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Etwas mehr Reformation, bitte!

Der Reformationstag ist einer der wichtigsten evangelischen Feiertage. Aber folgen wir heute noch Martin Luthers Vorbild?

Heute feiern wir wieder! Wie schön es ist, evangelisch zu sein. Das ist gut so. Denn was Luther vor 500 Jahren mit seinem Widerstand gegen falsche Lehren in der Kirche angestoßen hat, hat ganz Europa entscheidend verändert. Schade nur, dass die Reformation für viele nur ein historisches Ereignis ist, mit dem man mehr oder weniger amüsante Anekdoten verbindet. Für die meisten Christen ist die Reformation nämlich abgeschlossen. Von Stolz beseelt klopfen wir uns gegenseitig auf die Schulter und denken: Gut, dass es Martin Luther gab!

Ja, gut, dass es ihn gab! Gut, dass es allgemein Menschen gab, die sich trauten, zu ihrem persönlichen Glauben zu stehen. Aber genau an diesem Punkt hakt es. Es fehlt uns an Menschen, die Luthers Beispiel konsequent folgen. Wer ist heute noch bereit, sich auf die Hinterbeine zu stellen und zu protestieren, wenn die eigene Kirche oder Freikirche ihrer eigentlichen Berufung nicht mehr gerecht wird? Wir ertragen oft klaglos, wenn Kirchen- und Gemeindeleitungen Entscheidungen treffen, denen wir nicht guten Gewissens zustimmen können. Eine falsch verstandene Toleranz wird groß geschrieben, auch wenn kritisches Nachfragen manchmal gut wäre.

Eine „protestantische“ Pfarrersfrau

Ein mutiges Beispiel ist die Pfarrersfrau Ute Brause, die Anfang Mai aus der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsen austrat, weil sie es nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren konnte, dass ab sofort homosexuelle Pfarrer mit ihren gleichgeschlechtlichen Partner im Pfarrhaus leben dürfen. Gleichgültig, wie man diese Haltung bewerten mag, die Reaktion von Frau Brause imponiert mir. Hier wird offensichtlich, dass eine Christin sich mit den Entscheidungen ihrer Kirche kritisch auseinandersetzt, dass sie ihr Gewissen befragt und daraus Konsequenzen zieht.

Genau das brauchen wir wieder: Protestanten, die ihrem Namen gerecht werden. Denn nicht zufällig haben die Wörter „protestieren“ und „Protestanten“ den gleichen Wortstamm. Der Begriff Protestant wurde durch eine Protestation geprägt, bei der evangelische Fürsten in Speyer gegen die Aufhebung eines Gesetzes demonstrierten, das ihnen Rechtssicherheit zusagte. Tapfer traten sie für die Glaubensfreiheit des Einzelnen ein, ohne Rücksicht darauf, welche Nachteile das für sie haben könnte. Luther selbst war zu diesem Zeitpunkt bereits mit der Reichsacht belegt und galt als vogelfrei. Für heutige Christen ist dies aber oft nur noch eine romantisch-abenteuerliche Anekdote, die für uns kaum mehr Bedeutung hat, als die Tatsache, dass Luther an Verstopfung litt.

Reformation ist ein fortlaufender Prozess

Ein neuer Blickwinkel auf die Reformation ist angesichts unserer Haltung zu ihr sinnvoll. Wir sollten uns neu bewusst machen, dass es schon vor Luther Reformbestrebungen in der Kirche gab und mit Luthers Tod die Reformation der Kirche noch nicht abgeschlossen war. Auch in der neugegründeten evangelischen Kirche gab es Schwierigkeiten. Dass mit der Reformation noch nicht alle Unklarheiten beseitigt waren, wird zum Beispiel am Marburger Religionsgespräch im Jahr 1529 deutlich. Das Wort Reformation heißt „Verbesserung“ oder „Umgestaltung“. Verbesserungen sind (nicht nur) in einer lebendigen Kirche immer wieder notwendig.

Bereits 100 Jahre nach Luthers Tod sahen viele Christen in Deutschland hier erneuten Handlungsbedarf. Philipp Jakob Spener veröffentlichte 1675 mit der „Pia Desideria“ eine Reformschrift, die den Gedanken des „Priestertums aller Gläubigen“ neu hervorhob und auf eine stärkere Umsetzung des Glaubens im persönlichen Leben drang. Der Pietismus - die Reformbewegung, der Spener angehörte - prägte entscheidend die damalige Gesellschaft und die weitere Entwicklung der evangelischen Kirche. Ähnliche Reformbewegungen gab es später immer wieder und sie sind wichtig. Denn kirchliche Reformen sorgen dafür, dass Glaube lebendig bleibt. Das ist nicht nur eine Aufgabe der Kirchen und Gemeinden, sondern aller Gläubigen. „Prüft aber alles und das Gute behaltet“, schreibt Paulus an die Thessalonicher (1. Thessalonicher 5, 21).

Alle Christen sind Priester

Wir sind als Christen dazu aufgerufen mit unserem Gewissen und der Bibel zu prüfen, was unsere Pfarrer und Pastoren lehren. Es ist unsere Aufgabe auf angemessene Weise zu protestieren, wenn die biblische Lehre der Toleranz oder dem Zeitgeist geopfert werden. Das „Priestertum aller Gläubigen“ ist keine bloße Formel, auf die Luther und Spener sich bezogen haben. Es ist eine grundlegende Notwendigkeit, um als Kirche oder Freikirche nicht vom Kurs abzukommen.

