Weihnachten mal anders

"Gott schien ihnen so unwirklich zu sein."

Ein Heiliger Abend unter Obdachlosen. Ein Erfahrungsbericht

Mein weihnachtlicher Planungs-Marathon begann: Wie würde ich Weihnachten dieses Jahr verbringen? Würde ich es schaffen, alle Familienangehörigen zu besuchen? An welchem Tag könnte ich bei wem sein? Lustlos starrte ich in meinen Kalender. Irgendwie konnte ich mich nicht so richtig darauf freuen. Ich hatte das starke Bedürfnis, dieses Weihnachten mal ganz anders zu feiern: Weg von mir und hin zu den Menschen zu blicken, die all das, was ich schon das ganze Jahr über genießen durfte – Familie, Freunde, Wärme – kaum oder gar nicht kannten. So entschloss ich mich, an Heilig Abend einen Gottesdienst mit anschließender Weihnachtsfeier für Obdachlose und Suchtkranke zu besuchen.

"Würde ich stören?"

Etwas mulmig war mir schon zumute, als ich die Türe öffnete und das Gebäude betrat. Eine alte, knarrende Holztreppe führte mich zu einem großen Saal, der dezent, aber einladend geschmückt war. Zögernd folgte ich einem älteren Herrn, der zwei zerrissene Einkaufstüten bei sich trug, nach innen. Die meisten Stühle waren noch nicht besetzt, und es herrschte eine merkwürdige Stille. Wie würden mir die Menschen hier begegnen? Würde ich stören, wäre ich für sie ein Dorn im Auge – offensichtlich doch auf der „anderen Seite“ des Lebens stehend?

Ich fasste mir ein Herz und begrüßte einen Mann mittleren Alters, der etwas abgeschieden an der Wand lehnte. Schon nach wenigen Worten war das Eis gebrochen: Helmut* erzählte mir von seinem Tag, von der letzten Woche, und bald war ich Gast mitten in einem Leben, das durchzogen war von tragischen, zermürbenden Ereignissen. Ich war beeindruckt von Helmuts Durchhaltevermögen und seinem stetigen Kampf gegen Verlust, Alkohol und Erschöpfung. Zugleich spürte ich die Verzweiflung und endlose Sehnsucht nach Heilung in seinen Worten.

Inzwischen hatte sich der Saal fast komplett gefüllt, und der Gottesdienst begann. Diakonissen erzählten von der Weihnachtsbotschaft, es wurden Lieder gesungen. Viele der  Anwesenden blickten starr und fragend um sich, nur vereinzelt registrierte ich eine Bewegung. Ich wollte diese Menschen so gerne gesund machen, ich wollte ihnen so gerne Hoffnung geben, ein neues Leben – Dinge, die doch alleine Gott geben kann. Wie gerne hätte ich jedem Einzelnen von ihnen erzählt, wie großartig Gott ist, doch würden sie nicht nur zynisch lachen? Ihr Leben war alles andere als großartig. Ich war ratlos. „Gott, sei du hier und zeige dich ihnen selbst“, war mein ständiges Gebet. Ich fühlte mich überfordert von dem geballten Leid.

Nach dem Gottesdienst begann das gemeinsame Essen. Ich durfte Einblick in so manche Lebensgeschichte bekommen: Menschen, die sich in ihrer Suche nach Leben so sehr in die Sucht verstrickt hatten, dass es in meinen Augen unmöglich schien, dass sie jemals wieder gesund würden. Ihre Augen erzählten mir von zahlreichen durchzechten Nächten, von Einsamkeit, von Schmerzen und Gewalt. Warum waren sie hier? Was erwarteten sie von dieser Weihnachtsfeier, was suchten sie hier? Gott schien ihnen so weit weg, so fremd, so unwirklich zu sein.

Gemeinsam feiern

All diese Fragen beschäftigten mich noch, als der gesellige Teil des Abends begann: Ein „bunter Abend“ mit Spiel und Musik. Jeder durfte sich beteiligen, wie er gerade wollte. Es wurde erzählt, gesungen, gelacht. Mit jeder Minute wurde die Atmosphäre lockerer, ja, fast fröhlich. Es war deutlich zu spüren, wie froh und dankbar diese Menschen waren, Raum und Zeit zu haben, um von sich zu erzählen und Lieder zu singen, die sie aus einer zum Teil sehr fernen, zum Teil noch sehr behüteten Kindheit kannten.

