Themenreihe Christsein und Behinderung

Christsein und Behinderung

Menschen mit Behinderung scheinen in Gemeinden oft nicht gut integriert zu sein. Dabei braucht es keine großen Aktionen, um das zu ändern.

Die Debatte hatte Mitte letzten Jahres für Wirbel gesorgt: Im fränkischen Bruckberg wollten Eltern ihre gesunden Kinder nicht gemeinsam mit geistig Behinderten konfirmieren lassen – obwohl dies seit Jahrzehnten im Ort so üblich ist. Ein Vorzeige-Dorf in Sachen Inklusion und Gemeinschaft von Menschen mit und ohne Behinderung. Mittlerweile ist der Streit beigelegt. Der Gottesdienst wird doch noch stattfinden  - und zwar gemeinsam. Einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt die Sache dennoch.

Als ich von dieser Geschichte erfuhr, war ich entsetzt: Was für arrogante Eltern, die sich und ihre Kinder für etwas Besseres halten! Doch je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr musste ich mir eingestehen: Auch wenn ich das Verhalten nicht gutheiße, kann ich es ein Stück weit nachvollziehen. Auch ich habe meine Schwierigkeiten, wenn ich Menschen mit geistigen Behinderungen begegne.

Zugegeben, das kommt nicht häufig vor, aber vermutlich liegt genau darin das Problem: Ich bin verunsichert, wie ich mich der Person gegenüber verhalten soll. Was versteht sie überhaupt? Was mache ich, wenn sie mich etwas fragt und ich es nicht verstehe? Was, wenn sie mich plötzlich umarmt? Ich habe Angst. Ich bin überfordert. Und das lässt mich auf Abstand gehen. Das ist keine böse Absicht, sondern einfach Unsicherheit. Streng genommen bin ich hier die Behinderte.

Interessanterweise stellt sich dieses Problem bei mir nur, wenn ich Menschen mit geistigen Behinderungen begegne. Mit körperlichen Behinderungen habe ich überhaupt kein Problem. Der Grund: Meine Schwester trägt eine Beinprothese, genauer gesagt eine Umkehrplastik. Diese Art Prothese sieht ziemlich schräg aus und schreckt viele Menschen im ersten Moment ab – für mich ist es das Normalste der Welt. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier. Was man von klein auf kennen gelernt hat, ist vertraut. Das Fremde hingegen irritiert.
Wahrscheinlich bin ich mit diesen Gefühlen nicht alleine. Und wahrscheinlich sind sie der Hauptgrund dafür, dass sich Menschen mit Behinderung in Gemeinden und Kirchen isoliert fühlen. Doch was kann ich als Gemeindemitglied tun, um das zu ändern?

Die Liebe zum Nächsten – kein theoretisches Gebot

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Dieses Gebot ist Jesus unheimlich wichtig. Er stellt es in Matthäus 22,39 sogar auf eine Stufe mit dem höchsten Gebot, Gott von Herzen zu lieben. Wie diese Nächstenliebe konkret aussehen kann und wer überhaupt mein Nächster ist, macht Jesus im Gleichnis vom barmherzigen Samariter deutlich, das er einem Pharisäer erzählt (Lukas 10,29-37). Eine Geschichte, die mehr mit dem Thema Behinderung zu tun hat, als man gemeinhin denkt:

Ein Reisender wird auf seinem Weg von Jerusalem nach Jericho überfallen, geschlagen und halbtot liegen gelassen. Nacheinander kommen ein Priester und ein Levit vorbei. Beide machen einen großen Bogen um den Verletzten. Erst ein Samariter kümmert sich liebevoll um den Verletzten, bringt ihn in eine Herberge und dafür sorgt, dass er sich vollständig auskurieren kann.

Das Gleichnis macht mir verschiedene Dinge deutlich:

Mein Nächster ist nicht nur derjenige, den ich sowieso schon mag: meine Schwester, mein Onkel oder mein Freund. Sondern derjenige, den Gott mir in den Weg stellt – ob diese Person nun schwarz oder weiß, reich oder arm ist, ein Handicap hat oder nicht. Ich persönlich bin aufgerufen, die Liebe Jesu ganz praktisch an meinen Nächsten weiterzugeben. Dass er merkt: Ich gehöre dazu, wie jeder andere auch. Deshalb endet Jesus das Gespräch mit dem Pharisäer mit den Worten: Geh und handle ebenso (Lukas 10,27).

