Aus dem Leben Lesezeit: ~ 7 min

I. Erstens kommt es anders ... und zweitens, weil Gott lenkt

Wir alle haben Erwartungen, Wünsche, Träume fürs Leben - doch was tun wir, wenn alles anders läuft? Ganz anders?

Was sie wohl unter einem „erfüllten“ Leben verstanden hätten? Ihre Kultur war patriarchalisch geprägt. Nach ihren Träumen und Wünschen gefragt, hätten sie wohl als erstes Kinder genannt, möglichst viele Kinder. Vor allem Söhne. In ihrer Sippe gekannt und angesehen zu sein, wäre wichtig gewesen, und vielleicht einen Ehemann zu haben, der für seine Familie sorgen konnte und sie nicht allzu schlecht behandelte … Aber für die Frauen, um die es in diesem Artikel geht, kam alles ganz anders.  

Da ist zum Beispiel Tamar; vielleicht nehmen Sie sich an dieser Stelle einmal einige Minuten Zeit, ihre nicht so recht kinderstundentaugliche Geschichte (in 1. Mose 38) nachzulesen. Tamar ist eine von ihrer Familie verratene und zutiefst gekränkte Frau, die ihr Recht auf nicht ganz ehrenwerte Weise schließlich selbst in die Hand nimmt. Oder nehmen wir Rahab (ihre Geschichte steht in Josua 2 und 6), die Prostituierte, deren Familie als Einzige die Zerstörung ihrer Stadt überlebt – weil Rahab zur Volksverräterin wird. Wenige Generationen später begegnen wir Ruth (im gleichnamigen Buch). Deren Geschichte kennen wir aus dem Kindergottesdienst schon besser, aber das Happy End sollte uns nicht dazu verleiten, ihr Leben insgesamt mit einer Art romantischem Zuckerguss zu überziehen: Ruth stammte aus dem Volk der Moabiter und hatte eigentlich bei den Israeliten nichts zu suchen (vgl. 5. Mose 23,4). Was hatte eine kinderlose, mittellose Witwe im Schlepptau einer verbitterten Schwiegermutter schon zu hoffen in einem Land, das nicht gerade für seine Fremdenfreundlichkeit bekannt war?

Und schließlich ist da Batseba (2. Samuel 11 und 12), deren Name untrennbar mit König Davids großer Schuld verbunden ist und die unter der Strafe für diese Schuld selbst schwer zu leiden hat: ihr erstes Kind stirbt. Sie alle sind geprägt von harten Erfahrungen. Ihr Leben hatten Tamar, Rahab, Ruth und Batseba sich sicher anders erhofft – mit weniger Schmerz, Scheitern und Schmuddeligkeiten! Und doch reibt uns das Neue Testament gerade diese vier Frauengestalten bereits ganz vorn regelrecht unter die Nase: Matthäus beschreibt in seinem ersten Kapitel Jesus’ Abstammung. Meistens nicken wir über diese Passage mit ihren vielen Namen hinweg: Klar, Jesus wird in die Geschichte hineingeboren, richtig mit einem Stammbaum und allem, was dazugehört; er ist eben ganz Mensch. Aber etwas fällt dann doch auf: Eigentlich geht es hier um die männliche Erbfolge, und dass überhaupt einzelne der Mütter aufgeführt werden, ist schon ein Stilbruch.

Spannender noch: Dass ausgerechnet „unsere“ vier Frauen mit ihrer unschönen Vergangenheit angeführt werden – und nur sie –, ist doch unerhört. Gab es denn keine ehrenwerteren, vorzeigbareren Stammmütter für Jesus? Und was soll das alles mit uns 2.000 Jahre später zu tun haben? Es stimmt: Tamar, Rahab, Ruth und Batseba lebten in kulturellen Kontexten, in die wir uns von unserer westlichen, technisierten Welt her kaum hineindenken oder gar -fühlen können. In materieller Hinsicht geht es uns unvergleichlich besser, und wir nehmen uns kaum als Teil einer Sippe oder Volksgruppe und viel stärker als Individuen wahr. Aber in manchen Punkten haben Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten doch sehr ähnliche Träume und Erwartungen – und sind dann enttäuscht, wenn alles anders kommt …

Der Traum von materieller Ausstattung

Natürlich träumen wir von materiellen Dingen: es mag ein neues Auto sein oder eine größere Küche, ein angesagtes Smartphone, ein Urlaub auf Rügen oder vielleicht einfach nur der leckere, aber etwas teure Biolachs. Wir hoffen, dass wir einen gewissen Lebensstandard erreichen und diesen dann auch halten können, und wir erwarten, dass unsere Rente sicher ist. Dass nicht alle Träume in Erfüllung gehen, lernen wir schon als Kinder, aber wir hoffen und wünschen einfach immer weiter.

