Interview

Gott liebt schwache Beter

Wie das Gebet einer Frau aussieht, die eine Gebetsbewegung gestartet hat.

Vor 15 Jahren gründete Marli Spieker eine Initiative mit dem Namen „Projekt Hannah“. Daraus entstanden eine weltweite Gebetsbewegung sowie die Sendereihe „Frauen mit Hoffnung“, ein christliches Radioprogramm in etwa 60 Sprachen. Was sie in dieser Zeit über das Gebet gelernt hat: ein Interview.

 

ERF.de: Marli, du hast eine weltweite Gebetsbewegung ins Leben gerufen. Daher möchte ich dir eine ganz persönliche Frage stellen: Wie sieht dein eigenes Gebetsleben aus?

Marli Spieker: Viele Leute denken, ich sei eine große Beterin. In Wirklichkeit ist eher mein Mann derjenige, dessen Gebetsleben interessant ist! Er geht täglich auf seine Knie, um vor Gott zu treten. In einer Mappe sammelt er die Namen derer, für die er beten möchte.

Ich selbst bin eher der Typ Martha. Dabei denke ich an das Schwesternpaar aus Lukas 10: Maria und Martha. Letztere ist diejenige, die gerne arbeitet und Jesus tatkräftig dienen möchte. Auch ich bin weniger besinnlich, sondern liebe es, wenn es sichtbar vorwärts geht.

ERF.de: Wie und wann nimmst du dir Zeit zum Beten?




Marli Spieker wuchs mit drei Brüdern und 65 Waisenjungen in Brasilien auf, wo ihre Eltern ein Kinderheim der Heilsarmee leiteten. Nach einer bewegten Kindheit engagierte sich Marli mit 17 Jahren missionarisch und sozial in Slums, Bordellen und Bars großer brasilianischer Städte.
Mit ihrem Mann Edmund war sie viele Jahre mit der Radiomission TWR (Trans World Radio) unterwegs. (Bild: privat)

Marli Spieker: Ich bete auf zwei verschiedene Weisen. Erstens während der Arbeit, weil ich wie Martha viel tun möchte. Wenn ich viel arbeite und unterwegs bin, ist für mich beten fast wie atmen. Das Gebet begleitet mich wie etwas ganz Natürliches, Alltägliches. Und wenn ich Gottes Namen flüstere, habe ich das Gefühl als stünde er direkt neben mir.

So bete ich den ganzen Tag. Das fängt schon früh am Morgen an – je älter man wird desto weniger Schlaf braucht man. [lacht] Und manchmal wache ich nachts auf, weil ich spüre, wie mich Gottes Geist auffordert, für ein spezielles Anliegen zu beten – sei es für etwas Persönliches oder für einen Bereich aus der Missionsarbeit. Ich möchte gar nicht mehr leben, ohne seine Anwesenheit auf diese Weise zu spüren.

Zweitens bete ich während einer Pause von der Arbeit, die ich gezielt einlege – meist gemeinsam mit anderen. Oft muss ich aber auch mitten am Arbeitstag und mit Kollegen Gebetszeiten gezielt einplanen. Manchmal muss ich mich sogar dazu zwingen. Bei meinem dichten Stundenplan und meiner Verantwortung für ein weltweites Projekt dieser Größenordnung ergibt sich das Gebet nämlich nicht nur von selbst.

ERF.de: Haben sich deine Gebete im Laufe der Jahre geändert?

Marli Spieker: Als Kind habe ich Gott um viele Dinge gebeten und die Bitten haben überwogen. Heute überwiegt der Dank. Es ist sicher ähnlich wie die Beziehung mit unseren Eltern: In einer guten Eltern-Kind-Beziehung schätzen wir die Liebe und Opfer unserer Eltern, denen wir vieles im Leben zu verdanken haben. Umso mehr je älter wir werden. Außerdem wird die Beziehung tiefer.