Und noch etwas macht mir das Gleichnis deutlich: Wir können oft von Menschen lernen, von denen wir es nicht erwarten. Jesus fordert den Pharisäer auf, sich ein Beispiel an dem Samariter zu nehmen. Das muss in dessen Ohren unglaublich geklungen haben – schließlich waren die Samariter seiner Meinung nach Menschen zweiter Klasse. Genauso fragt sich manch einer, was er von einem geistig Behinderten lernen kann. Dabei gibt es da einiges:

Zum Beispiel leben viele Menschen mit Behinderung ihren Glauben genau so, wie Jesus es sich wünscht: wie die Kinder (Matthäus 18,3). Sie sind verliebt in Jesus, glauben und lieben Gott bedingungslos. Sie schenken ihm ihr ganzes Vertrauen. Letztlich glauben sie auf eine Art und Weise, wie es mir oft unmöglich scheint. Mein Glaube ist viel zu verkopft. Außerdem strahlen Menschen mit Behinderung häufig eine unglaubliche Lebensfreude und Dankbarkeit aus. Manche von ihnen sind in bestimmten Lebensbereichen überdurchschnittlich begabt. Wer also meint, in Menschen mit geistiger Behinderung nur investieren zu müssen, ohne etwas zurück zu bekommen, der irrt gewaltig.

Integration durch persönlichen Einsatz statt großer Aktionen

Wie kann ich diese Nächstenliebe, die Jesus veranschaulicht, nun praktisch umsetzen? Ich denke, dass es keine großen Aktionen braucht, um Menschen mit Behinderung zu integrieren. Eine Gemeinde muss kein Sonderprogramm auf die Beine stellen. Die meisten Gemeinden hätten dafür auch gar nicht die Kapazitäten. Integration fängt bei mir ganz persönlich an. Denn die Aufforderung, so barmherzig wie der Samariter zu handeln, gilt nicht nur geschulten Diakonen oder den Seelsorgern der Gemeinde. Es gilt jedem Gemeindemitglied – allen voran mir persönlich. Das heißt nicht, dass ich zwanghaft den Kontakt zu einem Menschen mit Behinderung suchen muss, wenn ich niemanden kenne. Aber wenn jemand beispielsweise neu in meine Gemeinde kommt und so zu meinem Nächsten wird, kann ich diese Chance nutzen.

Ich baue Berührungsängste schließlich nur ab, wenn ich Berührung habe und das Fremde langsam zum Vertrauten wird. Von daher liegt es an mir, meine Hemmschwelle zu überwinden, mein Gegenüber offen und freundlich anzusprechen, auf einen Tee mit Freunden einzuladen oder den Eltern von Kindern mit Behinderung praktisch unter die Arme zu greifen.

Dieses Aufeinanderzugehen muss aber nicht einseitig sein. Auch alle Menschen mit Behinderung und deren Angehörige oder Freunde sind gefragt, aktiv den Kontakt und die Integration zu suchen, das Thema anzusprechen und sich durch Rückschläge nicht entmutigen zu lassen.
So mit Behinderten umzugehen, steht im Übrigen unter einer besonderen Verheißung. Wer sich für seinen Nächsten einsetzt, dem verspricht Jesus:

„Wer einen Propheten aufnimmt, weil er ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten. Wer einen Gerechten aufnimmt, weil er ein Gerechter ist, wird den Lohn eines Gerechten erhalten. Und wer einem von diesen gering Geachteten auch nur einen Becher kaltes Wasser zu trinken gibt, einfach weil er mein Jünger ist, der wird – das versichere ich euch – nicht ohne Lohn bleiben.“ Matthäus 10,40-42

Grund genug, seine Vorbehalte einmal hinten anzustellen.


Welche Erfahrungen haben Sie gemacht: Wie sind Menschen mit Behinderung in Gemeinden und Kirchen integriert? Welche Ideen haben Sie, um das Zusammenleben zwischen Menschen mit und ohne Behinderung natürlicher und freundlicher zu gestalten? Schreiben Sie einen Leserbrief und lassen Sie uns und unsere Leser daran teilhaben.


Weitere Beiträge zum Thema Christsein und Behinderung:

"Sie hat mir die Augen geöffnet": Ein Interview mit Fotografin Conny Wenk, deren Tochter das Down-Syndrom hat.

"Ein König der Lebensfreude": Eine Buchrezension des Autors Roland Walter. In seiner Autobiografie beschreibt er, wie er trotz spastischer Lähmung, Rollstuhl und Sprachstörung ein Leben voll Freude führt.


Kommentare

Von Andi Z. am .

Hallo Kim,
danke für diesen wunderbaren Beitrag!
Dieser unterstützt mich nie aufzugeben,
auch wenn der Weg mühsam ist.
Ich werde kämpfen auch als Epileptiker!
Tschau!
Andi

Von Andreas am .