Für Ruth brachen alle Erwartungen an eine gesicherte Existenz in sich zusammen, als sie ihren Mann verlor und ihre Heimat hinter sich ließ. Es gab keine Sozialversorgung und keine Garantie, dass sie zumindest überleben würde – im Gegenteil: Sie wurde selbst die Sozialversorgung für ihre Schwiegermutter. „Als ich von hier fortzog, hatte ich alles, was man sich nur wünschen kann. Jetzt lässt mich der Herr mit leeren Händen zurückkehren“ (Ruth 1, 21; HfA), beklagt Noomi ihren Verlust. Es wird ein innerer Kampf für Ruth gewesen sein, sich von der Hoffnungslosigkeit und öffentlich ausgelebten Bitterkeit ihre Schwiegermutter nicht anstecken zu lassen.

Traumhafte Beziehungen

Wir alle brauchen Freunde, mit denen wir gemeinsam lachen und weinen können. Wir möchten lieben und geliebt werden. Und die meisten von uns suchen nach einem Gegenüber, diesem einen Menschen, für den wir das Wichtigste auf der Welt sind und mit dem zusammen wir alt werden können. Wenn es denn so einfach wäre! Für manche Singles wird die Suche nach einem Partner zum alles beherrschenden Thema – und wenn sie ihn dann gefunden haben, wird das Leben auch nicht zwangsläufig einfacher. Denn auch das haben alle Frauen aus Matthäus 1 gemeinsam: Beziehungsmäßig sind sie (zumindest zeitweise) gescheitert! Ruths Mann fällt dramatisch einer Seuche zum Opfer, Tamar schläft sich durch ihre halbe Schwiegerfamilie, Rahab prostituiert sich, und Batseba verliert ihren Mann gar durch einen Auftragsmord von Seiten ihres Geliebten. Matthäus 1 kann sich mühelos mit einer ganzen Staffel „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ messen!

Schwierige oder scheiternde Beziehungen mögen in unseren christlichen Kreisen bürgerlich-anständiger verlaufen und insgesamt mit weniger Gewalt auskommen als im Alten Testament, aber das Thema ist trotzdem ein Dauerbrenner. Nicht nur, weil ich jahrelang Studentinnen seelsorgerlich begleitet habe, vermute ich, dass in diesen Bereich die meisten zerplatzten Träume und enttäuschten Erwartungen fallen.   Und dann ist da noch etwas: nicht so sehr ein Wunsch oder Traum, sondern eine unausgesprochene Erwartung, dass wir einigermaßen heil durchs Leben kommen, gesund sind, und dass die Leute uns im Großen und Ganzen nett behandeln (weil wir ja schließlich auch nett zu ihnen sind!), dass unser Geschäftspartner nicht mit der Kasse durchbrennt, dass unsere beste Freundin nicht über uns tratscht und dass unsere Kinder uns nicht gegen unseren Willen in ein Altenheim stecken. Wir reagieren entsprechend verstört, wenn uns das Leben und die Menschen übel mitspielen.

Andrea Wegener, Jahrgang 1975, hat in Leipzig Germanistik, Amerikanistik und Geschichte studiert. Sie leitet die Öffentlichkeitsarbeit von Campus für Christus, Gießen. (Bild: privat)

 

Heil durchs Leben?

Am meisten berührt mich an dieser Stelle Tamars Schicksal: Zuerst wird sie an einen schlechten Ehemann verheiratet, und dann werden auch ihr Schwager und Schwiegervater an ihr schuldig. Vielleicht hat Onan, Tamars zweiter Mann, sich am Stammtisch verplappert; wenn schon der Erzähler der Geschichte aus 1. Mose 38 wusste, was sich im Schlafzimmer dieses Paares abspielte, wird es auch die ganze Sippe gewusst und hinter vorgehaltener Hand kichernd weitergetuschelt haben. Man wird Tamar nicht gerade mit Achtung begegnet sein. Wie tief muss sie diese Demütigung empfunden haben – und die ganze Geschichte zog sich über Jahre! Tamar konnte ja nicht einfach wegziehen; sie lebte weiter bei der Familie, die ihr so viel Unrecht angetan hatte, und konnte ihre biologische Uhr vermutlich von Tag zu Tag lauter ticken hören.

