Themenwoche Kinderwunsch und Schwangerschaft

Das Leben ist schön - auch ohne Kinder

Rolf und Gudrun sind ledig. Eigenen Nachwuchs haben sie nicht. Aber sie freuen sich über Nichten und Nachbarskinder und sind glücklich dabei.

Glücklich - mit Neffen und Nichten und auch ganz alleine (von Rolf*, ledig, 48 Jahre)

Zarte 25 Jahre war ich alt, als mir Karla und Uli ihren kleinen Sohn in die Arme legten. „Kannst du bitte mal kurz auf Jonas aufpassen? Wir wollen im Keller die Schubladen für eine Kommode zusammenleimen.“ Als Karla und Uli nach einer halben Stunde die Kellertreppe heraufstapften, waren Jonas und ich längst gute Freunde. Besonders gefiel es ihm, wenn ich ihn auf den Schoß nahm, „Hoppe hoppe Reiter“ sang und mit den Beinen die obligatorischen Bewegungen dazu machte. „Du würdest als Vater eine richtig gute Figur machen“, meinte Uli lachend. Wohl ahnend, dass seine Bemerkung mich peinlich berührte, aber auch ein bisschen Stolz auslöste. Jawohl, ich war stolz darauf, wie ich den kleinen munteren Zwerg (trotz fehlender „Bedienungsanleitung“) bei Laune gehalten hatte! Aber wer denkt als junger Mann schon ans Vaterwerden, wenn eine feste Beziehung zu einem holden weiblichen Wesen noch immer auf sich warten lässt?

„Hoppe hoppe Reiter“ will Jonas übrigens nicht mehr mit mir machen. Denn inzwischen ist er 23 und arbeitet bei der Polizei. Außer Übung bin ich trotzdem nicht gekommen, denn inzwischen habe ich zwei eigene Kinder auf den Knien sitzen. Okay, es sind „nur“ meine beiden Patenkinder, meine Nichte Friederike (6 Jahre) und mein Neffe Nils (3 Jahre), aber ich genieße das Zusammensein mit ihnen. Obwohl ich bei meinen Besuchen (absichtlich) nur hin und wieder ein Geschenk dabei habe, werde ich von ihnen jedes Mal empfangen, als sei ich persönlich das größte Geschenk für sie! Wenn sich dann in eine meiner Hände eine kleine und in die andere Hand eine etwas größere Patschhand schiebt und ich von den beiden lachend und schwatzend ins Kinderzimmer entführt werde, bin ich richtig glücklich.

Wen wundert es, dass meine Augenwinkel manchmal feucht werden, wenn es nach einem mehrtätigen Besuch Zeit wird zum Abschiednehmen. Gleichzeitig freue ich mich aber auch aufs Alleinsein. Bereits auf der Autofahrt nach Hause genieße ich es, zum ersten Mal seit Tagen ungestört Musik und ohne Unterbrechung die Nachrichten hören zu können. Ich bin es einfach nicht gewohnt, den ganzen Tag Kindergeschrei um mich herum zu haben. Mich ständig um jemand anderen kümmern zu müssen und meine eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen. Das kostet richtig viel Kraft. Respekt allen Eltern, die das können und können müssen! Trotzdem bekenne ich ganz offen: Das Leben ist schön – auch ohne Kinder!

Vielleicht werde ich glücklicher sein als Opa Krause

Noch gewisser bin ich, was meine Zukunft ohne Kinder betrifft. Auch wenn ich der Dame meines Herzens begegnen und ihre biologische Uhr es noch zulassen sollte – mit fast fünfzig Jahren zum ersten Mal Vater werden, das muss wirklich nicht sein! Dafür ist mein Nervenkostüm einfach nicht mehr elastisch genug.

