Interview Lesezeit: ~ 7 min

"Wir sollten uns nie zu sicher sein über ihn."

Autor Alois Prinz im Gespräch über seine Jesus-Biografie.

Jesus von Nazaret: Nicht nur für Christen ist er eine faszinierende und inspirierende Person. Was für ein Mensch war er? Was unterscheidet ihn von anderen und wie kam es dazu, dass aus dem Leben dieses jüdischen Mannes eine Weltreligion entstand?

In seinem Buch „Jesus von Nazaret“ nimmt Alois Prinz den Leser mit auf eine Reise in die Zeit Jesu. Martina Eibach hat mit dem Autor gesprochen. Er ist ein bekannter Biograf und Träger des Deutschen Jugendliteraturpreises. Sein Buch richtet sich an jugendliche Leser, ist aber auch für Erwachsene interessant.

Herr Prinz, Sie haben unter anderen über Herrmann Hesse, Franz Kafka, Ulrike Meinhof und Joseph Goebbels geschrieben. Jetzt schreiben Sie über Jesus. Ist über den nicht wirklich schon alles gesagt worden?

Wie heißt es so schön von Karl Valentin: „Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.“  Aber das war nicht mein Grund für das Buch. Es stimmt schon, wahrscheinlich ist Jesus die Person, über die am meisten geschrieben worden ist. Ich habe mich über viele Jahre hinweg mit ihm beschäftigt und wollte gerne ein Buch schreiben, das eben auch für Menschen lesbar ist, die sich nicht speziell mit diesem Thema beschäftigen oder keinen theologischen Zugang haben. Und natürlich wollte ich auch meine Sicht der Dinge einbringen.

Jesus hatte Schwielen an den Händen

Wie haben Sie sich der Person Jesus genähert?

Es war eine große Herausforderung, sich in diese Zeit hineinzuversetzen, das Ganze ist ja schon über 2000 Jahre her. Mich packte dabei auch der Ehrgeiz, dem Leser die Szenerie von damals neu zu unterbreiten. Als Erstes habe ich das Neue und große Teile des Alten Testamentes genau gelesen. Außerdem habe ich mich viel auf archäologische Forschungen gestützt: Wie haben die Leute damals gelebt, wie sind sie gereist, was haben sie gegessen, wie hat sich ihr alltägliches Leben abgespielt? Jesus ist ja nicht auf dem Mond geboren, sondern zu einer bestimmten Zeit und unter ganz bestimmten Umständen.

Dann nehmen Sie uns ein bisschen mit in die Zeit Jesu.

Die Zeit war geprägt von der Besatzungsmacht Rom und damit angespannt und alles andere als einfach. Jesus lebte die längste Zeit seines Lebens in Nazaret. Fast 30 Jahre lang, bevor er überhaupt in der Öffentlichkeit wirkte, hat er an einem Ort gelebt, der von keinem Schriftsteller erwähnt wird. Das heißt, Nazaret war so klein und uninteressant, dass sich eigentlich niemand darum gekümmert hat. Hier ist Jesus als Teil der Landbevölkerung aufgewachsen. Diese musste viele Steuern zahlen und hart arbeiten.

Man muss sich Jesus als einen handwerklich schaffenden Menschen vorstellen, der wahrscheinlich Schwielen an den Händen und überhaupt nichts Abgehobenes an sich hatte. Erst später, als er dann in die Öffentlichkeit trat und Leute um sich sammelte, zeigte er ein anderes Gesicht.

Zu diesem Zeitpunkt ist Jesus ungefähr 30 Jahre alt. Er reist als Wanderprediger durch das heutige Israel und findet seine ersten Anhänger. Immer drängender wird die Frage, wer er ist. Herr Prinz, wie würden Sie das Bild beschreiben, das Sie heute von Jesus haben?

Es ist wie bei einem Gemälde, das oft übermalt worden ist. Für mich war Jesus immer der mit den langen, schönen Haaren, mit den blauen Augen und dem verklärten Blick. Als ich mich wieder neu der Person Jesu näherte, habe ich mehr das Menschliche und nicht so sehr das Verklärte an ihm gesucht. Im Prozess des Schreibens ist er mir dann immer näher gekommen als jemand, der nicht abgehoben dargestellt wird oder die Projektionen der Menschen erfüllt. Vielmehr als ganz normaler Mensch, der etwas hatte, was über das rein Menschliche hinausgeht.

Es ist schwer zu beschreiben, aber diese zwei Seiten wollte ich in meinem Buch gerne einfangen. Für mich ist das Bild, das sich zum Schluss ergeben hat, ein ganz einfaches, nicht überhöht, sehr bodenständig.

Wie Jesus heute auf die Erde kommen würde

Wie erklären Sie sich, dass selbst die Jünger – also seine engsten Begleiter – ihn nicht klar als Messias erkannt haben?

Es klingt sehr authentisch und ehrlich, wenn die Jünger in den Berichten nicht immer im besten Licht dargestellt werden. Jesus musste ihnen immer wieder sagen: „Murrt nicht über mich.“ Oder: „Ärgert euch nicht.“ Und einmal sagte sogar jemand über ihn: „Was der sagt, ist unmöglich. Wir können nicht mehr länger mit ihm gehen. Also, wir gehen jetzt.“

Anscheinend haben die Leute immer etwas anderes von ihm erwartet als das, was er ihnen anbot. Das ist doch eine ganz merkwürdige Sache, dass Jesus den Leuten nicht auf den ersten Blick einleuchtete. Oft täuschten sie sich in ihm oder ärgerten sich deshalb sogar.

