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Der Heilige Geist, die Kirche und das Internet

Wie gehen Christen mit den Veränderungen um, die die digitale Revolution für Gemeinden mit sich bringt? Ein Denkanstoß zu Pfingsten - dem Geburtstag der Kirche.

Happy Birthday, Gemeinde Jesu! Als Gott vor fast 2000 Jahre Petrus, Johannes und den anderen Nachfolgern Jesu seinen Heiligen Geist geschenkt hat, ist die Kirche entstanden. Seit dem ersten Pfingstfest feiern Menschen Gottesdienste, sind karitativ und teilen ihren Glauben an Jesus Christus mehr oder weniger institutionalisiert.

In vielen Kirchen und Freikirchen haben sich dabei Elemente herauskristallisiert, die bis heute Basis für das Gemeindeleben sind: Die Gemeinschaft, das Glaubensbekenntnis, das Abendmahl, die Taufe und die Bindung an die Bibel als Gottes Wort. Immer wieder hat es aber auch einschneidende Veränderungen gegeben, welche die Kirche zu zerreißen drohten – oft im Zusammenspiel mit gesamtgesellschaftlichen Prozessen: Luthers Reformation wirbelte die bis dahin einheitliche Glaubenslandkarte in Europa gewaltig durcheinander. Die damit einher gehenden Veränderungen hingen auch mit der vorausgegangenen Renaissance und der Erfindung der Buchdruckerkunst zusammen. Oder nehmen wir das soziale Engagement des englischen Erweckungspredigers John Wesley: Sein Handeln war eine Reaktion auf die beginnende industrielle Revolution und der damit verbundenen Verstädterung der englischen Gesellschaft.

Gottesdienst via Twitter und Kirche im Second Life? Zwei Projekte der evangelischen und katholischen Kirche als Beispiele, wie eine experimentelle Auseinandersetzung mit den digitalen Möglichkeiten aussehen kann.

Revolutionen sind nicht nur etwas für Menschen, die Geschichte schreiben

Aber diese Umbrüche sind nicht nur Vergangenheit. Wir können uns heute nicht zurücklehnen und hoffen, dass uns der Gang der Geschichte von solchen Umwälzungen verschont. Die digitale Revolution katapultiert die Gesellschaft und damit auch die Gemeinde Jesu heute wieder in einen Epochenwechsel hinein. Zwar ist noch nicht absehbar, welche Folgen die medial-technische Entwicklung der vergangenen 20 Jahre für die unterschiedlichsten Bereiche des menschlichen Zusammenlebens haben oder wie weitreichend sie sein werden. Trotzdem stellt sich für Kirchen, Missionswerke, Pfarrer, ehrenamtliche Mitarbeiter, Eltern und Religionspädagogen die Frage, wie sie sich der Herausforderung stellen, die das omnipräsente Internet und Social Media mit sich bringen.

Vielleicht können Kirchenhistoriker in 50 oder 70 Jahren große Namen nennen, die in diesem Zusammenhang Entscheidendes für die Kirche bewirkt haben. Das entbindet das einfache Gemeindemitglied (also mich!) aber nicht davon, sich der Herausforderung ebenfalls zu stellen und zu überlegen, wie er oder sie mit den veränderten Rahmenbedingungen umgehen will. Ganz abgesehen davon, dass das Internet als Web2.0 per se ein Medium ist, das von und mit der breiten Masse lebt.

Mögliche Auswirkungen der Digitalen Revolution für christliche Gemeinden

Wie kann eine solche Auseinandersetzung aussehen? Indem man sich allein oder gemeinsam mit anderen informiert und gedanklich Szenarien und Optionen durchspielt, die auf uns zukommen könnten. Gordon MacDonald beschreibt in seinem Buch Ich will meine Gemeinde zurück beispielsweise drei mögliche Auswirkungen der digitalen Revolution für Kirchen und Freikirchen:

