Erlebnisbericht einer Missionsreise

Auf Tuchfühlung mit Südamerika

Missionare leben oft da, wo andere Ferien machen. Warum also den Urlaub nicht mit einer Reise verbinden, auf der man ihre Arbeit kennenlernt?

Ténes que sentirlo!“1 – mit diesem Slogan bewirbt das paraguayische Ministerium für Tourismus SENATUR sein Land. Paraguay mit allen Sinnen und seinen unterschiedlichen Facetten kennenzulernen, ist auch der Wunsch von ERF Redakteurin Hanna Willhelm und ihrem Mann. Aus diesem Grund reist das Ehepaar im Oktober 2011 privat mit einer Gruppe der Deutschen Indianerpioniermission (DIPM) in das südamerikanische Land. Auf dem Programm stehen nicht nur Touristenattraktionen, sondern Begegnungen mit der indigenen Bevölkerung und ein Einblick in die Missionsarbeit. Frau Willhelm hat ihre Eindrücke für ERF.de im Tagebuchstil zusammengefasst.

Sonntag, 16. Oktober: Ankunft am Flughafen Silvio Pettirossi  in Asuncion. Wir laufen nicht wie befürchtet in eine Hitzewand. Stattdessen wartet eine andere Überraschung auf uns. Andreas, der organisatorische Leiter der Reise und seit acht Jahren als Missionar im Land, begrüßt uns im breitesten Schwäbisch und äußert die Hoffnung, dass wir flexibel sind. Er hat kurzfristig das Hotel storniert und beschlossen, uns für die ersten Nächte in der Missionszentrale unterzubringen. Das sei familiärer und – das Schwabenherz schlägt höher – günstiger. Ich stöhne innerlich. Erstens bin ich kein flexibler Typ und zweitens hätte ich die Privatsphäre eines Hotelzimmers bevorzugt. Ob das mit der Flexibilität so weitergeht?

Montag 17. Oktober: Frühstück im Innenhof der Missionszentrale. Mit frisch gepresstem Orangensaft, Ananas, Papaya und leckeren Brötchen. Ich bin beeindruckt und mit der Flexibilität unseres Leiters versöhnt. Nach der Andacht geht es mit zwei VW-Bussen ins Stadtzentrum. Der Bummel über den Frischfleisch- und Fischmarkt ist für manche der erste Test für Sinne und Nerven, gibt aber auch einen Einblick in den Alltag der Paraguayer. Mittags essen wir landestypisch, d.h. mit viel Fleisch, Cola, Fanta, Sprite & Co. Die Klimaanlage kühlt das Restaurant auf gefühlte Gefrierschranktemperatur herunter. Später geht es wieder raus in die Hitze. Wenn das mal keine Erkältung gibt…

Nach dem Essen führt uns Michael, der geistliche Leiter der Reise und langjähriger Missionar, zwischen der Casa de la Independencia2 und dem Präsidentenpalast in die paraguayische Geschichte ein. Das Land war ursprünglich eines der fortschrittlichsten Lateinamerikas. Kriege haben es in den wirtschaftlichen Abgrund gerissen und spürbare Folgen für die Gesellschaft hinterlassen. Michael erzählt, dass es bis heute für  viele Paraguayerinnen wichtiger ist, ein Kind zu bekommen, als in einer dauerhaften Beziehung zu leben. Eine Folge des Männermangels nach den Kriegen. Wir fragen, ob es in den christlichen Gemeinden diesbezüglich besser aussieht. Es würde sich schon langsam etwas ändern, meint er. Aber prinzipiell finde sich dieses Denkmuster auch dort. Und dann berichtet er, was eine junge, ledige Christin erlebt hat: Drei junge Männer haben sie auf einer Gemeindeveranstaltung freundlich und wohlwollend angesprochen und die Bereitschaft signalisiert ihr zu helfen, wenn sie ein Kind wolle. Mir bleibt die Spucke weg. Wie können ethische Werte in einer Gemeinde nur so offensichtlich verdreht sein? Andererseits: Wo haben wir als Christen in Westeuropa unsere blinden Flecken und merken es noch nicht einmal?

