Themenreihe "Kleines, altes Deutschland!

Familie im sozialen Wandel

Das bürgerliche Familienbild ist unbiblisch, meint Johannes Reimer und fragt nach Alternativen.

Die Familie als Keimzelle der Gesellschaft ist im Prozess des sozialen und demografischen Wandels instabil geworden – und das hat Folgen für Gesellschaft und Kirche. Die christliche Gemeinde hat hier eine besondere Aufgabe. Allerdings muss sie sich laut Johannes Reimer auch fragen lassen, ob sie ein falsches Familienbild zum Ideal erhoben hat: Spiegelt die Kleinfamilie mit der klassischen Rollenteilung wirklich das biblische Bild wider? Wenn nicht, welche Konsequenzen hat das für die Auseinandersetzung mit dem veränderten Verständnis von Familie in der Gesellschaft? Lesen Sie Auszüge aus einem Vortrag von Professor Reimer, den er anlässlich einer Tagung der Studentenmission Deutschland e.V. (SMD) gehalten hat.

In Folge des Wandels ist das traditionelle Ehe- und Familienideal an den Pranger gestellt worden. Aber ist damit der christliche, biblische Entwurf gemeint? Die traditionelle Vorstellung von Ehe und Familie in unserer Kultur verdankt ihre Entstehung einer auf Glaubensideale des Christentums bauenden, patriarchalisch geprägten Gesellschaft. In dieser Gesellschaft war das Verhältnis zwischen den Eheleuten und ihren Kindern eindeutig geklärt: Der Mann war das Oberhaupt, Frau und Kinder hatten ihm Gehorsam zu leisten, wenn sie Gottes Wort treu bleiben wollten. In einer solchen Konstruktion war der Mann für die öffentliche Gestalt und für die wirtschaftliche Versorgung seiner Angehörigen als Haupt der Familie, die Frau für die Haushaltsführung und Kindererziehung zuständig. Weil dieses bürgerliche Ideal als christliches Ideal verstanden wird, wendet sich die heutige Kritik massiv an Kirche und Gemeinde. Wenn das, was die bürgerliche Familie darstellt, „Gottes Ordnung für Ehe und Familie“ ist, dann ist die Herausforderung nicht nur eine veränderte soziale Lage, in der sich die Gemeinde zu bewegen hat, sondern ein Angriff auf die christliche Familie per se. Wer sich diesen Herausforderungen stellen will, sollte aber zunächst klären, wo wir Christen ansetzen müssen, bevor wir uns an Lösungen wagen.

Herausforderung 1: Was will Gott mit Ehe und Familie?

Die rasche Veränderung der familialen Formen führe in unserer Gesellschaft zum Zerfall der Familie als Kerninstitut der Gesellschaft, wird immer wieder behauptet. Vielleicht. Die Frage ist allerdings, ob die neuen Formen wirklich so neu sind oder doch immer schon in der Gesellschaft parallel zu den traditionellen Formen der Ehe und Familie existierten. Fest steht, dass wir im dekadenten Rom des ersten Jahrhunderts die meisten heute als alternative Lebens- und Familienformen gepriesenen Modelle vorfinden und wir deshalb annehmen können, dass die Urgemeinde von Anfang an nach Wegen Ausschau hielt, solchen zu begegnen. Wer sich nun mit dem biblischen Familienideal des Neuen Testaments auseinandersetzt, der findet darin eine grundsätzliche Befähigung, den familialen Herausforderungen auch unserer Zeit zu begegnen. Gegenstand der Theologie war dabei, so scheint es, an erster Stelle nicht das Wie, sprich die Form des ehelichen und familiären Lebens, sondern das Was.

Die Gemeinde heute sollte sich somit nicht mit der Verteidigung traditioneller bürgerlicher Kleinfamilienideale beschäftigen, sondern viel grundsätzlicher dem Ideal Gottes zur Familie Raum geben! Was und wozu ist also, biblisch gesehen, Ehe und Familie? Verständlicherweise kann an dieser Stelle keine vollständige Ehe- und Familienlehre der Bibel vorgestellt werden. Die biblische Rede von der Ehe beginnt in Genesis 1,26-28. „Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und
über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“

Über den Autor: Johannes Reimer (57) ist Professor für Missionswissenschaft an der University of South Africa und der Theologischen Hochschule Ewersbach und leitet die Gesellschaft für Bildung und Forschung in Europa (GBFE). Er ist verheiratet mit Cornelia Reimer und Vater von drei erwachsenen Kindern. (Bild: privat)

Wozu hat Gott den Menschen geschaffen? Erstens: Gott hat den Menschen in der Zweiheit geschaffen, weil er will, dass sich das menschliche Geschlecht auf der Erde ausbreitet. Nur in der engen Gemeinschaft zwischen Mann und Frau entsteht Leben. Die Ehe ist somit Keimzelle des Lebens auf der Erde. Zweitens: Gott hat den Menschen als Mann und Frau zu seinem Ebenbild geschaffen, weil er das Leben auf der Erde ordnen will. Der Mensch hat ein Mandat: er soll auf der Erde herrschen, sprich sie sinnvoll bebauen. Und er soll es im Kollektiv von Mann und Frau machen! Wo immer dieses Kollektiv unvollständig ist, da heißt sein Urteil: „Nicht gut!“. Drittens: Gott will die Zweiheit des Menschen auf der Erde, weil er ein Ebenbild braucht. Er, dieser zweipolige Mensch, ist Gottes Gegenüber, sein geliebter Gesprächspartner. Die Ehe und Familie ist somit die Keimzelle des Glaubens und des Gottvertrauens auf der Erde.

