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Beten ohne Punkt und Komma?

Was scheinbar unmöglich ist, setzen Christiane Hammer und Sr. Elfriede Popp um.

„Betet ohne Unterlass!“ schreibt Paulus an die Christen in Thessalonich. Das ist ein Satz aus der Bibel, der einen ganz schön in die Bredouille bringen kann. Er fordert scheinbar Unmögliches von einem Christen – sofern er sein Leben wirklich nach der Bibel ausrichten möchte. Also Händefalten: jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde.

Doch wie stellt Paulus sich die Umsetzung vor? Ist ab sofort das Treffen mit Freunden verboten? Urlaub und Freizeit gestrichen? Schließlich wünscht Paulus sich offensichtlich, dass ein Christ nur noch mit gefalteten Händen da sitzt und betet! Und überhaupt – wie kann jemand das seinem Chef erklären, dass ab sofort nur noch Gebet angesagt ist?!

Gebetshaus Augsburg rund um die Uhr geöffnet

Während sich vielleicht der eine oder andere Christ darüber Gedanken macht und keine Idee hat, wie er das umsetzen kann, hat Christiane Hammer damit überhaupt kein Problem. Als Gebetsmissionarin wird sie dafür bezahlt, dass sie einige Stunden täglich im Gebet verbringt. Wenn ihre Arbeitszeit beginnt, betritt sie einen Raum im Gebetshaus Augsburg, in dem Menschen stehend oder sitzend beten. Während die Lobpreisband Anbetungslieder spielt, nutzt sie die Zeit, um sich ausgiebig mit Jesus zu unterhalten. Wenn ihr ein Gedanke besonders wichtig wird, betet sie ins Mikrofon, damit auch die anderen Beter und Beterinnen gedanklich in ihr Gebet einsteigen können. Anschließend greift die Lobpreisband ihr Gebet auf und entwickelt daraus spontan einen Chorus, der durch den Raum hallt. Auf diese Weise wird ihr Gebet noch einmal vor Gott gebracht.

Christiane Hammer ist Gebetsmissionarin im Gebetshaus Augsburg. Ihr Zitat: "Gebet macht mich barmherziger und lässt mich erkennen, wer Gott wirklich ist." (Bild: privat)

Das Gebetshaus in Augsburg gehört zur charismatischen Erneuerung in der katholischen Kirche und entstand 2005 durch eine Initiative junger Christen. Sie glauben, dass Gott so faszinierend ist, dass er es wert ist, angebetet und verherrlicht zu werden – durch Gebet und ökumenischer, moderner Lobpreismusik an 365 Tagen rund um die Uhr. Trotz der immerwährenden geöffneten Tür am Gebetshaus, soll es keine Gemeinschaft oder Gemeinde ersetzen, sondern ein unterstützender Gebetsdienst für die Kirche und Gemeinde sein.

Die Vision der Gebetshäuser ist, Menschen dabei zu helfen, Gott zu begegnen, der sie leidenschaftlich liebt. Christiane Hammer hat dieses Anliegen zu ihrem persönlichen gemacht und hat sich bewusst dafür entschieden, vor Gottes Füßen zu sitzen, um zu hören, was er tut - ihr Leben lang.

Jesus im Haus der Stille begegnen

Auch Sr. Elfriede Popp beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit dem Thema Gebet. Sie ist Studienleiterin im Haus der Stille in Gnadenthal, einem Ort, wo Menschen sich bewusst Zeit für die Stille mit Gott nehmen können. Um sich auf essentielle Dinge im Leben zu konzentrieren und sich dafür zurückzuziehen bietet das Haus der Stille geeignete Bedingungen. So können die Gäste der Spur ihrer Sehnsucht folgen: Jesus begegnen und ganz bei ihm sein. Sr. Elfriede Popp begleitet mit einem Team Menschen, die bei ihnen einkehren, um Gott im Gebet zu suchen. Dabei empfindet sie die Stille für außerordentlich hilfreich, da viele Menschen gerade in den Zeiten der Stille das eigene Leben reflektieren und sich bewusst oder unbewusst für Gottes Reden und seine Führung öffnen.

Sie selbst lebt in der Jesus-Bruderschaft, in der die Tagesstruktur der eines Klosters ähnelt. Neben verschiedenen Tageselementen sind auch Zeiten für das Gebet fest im Alltag verankert. Diese festen Zeiten des Gebets helfen ihr, sich immer wieder neu auf Jesus auszurichten und durch das Gespräch mit ihm ihr Leben vor Gott zur Sprache zu bringen. Dabei stellt sie fest, dass Beten weit mehr ist, als „nur“ mit Jesus zu reden: Es schließt das gesamte Leben mit ein, wenn es in Verbindung zu Gott gelebt wird. Ihr persönliches Ziel ist, etwas zum Lob Gottes zu sein. Diese Ausrichtung hilft ihr auch in kleinen Momenten des Alltags, Gott beispielweise für schönes Wetter beim Spazierengehen zu danken.