  1. Jugendliche und junge Erwachsene sind durch Social Media und Internet zunehmend daran gewöhnt, Informationen multimedial präsentiert zu bekommen und sie auch als solche aufnehmen. Eine 30 minütige monologartige Predigt, bei der sie sich nicht aktiv beteiligen können, ist für diese Generation laut MacDonald nicht attraktiv. Kirchen müssten sich deswegen entsprechend technisch ausrüsten und ihre Predigten und Gemeindeangebote multimedial gestalten.
  2. Die Menschen haben durch das Internet die Möglichkeit, virtuell Gottesdienste zu besuchen oder Predigten von berühmten Pastoren mit einem Klick aus dem Internet herunterzuladen. Im Gegensatz zu früher ist es deswegen nicht mehr zwingend nötig, einen Gottesdienst zu besuchen um geistliche Nahrung und Informationen über Glaubensthemen zu bekommen. Dazu kommt, dass die Menschen in den letzten 50 Jahren mobiler geworden sind  und eher bereit sind, weite Wege zu Gottesdiensten und Veranstaltungen in Kauf zu nehmen. Der einzelne kann und wird seinen Glauben zukünftig also individueller und unabhängiger von einer Ortsgemeinde gestalten.
  3. Die technischen Möglichkeiten bieten den einzelnen Gemeinden neue Möglichkeiten, sich zu vernetzen. Das eröffnet kleineren Gemeinden oder Hauskreisen die Chance auch ohne eigenen Pastor Gottesdienst zu feiern. Stattdessen bieten sich für sie Veranstaltungen an, bei denen das Rahmenprogramm (ähnlich wie heute bei ProChrist) lokal gestalten und der Hauptteil dann per Leinwand übertragen wird.   

All diese Möglichkeiten und Beobachtungen sind an sich wertneutral und Chance und Risiko zugleich. Eine Predigt, die durch einen Videoclip veranschaulicht wird, prägt sich u.U. besser ein – das wäre positiv für die Zuhörer. Aber was, wenn ältere Menschen die schnelle Abfolge der Bilder und Töne nicht gut wahrnehmen können und sich davon überfordert fühlen? Oder wenn eine Übersättigung eintritt und die Menschen sich im Gottesdienst eher eine Auszeit von den ganzen technischen Raffinessen wünschen, mit denen ihr Alltag angefüllt ist?

Eine eigene Gemeindewebseite wird immer wichtiger, wenn es darum geht, von Freunden und Fremden gefunden zu werden. Einige Kirchen- und Gemeindeverbände bieten ihren Mitgliedern Hilfe bei der Erstellung einer Internetpräsens an. So z.B. die Seite Vernetzte Kirche der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Ein ähnliches Beispiel ist der Internet-Gemeindebaukasten der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Auch der Bund Freier Evangelischer Gemeinden bietet seinen Mitgliedern diesbezüglich Unterstützung.
 

Aufgrund der größeren Mobilität und der medialen Verfügbarkeit unterschiedlichster Gottesdienst- und Predigtformen verblassen denominelle Unterschiede zukünftig voraussichtlich zunehmend: Der Download-Button fragt nicht danach, ob ein Landeskirchler, ein Baptist oder ein Charismatiker  die letzte Ansprache von WillowCreek herunterlädt. Die schmerzhaften Grabenkämpfe entlang einzelner kirchlicher Richtungen gehören damit vielleicht bald der Vergangenheit an. Problematisch wird das reichhaltige geistliche Nahrungsangebot im Internet allerdings dann, wenn die eigene ausgiebige Beschäftigung mit der Bibel dadurch zu kurz kommt. 

Gemeinden in strukturschwachen Gebieten oder Ableger einer Großgemeinde, die sich keinen Pastor leisten können, würden vom technischen Zusammenschluss mit anderen Gemeinden zweifellos profitieren. Dafür müsste dann geklärt werden, wer an Pfarrers Stelle seelsorgerliche Arbeit leistet, die Menschen vor Ort bei Sterbefällen oder Hochzeiten betreut, Aufgaben koordiniert oder strukturelle und visionäre Denkanstöße gibt.

