Interview

Böse Blicke bei Starbucks

Bei Starbucks in Wien treffen sich junge Leute zum Bibellesen – und stoßen auf ein geteiltes Echo.

In der Öffentlichkeit die Bibel zu lesen erregt Aufmerksamkeit. Genau deswegen treffen sich junge Christen in Wien regelmäßig bei Starbucks - unter dem Namen SBUX Fellowship (fellowship = freundschaftliches Beisammensein). Philipp Rüsch war einige Jahre dabei.

ERF Online: Was ist das Besondere daran, in einem Café gemeinsam in der Bibel zu lesen?

Philipp Rüsch: Wir möchten junge Leute unkompliziert an den christlichen Glauben heranführen. Dafür eignet sich die lockere Atmosphäre in einem Café viel besser als ein Kirchengebäude. Wir gehen dorthin, wo die Menschen sind. Das funktioniert! Immer wieder werden Leute auf uns aufmerksam, wenn wir im Café in einer kleinen Gruppe gemeinsam die Bibel lesen. Manche schauen erst auf die Distanz neugierig zu uns rüber und fragen später zum Beispiel: „Habt ihr die Bibel gelesen? Ich bin gerade auf der Suche nach einer Gemeinde. Könnt ihr mir eine empfehlen?“

ERF Online: Wie kam es zu der Idee?

Philipp Rüsch: Angefangen hat es vor sieben Jahren, als zwei Christen sich mit ihren Freunden über den Glauben unterhielten. Die Freunde wollten sich unverbindlich informieren, was der christliche Glaube bedeutet. Daraus erwuchs der Vorschlag: „Lasst uns doch einmal in der Woche bei Starbucks die Bibel lesen.“ Und es wurde zu einem beständigem Treffen, das mit der Zeit gewachsen ist. Inzwischen gibt es in zehn Wiener Starbucks-Filialen eine SBUX Fellowship-Gruppe. Unser Ziel ist, dass einmal pro Woche in jedem Starbucks-Café in Wien ein Bibelgesprächsabend stattfindet. Vier Filialen fehlen uns noch.

Um mich herum leben nicht nur Christen

ERF Online: Was war deine Motivation, mitzumachen?

 Philipp Rüsch.                             © TWR 

Philipp Rüsch: Ich habe mich wie in einer christlichen Blase gefühlt. Ich arbeite bei TWR, einem Missionswerk, wohne in einer christlichen WG und gehe in eine christliche Gemeinde. Ich hatte wenig Kontakte zu Nichtchristen, das hat mir gefehlt.  2012 fragte mich dann Nathan Brewer, der Gründer von SBUX Fellowship, ob ich eine neue Gruppe in einer anderen Filiale leiten würde. Ich hatte wenig Zeit dafür und musste erst einmal darüber beten. Aber die Arbeit lag mir am Herzen. Mir wurde klar: Das ist das, was Gott jetzt von mir möchte.

ERF Online: Wo liegt der Unterschied zu einem normalen Hauskreis?

Philipp Rüsch: SBUX Fellowship ist eine Möglichkeit, um in der Öffentlichkeit als Christen präsent zu sein. Es ist ganz anders als in einem Hauskreis. Wir treffen uns nicht in einem geschützten Rahmen, sondern sind mit der „Außenwelt“ konfrontiert. Deshalb haben wir vor jedem Treffen intensiv gebetet und den Heiligen Geist gebeten, mit uns dorthin zu gehen. Diese Erfahrung hat mich sehr bereichert. Außerdem wurde mir durch die Treffen bewusst, dass um mich herum nicht nur Christen leben. Wir möchten ein Segen für die Menschen in unserer Stadt sein.

Bei Starbucks traut sich jeder rein

ERF Online: Warum findet SBUX Fellowship ausgerechnet bei Starbucks statt?

Philipp Rüsch: Wien ist die Stadt der Kaffeehäuser. Da gibt es sicher reichlich Auswahl, wo man sich treffen kann. Aber in einem normalen Café wird man sofort von der Bedienung gefragt, ob man noch etwas möchte, wenn man nichts mehr auf dem Tisch stehen hat. Das ist bei Starbucks anders. Man geht an die Theke und holt sich etwas. Starbucks bietet eine Atmosphäre zwischen Büro und Wohnzimmer. Cafés sind eher etwas Nobleres, wo sich nicht jeder reintraut. Wir dagegen möchten gerne etwas Niederschwelliges anbieten – offen für jeden.

ERF Online: Wer kommt da so zu Euren Treffen?

Philipp Rüsch: Wir haben das typische Starbucks-Klientel: Die meisten sind zwischen 20 und 35 Jahren, hin und wieder sind auch mal ältere dabei. Die Gruppen sind unterschiedlich groß, zwischen drei und zwölf Teilnehmern. Viele von ihnen kommen aus dem Ausland und sind zum Studieren in Wien. Das ist ein weiterer Vorteil von Starbucks: Jeder kennt’s. Internationale Studenten sind froh, auf diese Art einfach Kontakte zu knüpfen. Deshalb finden viele unserer Gruppen auf Englisch statt. Es ist eine bunte Truppe.  

ERF Online: Wie kann man sich so ein Treffen vorstellen?

Philipp Rüsch: Wir treffen uns einmal pro Woche für zwei Stunden. Einer der Gruppenleiter bereitet ein Thema zu einem Bibeltext vor. Diesen lesen wir gemeinsam und reden darüber. Zurzeit lesen wir das Markusevangelium und schauen das Leben von Jesus an. Was war er für ein Mensch? Wie hat er geleitet? Es ist ein gutes Thema sowohl für Glaubenseinsteiger als auch für Leute, die schon lange mit Jesus unterwegs sind. SBUX Fellowship ist nicht so verbindlich wie ein klassischer Hauskreis. Auch wer gerade im Urlaub in Wien ist, kann in einer Gruppe vorbeischauen. Jeder ist eingeladen!