Dienstag 18. Oktober: Die Klimaanlage hat ganze Arbeit geleistet, mein Mann hat tatsächlich eine Erkältung. Er beschließt, den Tag ruhig angehen zu lassen und ich fahre alleine mit der Gruppe los. Auf dem Programm stehen typische Touristenziele: Luque, ein Vorort Asuncions mit vielen Silberschmieden, die Töpferstadt Aregua und eine Fahrt um den Ypacaraí-See. Ich genieße das warme Wetter, das satte Grün und den intensiven Rotton der Erde.

Auf der Rückfahrt kommen wir in eine Straßenkontrolle. Angeblich ist einer der Busse zu schnell gefahren – nachweisen lässt sich das auf die Schnelle nicht. 500.000 Guaranies sind fällig.2 Der Reiseleiter ist frustriert. Aber es ist nichts zu machen. Andreas zahlt und wir fahren weiter. Ich staune, wie schnell er wieder gut gelaunt ist. In dieser Beziehung passt er mit seiner Art gut zur typisch paraguayischen Lebensfreude

Bild: privat

Bild: privat

Auf dem Paraguayfluss (oben).
Michael und zwei der Indianerfrauen, die eine weiterführende Schule besuchen (unten).

Mittwoch 19. Oktober: Bevor wir heute ins Landesinnere weiterfahren, steht eine Bootsfahrt auf dem Rio Paraguay an. Mit uns reisen Hühner, Futtermittel, Gasflaschen, Motorräder und Einheimische. Langsam tuckern wir vor uns hin. Nachdem wir die Skyline der Hauptstadt hinter uns gelassen haben, sehen wir nur selten ein Haus am Ufer. Dafür Palmen, Buschland und immer wieder schwimmende Grasinseln auf dem träge und breit dahinfließenden Fluss. Zum ersten Mal fühle ich mich auf dieser Reise total entspannt.

Michael kann es nicht lassen und hält eine spanische Kurzpredigt über Gottes Liebe und darüber, wie er unsere Schuld vergeben und unsere Verletzungen heilen will. Die wenigsten der Anwesenden wirken peinlich berührt – mit Ausnahme unserer Gruppe und vielleicht einer jungen Lateinparaguayerin. Es ist hier offensichtlich leichter als in Deutschland, über den Glauben ins Gespräch zu kommen. Dann tut der Missionar etwas, was wir in den nächsten Tagen noch öfter erleben: Er zieht seine mitgebrachte Gitarre aus der Schutzhülle – einem groben Futtersack aus Leinen – und singt ein paar Lieder. Natürlich müssen wir auch auf Deutsch etwas vorsingen. Psalm 117 wird zum offiziellen Reisekanon. Passt ja auch irgendwie: Lobet und preiset ihr Völker den Herrn…

Ich bewundere den Pioniermissionar und sein Vertrauen in Gott. Michael lehrt mich ganz neu, für Dinge konkret und anhaltend zu beten. Wie oft höre ich in den nächsten Tagen den Satz von ihm: „… und dann haben wir halt gebetet. Und Gott hat eingegriffen.“ Seine Erfahrungen sind auch für die jüngeren Missionare eine große Hilfe: Wenn sie den Eindruck haben, dass sich überhaupt nichts verändert, zeigt er ihnen, wo sich Dinge in den letzten dreißig Jahren verbessert haben. Missionsarbeit braucht einen langen Atem.