Ich leide unter dem Apergersyndrom .Leider kam es immer wieder in Unterschiedlichen Gemeinden zu Missverständnissen . Es ist dann unglaublich schwer Dinge anzusprechen da ich selber gehemmt bin oder die Menschen nicht direkt reagieren oder anders als erwartet . Es ist unglaublich schwer für mich das Vertrauen der anderen zu gewinnen . Teilweise erlebe ich einige Menschen in den Gemeinden als überheblich . Dadurch hatte ich oft das Gefühl das mein Glaube in Frage gestellt wurde . Ebenso ist das aufeinander zugehen wiederum ein Trugschluss ....da ich eher ausgegrenzt wurde .

Von Sebastian G. am .

Ich selbst bin aufgrund körperlicher Beeinträchtigungen schwerbehindert. Mir tat es gut, diesen Artikel zu lesen und er hat mich ermutigt. Auch wenn ich das große Glück habe, dass man mir meine körperlichen Handicaps nicht ansieht. Doch ich kenne das Gefühl, wenn man unbewusst ausgegrenzt wird und man jeden Tag bis an seine Grenzen oder sogar darüber hinaus geht. Eine lange Zeit konnte ich mich deswegen nicht annehmen. Erst heute gelingt es mir ein enormes Stück weit. Ich möchte Mut machen, mehr

Von Bianka B. am .

Hallo Leser,
ich bin selbst von Geburt an blind und habe sehr unterschiedliche Erfahrungen in Gemeinden gemacht. Das, was mir auffällt, ist, dass es vielen Christen in meinem Umfeld schwer zu fallen scheint, mich als "Mensch" zu sehen. Die Behinderung wird auf einmal ganz gross und überschattet alles. manchmal komme ich mir auch als ein Objekt für gute Taten vor, ich kann mir nicht vorstellen, dass Jesus dies mit Nächstenliebe gemeint hat.
Die Predigt von Shane Farmer hier in der Mediathek mehr

Von Christa P. am .

Ich habe einen Autisten der schlecht sich kommunizieren kann.Leider habe auch ich schlechte Erfahrung machen müßen,viele schöne Worte doch leider in Taten nicht erlebt . Mein Sohn erlebte Ablehnung,als Familie sind wir nicht mehr in einer Gemeinde .Ich als Mutter finde es nicht schön ,wie Christen mit meinem Sohn umgehen wie Bsp. heute waren wir auf einem Pumptruck-Einweihung von Christen . Wir sind bekannt in diesem Dorf ,jedoch kam niemand und mehr

Von Ramona am .

Seit einer Erkrankung in Kindertagen, habe ich Sprachstörungen.Es dauert bis ich manches wirklich Verstehe. Ich musste erfahren, wie viele mich deswegen Ablehnten. Ein Pfarrer zeigte mir im Gespräch wie viele große Menschen der Bibel das gleiche Problem hatten. Ich durfte in der Gemeinde dann erleben, wie viele mich so Annahmen wie ich bin. Noch eins ist mir wichtig, geworden. In seiner Bergpredigt, beginnt Jesus mit folgenden Worten. "Selig sind, die geistig arm sind, das Himmelreich ist ihr." Die Geistig armen sind ihm besonders wichtig

Von Reinhard L. am .

Lieber Kollege,
lieber "zwangspensionierter Pfarrer",
Ihr Erlebnis ist mir -Gott sei DANK! - erspart geblieben. Ich konnte mit viel Rücksichtnahme durch die Landeskirche - konkreter und persönlicher: Mitarbeiter im LKA wie im Bereich des Kirchenbezirks - rechnen.
Seelsorgerlichen Beistand können Sie vielleicht durch den "Konvent behinderter SeelsorgerInnen..." erfahren. Bitte schauen Sie zur Kontaktaufnahme entsprechend im Internet nach.
Was mich mehr beunruhigt: Überlegungen geistlicher mehr

Von Marion B am .

Ich bin von Geburt an körperbehindert. Seit 4 Jahren lebe ich mit Menschen zusammen, die ihre Behinderung mitten im Leben bekommen haben. Ich kann mich in diese Menschen auch nicht reinversetzen. Ich habe auch Angst auf die Reaktion. Das ist das Unbekannte.

Von Zwangspensionierter Pfarrer der Landeskirche am .

Liebe Lesergemeinde, liebe Redaktion des ERF,
ein besonders trauriges Kapitel ist es wie die Amtskirche (in meinem Fall ein Werk innerhalb einer Evangelisch Lutherischen Landeskirche) mit behinderten Mitarbeitern, insbesondere Pastoren umgeht. Ich erkrankte vor einigen Jahren schwer und und erlangte deshalb in Folge eine Schwerbehinderung, die mein ewiger Begleiter sein wird. Nun habe ich mich wegen Gesundung zum Dienst zurückgemeldet und man hat mir zurückgeschrieben man wolle mich nicht mehr mehr

Von Dorothea I. am .

