frage: Ob beziehungsweise in welchem Ausmaß wird der Mensch in seinem Wollen und Handeln von Gefühlen, Neigungen oder Affekten bestimmt, die er nicht kontrollieren kann? Oder anders gefragt: In welchen Situationen handelt ein Mensch fremdbestimmt?

Diese Frage, betrifft jeden Menschen im Kern seines Wesens. Wilfried Härle geht deshalb davon aus, dass kein Mensch autonom ist. Vielmehr befindet er sich mit Anderen in einem Netzwerk. Dadurch ist kein Mensch fähig dazu,  völlig frei zu entscheiden. Jede Entscheidung wird zu einem bestimmten Maße davon mitbestimmt, wie andere sich mir gegenüber verhalten und welche Emotionen das bei mir hervorruft. Härle ist daher davon überzeugt, dass der Mensch die auf ihn wirkenden „Kräfte“ nicht beeinflussen kann. Das bedeutet aber nicht, dass man ihnen willenlos ausgeliefert ist. Der Mensch kann und darf sich verantwortungsbewusst verhalten. Ein Beispiel: Ich kann zwar nicht beeinflussen, wie andere mir begegnen und welche Gefühle das bei mir auslöst, aber ich kann mich entschließen, damit auf die eine oder andere Weise umzugehen.

Einen Einfluss auf jede Willensentscheidung haben auch externe Prägungen und Bestimmungen.  Für den christlichen Glauben erwähnt Härle hier beispielsweise den Kindergottesdienst. Sowohl Theologie als auch Neurologie sind sich darin einig, dass es solche Prägungen gibt. In der Frage, woher diese Einflüsse kommen, bestehen laut Professor Härle aber grundlegende Unterschiede. Luther beispielsweise schreibt sie dem Wirken Gottes zu. In der Hirnforschung wird jedoch davon ausgegangen, dass das Gehirn selbst den Aufbau der Bereitschaftspotentiale auslöst. Diese Theorie hält Wilfried Härle allerdings für unwahrscheinlich.. Seiner Ansicht nach ist das Gehirn kein eigenständiger Akteur, sondern lediglich „Instrument“ oder vermittelndes Organ. Das Gehirn kann daher menschliches Handeln nicht bestimmen. Demzufolge kann man – salopp gesprochen – auch seinem Gehirn nicht die Schuld für eine getroffene Entscheidung in die Schuhe schieben.

Der Mensch ist frei in seinen Entscheidungen – aber nur in engen Grenzen

Das gilt besonders Entscheidungen, die die Gottesbeziehung angeht. Luther ist nach Meinung des Theologen der Ansicht, dass der Mensch in gewissen Grenzen frei entscheiden kann – zum Beispiel bei der Frage, ob er Kinder haben will oder was er essen oder trinken will. Bei der Frage nach der Gottesbeziehung ist das anders. Da ist der Mensch auf das Handeln und Wirken Gottes angewiesen. Für Luther ist klar: Nicht einmal die Entscheidung, ob man sein Leben mit Gott führen möchte, kann der Mensch ohne Hilfe Gottes treffen. Er ist dabei völlig auf Gottes Offenbarung, Geschichten der Bibel oder andere Menschen angewiesen.

Dennoch räumt die die Theologie dem Menschen mehr Willens- und Handlungsfreiheit ein als die Hirnforschung. Die Neurologie „kennt“ nur zwei verschiedene Formen der Freiheit: die Willens- und die Handlungsfreiheit. Im weitesten Sinne wird unter Willensfreiheit dabei die Fähigkeit verstanden, bei verschiedenen Wahlmöglichkeiten eine bewusste Entscheidung treffen zu können. Unter Handlungsfreiheit wird in der Philosophie die Freiheit verstanden, das zu tun, was man will – eine Person kann also ihren eigenen Motiven und Wünschen folgen. Beide werden aus Sicht der Neurowissenschaft abgelehnt.

In der Theologie unterscheidet Härle drei Formen der Freiheit: Er nennt zuerst die begrenzte Handlungsfreiheit, die er für realistisch hält. Als zweites nennt der Theologe die Willensfreiheit. Diese Vorstellung der Freiheit lehnt Härle ab. Er hält es für ausgeschlossen, dass der Mensch aus sich selbst heraus seinen Willen und seine Affekte bestimmen kann. Die dritte Freiheit bezeichnet er als die Freiheit des Christenmenschen. Sie ermöglicht es jedem, von seiner Schuld gegenüber Gott frei zu werden.

 

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