Donnerstag 20. Oktober: Wir haben die erste Nacht in einem paraguayischen Hotel überlebt! Für das kleine Hafenstädtchen Rosario war die Unterkunft echt akzeptabel. Der Innenhof mit seinem Ziehbrunnen hatte etwas von einer mexikanischen Hacienda. Schön romantisch, so gefällt mir das! Danach gehen wir zu Fuß durch die Ortschaft und besuchen ein Internat, das von der DIPM unterstützt wird. Ein älteres, lateinparaguayisches Ehepaar betreut dort sieben Jugendliche indigener Herkunft. Das Internat bietet ihnen die Chance eine weiterführende Schule zu besuchen, um später vielleicht Medizin oder Lehramt zu studieren. Ihre Heimatorte liegen zu weit ab vom Schuss für eine weitere Schulbildung.

Ich staune, mit welcher Selbstverständlichkeit und welchem Selbstbewusstsein die jungen Frauen mit uns sprechen. Von einem früheren Aufenthalt in Paraguay kenne ich Indianer als eher zurückhaltende Menschen. Unwillkürlich frage ich mich aber auch, ob diese Frauen und Männer je wieder ganz in ihre Dorfgemeinschaft hineinfinden werden. Werden sie durch ihre Bildung und ihren veränderten Lebensstil nicht automatisch zu Außenstehenden? Die Mädchen erzählen zum Beispiel, dass sie im Internat aus eigenem Antrieb angefangen haben, auf ihre Körperpflege zu achten. Tendenziell vernachlässigen Indianerfrauen Hygiene, um für böse Geister nicht begehrenswert zu sein oder aus Neid verflucht zu werden.

Wir fragen die Mädchen, ob sie den Soziologen und Ethnologen zustimmen, dass es für die indigenen Völker besser wäre, ihrem ursprünglichen Lebensstil treu zu bleiben. Eine der älteren verneint die Frage. Das sei überhaupt nicht mehr möglich. Zum einen gebe es dafür nicht mehr genug Land zum Jagen und Fischen. Die verschiedenen Stämme müssten sich anpassen, wenn sie überleben wollten. Zum anderen wollen sie ja auch an den zahlreichen Errungenschaften der restlichen Gesellschaft teilhaben. Im Stillen ergänze ich, dass das Nomadenleben der indigenen Bevölkerung nicht so romantisch und naturverbunden ist, wie wir es uns oft vorstellen. Stattdessen ist es wohl schon immer ein Leben am Existenzminimum gewesen, geprägt von Angst vor bösen Geistern, kriegerischen Auseinandersetzungen und Missbrauch unterschiedlichster Art.

Freitag, 21. Oktober: Nicht der Weltraum und seine unendlichen Weiten umgeben uns, sondern Soja- und Maisfelder so weit das Auge reicht. Nachmittags verlassen wir jegliche Zivilisation mit ihren asphaltierten Wegen und fahren auf Erdstraßen weiter. Die VW-Busse machen einiges mit. Wir Insassen bekommen auch ein gerütteltes und geschütteltes Maß an Offroad-Erfahrung ab. Kurz vor unserem nächsten Ziel, einem Naturreservat, geht es nicht mehr weiter. Eine Brücke ist eingestürzt. Also umkehren und eine andere Route suchen.

Durch den Umweg kommen wir an einer ehemaligen Missionsstation vorbei. Die DIPM hat dort 1972 Land gekauft, das an eine Indianerkolonie angrenzt. In der Kolonie sind nach und nach eine Schule, eine Kirche und ein Krankenhaus errichtet worden. Auf dem Missionsgelände selbst ist die erste Bibelschule für Guarani-sprechende Indianer in Paraguay gebaut worden. Deren Unterkünfte sind noch gut in Schuss – trotzdem muss die Station verkauft werden. Die verantwortlichen Leiter der Indianerkirche drängen darauf, an einem anderen Ort noch einmal neu zu beginnen, da die Gemeinde von Gruppen bedroht wird, denen Mission ein Dorn im Auge ist. Die gute Nachricht bei all diesen Schwierigkeiten ist, dass die Bibelschule zurzeit an einem zentral gelegeneren Ort Paraguays wieder aufgebaut werden kann.