Menschen ohne Kinder werden in vielen Kulturkreisen als bedauernswert angesehen, weil ungewiss ist, wer im Alter für sie sorgen wird. In unserem Land sorgen die Sozialsysteme (hoffentlich auch in Zukunft) dafür, dass im Alter niemand hungern und unter einer Brücke schlafen muss. Bleibt die Angst der Kinderlosen, im Alter ganz ohne Zuneigung und Fürsorge auskommen zu müssen. Aber ist die den alt gewordenen Vätern und Müttern sicher?
Vielleicht werde ich in 25 Jahren glücklicher sein als Opa Krause, dessen einziger Sohn berufsbedingt im Ausland lebt. Und glücklicher als Oma und Opa Schulz, deren Kinder es auf ihre Ersparnisse abgesehen haben. Aber es könnte auch ganz anders kommen. Vielleicht werde ich ja gemeinsam mit Opa Krause, den Schulzens und anderen netten Leuten meinen Lebensabend in einer Senioren-Wohngemeinschaft verbringen.

Damit das eines Tages gelingen kann, ist es wichtig, schon heute etwas dafür zu tun. Mit meinem Arbeitskollegen Sven (dem „Opa Krause“ von übermorgen) verbindet mich eine langjährige Freundschaft und dem Ehepaar Schulz versuche ich ein hilfsbereiter Nachbar zu sein. Denn Single sein heißt nicht, ganz allein das Leben zu meistern. Und schon gar nicht, nur sich selbst der Nächste zu sein.


Ledig – und außen vor? (von Gudrun Weber)

„Haallo, Frau Weeber!“ Das ist Carlo vom Balkon gegenüber. Vier Jahre alt, kontaktfreudig und fröhlich. Wenn er mich sieht, fängt er gerne ein Gespräch an.

Carlo wohnt noch nicht lange dort. Beim ersten „Haallo“ war ich überrascht. Staunte, dass ein Kind mich wahrnimmt. Mit mir reden will. Das bin ich nicht gewöhnt. Denn ich bin Single. Beruflich habe ich mit Kindern nicht viel zu tun.

Und doch mag ich sie, die kleinen „Zwerge“. Mag ihr unkompliziertes Verhalten. Ihr Vertrauen und ihr herzliches Lachen. Das entspannt. Holt mich heraus aus Kompliziertem und Verkrampftem. Immer mehr verstehe ich, warum Jesus uns die Kinder als Vorbild hingestellt hat: „Wer aber so klein und demütig sein kann wie ein Kind, der ist der Größte in Gottes Reich. Und wer solch ein Kind mir zuliebe aufnimmt, der nimmt mich auf.“

Oft ertappe ich mich bei dem Gedanken: Wie wäre es, wenn ich eigene Kinder hätte? Wie würde mein Leben wohl aussehen? Meine Kinder wären inzwischen erwachsen. Ständen in einer Berufsausbildung oder hätten sie bereits abgeschlossen. Auch Enkel könnten schon da sein. Alles wäre anders und auch ich wäre anders.

Gott hat das nicht für mich geplant. Der Grund dafür muss gut sein. Da er schon seine gesamte Schöpfung mit „sehr gut“ benotete, gilt das auch für mein Leben. „Sehr gut“ – so wie es wurde und so wie es ist. Wo liegt also das Problem?

Das liegt in meiner Sichtweise. Denn die stimmt nicht immer mit Gottes Sicht überein. Spätestens dann nicht, wenn ich suchend durch einen Baumarkt irre, weil eine Reparatur notwendig ist. Dann denke ich: Vieles ginge eben besser zu Zweit. Ganz abgesehen von beruflichen oder privaten Belastungen, die sich miteinander viel besser tragen lassen.

Bestnote für mein Leben

Doch ich muss zugeben: So wirklich alleine bin ich nicht. Ich habe Jesus. Mit ihm darf ich in einem „Wir“-Verhältnis leben, das viel enger ist als das in einer Ehe oder Familie. Und mindestens genauso liebevoll. Wenn ich diese Beziehung pflege, staune ich, was „wir“ zusammen erleben. Dass ich im Baumarkt das Richtige finde und unerfreuliche Reparaturen gelingen, ist dabei noch das Geringste.

