Interview

„Das Potential ist fast unerschöpflich.“

20.000 Anrufe pro Monat: Das internationale Telefonangebot von ERF Medien brummt. Warum kein Ende in Sicht ist? Fragen an Theresa Riedl.

ERF Online: Frau Riedl, im September hat erstmals die Zahl der Anrufe auf das internationale Telefonangebot von ERF Medien die 20.000er-Marke überschritten. Nun bilden die Türken die größte Migrantengruppe in Deutschland. Wird die türkische Sprache auch am meisten in Anspruch genommen?

Theresa Riedl: Im September 2011 hatten wir etwa 700 Anrufe auf unser türkisches Angebot. Damit liegt die türkische Sprache auf Platz zwei. Mit über 7000 Anrufen werden aber am häufigsten die russischen Botschaften in Anspruch genommen.

ERF Online: Warum ist gerade Russisch so stark vertreten?

Theresa Riedl: Weil sie offensichtlich unsere russische Sendereihe "Durch die Bibel" gerne anhören. Das sind tägliche, 30-minütige Sendungen, die in fünf Jahren durch die gesamte Bibel führen. Allein auf diese Sendereihe gab es im September 5000 Anrufe. Wahrscheinlich handelt es sich bei den Anrufern hauptsächlich um russische Aussiedler, die in Deutschland wohnen.

ERF Online: Mit ihrem Angebot machen Sie also christliche Radiosendungen in verschiedenen Sprachen per Telefon zugänglich. Wie genau funktioniert das?

Theresa Riedl: Das Ganze rankt sich um einen zentralen Server. Auf den legen wir alle Sendungen geordnet nach Sprachen ab. Zudem haben wir bestimmte Telefonnummern angemeldet, über die ich als Anrufer direkt auf diesen Server zugreife. Dann kann ich meine Optionen auswählen, also welche Sendung ich zum Beispiel hören will und höre das Programm an. Dieser Server bedient übrigens auch Anrufe aus Österreich, Holland und Kroatien.

ERF Online: Ein Anruf aus Kroatien auf einen deutschen Server - was kostet so ein Anruf?

Theresa Riedl: Von unserer Seite her ist das Angebot kostenlos. Der Anrufer bezahlt also nur das, was er bei seinem Telefonanbieter zahlen muss, wenn er einen lokalen Anruf tätigt. Da heute viele Menschen eine Telefonflatrate haben, ist es für viele Leute mit keinen weiteren Kosten verbunden. Es gibt keine Servicegebühr oder ähnliches, die serverseitigen Kosten trägt der ERF.

ERF Online: Welche Inhalte bieten Sie denn an und wo kommen die her?

Theresa Riedl: Das ist je nach Sprache unterschiedlich. Wir bieten zum einen Radiosendungen von unseren Partnern von Trans World Radio (TWR) an. Oder es sind Inhalte vom ERF selbst, beispielsweise der Spruch des Tages von ERF Pop oder der Anstoß von Jürgen Werth. Diese Sendungen binden wir im deutschen Telefonangebot direkt ein. Für die fremdsprachigen Angebote haben wir für jede unserer 25 Sprachen ein Team von Ehrenamtlichen. Die übersetzen die Radiosendungen in ihre Sprache und kommen dann regelmäßig ins Haus, um sie einzusprechen.

ERF Online: ERF International trägt die Arbeit also nicht alleine?

Theresa Riedl: Nein, für jede unserer Sprache haben wir muttersprachliche Ehrenamtliche - die sich natürlich für ihre Sprache engagieren, weil ihnen ihre Landsleute am Herzen liegen. Wir können das auch gar nicht alleine machen. Wir brauchen Ehrenamtliche, denen es wichtig ist, ihre Sprachgruppe zu erreichen. Denen bieten wir die Plattform dafür an.

ERF Online: Gerade in Zeiten des Internets sind Zuschauer und Hörer immer weniger gewillt, sich vorschreiben zu lassen, was sie wann konsumieren. Sie hingegen bieten einfach ein paar Radiosendungen per Telefon an – und es scheint zu funktionieren. Ticken Migranten in Bezug auf Medien anders oder hinken sie der Zeit hinterher?

Theresa Riedl: Migranten leben nicht hinter dem Mond. Ihre technischen Möglichkeiten sind aber sehr verschieden. Eine gut gebildete Fachkraft hat vielleicht kein Interesse an unserem Angebot. Diese Person wird über das Internet passende Angebote finden. Wir hingegen zielen vor allem auf die Leute ab, die nicht die Möglichkeit haben, sich über das Internet zu informieren.

Das Radio-Missionswerk Trans World Radio (TWR) arbeitet weltweit mit lokalen Partnern zusammen. Kooperationspartner in Deutschland ist ERF Medien.

Das sind zum Beispiel Asylbewerber in Asylheimen und ältere Migranten, die nicht mit den modernen Medien vertraut sind. Oder Migranten, die sich einen Internetanschluss schlicht nicht leisten können. Es gibt also eine große Zielgruppe, die man auf den ersten Blick nicht vermutet. Aber die Zahlen geben uns Recht: Das Angebot wird genutzt und ist für viele Menschen attraktiv.