Diese drei Aussagen konstituieren das Was der Ehe und der Familie. Sie begründen die kulturelle und zivilisatorische, ja auch die religiöse Erfolgsgeschichte der Menschheit. Ist mit diesem Bild von dem Wesen der Ehe die patriarchalische bürgerliche Familie bestätigt? Nein! Die gesellschaftliche Festlegung der Rollen von Mann und Frau führte nicht zur Einheit der beiden in der Ehe, sondern zur Hierarchie – nicht zur gegenseitigen Unterordnung, wie Paulus es fordert (Eph 5,21), sondern zur Dominanz des Mannes über die Frau. Aus der Ebenbildlichkeit der Zweiheit des Menschen entwickelte sich eine Ebenbildlichkeit nur des Mannes – und damit jene Dominanz, die erst den Protest und die Emanzipation der Frau und damit den Zerfall der bürgerlich-patriarchalen Familie ermöglichte. Ein gesundes biblisches Eheideal sieht vielmehr Gott als Haupt vor – weder Mann noch Frau.

Ist damit eine Gleichgestaltung der Geschlechter gemeint? Nun, sicher nicht. Warum auch? Was gefordert ist, sind nicht gegenseitige Anpassungen der Geschlechter, sondern die Wiederentdeckung des eigenen, charakteristisch weiblichen oder männlichen Beitrags zum Ganzen. In einer christlichen Gemeinde, die das will, wird die Gender-Frage nicht nach populistischen, aber auch nicht nach traditionell- patriarchalischen Gesichtspunkten gelöst, sondern einzig und allein biblisch. Und hier haben beide – Mann und Frau – ihren gleichberechtigten, wenn auch nicht immer gleichartigen Beitrag zur Mission Gottes in der Welt und in der Gemeinde.

Herausforderung 2: Individualismus

Die Krise der Familie ist ein Kind des Individualismus. Der Individualismus, und in seinem Gefolge der Pluralismus, resultiert im Verlust der Tradition und normierenden Wahrheit als Handlungsbasis. Wer keine Orientierung für seine Entscheidungen mehr hat, wer seine Normen und Werte an sich selbst orientiert, kommt früher oder später in eine tiefe Identitätskrise. Kann der christliche Glaube, kann die Gemeinde Jesu hier nun helfen? Und ob! Sie kann, weil sie im Unterschied zum Zeitgeist dem Individuum ein Maximum an Gestaltungsfreiheit gibt. Hier ist jeder Mensch für sich genommen „Gottes Werk, geschaffen zu guten Werken, die er [Gott] zuvor bestimmt hat, dass wir darin wandeln sollen.“ (Eph 2,10) Nichts ist so sehr im christlichen Glauben gewollt, so angestrebt, wie die Selbstverwirklichung. Sein wahres Ich zu entdecken und dann alles zu tun, dass dieses von Gott geschaffene Ich zum Tragen kommt – das ist es, was Gott mit uns will. Hierfür hat er die Gemeinde geschaffen. Hierfür hat er in der Gemeinde Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer eingesetzt, damit sie die Heiligen zurüsten zum Werk ihres Dienstes (Eph 4,11-12).

Die SMD ist ein deutschlandweites Netzwerk von Christen in Schule, Hochschule und akademischer Berufswelt (gegründet 1949 als Studentenmission in Deutschland e. V.). Weitere Informationen finden Sie unter smd.org.

Hier liegt der Unterschied zum modernen Zeitgeist. Dieser wirft den Menschen auf seiner Suche nach der eigenen Biografie auf sich selbst zurück und lässt ihn schnell in der Selbstverwirklichung vereinsamen. Der christliche Glaube ordnet dagegen den Einzelnen einem unterstützenden Kollektiv von Gleichgesinnten zu. Statt zu vereinsamen, wird man hier aufgebaut, getragen und gefördert. So ist die Antwort auf die Herausforderung des Individualismus nicht weniger Gemeinde, sondern geradezu umgekehrt – mehr Gemeinde.
Wo die Gemeinde als Botschafterin der Versöhnung zwischen dem Mensch und seinem Selbst, zwischen Mensch und Mensch und zwischen dem Menschen und seiner Umwelt auftritt (2 Kor 5,18-21), da öffnen sich Räume zur Entfaltung von Frauen und Männern, von Ehen und Familien.