Nein, ich bin nicht „außen vor“. Ich lebe mittendrin! Auch als Single. Mittendrin in einer persönlichen Beziehung und mittendrin in einer großen Familie. Bei Freunden, Verwandten, Bekannten. Wenn mich jemand ausgrenzt, dann bin ich das selber.

Gott weiß, was für mich das Beste ist. Welche Herausforderungen ich meistern kann und welche nicht. Denn auch das Leben in Ehe und Familie ist kein Spaziergang auf Wolken. Beide Lebensformen - Single und Familie – haben ihr Für und Wider. Gott hat mich richtig geführt. Darauf darf ich vertrauen. Und Ja sagen zu seiner Bestnote für mein Leben: „Sehr gut“.

Meine Liebe zu Kindern muss ich deswegen nicht auf Eis legen. Eigene sind zwar nicht da. Aber genügend andere! Kinder, die auf Hilfe und Zuwendung warten. In der Nähe oder in der Ferne. Demnächst werde ich eine Patenschaft übernehmen. Auf diese Weise kann ich miterleben, wie durch finanzielle Hilfe und Gebet „mein Kind“ an Perspektiven gewinnt. Gaben sich entfalten. Und Augen fröhlich schauen. So wie bei Carlo.


* Der Name des Autors ist der Redaktion bekannt.

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Kommentare

Von Tia am .

Vielen Dank fuer den schoenen Beitrag. Ich finde kaum solche offene Diskussion in meinem Land, weder in Gespraechen noch schriftlich. In meinem Land werden Kinderlose Frauen als "gewollte Kinderlos" verurteilt, und wie auch es schmerzlich ist, und ich mich dagegen gewehrt habe, habe ich mein Glaube an Jesus nicht verloren. Hinzu kommt noch, dass ich zu der christlichen Minderheit gehoere, die sehr gering Zugang zu Adoptionrecht habe aufgrund religious-demographischer Zusammensetzung. Ich habe mehr

Von Doris am .

In der Bibel steht "Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei" - das steht ganz am Anfang der Bibel und Gott unternimmt etwas dagegen. Wenn sich jemand zur Ehelosigkeit und Kinderlosigkeit berufen sieht ist das ok, aber wenn sich jemand immer wieder nach Kindern sehnt und ihm in Gemeinden gesagt wird, er / sie solle allein bleiben für den Herrn, halte ich das für grausam und gar unchristlich. Ich selber habe auch gar keine Nichten / Neffen und meine Schüler auf der Arbeit liebe ich, aber die sind nicht wie Familie - die bleiben nicht ein Leben lang.

Von Ingra am .

Diese Beiträge, besonders jener von 'Rolf', sprechen mir aus der Seele. Wir, die Gruppe der älteren Singles wird oft als egoistisch, karrierezentriert, kinderfeindlich eingestuft. Ich fühle mich als alleinstehende Frau im vorgerückten Alter durchaus wohl, freue mich an den Kindern meiner Umwelt, verbringe auch gerne einmal mehrere Tage mit und bei ihnen, freue mich dann aber auch wieder herzlich auf die Stille meines wohl geordneten Heims und die eigene Zeiteinteilung.
Kinder sind die Zukunft, auch meiner, doch es müssen nicht die eigenen Kinder sein.

Von Sabine am .

Finde ich gut, dass ihr das Thema "Single und Kinderlosigkeit" thematisiert habt! Wenn man sich sonstige Publikationen anschaut, könnte man meinen, dass Kinderlosigkeit nur ein Thema ist bei ungewollt kinderlosen Paaren. Aber es ist eben auch ein Thema bei Singles! Und bei manchen (sicher vor allem bei weiblichen Singles) ist die Kinderlosigkeit schwerer zu verkraften als das Fehlen eines Partners.


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