Schöner Artikel ! Er fasst unsere Erfahrungen gut zusammen,ebenso einige Kommentare.Selbst ein behindertes Ehepaar,erwischen auch wir uns mitunter dabei,dass wir anders lebenden Menschen mit Ablehnung begegnen,hinter der sich meistens nur Unsicherheit versteckt.Unsere Gemeinde ist gehört zu den Evangelischen Freikirchen.Wir sind dankbar,dass wir hier den Umständen entsprechend einigermassen gut integriert sind. Es ist schon allein darum etwas schwierig,weil wir soweit weg wohnnen,dass wir nur mehr

Von Harry- am .

Tja das ist ein heikles Thema. Wo sind wohl die ausgegrenzten? Obdachlose,Prostituierten,Harz4er, Vorbestraften,und natürlich auch Körperliche und Geistig Behinderten usw.Bei uns in den Gemeinden treffe ich solche Menschen kaum. Wir lassen uns halt nicht gerne im frommen Alltag stören.Fangen wir doch einfach mal mit einen Besuch
in einem Döner Imbiss an.Schliesslich ist die Welt bei uns zu Hause.

Von Margit am .

Immer wieder habe ich bei Evangelisationen erlebt, wie Menschen mit Behinderung ganz vertrauensvoll nach vorne kommen, Gebet wünschen und ohne Zweifel Jesus annehmen. Ich freue mich riesig wenn ich einen Menschen mit Behinderung begleiten und für ihn beten kann. Gott hat mir denke ich, ein Herz für diese Menschen geschenkt und dafür danke ich IHM. Ein großer Vorteil von Menschen mit geistiger Behinderung ist, dass Sie ohne Stolz leben und kindliches Vertrauen haben - aber sie sind dadurch auch verletzlich und brauchen unseren besonderen Schutz.

Von Renate am .

Seit 10 Jahren leite ich Treffen für Menschen mit Behindungerung in unserer Kirchengemeinde. Gerade heute war dieses Treffen und es ist eine große Freude zu sehen, wie sie Gottes Wort in ihr Herz aufnehmen und mit einer großen Freude zu diesen Treffen kommen. Im sonntäglichen Gottesdienst gehören die Menschen mit Behinderung dazu, sie sind inkludiert. In Kürze veranstalten wir einen Gottesdienst "Inklusive", wo alle dazu gehören. Es ist für mich ein großer Segen in dieser wunderbaren Arbeit zu mehr

Von ERF - Fan am .

Liebe Maite: Nein, das Thema sollte man nicht "ausweiten".

Von maite am .

ein notwendiger beitrag. und sehr gut recherchiert und geschrieben - vielen dank! mir fällt auf, dass man dieses thema auch ausweiten kann - auf alle menschen in den gemeinden, die verletzt oder traumatisiert sind, überschüchtern, probleme haben, sich zu integrieren oder sich einfach "normal" zu verhalten, anderen keinen anstoß zu geben. die durch ihr verhalten andere verunsichern, abstoßen oder ablehnend stimmen. dies ist eine echte herausforderung für alle diejenigen, für die es kein problem mehr

Von Roesger am .

Christsein, sich Christ nennen, auf das Christentum Bezug nehmen. Welch eine begriffliche Ansammlung die man in Ruhe überdenken muss. Ich gebe Ihnen völlig recht, Ängste waren auch bei mir vorhanden. Ich habe bewusst trainiert, nicht weggeschaut und gehe mittlerweile offensiv auf benachteiligte Menschen zu. Auch heute noch ist es nicht ausgeschlossen von dem Betroffenen eine aggressive Antwort zu erhalten. Das sollte man nicht überbewerten-weiss ich denn was er an Erfahrungen leider sammeln mehr

Von Veronika M. am .

Danke für dieses Thema. Ich finde es besonders wichtig. Unser Sohn lebt mit einer geistiger Behinderung. Ich kenne durch ihn auf ganz natürlichem Weg Menschen mit Behinderung.zusammen komme. Ganz früh in meinem "Glaubensleben" bin ich auf einer Veranstaltung mit Joni Eareckson Tada gewesen und gestaunt, wie Menschen, die oft so entstellt waren, wussten, dass Gott sie wunderbar erschaffen hat. Das hat mir als junge Mutter sehr geholfen, meinen Sohn mit seiner Behinderung zu lieben, auch weil mehr


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