„Wenn ich keinen Plan habe, hat Satan einen Plan.“

Während viele Christen vor einem Rätsel stehen, wie sie ohne Unterlass beten sollen, ist das für Christiane Hammer gar kein Problem. Sie teilt Sr. Elfriede Popps Meinung, dass das Gebet weit mehr ist als allein das gesprochene Gebet. „Ich glaube, diese Trennung zwischen Geistlichem und Weltlichem gibt es nicht. Auch wenn ich im Büro sitze, ist das Anbetung, denn auch das kann ich zur Ehre Gottes machen.“ Dennoch ist sie leidenschaftlich Gebetsmissionarin, um sich bewusst für unterschiedliche Anliegen in den Riss zu stellen, angefangen für die Politik in Deutschland, gesellschaftsrelevante Themen, bis hin zu Anliegen rund um Europa. Gleichzeitig hat sie auch die Menschen aus ihrem Bekanntenkreis im Blick, die momentan Schwierigkeiten erleben.

Gebetshäuser sind nicht ausschließlich eine Strömung aus der charismatischen Erneuerung der katholischen Kirche. Stattdessen gibt es diese auch im evangelischen, sowie freikirchlichen Bereich.

Um gedanklich auch über Stunden am Gebet dranbleiben zu können, ist ihr ein Plan äußerst wichtig. Sie sagt: „Wenn ich keinen Plan habe, dann hat Satan einen super Plan für mich – er lenkt mich ab.“ Sie strukturiert daher bewusst ihre Gebetszeit, um die ihr wichtigen Themen nicht zu kurz kommen zu lassen. Weil Gott auch durch sein Wort mit ihr spricht, liest sie in ihren Gebetszeiten aufmerksam in der Bibel. Ihr fällt auf, dass je mehr Zeit sie mit Jesus verbringt, es umso normaler für sie wird, dass Jesus in allen Bereichen ihres Lebens präsent ist.

Gott ist kein Cola-Automat

Sr. Elfriede Popp ist Studienleiterin im Haus der Stille in Gnadenthal. Sie sagt: "Ich habe Zeiten im Gebet, wo ich mich einfach bemühe, wirklich vor Gott zu sein – ohne, dass ich viele Worte mache.“
Sie wendet gerne das Herzensgebet an. Herr Udo Hofmann hat sich intensiv mit dem Herzensgebet auseinandergesetzt. (Bild: privat)

Eine Gebetstradition ostkirchlicher Tradition drückt genau diesen Wunsch aus, möglichst permanent in der Gegenwart Gottes leben zu wollen: Das Herzensgebet, das aus dem schlichten „Herr, erbarme dich meiner“ besteht. Sr. Elfriede Popp nutzt das dieses Gebet sehr gerne, um Gott auf diese Weise um sein Erbarmen für ihr Leben und das Leben um sie herum zu bitten. Ihr hilft das innerliche Gebet immer wieder, um sich Gottes Nähe bewusst zu sein. Sie nennt es auch: Gott anschauen. Während sie früher viel mehr Worte im Gebet gemacht hat, sagt sie heute: „Ich habe Zeiten im Gebet, wo ich mich einfach bemühe, wirklich vor Gott zu sein – ohne, dass ich viele Worte mache.“ Schließlich wisse Gott genau, was sie bewege und ihr wichtig sei.

Während Sr. Elfriede Popp die Betonung auf Stille und wenige Wort legt, ist Christiane Hammer vom Gebetshaus Augsburg der festen Überzeugung, dass durch Gebet die Gegenwart Gottes freigesetzt wird. Sie erwähnt, dass insbesondere die großen Erweckungsbewegungen stark durch Gebet vorbereitet wurden. Das motiviert sie, täglich lange und ausgiebig durch konkrete Gebete, mit Gott in Kontakt zu sein.

„Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan“ ist ein Vers aus der Bergpredigt. Dennoch sieht Sr. Elfriede Popp das Gebet keinesfalls als Münze, die sie einfach bei Gott wie in einem Cola-Automaten einwerfen kann,  um dann auf Anhieb jeden Wunsch erfüllt zu bekommen. Ihrer Meinung nach bleibt Gebet ein Prozess, in den sie sich hineinbegibt, um am Wirken Gottes beteiligt zu sein. Viele Gebetserhörungen motivieren sie, auch weiterhin dran zu bleiben.

„Gebet macht mein Herz weich.“

Trotz Erfahrungen rund um das Thema Gebet bleibt Gebet für viele Christen ein unergründliches Geheimnis. Einerseits wird durch die Bibel deutlich, dass Gott sich konkrete Bitten wünscht und teilweise Gebete auch erhört. Auf der anderen Seite wird in der Bibel nicht präzise auf den Punkt gebracht, woran Gott festmacht, welches Gebet er erhört und welches nicht. Doch trotz dieser Ungewissheit wird durch die Bibel deutlich, dass Gott sich Gemeinschaft wünscht – zum Beispiel während des Gebets.