Es war schon spät am Abend, als sich aus einer Ecke eine gebückte Gestalt erhob. Helmut! Zaghaft lief er nach vorne und sah unsicher im Raum umher. Unsere Blicke trafen sich, und ich nickte ihm ermutigend zu. Umständlich wühlte er aus einer seiner Manteltaschen eine alte Mundharmonika hervor und begann zu spielen. Erst einige leise Töne, bis er sich immer mehr in seinen Klängen verlor. Es war keine musikalische Meisterleistung – aber Helmut spielte so voller Hingabe, dass alle im Saal ihm gebannt zuhörten. Als er sein Lied beendete und die Zuhörer ihm begeistert applaudierten, freute sich Helmut so sehr, dass es mir fast schien, als stünde da ein kleines Kind, das gerade zum ersten Mal ein Weihnachtslied geflötet hatte. Er war so stolz!

Diese berührenden Momente und diese kindliche Freude, die nicht nur Helmut an diesem Abend erlebte, ließen mich eine ganz neue Wirklichkeit in den Worten aus Galater 6,2 entdecken: „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ Wie lebendig dieser Satz doch an diesem Abend geworden war! Wie wenig es brauchte, um Herzen zu verändern und Menschen genau an dem Punkt zu begegnen, wo sie es brauchten. Und wie viel wir uns doch gegenseitig zu geben hatten, wenn wir füreinander da waren, wenn wir Zeit und Fürsorge teilten!

"Das war mein schönstes Weihnachten."

Zum Abschied zu mitternächtlicher Stunde gab mir Helmut die Hand. „Das war mein schönstes Weihnachten“, sagte er lächelnd. „Meins auch“, sagte ich, und erntete einen verdutzten Blick. Ich winkte ihm noch lange nach und staunte über die Kraft der scheinbar so kleinen Dinge. Wo ich zuvor noch völlig hilflos vor dem Leid dieser Menschen stand, wurde ich von Gott eines besseren belehrt: Wie beschränkt uns doch manchmal unsere Möglichkeiten erscheinen, und wie mächtig wir doch tatsächlich sind, wenn wir uns dennoch aufmachen und das tun, was wir tun können, auch wenn wir es selbst für wirkungslos halten.

Was wäre denn, wenn Menschen wie Helmut aus diesen kleinen Momenten der bedingungslosen Annahme und des Respekts vielleicht sogar neue Kraft für ihr Leben schöpfen könnten? Und wenn sie dahinter irgendwann Gott entdecken könnten, der sie ja noch viel bedingungsloser und respektvoller annimmt, als ein Mensch das je könnte?

Ich wünsche mir dieses Jahr zu Weihnachten, dass ich immer wieder für einen Menschen der Anstoß sein kann, Gott kennen zu lernen: Den Gott, der sich an Weihnachten in unser aller Herzen lieben und sie auf wundersame Weise verändern will. Den Gott, der mit und um uns weint, wenn wir weinen. Den Gott, der all unsere Tränen trocknen wird. Und den Gott, der im Himmel ein Freudenfest schmeißt, wenn wir uns von ihm trösten und finden lassen.

* Name von der Redaktion geändert


Kommentare

Von Jesusfan am .

Jesus sucht verlorene Schafe auch heute..

Von Christian am .

Danke für diesen schönen Artikel. Gott möge diesen armen Menschen helfen, es gibt sicher viele reiche Leute die da helfen könnten, das ein jeder der Betroffenen geholfen werden kann ein menschenwürdiges Leben zu führen.
Eine schöne gesegnete Adventszeit wünscht Christian

Von Bettina am .

Liebe Petra,
vielen Dank für diesen anrührenden Bericht!
Ich mache seit einiger Zeit eine Bibelstunde in einem Obdachlosen-Café und ich kann das alles voll unterschreiben, genauso empfinde ich das auch.
Was für mich in der Bibelstunde zusätzlich noch deutlich wird, ist, dass viele das Gefühl haben, sie dürften gar nicht zu Gott kommen, weil sie so "verkehrt" leben - und dann entsteht so etwas wie eine "vorbeugende Ablehnung" gegen einen - möglicherweise strafenden - Gott.
Daher ist es wichtig, mehr


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