Heute kenne ich meinen himmlischen Vater besser. Es ist mir noch viel bewusster geworden, welches Opfer er durch Jesus für mich gebracht hat. Im Laufe der Jahre habe ich so viel erlebt, für das ich Gott dankbar bin. Das spiegelt sich in meinen Gebeten wider.

Natürlich habe ich auch eine lange Wunschliste für Gott! Zum Beispiel was die Arbeit von Projekt Hannah anbelangt und die große Not, die ich in Afrika oder Asien erlebe. Dann sind da noch Gebetsanliegen, die mich selbst und mein Wachstum im Glauben betreffen, meine Familie und meine acht Enkel. Doch weil ich weiß, dass Gott seine Versprechen hält, kann ich immer voller Hoffnung und Dankbarkeit beten.


Mehr über Marli Spieker und das von ihr gegründete „Projekt Hannah“: www.projekt-hannah.de

ERF.de: Überall auf deinen Reisen rund um die Welt betest du gemeinsam mit Christen. Sind dir beim Beten Unterschiede aufgefallen - je nach Herkunft der Menschen?

Marli Spieker: Auf jeden Fall! Afrikaner zum Beispiel beten voller Emotionen und sind oft von Schmerz erfüllt. Ich habe viele afrikanische Frauen gesehen, deren Tränen beim Beten wie ein kleiner Bach über ihr Gesicht bis auf den Boden fließen. Es ist nicht üblich, dass sie die Tränen abwischen.

Auch Koreaner beten sehr inbrünstig, bewegend und kraftvoll. In Europa dagegen sind die Christen viel zurückhaltender und eher reserviert. Und in Zentralasien habe ich erlebt, dass Christen beim Beten nicht die Augen schließen. Das war für mich sehr ungewohnt.

Wichtig sind jedoch nicht unsere Unterschiede, sondern das Gemeinsame: unser Vertrauen auf Jesus Christus, der alle unsere Gebete hört. Das gemeinsame Beten – füreinander und miteinander – stärkt unseren Glauben und bereitet unserem Vater im Himmel eine besondere Freude.

ERF.de: Du hast eine schwere Zeit durchgemacht, als dein Sohn Fabio gestorben ist. Welche Rolle hat das Gebet in dieser Extremsituation für dich gespielt?

Marli Spieker: Mein Sohn Fabio war Pastor einer amerikanischen Gemeinde. Als er im Alter von 28 Jahren bei einem Unfall starb, hinterließ er seine Frau und ein Kleinkind. Ich selbst fühlte mich schuldig und verzweifelt – als wäre der tragische Tod meines Sohnes eine Strafe für irgendeine Sünde, die ich begangen hatte. Ich fühlte nur noch Schmerz und Einsamkeit. Einige Monate lang war ich unfähig zu beten und es dauerte Jahre bis ich wieder genauso beten konnte wie vorher. Der Schmerz in mir war zu laut. Ich war auf die Gebete anderer angewiesen. Es gibt Zeiten im Leben, in denen wir nicht für uns selbst beten können.

Als mir Gott so fern schien, tröstete mich die Bibelstelle in 1. Könige 19, 11-13. Gott zeigt sich hier seinem Diener Elia in einem sanften Windhauch. Zuvor konnte Elia Gottes Gegenwart nicht erkennen, obwohl alles scheinbar darauf hindeutete. Mir persönlich wurde klar, dass Gott geheimnisvoll ist und uns manchmal verborgen bleibt. Trotzdem kann uns nichts aus seiner Hand reißen! Es kommt die Zeit, da Gott sich uns wieder zeigt.

Mehr über Marli Spieker und Geschichten von Frauen, deren Leben von Projekt Hannah verändert wurde, sind zu lesen in dem Buch "Wenn Hoffnung siegt! Frauen in Not begegnen Gott" von Marli Spieker.



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ERF.de: Wie hat er das nach dem Tod deines Sohnes gemacht?