ERF Online: Die Radiobotschaften sollen auch einen Beitrag leisten, damit sich Migranten in Deutschland heimischer fühlen. Schließlich können Sie ganz einfach etwas in ihrer Muttersprache hören. Wird Ihr Telefonangebot diesem Anspruch gerecht?

Theresa Riedl: Teilweise. Natürlich können wir allein durch unsere Telefonandachten niemanden in Deutschland integrieren. Aber wir wollen Menschen die Möglichkeit geben, wenigstens ab und zu hier in Deutschland etwas in ihrer Muttersprache zu hören. Gerade auch in Bezug auf den Glauben der Leute. Wir bekommen immer wieder die Rückmeldung: "Dass ich hier in Deutschland die christliche Botschaft in meiner Muttersprache hören kann, das berührt mich ganz anders, als wenn ich das auf Deutsch höre!" Anrufer teilen uns manchmal mit, dass sie ohne unser Angebot gar nicht überleben könnten und sie immer gerne anrufen, wenn es ihnen schlecht geht.

ERF Online: Was bewirken die Botschaften im Leben der Anrufer längerfristig?

Theresa Riedl: Manche Anrufer melden sich regelmäßig. Beispielsweise eine spanische Dame, die immer aus Holland anruft. Sie fühlt sich in Holland sehr einsam und hat keine spanische Kirche in der Nähe. Sie hört sich immer unsere Andachten an und hinterlässt eine Nachricht mit der Bitte um Rückruf oder Briefkontakt. Unser spanischer Ehrenamtliche, ein Pastor, hat sich mit ihr in Verbindung gesetzt und mit ihr telefoniert. Sie hat uns zurückgemeldet, wie sehr sie sich über diesen Anruf gefreut hat und dass sie das in ihrer Einsamkeit sehr ermutigt hat. Da haben wir konkret mitbekommen, wie viel Trost unsere Andachten spenden.

Bild: ERF Medien

Theresa Riedl: zuständig für Projektkoordination bei ERF International

ERF Online: Wenn die Leute nicht übers Internet zu Ihrem Angebot finden, wie erfahren sie überhaupt etwas von den Telefonandachten?

Theresa Riedl: Am besten funktioniert das durch Mund zu Mund Propaganda von Anrufern, die von dem Angebot überzeugt sind und es ihren Freunden weiterempfehlen. Außerdem haben wir kleine Telefonkarten im Format von Visitenkarten, die man sich gut ins Portmonee oder in die Hosentasche stecken kann. Diese versuchen wir möglichst breit zu streuen. Und wir ermutigen Menschen, sie weiterzugehen. Zum Beispiel Mitarbeiter, die unter Migranten arbeiten, die der jeweiligen Zielgruppe von unserem Angebot erzählen. Jeder kann bei uns diese Kärtchen bestellen und an seinen Nachbarn weitergeben oder beim Friseur oder in der Pizzeria auslegen.

Außerdem haben wir auf ERF 1 ein internationales TV-Angebot, in dem wir in der jeweiligen Sprache die Telefonnummer einblenden. Das heißt: Selbst wenn jemand kein Internet hat, aber unser Fernsehangebot anschaut, kann er auf die Telefonandachten aufmerksam werden. Nicht zuletzt spielen auch die Ehrenamtlichen eine wichtige Rolle. Gerade unsere thailändischen Mitarbeiter sind da besonders aktiv und haben selbständig Werbung dafür entworfen.

ERF Online: Jetzt gibt es die Telefonbotschaften seit 2000. Wo wird das Angebot in 11 Jahren stehen?

Theresa Riedl: Unser Partner TWR sendet in über 225 Sprachen, wir bieten bisher 25 Sprachen an. Das Potential ist also fast unerschöpflich. Zunächst wollen wir aber für unser Angebot in Deutschland die Anzahl der Sprachen erweitern. Pro Sprache gibt es dann natürlich die Möglichkeit, das Angebot auszuweiten. Zudem gibt es verschiedene TWR Partner, die an der Idee der Telefonandachten Interesse haben. Mit ihnen stehen wir teilweise schon in der konkreten Planung.

Aber damit wir die Sprache ausweiten können, brauchen wir weitere Ehrenamtliche der jeweiligen Sprache. Denn es reicht nicht, einfach die Radiosendungen anzubieten. Es braucht die Leute, die sich um die Nacharbeit kümmern und teilweise die Andachten aufnehmen. Den jeweiligen Mitarbeitern muss es ein Anliegen sein, ihre Sprachgruppe zu erreichen. Die Anzahl der Sprachen geht also mit der Anzahl der Ehrenamtlichen Hand in Hand.

ERF Online: Herzlichen Dank!

 

Das Telefonangebot online bei ERF International

Videoclip zum internationalen Telefonangebot

ERF International

 


Kommentare

Von Thorsten in Afrika am .

Cool, dass es so ein spezielles Angebot für Internationale in D gibt. Als aktuell Internationaler in Afrika, würde ich das hier auch sehr schätzen:)


Ihr Kommentar

Die E-Mail wird nicht veröffentlicht.
Alle Kommentare werden redaktionell geprüft. Wir behalten uns das Kürzen von Kommentaren vor. Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.