Gebet

Gebet ist sinnlos

„Lieber Gott, sei bitte bei meiner kleinen Tochter".

„Lieber Gott, sei bitte bei meiner kleinen Tochter. Bewahre sie vor allem Bösen. Und bitte begleite meine Frau durch den Tag. Besonders, wenn sie Auto fährt, damit ihr nichts passiert!“ – So oder so ähnlich muss das Gebet des Mannes geklungen haben, der an Gott glaubt und darauf vertraut hat, dass dieser es gut mit ihm meint. Fünf Stunden später sind seine Frau, seine Tochter und seine Mutter tot. Sie sind bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Warum? Er hat doch gebetet! Er hat getan, was in der Bibel steht. Hat er „falsch gebetet“, nicht genug geglaubt, oder schlimmer: Hat Gott gepennt oder sich die Ohren zugehalten, weil er keinen Bock hatte? Oder war es ihm einfach scheißegal, was aus dem vierjährigen Mädchen und seiner Mutter wird?

Gott scheint weit weg

Der Mann ist Jerry Sittser, Autor des Buches „Wenn Gott dein Gebet nicht erhört“. Besonders seit dem Unglück hat er sich intensiv mit der Frage auseinander gesetzt, warum Gott manche Gebete nicht erhört: „Wir beten um Heilung, aber der geliebte Mensch stirbt. Wir beten, dass die Ehe sich bessert, aber sie endet doch in Scheidung. Wir beten um Essen, müssen aber hilflos mit ansehen, wie Menschen verhungern.“ Wir beten um Dinge, von denen wir überzeugt sind, dass Gott sie auch will, aber es tut sich nichts: „Manchmal scheint Gott so kalt und unerreichbar zu sein, wie eine weit entfernte Galaxie.“ Am falschen Gebet, einer falschen Motivation oder einer unzureichenden Wortwahl kann es nicht liegen. Denn ein Gebet ist keine Zauberformel, die bei richtigem Gebrauch „funktioniert“. Und wenn wir erst perfektes Beten erlernen müssten, um mit Gott zu reden, könnten wir es gleich vergessen. Nein, spontane, von Herzen kommende Gebete kommen bei Gott an.

„Und wenn wir erst perfektes Beten erlernen müssten, um mit Gott zu reden, könnten wir es gleich vergessen. Nein, spontane, von Herzen kommende Gebete kommen bei Gott an.“

 

Gebet als Nebensache?

Wie unterschiedlich Menschen beten können, wird im Lukasevangelium (Lukas 18,9-14) deutlich:
Ein Pharisäer und ein Zöllner beten im Tempel. Der Pharisäer kehrt selbstgefällig heruas, was er selbst erreicht, was er selbst für Gott getan und welche Riten und Pflichten er selbst eingehalten hat.
Der Zöllner wagt kaum den Blick zu heben und sagt nur: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“

Vielen Menschen in der westlichen Welt geht es eigentlich auch ohne Gebet ganz gut. Voller Kühlschrank, Job, vielleicht ein Häuschen im Grünen. Nein, auf Gebete sind Viele nicht angewiesen. Wenn auf ein Gebet hin nichts passiert, wenden wir uns achselzuckend der nächsten Sache zu. Erst wenn es um Leben und Tod geht, beten wir aus tiefer Not und Verzweiflung. Nicht umsonst heißt es „Not lehrt beten“. Aber oft verlieren wir schnell wieder den Blick auf Gott und schauen stolz auf das, „was wir selbst erreicht haben“.

Wir alle brauchen Gott, ob wir es fühlen oder nicht. Wir brauchen ihn wie Luft, Wasser und Nahrung. Ohne Gott sind wir geistlich tot, obwohl wir vermutlich alle munter umherspringen. Selbst wenn unser Verstand das bejahen würde, kommt das in keinem Gebet zum Ausdruck.
Die Verzweiflung fehlt. Sie kommt hinzu, wenn es wirklich um Leben und Tod geht! Wenn wir mit der Diagnose Krebs oder AIDS konfrontiert werden. Wenn das Geld nicht ausreicht, um über die Runden zu kommen. Wenn ein geliebter Mensch stirbt. Immer da, wo wir nicht weiterwissen, wollen wir, dass Gott zu unseren Gunsten eingreift. Natürlich sind das Extrembeispiele, aber sie verdeutlichen, dass wir geneigt sind, kleinere Probleme möglichst selbst zu lösen, obwohl Gott möchte, dass wir ihm alles anvertrauen.

