Aus dem Leben

II. Erstens kommt es anders... und zweitens, weil Gott lenkt

Wie aus gescheiterten Träumen Gottes besondere Möglichkeiten werden.

Es ist tragisch, wenn Christen nach einer Verlust- oder Zerbruchserfahrung das Gefühl bekommen, nicht mehr wirklich dazuzugehören, als sei die Gemeinde ein Ort, in dem wir unsere heilen Biographien feiern können. Dabei ist doch das Gegenteil der Fall! Auch deswegen mag ich diese unheilige Vorweihnachtsgeschichte in Matthäus 1 so gerne: Mit solchen gebrochenen Menschen schreibt Gott ganz unbekümmert Heilsgeschichte. Jesus wird nicht nur in äußerliche Armut hineingeboren, in eine Handwerkerfamilie und in einen schmutzigen Stall – sondern in eine Familie, in der die vom Leben Gezeichneten, die Gescheiterten und Enttäuschten ihren selbstverständlichen Platz haben.

Ewigkeitsperspektive finden

Unsere Damen haben nicht gewusst, dass Gott sie in die wichtigste Ahnentafel der Geschichte einbauen würde. Möglicherweise hätten sie es sogar als zuviel der Ehre empfunden. Aber in zweierlei Hinsicht möchte ich mich von diesem Text mit den vielen Namen inspirieren lassen.

1. Worauf kommt es im Leben eigentlich an?

Manchmal singen wir in unseren Liedern schon Wahrheiten, die in unserem Leben noch gar nicht so recht angekommen sind: „Das Höchste meines Lebens ist, dich kennen … dich lieben … dir dienen, Herr“. Wenn in unserem Leben etwas anders läuft als geplant, fangen wir – oft unter Schmerzen – erst richtig an, das durchzubuchstabieren: Das Wichtigste ist, dass ich zu Gott gehöre. Und dann gilt: Es gibt keine Situation, in der ich Gott nicht erfahren, und es gibt keine Situation, in der ich nicht für ihn leben kann. Batsebas zweiter Mann ist das beste Beispiel dafür, dass selbst schwere Schuld dabei keine Ausnahme bildet: David erfährt in seiner Zerknirschtheit und durch sie hindurch Gott auf eine ganz besondere Weise, und seine Bußpsalmen sind Generationen von Gläubigen seither eine Hilfe gewesen. Er war „ein Mann nach Gottes Herzen“ (Apg. 13,22), das sollte uns zu denken geben …

Es geht mir hier nicht darum, Scheitern, Schmerz und Schmuddeligkeiten zum Normalfall zu erheben oder gar als eine Art seelsorgerliche Grundkompetenz zu adeln. Ich will auch in das Leben „unserer“ vier Frauen nicht geistliche Erfahrungen hineinlesen, über die die Bibel schweigt. Entscheidend finde ich: Ob wir einigermaßen heil durchs Leben kommen oder grundständig scheitern – Gott kann uns in sein Heilshandeln mit einbauen, und er ist von Knicken in unserem Lebenslauf nicht überrascht. Er braucht nicht hastig einen „Plan B“ zu entwickeln, nach dem unser Leben nur noch zweite Wahl und halb so brauchbar ist. Das Verrückte ist ja, dass die Matthäus-1-Frauen alle gerade erst durch ihre schwierige Erfahrung in Jesus’ Stammbaum „hineingerutscht“ sind.

2. Sind unsere Träume zu groß?

Ich stamme aus dem Grenzland von Westerwald und Siegerland, wo ein ziemlich robuster Menschenschlag eine kernige Frömmigkeit hervorgebracht hat. Sehnsüchten steht man da eher skeptisch gegenüber, und je nach Gemeindeprägung wird diese Welt ohnehin als Jammertal wahrgenommen, in dem die Erfüllung aller Träume und Wünsche bis zum Jenseits zu warten hat. Inzwischen sehe ich das etwas differenzierter: Wie wäre es denn, wenn unsere Träume – und ihre Erfüllung – auf eine größere Wirklichkeit verweisen und schon deswegen ihren Wert haben? Ganz plastisch finde ich das am Beispiel des Dauerbrenners Paarbeziehung: Paulus stellt die ziemlich steile These auf, dass selbst die beste Ehe nur ein kleiner Abglanz von etwas viel Größerem ist, nämlich der Beziehung zwischen Jesus und seiner Gemeinde (vgl. Eph, 5, 22ff).

Ich schlage vor – um bei dem Beispiel zu bleiben – dass wir dieser größeren Wirklichkeit ganz unabhängig davon auf der Spur bleiben, wie sich die „Paarbeziehungsfrage“ für uns entwickelt: Was auch immer wir uns an Annahme, Liebe, Sicherheit, Versorgung, Wertschätzung und Geborgenheit erhoffen, finden wir nirgendwo mehr als bei Gott! Vielleicht würden wir das auch mehr empfinden, wenn wir nicht nur beten würden: „Jesus, schenk mir eine Frau“ oder „schenk doch, dass mein Mann mich besser versteht“, sondern auch: „Jesus, lass mich dich besser kennenlernen“. Nein, ich glaube nicht mehr, dass unsere Träume zu groß sind und wir sie besser einmotten sollten bis zum nächsten Leben – ich glaube eher, dass unsere Träume zu klein sind, und dass wir lernen sollten, Gottes große Träume schon jetzt mitzuträumen.

