TV - Interview

"Es gab keine Liebe."

Pete Scazzero lernt auf die harte Tour, dass Erfolg in Gottes Augen nicht alles ist. Was stattdessen zählt, erklärt er ERF 1 während des Willow Creek-Kongresses

„Manchmal geht es schlimm zu bei uns. Das ist einfach das Wesen der Gemeinde.“ Pete Scazzero will sich mit dieser Aussage nicht aus der Affäre ziehen oder seine Kirche entschuldigen. Der Pastor der New Life Fellowship ist vielmehr davon überzeugt, dass jede Gemeinde voller Menschen mit Wunden ist, die zwei Dinge brauchen: Liebe und Authentizität.

König David versus am Erfolg orientiertes Christentum

Die Geschichte hinter dieser Erkenntnis beginnt 1996. Damals droht Scazzeros Frau ihm, seine Gemeinde zu verlassen. Sie wirft ihrem Mann vor, aus Angst vor einem Imageverlust bei den Mitgliedern Scheinheiligkeit zu tolerieren und sie nicht auf Unterschiede zwischen ihren Worten und ihren Taten anzusprechen. Rückblickend bewertet Scazzero die radikale Androhung seiner Frau Geri so: „Ihr wurde klar, dass es keine Integrität gab. Uns ging es nur um die Gaben, die Kraft, die Salbung und das Wachstum in der Gemeinde. Aber es gab keine Liebe.“

Der Ehemann und vierfache Vater merkt, dass Gott durch Geris Worte zu ihm spricht und beginnt sich zu verändern. Eine Geschichte aus dem Leben von König David aus dem Alten Testament hilft ihm dabei: David lässt die traurige Episode über seinen Ehebruch mit Batseba und den Mord an ihrem Mann nicht aus den Geschichtsbüchern auslöschen. Im Gegenteil: Der König schreibt einen Bußpsalm, den die ganze Gemeinde singen kann. Diese Geschichte macht Scazerro deutlich: „Ich lebe das amerikanische Christentum: Erfolg, größer, besser, Show. Das hat aber nichts mit der Bibel zu tun. Dort wird aus Schwachheit und Zerbrochenheit geleitet. Wir haben alle Bruchstellen. Ich bin nur durch Gottes Gnade hier.“ Der Pastor erlebt einen Paradigmenwechsel: Ganz wie Paulus will er sich zukünftig nicht mehr seines Erfolges rühmen sondern seiner Schwachheit.

Emotional gesunde Kirchen erreichen Außenstehende

Aus dieser „Offenbarung“ – so nennt Scazerro seine neue Erkenntnis - lernt der Pastor viel über Jüngerschaft, das er auch mit seiner Gemeinde zu teilen beginnt: „Bei uns gehört zur Jüngerschaft neben dem Bibelstudium, den geistlichen Gaben und allen anderen kirchlichen Dingen auch dazu, Fertigkeiten der emotionalen Gesundheit einzuüben.“ So lernen die Gemeindeglieder zum Beispiel neben dem Umgang mit Wut und ihren Gefühlen, wie sie sich auf gesunde Art und Weise behaupten oder ihre Kritik konstruktiv äußern können.

Scazerro ist sich bewusst, dass das harte Arbeit ist. Trotzdem ist sie wichtig, denn: „Die Liebe zu Gott und anderen Menschen gehören zusammen. Die Qualität meiner Beziehung zu Gott lässt sich daran messen, ob ich andere Menschen liebe.“ Außerdem sei eine emotional gesunde Kirche die Vorrausetzung dafür, dass Außenstehende erreicht werden können. Noch einmal nennt der amerikanische Autor David als Vorbild: „Viele von uns sind emotional tot, verdrängen alles oder sind von Gott getrennt. Gott möchte, dass wir lebendig werden, so wie David in den Psalmen. […] Uns geht es darum, die beiden Pole emotionale und geistliche Gesundheit zusammenzubringen.“ 

„Fokus“ war das diesjährige Thema des Leitungskongresses von Willow Creek Ende Januar 2012. Über 7.000 Teilnehmer aus Deutschland, der Schweiz und Österreich haben die Konferenz in Stuttgart besucht. Die meisten Referenten haben ERF Medien abseits ihrer Vorträge in Interviews zur ihren Spezialgebieten Rede und Antwort  gestanden. Das nächste Interview mit Christine Caine, Mitglied im Leitungsteam von Hillsong Sydney / Australien und Gründerin der Menschenrechtsorganisation The A21 Campain, sehen Sie am 27.Februar auf ERF 1.

Das gesamte Interview mit Pete Scazzero in der Mediathek von ERF 1 anschauen

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Kommentare

Von Dorena am .

Kann mich Micha nur anschliessen.Es wird oft geklagt,dass immer die gleichen Leute alles machen,aber wenn um der Gemeinschaft willen gefragt wird,wer kann was tun,hat plötzlich keiner Zeit......und das schlimme ist,die Gründe sind auch noch einleuchtend.Wir wohnen 2Stunden weg von der Gemeinde,da können wir auch "nur" zum Gottesdienst erscheinen.Sind sehr dankbar,dass eine Missionarin bei uns Minihauskreis macht mit Gebet und Bibellese.Dies Jahr ist wieder Wochenendfreizeit,darauf freuen wir uns schon,da hören wir mal mehr als sonst über Gottes Wort und was es mit uns zu tun hat.Gruss Dorena

Von Micha am .

Der Artikel ist gut. Es gibt immer noch viele Christen, die sich hinter Gebote/Verbote verstecken und mit diesen beiden Worten ihr Christsein "meistern". Dabei bleibt das Wesentliche auf der Strecke. Gott will authentische, gelebte Beziehung zu IHM und dem Mitmenschen. Dazu felht oft - wie schon beschrieben - die ausgesprochene Wahrheit. Es wird geheuchelt, daß sich die Balken biegen. Gott wird damit im Handeln behindert. Er greift nur dort ein, wo ehrlich die Tatsachen auf den Tisch gepackt und auch angegangen werden.

Von Christel J. am .

Hallo,
danke für die INFO zu dem neuen Buch von P. Scazzero. Habe auch das Buch "Das Paulus-Prinzip" von ihm. Klasse. Es ist erstaunlich, wie er sich von Gott hat umgestalten lassen, um so seiner Gemeinde besser dienen zu können.
LG
Christel


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