„Wir alle brauchen Gott, ob wir es fühlen oder nicht. Wir brauchen ihn wie Luft, Wasser und Nahrung.“

 

Alles Illusion?

Aber was ist, wenn Gott ein verzweifeltes Gebet trotzdem nicht erhört? Wenn wir aus Verzweiflung zu Gott kommen und trotzdem nichts passiert – ausgerechnet dann, wenn wir am verletzlichsten sind – dreht Gott uns dann eine lange Nase? Dass wir dabei frustriert werden und Wut, Enttäuschung, Trauer, Bitterkeit und Hass hochkommen ist nur natürlich und verständlich. Schreien und um sich schlagen, Gott dabei treffen wollen ist sogar erlaubt, ja erwünscht! Die Bibel rät uns, diese Gefühle Gott entgegenzuschreien, ihn anzuklagen und alles bei ihm abzuladen. Ein gutes Beispiel hierfür sind die Psalmen: Das sind Gebete von Menschen, in denen sie ihre Gedanken und Gefühle Gott entgegenschleudern und ihm ihr Herz ausschütten. Gott hört zu, auch wenn wir sauer auf ihn sind. Hauptsache, wir sind ehrlich.

„Schreien und um sich schlagen, Gott dabei treffen wollen ist sogar erlaubt, ja erwünscht! Die Bibel rät uns, diese Gefühle Gott entgegenzuschreien, ihn anzuklagen und alles bei ihm abzuladen.“

 

Selbst Jesus klagte und schrie zu Gott. Er bat, dass, wenn möglich, er nicht gekreuzigt werden wollte – wenn Gottes Wille dies zulasse. Gott hörte, aber erhörte das Gebet seines eigenen, einzigen Sohnes nicht. Denn Gott wusste, Jesus würde leiden und sterben, aber er würde auch auferstehen! Zum Glück, denn so wurde unsere Sünde, unsere Verfehlungen und bösen Taten gesühnt und bezahlt. Ohne Jesus gäbe es keine Vergebung. Ohne Jesus gäbe es keine Versöhnung und keinen echten Frieden mit Gott. Sogar den „Himmel“ könnte man »in die Tonne treten«. Das Christsein gäbe es nicht, denn ihm wäre die Grundlage entzogen, hätte Gott damals das Gebet seines Sohnes erhört.

„Das Christsein gäbe es nicht, denn ihm wäre die Grundlage entzogen, hätte Gott damals das Gebet seines Sohnes erhört.“

 

Und Jesus bringt noch am Kreuz seine Not zu Gott: Eines seiner letzten Worte am Kreuz ist der Anfang von Psalm 22 mit den Worten „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Der Psalm selbst geht weiter mit: „Warum hilfst du nicht, wenn ich schreie, warum bist du so fern? Mein Gott, Tag und Nacht rufe ich um Hilfe, doch du antwortest nicht und schenkst mir keine Ruhe“. Dann lädt der Autor des Psalms seinen Frust vor Gott ab und beschreibt seine Situation. Er beschwert sich bei Gott, weil dieser nichts tut. Doch dann fordert er ihn zum Eingreifen auf: „Bleib nicht fern von mir, Herr! Du bist mein Retter, komm und hilf mir!“ Dieser Aufforderung folgt eine Gewissheit, dass Gott handeln und helfen wird. Und auch der Dank fehlt in diesem gebet nicht, denn der Autor des Psalms stellt fest: „Herr, du hast mich erhört! Darum danke ich dir, Herr, vor der ganzen Gemeinde.“ Wie Gott hilft, lässt er aber offen, denn Gott greift nicht immer so ein, wie wir uns das vorstellen – weshalb es oft so aussieht, als ob Gott nichts täte.

Kein Erfolgsgarant für unsere Wünsche

Im Fall von Jesus war das nicht erhörte Gebet ein Geschenk Gottes an die Menschen. Sicher haben unsere abgelehnten Wünsche nicht solche Auswirkungen, aber auch für uns wäre nicht jede Gebetserhörung wirklich gut. Obwohl wir das in dem Moment natürlich nie so sehen würden. Wir beten oft für unseren eigenen Vorteil und unsere Interessen, auch wenn wir aus der Not heraus beten. Wir wollen unsere Lebensumstände erhalten, wollen „was uns zusteht“ – ein glückliches und angenehmes Leben – nicht hergeben. Wir begrenzen uns auf unsere individuellen Sorgen und deswegen beten wir egoistisch. Das macht unser Gebet unaufrichtig. Aber auch das können wir wiederum als Gebet vor Gott bringen. Gott hört zu!

