Interview Lesezeit: ~ 7 min

Vom Hitlerjungen zum Missionar

Erst überzeugter Hitler-Fan, dann Missionar, Fußballtrainer und Stammeshäuptling. F. Pawelzik erzählt im Interview von seinem Leben.

Im Interview mit ERF Medien erzählt Fritz Pawelzik davon, was er im Krieg erlebt hat, wodurch er zum Glauben an den lebendigen Gott fand und wie er Häuptling eines afrikanischen Stammes wurde.

ERF Online: Herr Pawelzik, als junger Mann waren Sie im Krieg als Soldat aktiv. Wie kam es dazu, dass Sie Hitler geglaubt haben?

Fritz Pawelzik: Das ist eine Frage, die ich mir selber stelle. Ich durfte beim Antreten der Hitlerjugend nicht mitmachen, weil ich der Sohn von einem roten Zuchthäusler war. Ich wurde immer weggejagt. Doch eines Tages kam der Fähnleinführer von der Hitlerjugend zu mir und sagte: „Willst du mitmarschieren?“ „Jawohl“ habe ich gesagt. Durch das Mitmarschieren und das Dabeisein bin ich Nazi geworden. Hitler war für mich eine Art Gott. Und der hat uns eingetrichtert: „Wir Deutschen sind die Herren der Welt. Wir sind die klügste Nation. Aber wir haben auch einen Feind: die Juden und die Bolschewiken. Durch DIE haben wir den ersten Weltkrieg verloren.“

ERF Online: Dann hatten Sie auch keine Skrupel, wie beispielsweise mit den Juden umgegangen wurde, weil sie glaubten, wir Deutschen sind die besseren Menschen?

Fritz Pawelzik: Ja. Ich war der Meinung: Der Führer wird schon wissen, was richtig ist. Und wenn irgendwas verkehrt lief in Deutschland, dann waren immer die unten schuld, der Führer war wunderbar. Das habe ich erst in der Gefangenschaft verstanden. Ich wurde im Adlon-Hotel in Berlin gefangen genommen, zusammen mit dem ganzen Stab von Hitler, seinem Telefonist, seinem Fahrer. Dort habe ich zum ersten Mal gehört, was das für einer war.

Ich habe immer noch nicht begriffen, dass wir so einem Mann folgen konnten. Vielleicht lag das am Medium. Durch das Radio hat er nämlich die Deutschen gewonnen. Er konnte gut sprechen. Hat die Mamas und die Soldaten gelobt, hat fast geheult, wenn er über die Opfer sprach, die das deutsche Volk bringen musste. Der wusste, wie er uns fesseln kann. Da wurde mir klar, wie leicht man auf jemanden reinfällt.

ERF Online: Was war das Gefährlichste, das Sie in dieser Zeit erlebt haben?

Fritz Pawelzik: Das gefährlichste Erlebnis hatte ich in Berlin beim Häuserkampf. Morgens schickte mich der Offizier die Straße hoch. Da sollte ich warten bis die „Kanacken“ kommen, so nannten wir die Russen. Ich war totmüde und hatte tagelang nicht richtig geschlafen und gegessen. Als ich um die Ecke bog, lief ich einem Russen genau in die Maschinenpistole. Er setze sie am Herz an. Ich machte die Augen zu und dachte: Feierabend.

Damals war ich kein Christ. Ich hatte Angst vor dem tiefen Loch, in das ich fallen würde. In einer Sekunde raste mein ganzes Leben an mir vorbei. Da begriff ich, wie kurz das Leben ist. Doch der Russe schoss nicht. Er gab mir einen Stoß, ich machte die Augen auf und sah in mein Feindesgesicht. In dem Gesicht des Russen war ein großer Hass. Ich hatte das Gefühl, er wusste, dass ich einem seiner Landsleute vorher im Häuserkampf die Kehle durchgeschnitten hatte. Er konnte es nicht wissen, aber dieses Schulgefühl kam dabei hoch. Das war wahnsinnig. Dann merkte ich, wie sich das Gesicht veränderte - vielleicht sah ich so hilflos aus, ich war erst 17 – und er sagte: „Hitler ist kaputt. Wojna kaputt.“ Das heißt: Der Krieg ist zu Ende. Wieder nach einer Weile grinst er mich an, gab mir einen Schubs und sagte: „Geh Mama.“ Ich ging einen Schritt zurück, dachte, er legt mich um. Aber er tat es nicht. Seitdem liebe ich alle Russen. Und ich weiß, der da oben hat das arrangiert. Anders kann ich mir das nicht erklären.

ERF Online: Nach dem Krieg haben Sie ein ganz anderes Leben geführt. Wie kam es zu diesem Umdenken, dass Sie vom Glauben an Hitler-Gott zu dem lebendigen Gott gekommen sind?

Fritz Pawelzik: In der Gefangenschaft traf ich einen Engländer, der mir eine Bibel schenkte. Dadurch bin ich in eine Bibelstunde geraten. Dort ging es um die Geschichte von der Sünderin und wie sie frei wurde. Dann sagte der Erklärer: „Man kann die Geschichte nur verstehen, wenn man etwas weiterliest im Johannesevangelium. Da steht: 'Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.'“

„Was ist Freiheit?“, fragte ich ihn. Als ich seine Erklärung nicht verstand, beendete er kurzerhand die Bibelstunde. Dann habe ich ihm meine ganze Geschichte vom Krieg erzählt und sagte: „Das kann doch keiner vergeben.“ „Doch“, sagte er, „wenn deine Sünde blutrot ist, Jesus kann sie schneeweis waschen.“ Das war der Punkt in meinem Leben, an dem ich frei wurde. Und das ist das Schönste an unserem Glauben, dass wir freie Menschen sind, Befreite.