Marli Spieker: Einige Monate nachdem mein Sohn tödlich verunglückt war, sollte ich auf der 5-Jahres-Feier von Projekt Hannah eine Rede halten. Als Gründerin des Projekts war ich natürlich als Hauptrednerin eingeplant. Es war auch ein schöner Anlass, ein Grund zu danken und zu feiern! Doch mir war nicht danach zumute.

Mein Mann Edmund erklärte sich bereit, den Termin für mich wahrzunehmen. Doch am Tag der Veranstaltung geschah etwas Außergewöhnliches. Früh morgens hörte ich einen Gesang. Ich konnte mir nicht erklären, woher die Musik kam. Den Text konnte ich aber ganz deutlich verstehen: „Lasst uns jubeln! Lasst uns loben und danken!“

Als ich völlig aufgeregt meinen Mann auf den Chorgesang aufmerksam machte, stellte sich heraus, dass er ihn nicht hörte. Da sagte er zu mir: “Schatz, die Engel singen in deiner Seele. Das ist der Gesang, den du hörst.“ In diesem Moment erfüllte mich eine unerklärliche Kraft. Plötzlich war ich bereit, auf der Jubiläums-Veranstaltung zu sprechen. Ich konnte Gott wieder loben und ihm für seine Wohltaten danken!

ERF.de: Hast du so etwas mehrmals erlebt?

Marli Spieker: Ich kann mich nicht erinnern, jemals zuvor eine so starke Erfahrung gemacht zu haben. Und doch kann ich sagen, dass Gott mir immer geholfen hat, wenn ich mir meiner eigenen Schwachheit bewusst war und mich an ihn gewendet habe. Erwartungsvolles Gebet macht uns stark und wird von Gott belohnt. Er liebt schwache Menschen wie mich!

Es ist ganz entscheidend, dass wir unsere eigene Ohnmacht erkennen und unser Selbstvertrauen gegen Gottvertrauen eintauschen. Jesus sagt selbst: “Ohne mich könnt ihr nichts tun.” (Johannes 15,5) Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. Durch das Gebet voller Glauben erreichen wir diesen Sieg. Und es ist das Gebet, das meinen Weg mit Jesus so faszinierend und lohnenswert macht. Niemals möchte ich in meinem Leben darauf verzichten!

ERF.de: Vielen Dank für das Gespräch.

 

www.projekt-hannah.de
 


Kommentare

Von waltraud am .

Danke - dieser Bericht hat sehr ermutigt.

Von Walter am .

Vielen Dank für diesen mutmachenden Bericht über das Gebet! Mir ist seit Jahren das gebet sehr wichtig geworden.

Von Marlies M-R am .

Dieses Gespräch hat mich tief berührt. Bin ich doch in der Situation mich familiär ausgegrenzt zu fühlen. Zur Zeit fällt mir das Gespräch mit Jesus sehr schwer, da ich Gott nicht mehr fühlen kann. Dabei habe ich allen Grund zur Freude. Bin vor 10 Minuten Oma von Zwillingen geworden.Lukas u. Max, gesund und der Mutter geht es auch gut. Dem Herrn sei Dank.

Von judith am .

Dieser Beitrag ist wirklich sehr ermutigend.
Und so ehrlich!
Vielen, vielen Dank.
Er hat mir sehr weitergeholfen.

Von Judith L am .

Herzlichen Dank für den ermutigenden Beitrag.
Die Zusage Jesu in Johannes 15,5:
"Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt, und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun," wurde mir vor vielen Jahren
beim Empfang des Kelches mit dem Wein ("Blut Jesu") zugesprochen. Etwas von dem Wein fl0ss sogar über in meine Hände.
Am Rand dieses 15. Kapitels finde ich in unserer Hochzeitsbibel die Eintragung vom Samnstag, dem 24.01.2004 die drei mehr

Von Gisela H am .

Herzlichen Dank für den Erfahrungsbericht. Ich kann die Kraft, die aus dem Gebet kommt bestätigen.
Gelobt sei unser Herr!


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