„Wir begrenzen uns auf unsere individuellen Sorgen und deswegen beten wir egoistisch. Das macht unser Gebet unaufrichtig. Aber auch das können wir wiederum als Gebet vor Gott bringen. Gott hört zu!“

 

Es geht nicht um uns

Aber Gott ist kein Wunscherfüllungsautomat, der mit Gebeten funktioniert. Beim Beten geht es nie um uns. Es geht allein um Gott. Gott ist Dreh- und Angelpunkt des Gebets. Gott ist unser wahres Zuhause und der eigentliche Grund, warum wir beten. Gebet stellt eine Beziehung zu Gott her, die nicht nur dann besteht, wenn man etwas will. Gebet zeigt, dass mir Gott als Person etwas bedeutet, dass ich ihn besser kennenlernen möchte. Beharrliches Gebet verändert mich, so dass ich beginne zu überlegen, wofür ich bitte und was ich eigentlich möchte. Ich mache mir Gedanken darüber, was ich will und was Gott will, woraufhin sich mein Gebet verändert. Ich lerne, Gott zuzuhören und in den Mittelpunkt zu stellen. Das ist unsere eigentliche Bestimmung – und Gott hat versprochen, dass das auch Auswirkungen auf unser Leben haben wird, um das wir uns solche Sorgen machen: Sorgt euch zuerst darum, dass ihr euch seiner Herrschaft unterstellt, und tut, was er verlangt, dann wird er euch schon mit all dem anderen versorgen.

„Gebet stellt eine Beziehung zu Gott her, die nicht nur dann besteht, wenn man etwas will. Gebet zeigt, dass mir Gott als Person etwas bedeutet, dass ich ihn besser kennenlernen möchte.“ 

 

Neue Perspektive

Gebet soll nicht unsere Situation sondern unseren Blickwinkel, ja uns selbst verändern. Beten nach dem Willen Gottes geht über eigene Bedürfnisse hinaus. Der Autor Henri Nouwen schreibt: „Beten heißt, eine falsche Sicherheit aufzugeben, und nicht länger nach Argumenten zu schauen, die dich beschützen, wenn du in eine Ecke gedrängt wirst, nicht länger deine Hoffnungen auf ein paar schöne Momente zu setzen, die dein Leben dir bieten könnte. Beten heißt, von Gott nicht mehr die beschränkte Geisteskraft zu erwarten, die du in dir selbst entdeckt hast.“

„Gebet soll nicht unsere Situation sondern unseren Blickwinkel, ja uns selbst verändern. Beten nach dem Willen Gottes geht über eigene Bedürfnisse hinaus.“

 

Ein unbeantwortetes Gebet zerbricht uns, lässt uns reifer werden und formt uns so, dass wir letztendlich zu einer größeren geistlichen Erkenntnis gelangen. Diese Erfahrung ist besonders schmerzhaft, wenn sie mit Trauer und Not einher kommt. Gottes Geschenk ist kein glückliches und leichtes Leben, sondern sein Heiliger Geist. Dieser Geist verändert unser Leben, genauso wie er das Leben der Jünger Jesu verändert hat. Sie taten große Dinge durch ihr Gebet. Gott veränderte sie, wirkte Wunder in ihnen und nahm durch sie Einfluss auf die Welt – und das alles durch die Kraft des Geistes. Aber sie mussten Entbehrungen und Verfolgung hinnehmen und die meisten starben den Märtyrertod.

„Gott veränderte sie [die Jünger], wirkte Wunder in ihnen und nahm durch sie Einfluss auf die Welt – und das alles durch die Kraft des Geistes. Aber sie mussten Entbehrungen und Verfolgung hinnehmen und die meisten starben den Märtyrertod.“

 

Jerry Sittser schreibt über sein eigenes unbeantwortetes Gebet am Morgen des Unfalls: „Ich habe drei Familienangehörige verloren. Dieser Verlust konnte nicht rückgängig gemacht werden, und ich will ihn auch nicht schönreden. Der Schmerz ist einfach zu groß. Ich habe weder einfache noch rationale Erklärungen für diese Tragödie. Ich habe auch keine magische Salbe, die die bleibenden Wunden sofort heilt, auch nicht nach all diesen Jahren. Schmerz bleibt Schmerz, ob wir dagegen ankämpfen oder nicht, davor fliehen oder uns ihm ausliefern. Mein Gebet wurde aber auch erhört, doch nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. Anscheinend funktioniert das Gebet auf diese Art. Nur selten schießt es einen Pfeil direkt auf das Ziel ab; statt dessen schießt es einen Pfeil ab, der Kurven dreht und abprallt. Aber zum Schluss trifft er das Ziel, doch auf eine Art und Weise, die niemand hätte voraussagen können. Schließlich schreibt das Gebet eine Erzählung, keine Kurzgeschichte.“