Die Veränderungen der Gesellschaft durch das Internet sind nicht das Hauptproblem

Die Reihe der Pro- und Kontraargumente ließe sich weiter diskutieren – ebenso die Frage, welche Veränderungen durch die medialen Veränderungen auf Kirche und Gesellschaft zukommen. Entscheidend ist aber nicht, ob wir diese Prozesse von vorne bis hinten verstehen und einordnen können. Der Knackpunkt liegt woanders: Umwälzende Veränderungen haben das Potenzial, Gruppen zu spalten und Menschen gegeneinander aufzubringen. Hier sind wir als Christen unterschiedlicher Generationen, persönlicher Überzeugungen und technischer Vorlieben oder Abneigungen gefragt, trotz allem wertschätzend miteinander umzugehen, einander gut zuzuhören und miteinander zu lernen.

Missionarische Projekte oder der Erstkontakt zur seelsorgerlichen Beratung sind ebenfalls über das Internet möglich. ERF Online versucht zum Beispiel durch das Jesus-Experiment Menschen an den christlichen Glauben heranzuführen. Die Diakonie der evangelischen Kirche führt ein eigenes Online-Beratungsportal.

Die Kirche muss sich nicht neu erfinden

Ein Blick in die Kirchengeschichte und in die Bibel hilft, angesichts der momentanen Umbrüchen und Veränderungen, gelassen zu bleiben. Denn sie macht klar: Die Gemeinde Jesu hängt nicht von der Fähigkeit ihrer Mitglieder ab, gesellschaftliche Trends und Umwälzungen zu erkennen und auf sie zu reagieren. Es ist Gott, der seine Kirche durch die Zeit trägt. Er beruft auch immer wieder fähige Männer und Frauen, die ihr neue Impulse geben. Darüber hinaus ist das Internet für ihn keine Erfindung, die ihn aus dem Konzept bringt. Als Chefinformatiker hat Gott die Möglichkeiten des digitalen Zeitalters schon bei der Erschaffung dieser Welt vorhergesehen, wenn nicht sogar fest mit einprogrammiert. Und: Was Wesentlich ist, bleibt in der Veränderung. Das gilt auch und insbesondere für den Glauben.

Ob das neue Medium zu einem Fluch oder einem Segen wird, entscheidet sich deswegen auch daran, ob wir als Einzelne in engem Kontakt mit Gott stehen, Rat von ihm erbitten und unsere Leben von seinem Heiligen Geist prägen lassen. Womit wir wieder am Anfang wären: Das Wirken dieses Geistes hat zur Geburtsstunde der Kirche geführt. Und es ist sein Wirken, das die Gemeinde durch alle Zeiten hindurch bis zu Jesu Wiederkunft führen und leiten wird.

Wie wird das Internet Ihrer Meinung nach die Kirche verändern? Gibt es in Ihrer Gemeinde Ansätze dazu, die anderen weiterhelfen könnten? Diskutieren Sie mit über die Kommentarfunktion.


Kommentare

Von burgstaller am .

gut!

Von Günter S am .

Die Arbeit in der Gemeinde ist vielfältig. So kommt auch moderner Informationstechnik ganz selbstverständlich zum Einsatz. So wird es auch mit dem Internet sein. Die Arbeit im und mit dem Netz wird seinen Platz finden. Man muss der neuen Technik nicht "hinterher hecheln", sondern aus meiner Sicht gut vorbereiten und den Einsatz für die Gemeinde(n) prüfen. Auch heute arbeiten viele Referenten und Gemeinden mit digitalen Vortragsfolien. Warum nicht? Beten wir doch dafür, dass wir die Möglichkeiten der neuen Technik erkennen und für Gottes Werk einsetzen.

Von Wilfried D am .

Vielleicht geht´s mit dem Internet ja wie einst mit den Powerpoint-Präsentationen: die ersten Vorträge machten noch großen Eindruck, doch schon bald ärgerte man sich über Referenten, die ihr Publikum mit Medien "erschlugen", nicht zuletzt, um ihren oftmals "dünnen" Vortrag zu kaschieren. Bald wollte das in dieser Form keiner mehr hören und sehen. Es scheint nach wie vor so zu sein, dass ein guter Vortrag oder eine gute Predigt in erster Linie von der Persönlichkeit des Referenten, seiner mehr


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