Ein Leben nach guten Maßstäben

Eine andere Erwartung oder ein Wunsch hat mit den Werten zu tun, nach denen wir hoffen, leben zu können: Wir haben ein positives Bild davon, wie wir gerne sein möchten, Maßstäbe von richtig und falsch, gut und böse, nach denen wir uns ausstrecken. Manche dieser inneren Schwüre sind vielleicht banal oder unsinnig, manche betreffen uns existentiell: Ich möchte nicht über meiner Arbeit die Kinder vernachlässigen wie mein Vater. Ich will spätestens ein halbes Jahr nach meiner Schwangerschaft mein vorheriges Gewicht wiederhaben. Ich würde immer um meine Ehe kämpfen und mich niemals scheiden lassen.

Mein Christsein soll auch am Arbeitsplatz eine Rolle spielen. Meine Wohnung soll immer tipptopp sauber und aufgeräumt sein. Eine Abtreibung käme für mich nie in Frage. Wenn wir unsere Maßstäbe – wie sinnvoll, realistisch oder christlich sie auch sein mögen – nicht aufrecht erhalten können, macht uns das zu schaffen und wir fühlen uns schuldig. Es ist davon auszugehen, dass auch Batseba als kleines Mädchen nicht davon geträumt hat, als Ehebrecherin in die Weltliteratur einzugehen. Die Bibel weist ihr keine Schuld zu, und schließlich wird sie die Mutter eines großen Königs, aber selbst unser Matthäustext viele Jahrhunderte später scheint die alte Schmuddelgeschichte wieder aufzuwärmen: David zeugte Salomo „mit der Frau des Uria“, heißt es da (und dabei war sie zu der Zeit eigentlich genau genommen schon „die Witwe des Uria“). Ob sie wohl Schuldgefühle hatte, zum Stolperstein für diesen David geworden zu sein, der als König und als Dichter von Lobpreisliedern für unzählige Menschen ein Vorbild war?

Vergangenheit? Leider nein.

In vieler Hinsicht war die Kultur dieser Frauen eine ganz andere als unsere – und doch kommen mir ihre Geschichten recht vertraut vor. All die Hoffnungen und Sehnsüchte, die dann in Enttäuschung oder Bitterkeit umschlagen, diese Knicke in der Biographie. Und dann frage ich mich, wie es den Tamars, Rahabs, Ruths oder Batsebas unserer Zeit ergeht, wenn sie in unseren Gemeinden aufschlagen: Stehen sie ein bisschen außerhalb, drücken sich an den Scheiben unserer frommen Welt sehnsüchtig die Nasen platt und seufzen leise, dass sie nicht so recht in diese Welt passen? Oder finden sie mit ihrer Erfahrung ihren Platz mittendrin in unserer christlichen Gemeinschaft?

Hier können Sie den zweiten Teil des Artikels lesen.

 

Mit freundlicher Genehmigung von Campus für Christus veröffentlichen wir diesen Artikel aus der Impulse 4/12. (Bild: Impulse)

 


Kommentare

Von Hella am .

Danke für Ihre ermunternden und mutmachenden Worte!

Von Marit O. am .

Liebe Frau Wegener,
Gott segne Sie REICHLICH für diesen überaus wohltuenden & lebensförderlichen Artikel,
der mir so sehr in`s Herz spricht.
DANKE -
ich hoffe auf weitere Impulse dieser Art über den ERF,
aber auch über die breitgefächerte Gemeindelandschaft der BRD...
Herzliche Grüße,
Marit O.

Von Michael W. am .

Vielen Dank für diesen ermutigenden seelsorgerlichen Artikel. Auch ich wünsche mir, dass unsere christlichen Gemeinden wieder zu Gemeinschaften werden, in denen Menschen, egal welche Biografie sie mitbringen, herzlich willkommen sind, denn Jesus Christus ist an jedem Menschen von Herzen interessiert und will das sie wieder Wertschätzung, Achtung, Liebe, Mut und Hoffnung erfahren können und er will ihnen ein mit Gott versöhntes und erneuertes Leben schenken. Junge und ältere Menschen, die mehr

Von Harry P. am .

Guten Morgen,der Unterschied zw. den Menschen der Bibel und uns ist der ,es gibt ihn nicht.Aber wir machen alles selber.Das Problem wenn ich Jahrzehnte alles so mache ,stecke ich mitten im Schlamassel.Segen nach der Bibel zugrunde ist hören,hören,hören und dann tun.Aber das was der Herr will.Der erste Pfahl muss richtig gesetzt sein ,sonst wird die Brücke schief.Leider wird Beruf mit Berufung verwechselt. Shalom

Von Dorena am .

Danke,danke. Es braucht Kommentare wie diese,um die Bibelgeschichten verstehbar zu machen für heutige Zeitgenossen. Dann erst sieht man,das Menschengeschlecht hat sich im Grunde so sehr gar nicht verändert. Danke. Gruss Dorena


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