 

Banner zum Schwerpunktthema Gebet


Weitere Beiträge zum Thema

 

 


Kommentare

Von Kroko am .

Naja, sagen wir so, also, ich find auch, das es irgendwie blöd ist, wenn Gott zwar da ist, aber nicht hilft! also, wenn man betet, und es passiert das Gegenteil (wie bei dem Jerry Sittser), das is schon krass. Da krieg ich ja schon fast Angst, zu beten! dann bet ich lieber gar nicht, dann kann ich auch nicht enttäuscht werden.
Weil, Gott ist ja auch allmächtig, oder nicht? Warum leidet er dann auch noch selber (is ja auch schlimm für ihn) und hilft nicht?
Also, der Jerry bittet um Schutz für mehr

Von ERF Seelsorge am .

Zu Sally, Steven, Steve und Ina:
Das klingt gerade so, als ob Gott das Leid verursacht und uns auflastet, um uns zu erziehen. Ich verstehe, dass man das so sehen kann. Es blendet aber eine wesentliche Tatsache aus:
Gott ist überhaupt nicht der Urheber des Bösen. Gott leidet am Bösen wie Hund. Er leidet daran, dass wir in dieser Welt in den „Fängen“ des Bösen sind, in zerstörerische Zusammenhänge verstrickt.
Er hält das mit uns aus. Er leidet mit uns daran, vermutlich sogar mehr als wir. mehr

Von Sally am .

Krasse Kommentare!
Aber ich bin momentan auch gerade an so einem Punkt: Enttäuscht von Gott, noch gehe ich zu ihm und erzähle ihm das; aber ich spiele auch oft mit dem Gedanken, das Christsein hinter mir zu lassen und Gott einen lieben Mann. Habe keine Lust mehr auf seine Prüfungen, auch nicht auf die "Erhörungen" meiner Gebete nach SEINEM Gusto. Ich empfinde ihn als schrecklich unpädagogisch und wenn ich einem fünfjährigen Kind ein theologisches Buch schenke, obwohl es sich einen Teddybären mehr

Von Steven am .

Wie recht Steve und Ina haben!
Mir erging es genau auch so! Je stärker ich mich Gott zuwandte, desto mehr Leid musste ich in meinem Leben erfahren. Auch ich war mehrmals dem Suizid nahe! Ich könnte hier ein Buch darüber schreiben, das genau so dick würde wie die Bibel, doch ich will den Rahmen nicht sprengen - die Worte von Ina und Steve bringen es auf den Punkt und sagen alles.
Nun arbeite auch ich stark daran, mich von den Fesseln von Gott zu lösen, was gar nicht so einfach ist, wenn man mehr

Von Steve am .

ich kann mich da Ina nur anschliessen. Jahrzehnte war ich gläubiger Christ und je mehr ich gebetet habe, umso schlechter erging es mir. Ich war mehrmals am Boden, gebrochen und dem Suizid nahe! Erst als ich es endlich geschafft habe, mich von den Fesseln von Gott zu lösen und mein Leben nach meinem Gusto zu leben, und nicht nach irgendwelchen Büchern, wie der Bibel, wendete sich alles zum Guten.

Von Ina am .

Von meinem Kommentar oben fehlt über die Hälfte!

Von Ina am .

aha .....
Dies alles hatte ich auch einmal geglaubt ....
Und von dem an wurde mein Leben immer schlimmer und schlimmer ....
Dann kam eine kurze Zeit, wo sich alles zum Guten wendete, genau da, wo ich aufhörte zu beten ....
Trotzdem wollte ich meinen Glauben nicht ganz verlieren und suchte wieder die Nähe Gottes ...
Von da an wieder nur Probleme, Depressionen und Familiedrama ohne Ende ....


Ihr Kommentar

Die E-Mail wird nicht veröffentlicht.
Alle Kommentare werden redaktionell geprüft. Wir behalten uns das Kürzen von Kommentaren vor. Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.