Themenreihe Japan Lesezeit: ~ 7 min

Wiederaufbau im Land des Lächelns

Ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben in Japan hilft Friederike Schmidt beim Häuseraufbau und erlebt, wie Herzen Heilung erfahren. Ein Interview.

Friederike Schmidt hat ihre Semesterferien genutzt, um den Menschen im japanischen Kesennuma beim Wiederaufbau ihrer Häuser tatkräftig zur Seite zu stehen. Die Stadt liegt nördlich von Sendai in der Provinz Miyagi und war 2011 massiv vom Erdbeben und dem nachfolgenden Tsunami betroffen. Was die Studentin aus Leipzig dort gesehen und erlebt hat, erzählt sie ERF Online im Interview.

ERF Online: Sie waren im Februar 2012 für drei Wochen in Japan. Können Sie kurz erzählen, wie es dazu kam und was Sie dort gemacht haben?

Die Hilfsorganisation Samaritan`s Purse („der Geldbeutel des Samariters“) organisiert verschiedene Projekte, in Deutschland z.B. "Weihnachten im Schuhkarton“. Die Organisation leistet auch internationale Entwicklungshilfe und baut nach Naturkatastrophen Häuser wieder auf, zum Beispiel in Haiti, Nigeria und aktuell in Japan. Sie wird von Franklin Graham geleitet, dem Sohn von Billy Graham.

Die Allianzmission arbeitet mit Samaritan´s Purse in Japan zusammen. Ggemeinsam haben sie ein Programm gestartet, mit dem Freiwillige für zwei bis sechs Wochen nach Japan gehen können.

Friederike Schmidt: Immer wenn in den Nachrichten Katastrophenmeldungen gekommen sind, habe ich mich gefragt, was man als Christ und westlicher Mensch, der alles hat, machen kann. Als ich von der Katastrophe in Japan erfahren habe, hat es mich sehr getroffen, da ich durch einen japanischen Freund schon einiges über das Land und besonders über die Situation der Christen wusste.

Ich habe dann von der Zusammenarbeit der Allianzmission und der amerikanischen Organisation Samaritan's Purse gehört, die Wiederaufbauhilfe in der Tsunamiregion in Japan leisten. Diese Möglichkeit hat mich nicht mehr losgelassen. Vor allem weil diese Hilfsorganisationen den Menschen nicht nur praktisch helfen, sondern auch den Weg zu Jesus zeigen.

Die Organisation suchte dringend Freiwillige, die vor Ort helfen, durch den Tsunami zerstörte Häuser wiederaufzubauen. Da mich das Programm sehr angesprochen hat, habe ich mich beworben und bin für drei Wochen nach Japan gegangen.

Dort habe ich als ungelernte Kraft mitgeholfen, die Häuser von Schlamm und Schutt zu reinigen. Dann haben wir die alten Wände und zerstörte Bausubstanz entfernt. Anschließend haben Schreiner die Häuser repariert und neue Wände und Böden eingezogen.

ERF Online: Sicher haben Sie die Bilder von der Verwüstung in Japan bereits im Internet oder Fernsehen gesehen. Wie war es für Sie, die Zerstörungen mit eigenen Augen zu sehen?

Friederike Schmidt: Ich habe es mir ganz anders vorgestellt. Man hat ja nur kurz nach der Katastrophe Bilder gesehen, dann war das Thema wieder aus den Medien verschwunden und man wusste nicht, wie weit aufgeräumt worden ist. Als ich dann vor Ort war, war ich zum einen überrascht, wie viel vom normalen Leben wieder im Gang ist, sobald etwas aufgebaut worden ist. Die Leute leben dort weiter und gehen ihrem täglichen Leben nach. Auf der anderen Seite ist es trotzdem immer noch sehr schlimm, wenn zum Beispiel aus einem ganzen Viertel nur noch ein Haus steht.

Am Anfang war ich immer sehr geschockt, da ich auf dem Weg zur Arbeit an riesigen freien Flächen vorbeigefahren bin, wo ich von den Häusern höchstens noch das Fundament gesehen habe. Ich wusste, dass dort einmal eine Wohnsiedlung mit Hunderten von Häusern gestanden hatte. Bei einem Haus lag das komplette erste Geschoss zerdrückt auf den oberen Geschossen. Auf den ersten Blick sah das Haus gar nicht zerstört aus, aber dann habe ich gemerkt, dass es eigentlich das zweite Stockwerk war, das auf dem Boden stand. Besonders erschreckend fand ich die vielen zerdrückten Autos, die neben den Straßen aufgestapelt waren.