Auch sonst erzählt uns Andreas heute einiges von den Problemen der Missionsarbeit. Manchmal brechen Arbeitszweige zusammen oder es kommt nach jahrelanger erfolgreicher Arbeit zu Konflikten, die alles lähmen. Auch zwischen den Missionaren kriselt es immer wieder. Ein Satz, den Andreas sagt, bleibt mir hängen: „Alle wollen in einem Team arbeiten, aber keiner ist bereit, sich mit den Konsequenzen auseinanderzusetzen, die das mit sich bringt.“

Bild: privat

Bild: privat

Michael und Andreas (re.) mit dem Leiter des Indianerkirchenbundes (oben).
Für uns Deutsche wildromantisch - Unterkünfte auf der Missionsstation (unten).

Samstag, 22. Oktober: Die vielleicht ruhigste Nacht meines Lebens liegt hinter mir. Mitten im Urwald gibt es eben keinen Autolärm. Mein Mann ist wieder topfit, dafür trifft man mich jetzt nicht mehr ohne Taschentücher. Geteiltes Leid… Nach dem Frühstück erwarten uns wieder kilometerlang Erdstraßen auf dem Weg nach Curuguaty. Die Brücke ist repariert und so reicht die Zeit, um einen indigenen christlichen Leiter zu besuchen. Stolz führt er uns durch sein Haus, das aus mehreren Räumen besteht und sogar ein einfaches Gästezimmer hat. Neben dem Haus steht ein alter Schuppen, in dem er einen kleinen Lokalsender eingerichtet hat, um christliches Radioprogramm auszustrahlen. Ein Kollege sozusagen.

Aber die Visionen dieses Mannes, der ein schmuddeliges Hemd und eine Cordhosen trägt, die sogar noch die Schuhe bedeckt, reichen weiter: Er  will auf dem Gelände Christen verschiedener Kulturen vereinen und landwirtschaftliche Hilfsprojekte für Indianer starten. Ich bin skeptisch und frage Andreas, ob das nicht nur hochfahrende Pläne sind. Doch dieser traut dem kleingewachsenen Leiter des evangelischen Indianerkirchenbundes die Verwirklichung zu und weist mich auf die Vorarbeit hin, die bereits geleistet wurde: Im Hinterhof liegt Saatgut in Form von Mais, ein Haus für eine lateinparaguayische Familie wird gerade gebaut und eine einfache Unterkunft für eine deutsche Missionarin steht auch schon. Beschämt frage ich mich, warum ich den einheimischen Christen so wenig zutraue. Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit oder eine gewisse Kontinuität sind zwar nicht primär in der indianischen Kultur verwurzelt. Aber kann Gott Menschen nicht unabhängig von ihren kulturellen Voraussetzungen zu Großem gebrauchen, wenn sie sich ihm zur Verfügung stellen?

Sonntag, 23. Oktober: Nichts wie weg von diesem Hotel. Unser Zimmer hatte eine unverkennbare Chlornote, so dass wir zwischen Frischluft und Krach wählen mussten. Ein Hotel an einer Hauptverkehrsstraße mit Restaurants ist am Wochenende ein Garant für südamerikanische Partystimmung. Unsere deutschen Nerven sind dafür doch etwas zu zart besaitet. Mit dem Krach wird es die nächsten beiden Nächte bestimmt besser: Wir werden uns auf der Missionsstation Panambi einquartieren. Allerdings gibt es dafür Matratzenlager. Da kommt Freude auf, zumal mein Mann gestern etwas Verkehrtes gegessen und einen Magen-Darminfekt erwischt hat. Zwei Stunden Fahrt über eine Erdstraße sind in diesem Zustand auch kein Vergnügen…

Montag, 24. Oktober: Irgendwie sind wir gestern gut angekommen und die Unterkunft ist viel besser als erwartet. Die Holzhäuser sehen von außen ein bisschen primitiv aus, drinnen sind sie aber erstaunlich gemütlich. So müssen die Blockhütten der Siedler in Amerika gewesen sein. Ich fühle mich wohl an diesem Ort! Ich spüre und erlebe Gottes Nähe gerade besonders!