Die Mitarbeiter sehen uns als Buchclub

ERF Online: Was sagen die Starbucks-Mitarbeiter dazu, dass ihre Cafés für ein solches Projekt ausgewählt wurden?

Philipp Rüsch: Wir haben ein gutes Verhältnis zu den Starbucks Mitarbeitern. Wir bedanken uns. Wir sind nicht aufdringlich. Wir gehen nicht zu den anderen Gästen hin und sprechen sie an. Die Mitarbeiter sehen uns als Buchclub. Die meisten kennen uns.  An Weihnachten bekommen sie sogar ein kleines Geschenk von uns.

ERF Online: Gibt es Starbucks-Mitarbeiter, die selbst Interesse am Bibellesen bekommen haben?

Philipp Rüsch: Einer der Mitarbeiter, ich nenne ihn Daniel, hat uns immer wieder neugierig beäugt. Er war sehr freundlich zu uns und wir sind Stück für Stück ins Gespräch gekommen. Er kommt aus einem katholischen Hintergrund und fand interessant, dass wir die Bibel lesen. So hat er sich nach seiner Schicht regelmäßig an unseren Tisch gestellt. Immer nur gestellt – nicht gesetzt. Offenbar wollte er einen gewissen Abstand zu uns wahren.

Er hat uns viele Fragen gestellt: In welche Gemeinde wir gehen und wo die theologischen Unterschiede zwischen Freikirchen und der katholischen Kirche liegen. Als er im Urlaub seine Eltern besuchte, haben diese ihn gewarnt, sich mit Freikirchlern einzulassen. Wir seien eine Sekte. Aber er kam uns weiterhin nach seiner Schicht am Tisch besuchen. Eines Tages hat er sich sogar getraut, sich hinzusetzen. Da ihm das vor den Kollegen etwas unangenehm zu sein schien, haben wir ihn zu SBUX Fellowship in einer anderen Filiale eingeladen. Dort ist er regelmäßig hingegangen. Vor zwei Monaten hat er sich bekehrt. Das ist klasse.

Wenn Blicke töten könnten…

ERF Online: Bekommt ihr auch negative Reaktionen auf Eure Aktion?

Philipp Rüsch: Hin und wieder gibt es andere Gäste, die auf unserem Tisch die Bibel bemerken und damit offensichtlich ein Problem haben. Sie werfen uns böse Blicke zu, wenn sie uns beten sehen oder das Wort „Gott“ fällt. Wenn Blicke töten könnten, müssten wir uns in Acht nehmen. Es ist aber noch niemand direkt auf uns zugekommen, und wir gehen auch nicht darauf ein.

ERF Online: Wie macht ihr das SBUX Fellowship-Angebot bekannt?

Philipp Rüsch: Vor allem durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Außerdem haben wir eine Internetseite und Facebook-Seiten. Dort laden wir zu den aktuellen Treffen ein. Erstaunlich viele Leute kommen dadurch spontan vorbei.

ERF Online: Gibt es SBUX Fellowship auch in Deutschland?

Philipp Rüsch: Bisher nicht – aber wenn jemand eine Gruppe gründen möchte, würden wir uns freuen. Wir haben ein Schulungsprogramm, in dem wir unsere Grundlagen vermitteln: Woran wir glauben, was uns wichtig ist und mit welchen Prinzipien wir arbeiten. Wer sich angesprochen fühlt, kann in Deutschland Pionierarbeit machen. Dabei helfen wir gerne.

ERF Online: Vielen Dank für das Gespräch.


Kommentare

Von Nathan am .

super Artikel! Vielen dank an den ERF und Philipp.
@Marsha-Jean B. in Köln, wenn Sie zusammen arbeiten wollen oder die Facebook SBUX Fellowship Global Network Gruppe verwenden wollen, sagen Sie mir Bescheid!
@Carsten, zwei andere Leute aus Berlin haben auch Interesse, möchtest du mir deine Email geben?

Von Marsha-Jean B. am .

Seit 2-3 Jahren hat meine Gemeinde ein Frauenbibelkries - Bibleventi - in Starbucks (Köln). Unsere Erfahrung ist ähnlich wie hier berichtet.

Von Friedrich am .

Starbucks hatte zu Weihnachten in Hamburg einst ein Gospelkonzert mit der ansässigen Belegschaft arrangiert. Also nur Mut, weiter über Gott und die Welt zu sprechen!

Von Carsten am .

Hallo Philipp,
ich finde es super, dass es Bibelarbeiten als niederschwelliges Angebot in Starbucks-Cafes in Wien gibt.
Wünsche euch eine gesegnete Arbeit und weiterhin viel Freude dabei!
So ein Angebot sollte es in Berlin auch geben.
Herzliche Grüße
Carsten

Von Iris M. am .

Hallo,
ich würde gerne mal das Schulungsprogramm sichten. Ich habe auch mal in Wien studiert und dort die Österreichische Studentenmission besucht. Hier in Deutschland bin ich jetzt bei emwag.net ( eine christliche Singleinitiative: es muß was anderes geben) und wir planen gerade einen Stammtisch im Bar Celona in Wuppertal
viele grüße iris müller

Von Maja am .

klasse! so einfach geht das..... viel segen und großen Zulauf weiterhin für eure Gruppen! Auch vielen dank an den ERF für das ausführliche + interessante Interview.


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