Das Hafengebiet wurde vom Tsunami am schlimmsten getroffen. (Bild: Friederike Schmidt)

ERF Online: Meinen Sie, das Leben in diesem Gebiet könnte sich in der nächsten Zeit wieder vollkommen normalisieren?

Friederike Schmidt: Ich habe gehört, dass es zehn Jahre dauern wird, bis alles wieder aufgebaut ist. Aber man muss einen Unterschied machen. Ein Teil von Kesennuma ist nicht zerstört worden, weil die Stadt teilweise auf einem Hügel liegt. Kleinere Städte in der Umgebung sind hingegen komplett ausgelöscht worden. Dort wohnt fast niemand mehr und die restlichen Einwohner ziehen weg.

ERF Online: Ist die Katastrophe den Einwohnern noch sehr präsent?

Friederike Schmidt: Ja, auf jeden Fall. Zum einen sind die Auswirkungen des Tsunamis allgegenwärtig noch da. Selbst wenn das eigene Haus wieder aufgebaut worden ist, sind um einen herum viele Nachbarn gestorben. Jeder hat irgendwelche Angehörigen oder Bekannten verloren. Das ist den Menschen noch sehr bewusst. Zum anderen sind die Leute sehr dankbar und gerührt, wenn man ihnen hilft. Man merkt, dass es etwas in ihnen auslöst.

„Der Glaube gibt ihnen Halt.“

ERF Online: Sie haben vor Ort auch japanische Christen kennengelernt. Viele ihrer Gemeindezentren sind zerstört worden. Wie war die Stimmung dort?

Friederike Schmidt: In Kesennuma gibt es eine ganz kleine Baptistengemeinde mit höchstens zwanzig Leuten. Wie durch ein Wunder ist keiner von ihnen gestorben, aber das Gebäude ist komplett weggeschwemmt worden. Jetzt treffen sie sich in einer Druckerei. Doch man spürt bei ihnen den Zusammenhalt und die Liebe.

Ich hatte im Vorfeld schon gehört, dass im Katastrophengebiet eine Erweckungsbewegung im Gange ist und dass viele Menschen zum Glauben kommen. Aber auch die Christen erleben eine Erweckung. Ich habe gemerkt, dass der Glaube ihnen Halt gibt.

Man kann kaum beschreiben, was der christliche Glaube diesen Leuten gibt. Und das obwohl Japan ein Land ist, in dem der christliche Glaube kaum vorkommt. Viele Leute sehen das Zeugnis der Christen, die mit der Situation anders umgehen. Sie sind davon sehr berührt und wenden sich mehr Glauben mehr zu. Das ist ein Wunder.

ERF Online: Für Christen ist die Situation in Japan schwer, weil der christliche Glauben dort kaum eine Rolle spielt. Haben Sie das selber auch gemerkt?

Friederike Schmidt: Ja, zum Teil schon. Die Leute wissen überhaupt nichts über den Glauben. Ich habe zum Beispiel eine junge Frau getroffen, die mich und die anderen Helfer gefragt hat, warum wir da sind. Wir haben ihr erzählt, dass wir beim Wiederaufbau helfen. Da war sie sehr ergriffen und hat uns erzählt, dass sie ihre Mutter und ihren Bruder verloren hat. Sie wollte uns unbedingt wieder treffen. Als wir uns dann getroffen haben, hat sie uns ausgefragt, weil sie überhaupt nichts über den christlichen Glauben wusste. Sie hat gefragt, wo wir unsere Kraft herbekommen und was unser Glaube über den Tod sagt. Was der christliche Glaube zu diesen Themen sagt, wird gar nicht thematisiert. Das Gedankengut ist den Menschen ganz fremd. Shintoismus ist eher eine Kultur als eine Gottesbeziehung.

„Im Herzen war alles kaputt“

ERF Online: Haben Sie miterlebt oder gehört, wie Japaner bedingt durch die Katastrophe und den Wiederaufbau zu Gott gefunden haben?

Friederike Schmidt: Wenn wir als freiwillige Helfer im Katastrophengebiet an einem Haus gearbeitet haben, sind die Hausbesitzer am Nachmittag vorbeigekommen, haben etwas zu essen gebracht und sich bedankt. Waren Übersetzer dabei, hatten wir die Möglichkeit, uns mit den Leuten zu unterhalten. Eine Hausbesitzerin hat auf diese Weise vom Glauben erfahren und geht jetzt in die Gemeinde in Kesennuma.

Oben: Friederike Schmidt mit einem japanischen Helfer.