Beim Vorbereiten fürs Mittagessen komme ich mit dem jungen deutschen Ehepaar ins Gespräch, das seit einem Jahr auf der Station lebt. Einfach ist ihre Arbeit nicht. Die einheimische Gemeinde besteht nur aus wenigen Gottesdienstbesuchern, immer wieder werden Gegenstände geklaut und die nächst größere Ortschaft liegt eine Stunde Fahrt entfernt. Das einzige zuverlässige Kommunikationsmittel ist das Handy - einen stabilen Zugang zum Internet haben sie nur auf einem kleinen Hügel hinter der Station. Ich frage sie, warum sie das tun. Hat Gott ihnen eine besondere Liebe für die indigene Bevölkerung gegeben? Ihre Antwort überrascht mich, weil sie ohne großes Pathos auskommt: Sie wissen sich von Gott an diesen Platz gestellt und sehen es als ihre Aufgabe an, hier zu sein. Das würde ihnen auch die nötige Kraft geben durchzuhalten. Was für ein Kontrast zu unserer Wohlfühlkultur. Wäre ich bereit, eine solche Aufgabe zu übernehmen?

Dienstag, 25. Oktober: Vergangene Nacht hat es in Strömen geregnet. Nach der schwülen Hitze des Vortages eine Erleichterung. Die Weiterfahrt auf dem Erdweg gleicht unter diesen Bedingungen allerdings der Rutschpartie auf einer schneeglatten Straße. An einer abschüssigen Stelle haben die Fahrer Schwierigkeiten, die VWs sicher auf eine Brücke zu lenken. Nicht nur ein Stoßgebet geht in Richtung Himmel. Was ist wenn in einer solchen Situation ein Mensch schnell ins Krankenhaus muss? Wir selbst kommen wohlbehalten in Campo Nueve an. Die Autos sind allerdings von einer dicken roten Schlammschicht bedeckt. Im Städtchen besuchen wir die Mennoniten-Kolonie Sommerfeld und zwei ihrer Kooperativsbetriebe: Eine Milchfabrik und eine Mühle.

Morgen geht es weiter ins Dreiländereck Paraguay – Brasilien – Argentinien. Auf gut ausgebauten Asphaltstraßen! Itaipu und die Iguazu-Wasserfälle sind die touristischen Höhepunkte unserer Rundreise.

Bild: privat

Bild: privat

Das Ehepaar Willhelm vor der Ausreise nach Brasilien in der paraguayischen Grenzstadt Ciudad del Este (oben).
Mit einem Foto kaum einzufangen: Ein kleiner Teil der Iguazu-Wasserfälle (unten).

Mittwoch & Donnerstag, 26. + 27. Oktober: Zwei Tage Wasserfälle und acht Stempel mehr im Reisepass. Das hat sich gelohnt! Nicht nur wegen der ganzen Aus- und Einreiserei. Die Wassermassen, die auf brasilianischer und argentinischer Seite auf einer Länge von 2700m bis zu 75m über den Felsen in die Tiefe stürzen, sind beeindruckend. Mir gehen Bibelverse durch den Kopf, die Gottes Stimme und seine Kraft mit tosenden Wassern vergleichen. Warum traue ich diesem mächtigen Gott in meinem Leben oft nur so wenig zu?

Insgesamt haben wir hier eine schöne Zeit verbracht. Die kleine, brasilianische Jungendherberge ist tip-top. Ich vermute, dass die Besitzer Christen sind: Der Sohn des Besitzers hat während seines Dienstes an der Rezeption in der Bibel gelesen. Das findet man hier öfters. Manchmal denke ich, man kann die Erweckung, die in diesen Teilen Südamerikas in der Luft liegt, fast mit Händen greifen.