Wir dürfen das Schöne dieses Lebens genießen als Vorgeschmack auf das noch Schönere, das auf uns wartet – und wir müssen uns andererseits vom Schwierigen nicht unterkriegen lassen, weil wir wissen, dass es nicht das letzte Wort hat. Das ist doch eine Perspektive, mit der sich leben lässt! Die Sache mit dem „Königreich Gottes“, von dem Jesus immer gesprochen hat, klingt etwas fremd in demokratischen Ohren, aber es geht genau um diese größere Wirklichkeit: Gott träumt nämlich auch! Er sucht sich ein Volk, eine Familie aus Menschen zusammen, denen er ganz nahe sein möchte. Wir dürfen unseren Platz in dieser Familie Gottes einnehmen, wir erfahren Segen und werden zum Segen für andere, und das sogar weit über dieses Leben hinaus. Tamar wollte um jeden Preis ein Kind; Rahab war froh, der Zerstörung zu entkommen; Ruth fand eine neue Heimat und Batseba einen Neuanfang – sie hätten sich nie träumen lassen, dass sie UrUrUrUrgroßmütter des Messias werden würden. Gottes Pläne mit ihrem Leben waren viel größer als ihre eigenen.

Andrea Wegener, Jahrgang 1975, hat in Leipzig Germanistik, Amerikanistik und Geschichte studiert. Sie leitet die Öffentlichkeitsarbeit von Campus für Christus, Gießen. (Bild: privat)

 

Leben mit und trotz Enttäuschungen

Wenn wir uns trotz aller Enttäuschungen von Gott gebrauchen lassen, werden wir an manchen Stellen wieder kleine und größere „Erfüllungen“ erleben, wo wir sie nicht erwartet hätten. Ich habe ich vor kurzem von Missionaren aus Namestan gehört, die plötzlich aus ihrem Einsatzland ausgewiesen wurden. Jahrelang hatten sie die Sprache studiert, hatten die Namestanis lieben gelernt – und dann das!

Sie waren unglaublich enttäuscht und haderten mit Gott, dass sie nun wieder in ihrem Heimatdorf in Deutschland festsaßen, wo keiner wirklich Verständnis für sie hatte, bis sie feststellten, dass in einem Asylantenheim wenige Kilometer entfernt einige Dutzend Menschen aus Namestan lebten. Die staunten nicht schlecht, als plötzlich Deutsche bei ihnen auf der Matte standen und ihnen Hilfe und Freundschaft anboten – und auch noch Deutsche, die ihre Sprache und Kultur kannten! Unsere Ex-Missionare konnten bei den Namestanis ihr Fernweh überwinden und mit ihren neuen Freunden offener über Glaubensfragen ins Gespräch kommen, als sie das im Einsatzland selbst je gekonnt hätten. Und manche dieser neuen Beziehungen werden wohl bis ins nächste Leben reichen.

Manchmal sind unsere gescheiterten Träume Gottes besondere Möglichkeiten.

Hier können Sie den ersten Teil des Artikels lesen.

 

Mit freundlicher Genehmigung von Campus  für Christus veröffentlichen wir diesen Artikel aus der Impulse 4/12. (Bild: Impulese)

 

 


Kommentare

Von Kathi am .

juhu, echt ein toller Artikel. Vielen Dank dafür. sehr liebevoll und mutmachend :)

Von Heidi B. am .

Ich kann nur Danke sagen,für diesen hervorragenden Artikel. Er ist ein Geschenk zu meinem 50 jährigen Geburtstag als Jüngerin Jesu. Dieses Jahr werde ich sechzig.Gottes Segen Andrea Wegener!

Von Erich H. am .

Ein sehr mutmachender Artikel, wo viele Einzelheiten des tatsächlichen Lebens gut beschrieben wurden und viel Hoffnung geben. Liebe Andrea, trotzdem blieb bei mir der Eindruck zurück Bathseba ist in den Formulierungen zu schlecht beleuchtet worden. Ich zitiere:
"Batseba verliert ihren Mann gar durch einen Auftragsmord von Seiten ihres Geliebten.
Es ist davon auszugehen, dass auch Batseba als kleines Mädchen nicht davon geträumt hat, als Ehebrecherin in die Weltliteratur einzugehen......
Ob mehr

Von Gabriele am .

Ja, genauso ist das, wie hier beschrieben. Aus eigener Erfahrung weiß ich, daß nur Menschen Empathie empfinden können und anderen in Notsituationen helfen können mit Rat, Herz und Verstand, wenn sie selber viel durchgemacht haben und gelitten.
Woher sonst käme unsere Empathiefähigkeit ? Es wäre vor Jahrzehnten keine Flugrettung ins Leben gerufen worden, wenn der Sohn von Björn Steiger nicht 1969 in seinen Armen gestorben wäre. Damals gab es noch keine Flugrettung, die das Leben des Kindes, als mehr

Von Hella am .

Vielen, vielen Dank für diesen Bericht. Ich möchte immer so gerne perfekt sein (2004 musste ich dann zugeben, dass ich das nicht bin). Was bin ich heilfroh, dass meine Glaubensgeschwister - so wie Sie - mich immer wieder daran erinnern, dass ich es nicht sein kann und MUSS.

Von Rosemarie S. am .

Guten Morgen Frau Wegener,
mit der Zeile eines alten Kirchenliedes bzw. auch eines Taizé-Liedes;..."aber du weißt den Weg für mich" kann ich Ihnen total zustimmen.
Aber wenn einer z.B. an einer lebensbedrohlichen Krankheit leidet und bangt für seine Familie noch da sein möchte, ob der oder diejenige es in dieser Situation schafft, so zu denken, das wage ich zu bezweifeln.
Wir können nur danken und hoffen, dass Gott uns durch solche Situationen hindurch trägt.

Von Dorena am .

Danke,danke für diesen Zuspruch ! Es tut gut,zu verstehen,dass die eigenen Probleme nichts einmaliges sind. Dann können wir ja gespannt sein,inwieweit Gott auf unseren eigenen krummen Linien noch gerade schreiben wird. Gruss Dorena


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