Unten: Auch dieses übermannsgroße Schreintor (torii) ist durch den Tsunami zerstört worden. (Bild: Friederike Schmidt)

Wir hatten auch immer vor und nach der Arbeit und in den Pausen zusammen mit den Hausbesitzern gebetet und hatten so die Möglichkeit, von Jesus zu erzählen, wenn sie uns gefragt haben. Oft kamen abends auch Hausbesitzer im Hope Center vorbei und haben mit dem Team zusammen gegessen. Hope Center ist der Name des Basiscamps in Kesennuma, wo alle Freiwilligen und Mitarbeiter wohnen.

Ich habe dort auch eine mit einem Japaner verheiratete Chinesin kennengelernt. Sie hat es sehr auf dem Herzen, die chinesischen Menschen in der Region zu erreichen. Sie fährt viel herum und besucht Tsunamiopfer in ihren Übergangshäusern. Durch sie ist in der Zeit, in der ich da war, auch eine junge Chinesin zum Glauben gekommen.

ERF Online: Welches Erlebnis hat Sie besonders berührt oder betroffen gemacht?

Friederike Schmidt: Die junge Frau, die Bruder und Mutter verloren hat, kam schließlich auch ins Hope Center. Sie hatte uns ganz offen gesagt, dass sie jeden Tag weint, und uns auch Bilder von ihrer Familie gezeigt. Nach außen sah sie ganz normal aus, aber im Herzen war alles kaputt. Sie war auf der Suche nach Wahrheit. Durch dieses Erlebnis habe ich gemerkt, dass die Leute im Katastrophengebiet Jesus brauchen.

Man kann den Leuten ihre Häuser reparieren und ihr materielles Leben wieder in Ordnung bringen, aber was sie wirklich brauchen, ist Heilung im Herzen. Das kann nur Jesus.

ERF Online: Ist es momentan leichter, Japaner auf den christlichen Glauben aufmerksam zu machen?

Friederike Schmidt: Ja. Es ist im Moment eine große Offenheit für spirituelle Themen vorhanden. Sogar unter den Japanern gilt die Bevölkerung der nördlichen Provinzen charakterlich als verschlossen. Es ist selbst für Südjapaner schwer, in der Gesellschaft dort Fuß zu fassen. Dass diese Menschen nun Ausländer akzeptieren und uns gegenüber so offen sind, ist eine große Chance. Am ersten Märzwochenende war in Sendai zum Beispiel eine Evangelisation mit Franklin Graham. Da sind jeden Tag um die tausend Leute gekommen. Viele kamen dadurch zum Glauben.

ERF Online: Würden Sie sagen, dass durch die Katastrophe vielleicht auch etwas Positives angestoßen wurde?

Friederike Schmidt: Ja, auf jeden Fall. Erst durch den Tsunami ist es möglich geworden, dass die Leute offen für den Glauben werden. Viele sind so erst ins Fragen gekommen. Ich fand es bemerkenswert, dass die junge Frau uns das bestätigt hat. Sie hat uns gesagt, dass sie zwar noch nicht weiß, warum sie ihren Bruder und ihre Mutter verloren hat, aber sie denkt, dass sie es irgendwann einmal verstehen wird. So etwas von einem Menschen in ihrer Situation zu hören, hat mich sehr beeindruckt.

ERF Online: Was haben Sie selber aus Japan mitgenommen?

Friederike Schmidt: Ich kam mir manchmal ein bisschen schlecht vor, weil ich denke, dass ich mehr Segen bekommen habe, als ich geben konnte. Ich hatte so viele Begegnungen, dass es mich selbst im Glauben gestärkt hat. Das Miteinander der Christen aus unterschiedlichen Nationen und die gemeinsame Begeisterung für Jesus ist ansteckend und sehr aufbauend. Das hat auch den Christen vor Ort die Kraft gegeben, nach vorn zu blicken.

ERF Online: Vielen Dank für das Gespräch!


Kommentare

Von Markus S am .

Wir waren Ende Oktober 2011 für 2 Wochen mit 16 Personen aus unserer Gemeinde (FeG Offdilln) in Kesennuma haben das Hope Center dort aufgebaut. Ich bin begeistert wie Gott diese Arbeit in Japan segnet und wir alle sind dankbar, dass wir ein Teil davon sein durften.
Gerne erinnern wir uns an die Zeit zurück, die für uns unvergesslich bleiben wird.
Ich muss Friederike zustimmen, wenn sie sagt, den größten Segen erfährt man dabei selbst.
Nie in meinem Leben habe ich Gottes Nähe und sein mehr

Von BirgitHöhne am .

Da würde ich auch am liebsten
mitmachen!


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