Freitag, 28. Oktober: Auf der Pan Americana geht es von Foz do Iguazu zurück nach Asuncion. Unser letzter gemeinsamer Tag als Gruppe. Unterwegs ist ein Zwischenstopp bei einem deutschen Ehepaar geplant. Grete und Karl sind pensionierte Missionare und haben sich nicht nur wegen der Höhe ihrer Rente entschlossen, lieber in Paraguay zu bleiben. Sie haben während ihrer Dienstzeit zwei Indianerkinder adoptiert und möchten die beiden jungen Männer jetzt nicht alleine lassen. Anfangs bin ich nicht begeistert über diesen Abstecher bei „Karl am See“, wie ihn die anderen Missionare liebevoll nennen. Ich will zurück „nach Hause“, zur Missionszentrale.

Doch jetzt denke ich, dass der Besuch bei den beiden Rentnern der eigentliche Höhepunkt unserer Reise gewesen ist. Während wir unter dem ausladenden Schattendach deutsche Torte und Kaffee genießen (bei der Hitze eigentlich ein Unding), erzählen sie aus ihrem Leben unter den Indianerstämmen Paraguays. Sie berichten über ihre erste Schritte in dieser völlig fremden Kultur, ihre Begegnungen mit dem Okkulten, über Erfolge und Niederlagen: So hat Grete in einer stürmischen Nacht einmal buchstäblich Indianerinnen, die mit dem Boot über den See gekommen waren, um medizinische Hilfe zu holen, sicher ans andere Ufer zurückgebetet. Ein anderes Mal haben sie einen bewaffneten Überfall von einem jungen Mann erlebt, dessen Familie sie geholfen und vertraut hatten. Bei allem haben sie immer wieder gemerkt: Gott stellt sich zu uns und offenbart sich unter diesen Menschen, die ihn noch nicht kennen, auch auf übernatürliche Weise. Wieder frage ich mich, warum mein Vertrauen zu Gott so klein ist. Und warum es mir so schwer fällt, an die Wirklichkeit dämonischer Kräfte zu glauben.

Als die Rede bei all dem auch auf die Zukunft der Missionsarbeit kommt, erlebe ich Andreas zum ersten Mal während der ganzen Reise niedergeschlagen. Seit Jahren herrsche Mitarbeitermangel, vakante Stellen können nicht besetzt werden. Außerdem müssen sich die Missionare mit der Frage auseinandersetzen, ob Pioniermission heute in Paraguay noch nötig ist. Karl und Grete beantworten diese Frage klar mit Ja. Ihrer Meinung nach brauchen die kleinen, indigenen Gemeinden nach wie vor Unterstützung und Hilfe. Und nach wie vor haben viele Sippen noch nichts oder nur bruchstückhaft vom Evangelium gehört. Für mich ist das auch eine Anfrage an uns Christen in Deutschland. Haben wir die Außenmission vergessen? Sehen wir ihre Notwendigkeit oder finden wir es seltsam, wenn jemand Jahre investiert, nur um in einer Kultur heimisch zu werden und den Menschen dort von Jesus zu erzählen? Begleiten wir solche Personen durch unsere Gebete und finanzielle Unterstützung? Mit reichlich Stoff zum Nachdenken aber auch unheimlich bereichert, kommen wir schließlich spätabends in Asuncion an.

Samstag, 29. Oktober: Morgen fliegt die Gruppe zurück nach Deutschland. Mein Mann und ich verlängern noch um ein paar Tage, um Freunde im paraguayischen Chaco zu besuchen. Wir sind froh, dass wir noch Zeit haben, die Eindrücke sacken zu lassen und in Ruhe zu verarbeiten. Diese Missionsreise war ein besonderes und intensives Erlebnis, das wir so schnell nicht vergessen werden. Wir haben das Leben der Einheimischen kennengelernt und für eine kurze Zeit miterlebt, was es bedeutet, Missionar in Paraguay zu sein. Darüber hinaus hat Gott auch uns durch die Reise verändert. Alles in allem empfinden wir eine große Dankbarkeit und staunen über das, was wir in diesen vierzehn Tagen erlebt haben - miteinander, mit der Gruppe und mit Gott.


