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Gefühle auf dem Prüfstand

Als Jugendliche fing ich an, mir Gedanken zu machen, wie ich mich in einer bestimmten Situation verhalten wollte. Der Anstoß dazu war ein Buch mit Kurzgeschichten. Verschiedene Leute gerieten in diesen Geschichten in wirklich brenzlige Situationen und als Leser schüttelte ich nur den Kopf darüber.

Als Jugendliche fing ich an, mir Gedanken zu machen, wie ich mich in einer bestimmten Situation verhalten wollte. Der Anstoß dazu war ein Buch mit Kurzgeschichten. Verschiedene Leute gerieten in diesen Geschichten in wirklich brenzlige Situationen und als Leser schüttelte ich nur den Kopf darüber.

Wie oft habe ich mir beim Lesen gedacht: „Das passiert mir bestimmt nicht“ oder „Ich weiß, was ich will“.

Jahre später musste ich feststellen, dass dieses Vorhaben in der Praxis doch nicht so leicht umsetzbar ist. Ohne zu wissen, wie es passieren konnte, steckte ich in einer unmöglichen Situation fest und wusste nicht mehr, wie ich mich verhalten sollte:
Da stand ich ihm nun gegenüber, dem guten alten Freund aus Kindheitstagen. Ich erkannte ihn sofort, wollte über die „alten Zeiten“ reden, doch er erinnerte sich nur langsam an mich, an die „alten Zeiten“ noch langsamer. Und darüber reden wollte er erst recht nicht.

„Aber wir haben doch soviel Tolles miteinander erlebt. Weißt du denn nicht mehr?“, rief ich aus und schilderte meine Erinnerungen. „Komisch, ich habe das ganz anders im Gedächtnis. War nett dich mal wieder gesehen zu haben“, murmelte er und wandte sich zum Gehen ab. Völlig perplex stand ich nun da. Erst nach längerer Zeit des Nachdenkens wurde mir klar: Es war tatsächlich nicht so toll damals. Das habe ich mir nur gewünscht. Ich hatte nur das Gefühl, dass es damals so toll war.

Ein Sprichwort sagt: „Folge deinem Gefühl.“ Ganz ehrlich gesagt wäre es gar nicht schlecht, wenn ich nur (m)einem Gefühl folgen müsste. Es gibt dabei nur ein Problem. „Folge deinem Gefühl“: Ich soll nur ein einziges Gefühl haben? Es sind doch so viele. Und noch dazu sind sie manchmal grundverschieden. Ja welchem soll ich denn jetzt folgen? Allen?

Mit vierzehn fand ich die Vorstellung lächerlich, in zwei Männer gleichzeitig verliebt zu sein und sich nicht entscheiden zu können.
Mit einundzwanzig passierte mir dann selbst dieses Dilemma. Was sollte ich in diesem Gefühlschaos tun???

Sprichwörter halfen mir jetzt nicht viel weiter.
Wenn ich auf meine Gefühle hören würde, so würde ich biologisch gesehen meinen Hormonen folgen - denn jedes Gefühl wird von einem Cocktail aus Hormonen ausgelöst. „Na klasse“, dachte ich als mir das klar wurde: „Meine Gefühle sind biologisch abbaubar“.

Wie sollte ich nun mit meinen Gefühlen umgehen? Sollte ich sie verdrängen?

Über das Ausleben dachte ich gar nicht erst nach. Irgendwann begann ich eine Entscheidung zu treffen. Diese Entscheidung war ein Prozess. In langen Gesprächen erörterten wir unsere Gefühle. Als wir am Ende dieser Gespräche angelangt waren, prägte tiefes Vertrauen unsere Beziehung. So ist aus meiner Verliebtheit eine Freundschaft entstanden, die mir viel mehr wert ist, als eine eventuelle Liebesbeziehung es gewesen wäre.
Gefühle sind bunt und machen das Leben reich, aber manchmal sind sie ein schlechter Wegweiser. Denn allzu oft hängen sie mit unseren Träumen und Wünschen zusammen. Wir verweben sie mit der Wirklichkeit ohne es zu merken. Und plötzlich stolpern wir und liegen auf der Nase.

Deshalb habe ich mich entschieden, mich nicht mehr nur von meinen Gefühlen leiten zu lassen, sondern mich lieber direkt an den „Macher der Gefühle“ zu wenden. An denjenigen, der genau weiß, was in mir vorgeht und der auch meine Umstände kennt, wie kein Zweiter.

Jesus hat sich auf seinem Weg auch nicht von Gefühlen leiten lassen, nicht einmal als er in Todesangst war. Er ließ sich von Gott, seinem Vater, leiten. Das heißt nicht, dass er gefühllos war. Im Gegenteil, er fühlte mit den Menschen, er fühlte die Not der Kranken und er weinte mit den Verzweifelten. Ich will mir auch Jesus zum Vorbild nehmen und mich von Gott leiten lassen.

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