Herausforderung 3 : Der familiare Wandel

Wenn die Gemeinde Jesu sich dessen bewusst wird, was Gott mit ihr und den Familien in ihr in dieser Welt vorhat, dann kann sie sich an die Gestaltung der familialen Formen und Normen in der postmodernen Gesellschaft wagen. Damit steht die Gemeinde vor der enormen Herausforderung, in der Gesellschaft nicht nur Familie zu leben, sondern auch Familien zu heilen. Gemeint ist eine auf Familie bezogene Mission der Gemeinde. Stellen Sie sich einmal vor, Sie bauen Gemeinde in einer deutschen Großstadt und in ihrem Viertel leben Menschen, die sich in ihrer Partnerschaft quer durch die familialen Alternativen mühen. Wie sprechen Sie diese auf ihr Leben und auf die Alternative einer vom Evangelium gestalteten Lebensweise an? Ein möglicher Zugang wäre das, was wir Mehrgenerationen-Haus nennen. Hier versuchen Menschen unterschiedlichen Alters und Orientierung einander zu helfen, das Leben sinnvoller zu gestalten. Hier wie nirgendwo sonst treten all die Brüche in der emanzipatorischen Ehe- und Familienpraxis zu Tage.

Dieser Text ist die gekürzte Fassung eines Artikels aus dem SMD-Magazin smdtransparent  01/ 2012.
Den vollständigen Artikel finden Sie hier.
Wir danken der SMD für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung! (Bild: SMD)

Sie als Gemeinde entscheiden sich, ein solches Haus zu eröffnen und zu gestalten. Und Sie beginnen mit einer Bestandsaufnahme der Probleme vor Ort. Nicht selten ist diese bereits von anderen gemacht und liegt als Sozialraum- Analyse vor. Und dann gehen Sie die materiellen und sozialen Problem- Themen an. Laden Sie getrost die Einwohner des Stadtviertels ein, daran mitzuarbeiten. So entwickelt sich bald eine Lokalinitiative, eine Art Gemeinwesenarbeit, die potenziell Beziehungen und Vertrauen zu den Mitgliedern Ihrer Gemeinde und ihren Familien schafft. Und aus dem Vertrauen werden Gespräche, aus den Gesprächen Hilfsaktionen, aus dem Beistand Gebet und aus dem Gebet möglicherweise eine Entscheidung für ein Leben mit Gott. So wird das Chaos in der Gesellschaft geordnet – und das Reich Gottes nimmt wieder einmal Fahrt auf mit Männern und Frauen, ihren Beziehungen untereinander und ihren Familien.

Lesen Sie zum Thema auch: Herausforderung demografischer Wandel.


Kommentare

Von Bianka N am .

bei der angegebenen Bibelstelle 1. Korinther 5..... hat sich wohl ein Schreibfehler eingeschlichen. Vielleicht ist der 2.te Korintherbrief gemeint.
GlG

Anmerkung der Redaktion: Danke für den Hinweis! Wir haben die Bibelstelle entsprechend geändert.

Von Beobachter am .

und wieder einmal ein zugeständnis zum zeitgeist. leider wurden die ein oder anderen stellen der bibel ausgelassen die eine unterschiedliche interpretation zulassen/erfordern.
um es kurz zu machen eine frage. wen hat gott unmittelbar nach dem sündenfall gefragt eva oder adam. wenn beide gleichgestellt wären hätte er doch zuerst eva ansprechen müssen, sie traf ja die hauptschuld sie hat adam hinneingerissen, wenn man so will.
gott hat aber adam zuerst zur rede gestellt.
die anderen stellen sagen mehr

Von Ingmar am .

... was bereits Rodney Clapp 1993 in seinem Buch "Families at the Crossroads" überzeugend dargestellt hatte. So neu ist diese Erkenntnis also nicht, aber die Macht der Tradition ist stark.

Von Brigitte am .

Ja, wenn man es wagt, ein Familienleben lt der Bibel zu leben, kommt man sich oft verlacht, altmodisch und verknöchert vor. Aber nur deswegen, wenn man danach sucht, sich mit der Welt gleichzustellen. Das Wort GOTTES bleibt immer bestehen, auch GOTTES Wille für Familien, und deswegen funktioniert das auch, aber nur, wenn man nur nach GOTTES Willen strebt, und nicht, wenn man zweigleisig fahren will.

Von Jaques LeMouche am .

Ein weiteres Stöckchen der Politik, über das der ERF bereitwillig springt. Der Wandel ist kein Wandel, sondern er wurde von Politik und angeschlossenen Medien ausgerufen. Die permanenten volkspädagogische Maßnahmen (über "Tatort" bis "Heute") - Verunglimpfung der "traditionellen" Rolle und propagierten "erweiterten Familienbegriffen" zeigen durchaus ihre Wirkung. Dennoch kann der Unterschied zwischen Mann und Frau nicht abgeschafft werden, so sehr sich Politik und Medien dafür ins Zeug legen. mehr

Von Harry Puschel am .

Der Beitrag ist ein wichtiger Gedankenanstoss.In den Gemeinden wird leider nicht immer Biblisch gelehrt.Vieles ist tradizionell gefährbt.Auf diese Arbeit vor Ort
habe ich schon viele Jahre leider ohne erfolg hingewiesen.Übrigens:der Patriach ist schon lange tot ,es lebe der ;Femenismus; aber auch ohne Erfolg.


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