Weitere Informationen zum Text:

Die Deutsche Indianer Pioniermission ist seit ihrer Gründung 1962 in Brasilien und Paraguay tätig. Das überkonfessionelle Werk unterstützt darüber hinaus auch Gemeinden bei Evangelisationen in Deutschland. Informationen zur DIPM, ihrer Arbeit mit den verschiedenen Indianerstämmen sowie ihren Freizeit- und Reiseangeboten erhalten Sie unter DIPM.de. Die Reisen finden Sie auch im Service-Bereich Reisen auf ERF.de. Grete und Karl Ortlieb haben darüber hinaus ein Buch über ihre Arbeit mit den Mbya Indianern in Paraguay veröffentlicht. Sie finden es im Verlag für Theologie und Religionswissenschaft VTR.

Paraguay teilt seine Grenzen mit Bolivien, Brasilien und Argentinien und ist eines von zwei Binnenländer Südamerikas. Hauptstadt ist Asuncion. Flächenmäßig ist Paraguay größer als Deutschland, die Bevölkerungsdichte ist mit insgesamt 6.800.000 Einwohnern jedoch wesentlich geringer. Schätzungsweise 85.000 Paraguayer sind indigener Abstammung. Das Klima ist tropisch bis subtropisch, die Landessprachen sind Spanisch und Guarani. Mehr über das Land und seine Geschichte erfahren Sie unter senatur.gov.py.

1 Frei übersetzt bedeutet der Satz „Du musst es fühlen / spüren!“
2 In diesem historischen Gebäude hat Paraguay 1811 auf  friedlichem Weg die Unabhängigkeit von Spanien erwirkt.
3 Rund 80€. Der gesetzlich vorgeschriebene Mindestlohn für einen Monat beträgt ca. 1.600.000 Guaranies. Das sind umgerechnet 260€.

 

 


Kommentare

Von Heidi Brandenberg am .

wunderschöner Artikel, echt. Wenn man länger im Ausland als Missionar arbeitet freut man sich immer sehr über Besuch! Ich arbeite beim Missionsverein Soforthilfe La Paz e.V. in den Anden auf fast 4000 m Höhe in der heimlichen Hauptstadt Boliviens. Wer die Soforthilfe in Bolivien besuchen will, melde sich einfach bei mir (soforthilfe-lapaz.org) Wir haben auch oft Freiwillige aus Deutschland, die uns in den 2 Kinderzentren, in der aufsuchenden Straßenarbeit oder dem Rehazentrum für Suchtkranke mehr

Von Martin S. am .

Gut beobachtet, so wie es ist Land und Leute gut beschrieben, und viele der Guarani sind noch unerreicht. War selber mit meiner Frau 27 Jahre in Paraguay unter den Guarani. Da kommt etwas Heimweh auf, wenn man den guten Bericht liest.

Von Martin O. am .

Gibt gutenm Einblick in die Arbeit der DIPM in Südamerika. Vielen Dank Frau Wilhelm für den Bericht!

Von francisco am .

Danke für den wirklich authentischen Reisebericht dem ich nach empfinden kann was Hanna so beeindruckte. Da ich in Asunción leider nur Wartezeiten am Flughafen kennenlernte konnte ich dieses schöne warme Land nicht kennenlernen, da ich damals vor 18 Jahren nach Chile reiste um anzutesten wie es dort wohl sei als Christ oder Missionar...später bin ich es dann auf eigene 'Faust in und um Santiago gewesen und habe am Gemeindeaufbau mitgeholfen, da in den 90er Jahren die freien Gemeinden wie Pilze mehr

Von Friedrich S. am .

Sehr ordentlicher,klarer Reisebericht,hat mir gefallen,da ich vor 25 Jahren ähnliches unternommen habe,konnte ich auch heute noch in allem zustimmen,allerdings hat mir der Chaco gefehlt.Dankeschön.

Von maite am .

toll geschrieben. ich hatte das gefühl, ich bin dabei. danke


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