„Ich lebe“, sagt Elfriede Popp, „aus der Beziehung zu Gott und deshalb bete ich. Dabei ist Gebet niemals eine Leistung oder eine Frage der Logik. Der Segen hängt niemals davon ab, wie viel ich gebetet habe.“ Sie stellt fest, dass die intensiven Gebetszeiten ihre Einstellungen verändern und sie immer mehr aus der Liebe zu Gott lebt. Mit einem Zwinkern im Auge sagt sie: „Aber ich halte jetzt nicht jede Woche meinen Puls, was sich in meinem Leben verändert hat.“

Damit wird klar: Natürlich bleibt die Veränderung ein Prozess, dessen aktueller Stand nicht schwarz auf weiß ermittelt werden kann. Und doch: Gebete sind nicht vergeblich. Christiane Hammer reflektiert die Wirkung der Gebete auf ihr Leben wie folgt: „Das Gebet macht mein Herz Gott gegenüber weich. Es macht mich barmherziger und lässt mich erkennen, wer Gott wirklich ist. Irgendwie hat doch jeder seine Vorstellung von Gott – ja man packt ihn irgendwie in eine Kiste. Die stößt Gott um, weil es ihm da drinnen zu eng ist. Ich merke, wie die Gebete mein Herz lebendig machen und sie auch meine Beziehung zu anderen Menschen verändern.“

Christiane Hammer und Sr. Elfriede Popp haben für sich persönlich eine Antwort gefunden, wie sie für das Gebet bewusst Zeitfenster im Alltag einbauen. Das hilft ihnen, regelmäßig intensiv mit Gott ins Gespräch zu kommen und eine bewusste Ausrichtung auf Jesus zu haben. Ganz unabhängig davon, ob sie Gott gerade hartnäckig mit einem Anliegen bestürmen oder sich ausgiebig Zeit nehmen, um Jesus anzuschauen.


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Kommentare

Von Sandra am .

Liebe Ingrid, manchmal werden Gebete nicht erhört. Gott sagt nicht, er schafft alles Leid aus der Welt - er sagt, er hilft uns, es zu überwinden. Ein wichtiger Unterschied.
Ich bin mir sicher, dass Gebet IMMER wirkt. Auch wenn Gebet nicht unbedingt das Ergebnis liefert, das wir uns wünschen. Wir sind demütig vor Gott, wir sind es nicht, die den großen Plan kennen. Vieles verstehe ich nicht, manches macht mich richtig wütend. Aber die Konstante im Leben ist Gott. Darauf können wir uns verlassen, egal was passiert.

Von Paul Sch. am .

wenn Paulus schreibt , betet ohne Unterlass , so ist eindeutig damit gemeint , jeder gläubige Christ soll das Tagesgebet nach seinen Möglichkeiten nicht vernachlässigen
hier ist keine zeitliche Dimension gefordert sondern die innige Beziehung in Demut zum Herrn , Paulus ermahnt uns das Gebet nicht zu vernachlässigen , dies setzt natürlich ein starker Glaube und innige Bereitschaft voraus !

Von Brigitte am .

Hallo, also ich glaube kaum, dass die Schrift "Betet ohne Unterlass" damit meint, 24 Stunden am Tag mit GOTT zu reden. Paulus wusste ja auch, dass es Leute gibt, die hart arbeiten müssen. Aber man kann jede Arbeit zu einem Art "Gebet" machen, indem man sie für den HERRN tut von ganzem Herzen und von ganzem Gemüte. Aber wenn es jemand hinbekommt, wirklich jede Minute Gott im Gebet zu dienen. - Meine Hochachtung

Von Ingrid fragt: am .

Wie geht man mit der Tatsache um, dass 31 Jahre ein bestimmtes Gebet n i c h t erhört wurde? Es handelt sich nicht um einen materiellen Wunsch, sondern um die Errettung eines nahestehenden Menschen

Von Bianka N. am .

Auch Dr.Arne Elsen,Diabetologe mit eigener Praxis in Hamburg hat die Aufforderung ohne Unterlass zu beten sehr ernst genommen. Als Hilfsmittel und um sich zu strukturieren setzt er einen Wecker ein, der alle paar Minuten Signal gibt. Nicht jeder braucht einen Wecker, aber Gott stellt sich dazu wenn wir Ihm danken, Ihn anbeten, für die Obrigkeit und die Gefangenen und Verfolgten und unsere Familien und Gemeinden eintreten. Er gibt Gebetslasten. Ich empfinde auch das Sprachengebet als grosses mehr


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