ERF Online: Wie spüren Sie Gott in Ihrem täglichen Leben? Wie sieht Christsein für Sie praktisch aus?

Fritz Pawelzik: Jeden Morgen Bibel lesen, ein Stück nach dem anderen. Beten, für andere, für mich selbst. Mit Gott sprechen. Da verwandele ich mich, muss ich ehrlich sagen, in ein Kind. Ich lese die Bibel nicht theologisch. Ich habe von Theologie keine Ahnung. Das habe ich auch in Afrika gelernt durch die sogenannten Master Jesus Stories. Die Afrikaner haben die Geschichten gespielt, um sie zu verstehen, nicht Nüsse geknackt. Aber ich will nichts gegen die Theologen sagen.

ERF Online: Später sind Sie dann nach Afrika gegangen, wo Sie 20 Jahre Ihres Lebens verbrachten. Was hat Sie gerade dorthin gezogen?

Fritz Pawelzik: Ich war vorher Bergmann, weil ich versucht habe, das Evangelium den Kumpels zu bringen. Dann wurde ich vom deutschen CVJM gefragt, ob ich als Missionar an die Goldküste gehen könnte. Ich war nicht sicher, denn meine Frau erwartete ein Kind. Und ich sagte zu ihr: „Hör´ mal, die wollen mich nach Afrika schicken als Missionar. Kommst du mit?“ Ich dachte, sie würde Nein sagen. Doch dann sagte sie Ja. Und so sind wir nach Afrika und ich habe dort beim CVJM angefangen. Vielleicht war ich gar nicht so sehr Missionar. Ich habe mich mehr als einer von ihnen gefühlt, der seinen Freunden und seinen Brüdern und Schwestern was zu sagen hat. Aber nicht von oben herab. Eher wie Paulus: In Rom den Römern ein Römer, den Griechen ein Grieche. Ich habe versucht, den Ghanäern ein Ghanäer zu sein.

ERF Online: Und Sie sind dann wirklich einer von ihnen geworden.

Fritz Pawelzik: Ja, ich bin Häuptling eines afrikanischen Stammes, der Ashanti in Ghana. Von ihnen habe ich den schönen Namen Nana Kofi Marfo II. bekommen. Die haben mich gewählt. Als ich sie fragte warum, sagten sie: „Weil wir dich lieb haben.“

ERF Online: Das Ritual, mit dem Sie zum Häuptling wurden, hatte es in sich…

Fritz Pawelzik: Das war eine spannende Sache. Man hat mich gefangen und eingesperrt. Ich wurde mit Blut eingespritzt. Das war sehr angenehm. Dann hat man mich gewaschen und damit war ich Häuptling.

ERF Online: Machen sie das immer so, dass man erst Todesängste ausstehen muss und dann wird man zum Häuptling?

Fritz Pawelzik: Ja, das gehört dazu. Als ich mich beschweren wollte, sagten sie: „Nein, das machen wir schon seit 1000 Jahren so.“

ERF Online: So lange die das beim Heiraten nicht auch so machen…

Fritz Pawelzik: Nein, das war bei uns ganz anders. Meine Frau habe ich nicht in Afrika, sondern in Rom kennengelernt.

ERF Online: Was sind denn Ihre Aufgaben als Häuptling?

Fritz Pawelzik: Das habe ich sie damals auch gefragt und bekam als Antwort: Adidas. „Adi“ heißt Essen. Und „das“ schlafen. Ich kann gut essen und ich kann gut schlafen. Aber dann habe ich gefragt: „Sonst nichts?“ „Doch“, sagten sie, „du bist unser oberster Richter, unser oberster Priester und Lehrer. Du bist unser Papa.“ Das tat mir gut.

ERF Online: Was ist das Seltsamste, das sie jemals essen mussten als Stammeshäuptling?

Fritz Pawelzik: Die Chagas am Kiliamanjaro haben eine wunderbare Suppe, die heißt Torry. Dafür kocht man Ziegenknochen - ich esse ja gerne Knochen - in Blut und Milch. Und das hat so einen schönen säuerlichen Geschmack. Dann habe ich die Köchin gefragt: „Mama“ - so fragt man alle Frauen - „was ist da drin? Was macht das so schön säuerlich? Das würde ich gerne der Karin, meiner Frau, sagen, dass sie das auch macht.“ Die hatte sich nämlich geweigert, eine Torry zu kochen. Da sagte sie: „Das sind ein paar Tröpfchen Kuh-Pipi. Dann schmeckt es besonders gut.“ Also: Kann ich nur empfehlen.

ERF Online: Was fasziniert Sie an Afrika oder speziell an Ghana?

Fritz Pawelzik: Vor allem die wunderbaren Menschen. Die sind fröhlich, lustig und unzuverlässig. Also ganz anders als wir. Sie sind familienorientiert und haben etwas von der Ursprünglichkeit. Und was mir besonders gut tut, ist der Glaube der Afrikaner. Ihre Art, so einfach und selbstverständlich zu glauben. Da haben meine Frau und ich viel mitgenommen.

ERF Online: Vielen Dank für das Gespräch!
 


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