Dabei geht es nicht um einen Protest um des Protests willen oder darum, mit dem Finger auf das zu zeigen, was in anderen Gemeinden und Kirchen schiefläuft. Luther protestierte nicht aus Rechthaberei, sondern weil er sah, wie sehr die Menschen unter dem Ablasshandel litten. Er erkannte, dass diese falsche Lehre Menschen den Weg zum Heil verwehrte. Wo das der Fall ist, wo eine kirchliche Strömung oder Lehrmeinung Menschen nicht zu Gott hin, sondern von ihm wegführt, da sollten wir Widerspruch leisten.

Neues, altes Profil: Salz und Licht

Wir müssen als Christen wieder an Profil gewinnen und uns über die Grundsätze unseres Glaubens bewusstwerden. Über welche Fragen können wir uns als Christen uneins sein und wo ist es angezeigt aufzustehen und zu widersprechen, weil die biblische Wahrheit verfälscht wird? Es gilt Verantwortung für unsere Kirche oder Gemeinde zu übernehmen, ohne uns dabei in unerquicklichen Diskussionen über Einzelfragen zu verstricken.

Als Gemeinde Jesu sollen wir „Salz und Licht“ sein. Das ist nur möglich, wenn unser Glaube keine Privatsache bleibt und wir uns nicht auf faule Kompromisse einlassen. Natürlich bleibt die Frage offen: Wann soll ich denn nun protestieren? Um diese Frage zu klären, bleibt uns allein die Bibel und unser Gewissen. Mehr hatte Luther auch nicht.


Kommentare

Von Brigitte am .

Ein sehr interessanter Artikel, man sollte mehr über so ein Thema lesen können. Konsequenz in Glaubensüberzeugungen fehlen in vielen Gemeinden, da wird oft zugunsten der vielgeliebten Ökumene geopfert, Hauptsache, wir sind viele! Aber was in der Bibel steht, ist dann oft Nebensache, "wir haben ja gelernt, die Bibel auszulegen." Zitat eines bzw. merhreren Pastoren

Von Jaques L. am .

Dringender denn je benötigen wir einen Luther, der aufsteht gegen den Klima-Ablasshandel und der fortwährenden Verschmelzung der Kirche mit der Politik. Ich bin mir sicher, Luther wäre auch heute eine persona non grata für die Kirchenfunktionärskaste.

Von Gerhard R. am .

Mit Freude kann ich diese Ausführungen mit tragen und bin deshalb dankbar.Uns Christen -besonders den Evangelischen- fehlt heute das klare Bekenntnis zu GOTT. Damit fehlt leider auch die Verkündigung des Herrn und Heilandes Jesus Christus.
Warum und wer kann in der Evangelischen Kirche heute ein Buch- eine Aussage- wie von Ratzinger "Jesus von Nazareth" behandeln und bezeugen?
Wir können anderen Religionen nur begegnen wenn wir unseren Glauben an Jesus bekennen und zu leben versuchen.
Dazu wünsche ich mir die Umsetzung der Gedanken der Reformation.
Mit freundlichem Gruß
Gerhard R.

Von Johannes H. am .

Sehr nachdenkenswerter Kommentar. Auch für mich als Katholiken. Ja, was würde Martin Luther HEUTE sagen? Was wäre seine Position? Die kath. Kirche hat sich in der Auseinandersetzung mit der Reformation unter heftigen Spannungen auch reformiert und steht heute total anders da als im 16. Jahrhundert. - Und was ist aus den Kirchen der Reformation geworden? Der ev. Theologe Sebastian Moll weist in seinem lesenwerten Buch "Jeus war kewin Vegetarier" darauf hin, dass Luther heute in der ekd nicht mehr

Von Klaus K. am .

ja, Zivilcourage hatte er - als ReichGOttesbürger sozusagen, der geschätzte Martin Luther. Und er behielt sie bei, als das ganze ungeahnte Konflikte und Dimensionen annahm. Ja, es wird spannender, aber auch interessanter unterwegs mitGOtt und GEist, wenn Du und ich das auch so tun. Seien es für nötige Akzente, bisher ungelebte Talente, Dienste ( Mt. 25,14ff; Eph4,11), oder gar Misstände, Falschtoleranz, wie im Artikel erwähnt. Wir dürfen dabei einander weiter lieben und im Gebet bleiben mehr

Von Renate am .

Danke für diese klaren Worte.
Bibel und Gewissen - mehr hatte Luther auch nicht.
Zur kleinen Diasporagemeinde hier vor Ort gehören 40 Personen, von denen vermutlich viele keine persönliche Beziehung zu Gott haben (Gott weiß wie die einzelnen zu IHM stehen). Doch die Kirche bleibt geschlossen, keiner geht hin, weil politische Macht und religiöse Macht sich verbunden haben - wenige profitieren davon,; die Mehrzeil leidet darunter. Bibel und Gewissen - dankbar bin ich für jeden Leser dieses mehr


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