Wenn nicht mal diejenigen ihn als Messias erkannten, die ihm nahe waren und ihm nachfolgten, wie können dann wir Jesus heute erkennen?

Alois Prinz wurde bereits mit verschiedenen Preisen für seine Werke ausgezeichnet, darunter der Deutsche Jugendliteraturpreis. Der gebürtige Niederbayer ist verheiratet mit einer evangelischen Pfarrerin. (Bild: ERF Medien)
 

In diesem Sinn machte er es den Leuten wirklich nicht einfach. Er wollte keine eindeutigen Beweise liefern, damit die Leute sofort sagen: „Klar, das ist der Messias, der Sohn Gottes.“ Er will, dass die Leute immer noch die Freiheit behalten, auch Nein zu ihm zu sagen. Ich glaube, dieses Maß an Unklarheit und diese Zweifel sind ein wichtiger Aspekt dessen, was er Glaube genannt hat. 

In diesem abwägenden Hinterfragen und gleichzeitig zu ihm Hingezogenfühlen ist er den Leuten damals schon begegnet. Es gilt auch heute: Wenn man wirklich seine Gegenwart erleben will, muss man sich in diesen Zustand begeben. Wir sollten uns nie zu sicher sein über ihn. Nur weil es das Christentum schon 2000 Jahre gibt, ist damit überhaupt nichts bewiesen.

 

Jede vermeintliche Sicherheit ist diesbezüglich eine trügerische, die wir ablegen sollten. Wenn Jesus heute wieder auf die Welt käme, würde er bestimmt wieder eine Form wählen, die uns auf gewisse Art und Weise in unseren Erwartungen enttäuscht.

Wer weiß, vielleicht würde er als ganz normaler Beamter oder als Obdachloser kommen. Ich glaube, er würde es zumindest darauf anlegen, unsere Vorstellungen über ihn ins Wanken zu bringen und uns unsere Sicherheit zu nehmen. Damit wir wieder in die Lage versetzt werden, uns frei für ihn zu entscheiden oder eben auch Nein zu ihm zu sagen.

Was halten Sie heute für das größte Missverständnis über Jesus?

Heutzutage sind wir ja einerseits in der glücklichen und zugleich weniger glücklichen Lage, dass wir schon so viel Wissen über ihn gesammelt haben. Wir haben 2000 Jahre Christentum hinter uns, verschiedene Theologien, Berge wissenschaftlicher Arbeiten und viele Päpste, die sich über Jesus geäußert haben.  

Ich glaube, dieses Wissen kann nicht nur hilfreich, sondern auch ein großes Hindernis sein, ihm zu begegnen. Diese Unsicherheit, die ihn umwoben hat, gerade auch in seinem engsten Umfeld damals, ist fast verschwunden. Für mich persönlich war es wichtig, meine vermeintliche Sicherheit abzulegen und ihm wieder ganz neu zu begegnen.

Was Jesus gerade für die junge Generation wichtig macht

Was bedeutet es dann für Sie heute, an ihn zu glauben und ihm nachzufolgen?

Es gibt diesen schönen Satz von Luther, der sagt: „Das, was du verehrst oder was du brauchst, das ist dein Gott.“ Heute gibt es viele Dinge, die den Platz von Gott einnehmen, ob das jetzt Geld, Prestige oder der Beruf ist. Wir suchen etwas, auf das wir bauen, von dem wir unser Lebensgefühl abhängig machen können. Jesus sagt da ganz klar: Das Einzige, worauf du bauen kannst, ist das Vertrauen, das Gott dir gegenüber zum Ausdruck bringt. Das ist die Grundlage. Alles andere ist sekundär und zählt nicht so sehr. Und genau das meint er mit Nachfolge.

Nachfolge beginnt meiner Ansicht nach da, wo der Mensch sich wirklich fallen lassen muss. Das hat Jesus von seinen Jüngern und Anhängern erwartet. Fallen lassen nicht ins Bodenlose, sondern in die Hände Gottes. Wenn dieses Vertrauen gelebt wird, dann folgt darauf auch alles andere: Dann fühle ich mich getragen, dann habe ich ein Selbstwertgefühl und Nächstenliebe wird überhaupt erst möglich.

Ihre Bücher sind in erster Linie für Jugendliche geschrieben. Warum glauben Sie, dass Jesus gerade auch für Ihre jungen Leser interessant ist?

Ich bin viel an Schulen und setze mich mit den Schülern über religiöse Dinge auseinander. Da merke ich: Glaube und Nachfolge scheint so weit weg von ihnen. Jesus lässt sich kaum noch mit ihnen in Verbindung bringen.

Deshalb war mein Anliegen, dass diese Distanz verschwindet, wenn Jugendliche mein Buch lesen. Sie sollen merken, dass Jesus durchaus jemand ist, der genau sie meint und eine Botschaft hat, die auch junge Menschen betrifft. Er ist jemand, von dem sie etwas über Unabhängigkeit erfahren können. Er ist ein Vorbild im Umgang mit Ängsten und Autorität. Er wusste, wie es war, einerseits Außenseiter, aber andererseits auch etwas Besonderes zu sein. Er stellte sich gegen Gruppenzwang und bewahrte auch in schwierigen Situationen seine Eigenarten. All das kann man von Jesus anhand seiner konkreten Erfahrungen lernen.

Gerade in einer Zeit, in der die Medien viele fragwürdige Vorbilder anbieten, ist meines Erachtens gerade eine Figur wie Jesus besonders wichtig.

Vielen Dank für das Gespräch!


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